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5. Juli 2007, 15:26 Uhr

"Wichtig ist: Wer arbeitet für wen?"

Der Bundestag hat die Nebeneinkünfte der Abgeordneten ins Netz gestellt. Reicht das aus, um Interessenkonflikte zu erkennen? Grassiert zwischen den Parlamentariern der Neid? Im stern.de-Interview spricht der "gläserne" SPD-Abgeordnete Jörg Tauss über die Auswirkungen der neuen Offenheit.

Wichtig zu wissen: Von wessen Geld leben Abgeordnete eigentlich?© Mecom

Herr Tauss, Sie sind schon seit Jahren ein "gläserner Abgeordneter", geben im Internet Auskunft über Ihr Einkommen. Nun stehen die Nebenverdienste aller Abgeordneten im Internet: Haben Sie denn schon geguckt, was die Kollegen verdienen?Nein. Der Tag ist heute sehr voll, ungeachtet der Tatsache, dass ich Geburtstag habe ...

Herzlichen Glückwunsch!

Vielen Dank. Aber es ist auch nicht relevant, wie viel der Einzelne nun verdient. Die Höhe der Nebeneinkünfte ist jenseits bestimmter Grenzen nicht interessant. Wichtig ist für den Wähler zu wissen: Wer arbeitet für wen. Es geht nicht um Neid, sondern darum, mögliche Interessenkonflikte transparent zu machen. Darauf haben die Wähler einen Anspruch. Das ist ein Beitrag zum Abbau von Politikverdrossenheit.

Reichen die Informationen, die jetzt veröffentlicht werden, um eventuelle Interessenkonflikte zu finden?

Das Gesetz war ein Kompromiss. Ich hätte mir Weitergehendes vorstellen können. Aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Wir lassen das jetzt so laufen und beobachten die Entwicklung. Wichtig ist, dass der Bundestag die Uno-Konvention gegen Korruption endlich ratifiziert und umsetzt. Das ist überfällig.

"Transparency International" hat vorgeschlagen, dass die Nebeneinkünfte künftig vom Bundestagspräsidenten genehmigt werden müssen. Stützen Sie diesen Vorschlag?

Das ist eine schwierige Geschichte, weil dadurch die Freiheit des Mandats ein Stück weit gefährdet würde. Nehmen Sie einen Arzt: Wenn der sagt, er möchte nicht sein Leben lang im Bundestag sitzen, sondern irgendwann in die Praxis zurück, dann kann das nicht von Dritten und deren Genehmigung abhängig gemacht werden. Es kommt darauf an, mögliche Interessengegensätze transparent zu machen: Wenn sich jemand im Bundestag um das Telekommunikationsrecht kümmert, gleichzeitig in der Branche aber als Anwalt auftritt, ist es für die Wähler wichtig zu wissen, ob er im Sold eines Telekommunikationsanbieters steht. Das wäre eine problematische Gemengelage.

Wird jetzt der Druck auf Hinterbänkler steigen, die nebenher prima verdienen, aber im Parlament kaum auffallen?

Zweifellos wird der Druck steigen - und zweifellos zu Recht. Das Bundesverfassungsgericht hat klipp und klar gesagt: Das Abgeordneten-Mandat ist kein Nebenjob. Wenn jemand, etwa als Anwalt, zu Dutzenden bezahlte Mandate außerhalb des Parlaments wahrnimmt, dann ist das mit der Tätigkeit als Abgeordneter schwerlich vereinbar.

Aber wird die neue Transparenz nicht Selbstständige davon abhalten, in den Bundestag zu gehen?

Ich wüsste nicht, warum das so sein sollte. Es ist eine deutsche Merkwürdigkeit, dass man Einkommen möglichst geheim hält. In den USA sagt man: Ich bin John und verdiene 100.000 Dollar im Jahr. Das ist eine Mentalitätsfrage.

Schürt die Veröffentlichung der Daten eine Neiddebatte in der Gesellschaft?

Nein. Es ist in der Gesellschaft so, dass es Leute gibt, die mehr verdienen, und Leute, die weniger verdienen. Vielleicht reduziert die Veröffentlichung sogar die Debatte über die Höhe von Politikergehältern. Jetzt kann jeder sehen, dass im Vergleich zur freien Wirtschaft selbst die gewiss nicht schlechte Bezahlung eines Bundestagsabgeordneten allenfalls noch einen Nebenerwerb darstellt.

Friedrich Merz verdient pro Jahr mindestens 56.000 Euro zusätzlich. Werden die Infos über die Nebeneinkünfte den Neid unter den Abgeordneten schüren?

Das glaube ich überhaupt nicht. Ich weiß, dass es Leute gibt, die mehr Geld auf dem Girokonto haben als ich. Bei mir weckt das keine Neidgefühle. Mich interessiert nur: Wenn mir ein Kollege in einem Gesetzgebungsverfahren gegenüber tritt, ist seine Meinung von den Interessen Dritter geleitet, von denen er seine Einkünfte bezieht, oder ist das seine politische Meinung? Die Höhe seines Einkommens ist mir gleichgültig. Wenn einer Multimillionär ist, dann sei ihm das herzlich gegönnt.

Zur Person

Zur Person Der baden-württembergische SPD-Abgeordnete Jörg Tauss gehört dem Bundestag seit 1994 an. Zuvor hatte der gelernte Versicherungskaufmann als freier Journalist und Gewerkschaftsfunktionär gearbeitet. Tauss gehört zu den "gläsernen" Abgeordneten, die auf ihrer jeweiligen Internetseite präzise Auskünfte über ihre Einkommensverhältnisse geben.

Interview: Florian Güßgen
 
 
KOMMENTARE (8 von 8)
 
IsyAltklug (06.07.2007, 15:16 Uhr)
Blödsinn, tagora-sagittara.....
wandere doch aus in den Kongo oder nach Nordkorea. Ein besseres System als die Demokratie wirst du auf der ganzen Welt nicht finden. Schon alleine um sie zu erhalten, hat man als Bürger die Pflicht wählen zu gehen. Das hat mit der Transparenz der Abgeordneten-Jobs nichts zu tun. Die Nebenbezüge unserer Parlamentarier bewegen sich innerhalb unserer Rechtsprechung. Diese Rechtsprechung bestimmt nicht ein Herr Kabila oder ein Herr Kim Jong Il, sondern ein gewähltes Parlament. Man mag befürworten oder nicht, dass Abgeordnete noch andere Jobs ausüben dürfen, aber diese Tatsache stellt das System der parlamentarischen Demokratie mitnichten in Frage. Von Interesse für den Bürger kann nur sein, ob die Abgeordneten in Interessenkonflikte mit ihrer parlamentarischen Arbeit kommen, sprich: nicht mehr nur ihrem Gewissen unterworfen sind, sondern Interessen eines anderen Arbeitgebers im Parlament vertreten. Das Abgeordnetenmandat ist vom Gesetz her nicht als Fulltimejob eingerichtet. Will man das ändern, nimmt man dann aber auch in Kauf, dass das Parlament über kurz oder lang nur noch aus Beamten (sprich: Theoretikern) besteht und Leute aus politikfernen Berufen dafür nicht mehr zur Verfügung stehen.
Roy05441 (06.07.2007, 14:44 Uhr)
Seit jahrzehnten schon.....
verkackeiertes Volk! Seit 10 Jahren durchforste ich das Internet,was denn ein Abgeordneter so gerne hett!
Für seine 50.te Folge-Generation ein sanftes Ruhe-Bett!Damit selbst der 100dertste Ur-Enkel schon weiss,ich kann in der Caribic mit meinen Freundinnen, meine Yacht steuern, ganz ohne körperlichen Schweiß!Da sind wahrscheinlich schon vor meiner Geburt, viele Bürger verhungert, was juckt denn dies dann noch Christi Geburt!
Wähl du doch, das ist ganz misslich, ob du wählst sozial oder christlich, für deine eigenen Nachkommen ist beides misslich!
RichardRoe (06.07.2007, 11:50 Uhr)
Politiker raus!
Die nehmen den schwer arbeitenden Deutschen die ganzen Arbeitsplätze weg.
Der Merz hat 10 Nebenjobs!
Das sind schon mal 10 Leute die wegen ihm Arbeitslos sind...
.
Gegenbeispiel:
Studenten. Die müssen mindestens 1000€ im Jahr zahlen das sie überhaupt studieren dürfen. Und wehe wenn die noch einen Nebenjob haben. Dann wird erst richtig abkassiert...
Geschweige denn zwei. Das dürfen die gar nicht. Sonst verdienen die soviel das sie als Arbeitnehmer eingestuft werden die nebenbei studieren. Da werden die dann erst recht besteuert...
Staudenmaier007 (06.07.2007, 11:46 Uhr)
@tagora-sagittara
Ohne Dein Wahlrecht zu nutzen wird sich bestehende System nicht verbessern lassen.
Wenn Du irgendwo ein Besseres findest melde Dich.
tagora-sagittara (06.07.2007, 01:11 Uhr)
Mir wird totschlecht
Nach Studium der entsprechenden Webseite blieb mir fast die Luft weg. Eigendlich bestätigt das, was ich da lesen konnte den Verdacht den ich bereits seit Jahren hatte.
Die überwiegende Anzahl unserer sogenannten Volksvertreter sind in Wirklichkeit profilierungssüchtige Lobbykraten, die dem Steuerzahler ungeniert und gierig ausplündern und nicht einmal ein schlechtes Gewissen bekommen wenn sie sich selbst die eigenen Diäten, welches ja wohl so etwas wie ein Taschengeld zu sein scheint, nach belieben hochschrauben.
Mit Sicherheit werde ich nie wieder in diesen Land auch nur einen Fuss in ein Wahlokal setzen. Und wenn es nur dazu dient, nicht an diesem gigantischen Betrug am Volk mitgewirkt zu haben.
Gute Nacht Deutschland...
brockstedt (06.07.2007, 00:11 Uhr)
Nicht mal die halbe Wahrheit
Leider ist die neue Regelung zur Offenlegung der Bezüge aus Nebentätigkeiten immer noch völlig intransparent. Sie gibt zum Beispiel Friedrich Merz acht mal an, aus seiner Tätigkeit mehr als 7000 € pro Jahr zu beziehen. Der unbedarfte Leser schliesst daraus, dass die Summe bei 56000 € oder ein bisschen mehr liegt. Tatsächlich hat Merz alleine für sein Aufsichtsratsmandat bei der Deutschen Börse im Jahr 2006 100.000 € erhalten (Quelle: Geschäftsbericht Deutsche Börse). Merz wird nach meiner Schätzung "Nebeneinkünfte" in Höhe von mindestens 400.000 € pro Jahr haben. Der eigentliche Nebenjob ist also der in Berlin!
M.M.F. (05.07.2007, 19:20 Uhr)
Korruption & Oppportunismus
war ja schon immer die Hauptbeschäftigung von Politikern.
Aber das die sich auch noch drüber beschweren, dass man ihnen nun endlich das Geldscheffeln erschweren will ist einfach nur dreist und lächerlich.
Viele Politiker haben kein bis kaum Fachwissen und sind nur durch Vetternwirtschaft und Vitamin B auf ihren Posten.
Vernünftigerweise sind diese Politiker auf gegen Systemänderungen und Transparenz, würden sie dann doch auffliegen.
iovialis (05.07.2007, 18:12 Uhr)
Also....
Wenn ich einen Arbeitgeber habe, dann bin ich diesem Arbeitgeber normalerweise mit Haut und Haar verpflichtet; will ich eine Nebentätigkeit ausführen, dann sollte das mit meinem Arbeitgeber abgesprochen sein.
Ein bezahltes Amt ist ein Job und dafür bekommt man Geld. Sogar soviel Geld, daß man überhaupt keinen anderen Job nachgehen müßte - wegen der Unabhänigkeit.
Wenn ich meinen Job gut mache, dann brauche ich auch keine Angst vor Jobverlust haben. Sitzt ein Arzt im Bundestag, so war das seine Entscheidung, diesen Job anzunehmen und das Arztsein aufzugeben. Was rechtfertigt bitte, daß er "zurück in seinen Beruf" will? Wenn er lieber Bauarbeiter spielen will, kann er das ja auch und muß mit seinem Chef abklären, ob er nebenher Arzt sein kann (falls ihm das mit dem Bauarbeiter doch nicht gefällt).
Über 600 Abgeordnete sind für über 80Mio. Deutsche zuständig. Da kommen auf einen Abgeordneten 134.000 Leute, die er vertreten soll. Wo bleibt denn da die Zeit, auch noch einen Nebenjob zu erledigen?
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