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Durchschleifen reicht nicht aus

Hamburg hat es bereits getan, nun will auch Niedersachsen das Sitzenbleiben in der Schule abschaffen. Eine gute Sache? Nein - die Schüler werden mit ihren Problemen alleine gelassen.

Ein Kommentar von Lehrerin Meike Dosda

  In Niedersachsen soll das Sitzenbleiben abgeschafft werden. Eine gute Idee?

In Niedersachsen soll das Sitzenbleiben abgeschafft werden. Eine gute Idee?

In Hamburg besteht seit einigen Jahren die Regelung, dass kein Kind mehr sitzen bleiben kann. Das scheint auf den ersten Blick eine gute Idee im Sinne des Kindes zu sein. Denn das frühere Sitzenbleiben wurde meist als ein Abstrafen empfunden - das Kind musste die soziale Gruppe verlassen und sich in einer oft fremden Gruppe mit dem Stigma behaupten, die Leistungsziele nicht erreicht zu haben. Das wird nun ersetzt durch die Idee, dass jedes Kind in jedem Falle in seinem Klassenverband bleiben darf - ganz unabhängig von der Leistung. Sollte das Kind Leistungsschwierigkeiten haben, wird es gefördert, die Schule stellt kostenlose Nachhilfe und das Kind erreicht so in der gewohnten Gruppe wenigstens den Realschulabschluss. Soweit die Theorie.

Leider sieht die Praxis oft anders aus. Es gibt immer häufiger Schüler, die sich in der Mittelstufe zunehmend überfordert fühlen, weil sie Lücken nicht schließen und somit den neuen Stoff nicht erlernen können. Denn die Kraft und die Zeit, die dies erfordern würde, werden nicht investiert. Die Schüler sehen keinen Handlungsbedarf, sie wissen, dass ihre Passivität, die schlechten Noten, keine Konsequenzen haben werden. Zumindest nicht vor dem Ende der 10. Klasse. Eltern und Lehrer können hier oft wenig bewirken, denn das Kind selbst muss Zeit und Kraft investieren, um Defizite aufzuarbeiten. Doch dazu braucht es eine innere Motivation, die gerade in der Mittelstufe, der Zeit der Pubertät, fehlt.

Sitzenbleiben kann die Selbstverantwortung wecken

Die Förderung ist zudem an vielen Schulen nicht effektiv genug. So bekommt ein Kind, das mehrere Fünfen im Zeugnis hat, in nur einem dieser Fächer einmal in der Woche eine Stunde kostenlose Nachhilfe. In den anderen Fächern muss es sich selbst helfen. Noch absurder: Ein Schüler, der in den Hauptfächern Vier minus steht, im Fach Religion jedoch eine Fünf hat, bekommt in Religion Nachhilfe. Obwohl hier sicherlich eine Förderung in Englisch oder Mathematik sinnvoller wäre. Die Nachhilfe wird je nach Schule von Studenten, Oberstufenschülern oder den eigenen Lehrkräften unterrichtet - was qualitativ einen großen Unterschied macht. In der Regel findet der Unterricht erst am späten Nachmittag statt, wenn die Schüler oft schon acht Schulstunden hinter sich haben.

Das Wiederholen eines Schuljahres hat sicherlich Nachteile gebracht und musste von Lehrer- wie von Elternseite gut begleitet werden, um effektiv und sinnvoll zu sein. Doch häufig erlebten Kinder eine positive Wende in ihrem Leben, da sie zum einen in einer neuen Gruppe frisch starten konnten und zum anderen oftmals tatsächlich in der alten Klasse überfordert waren. In der Biografie hat ein solcher "Knall" oft ein In-sich-Gehen bewirkt, das die Selbstverantwortung des Kindes weckte.

Das Verbleiben in der Klasse, unabhängig von Leistung, muss intensiv begleitet werden, es braucht Zeit und Geld, um Kinder mit unterschiedlichsten Voraussetzungen individuell zu fördern. Dieses Geld wird jedoch nicht investiert. Stattdessen entsteht bei vielen der Eindruck, dass es nur leichter geworden ist, mit einer passiven Haltung den täglichen Schulbetrieb zu überstehen. Damit ein solches Konzept funktionieren kann, ist Förderung notwendig, beispielsweise sind kleine Lerngruppen, räumliche und personelle Gegebenheiten erforderlich, die binnendifferenziertes Arbeiten erlauben. Das alles ist für die erfolgreiche Umsetzung nötig. Doch genau das fehlt.

Meike Dosda, 36, unterrichtet in Hamburg am Gymnasium Corveystraße Deutsch und Religion

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