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Muslime verstehen Gauck nicht

Der Islam gehört zu Deutschland ist ein Satz, den Joachim Gauck so nicht sagen würde. Für den Bundespräsidenten sind es die Muslime, die in das Land gehören. Ein kleiner Unterschied, der viele Muslime empört.

  Nach seiner Rückkehr aus Israel ist Joachim Gauck wegen Islam-Äußerungen in den Schlagzeilen

Nach seiner Rückkehr aus Israel ist Joachim Gauck wegen Islam-Äußerungen in den Schlagzeilen

Vor allem ein Satz ist von Ex-Bundespräsident Christian Wulff geblieben: "Der Islam gehört zu Deutschland." Nun hat sein Nachfolger diese umstrittene Aussage relativiert und damit die alte Diskussion neu angefacht. In einem Interview mit der "Zeit" sagte Joachim Gauck: "Ich hätte einfach gesagt, die Muslime, die hier leben, gehören zu Deutschland." Gauck relativierte aber seine Relativierung, in dem er sagte, dass er die Intention von Wulffs Satz annehme. Sein Amtsvorgänger habe die Bürger auffordern wollen, sich der Wirklichkeit zu öffnen. "Und die Wirklichkeit ist, dass in diesem Land viele Muslime leben", so der Bundespräsident.

Grünen-Parteichef Cem Özdemir hat mit Unverständnis auf Gaucks Äußerungen reagiert. "Ich kann diese Differenzierung zwischen Islam und gläubigen Muslimen nicht nachvollziehen", sagte er den "Ruhr Nachrichten". Wenn der Bundespräsident erkläre, dass in Deutschland lebende Muslime zu Deutschland gehörten, "dann gehört natürlich auch ihr Islam zu Deutschland", so Özdemir.

"Der Islam ist Teil unseres Landes"

Özdemir sagte weiter, seit den 60er-Jahren seien Muslime nach Deutschland eingewandert und neben ihrem Menschsein, ihren Sprachen und ihrer Kultur hätten sie eben auch ihre Religion mitgebracht. Bereits der heutige Bundesfinanzminister und damalige Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) habe daher 2006 mit gutem Grund festgestellt, dass der Islam ein Teil Deutschlands sei. "Es kann keinen Zweifel daran geben, dass der Islam, der Teil unseres Landes ist, unter dem Dach unseres Grundgesetzes gelebt werden muss. Das gilt für jede Religion, ob eingewandert oder nicht", erklärte der Grünen-Chef.

Christian Wulff hatte mit seinen Äußerungen 2010 eine heftige Debatte ausgelöst. Etliche führende Politiker aus dem Unionslager, insbesondere von der CSU, wollten dem damaligen Bundespräsidenten bei seiner Einschätzung nicht folgen. Interessanterweise war es nun Bayerns Finanzminister Markus Söder (CSU), der auf dem Kulturfest der staatstreuen türkischen Ditib-Gemeinde in Nürnberg vor etwa 1000 Zuhörern im Festzelt sagte: "Der Islam ist ein Bestandteil Bayerns."

Betreibt Gauck Geschichtsfälschung?

Gauck erregte nun mit seiner Relativierung der Wulffschen Sichtweise den Ärger muslimischer Verbände und der Türkischen Gemeinde. "Das europäische Abendland steht ganz klar auch auf muslimisch-morgenländischen Beinen. Wer das leugnet, betreibt Geschichtsfälschung", sagte der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, der "Passauer Neuen Presse". Mazyek räumte aber ein, dass in der Gesellschaft ein großer Gesprächsbedarf zu diesem Thema bestehe.

Auch die Türkische Gemeinde in Deutschland reagierte in der Zeitung mit Kritik auf die Äußerungen des Staatsoberhaupts. "Ich empfehle Herrn Gauck einen Blick in die Geschichtsbücher: Der Islam gehört zur Geschichte Europas und Deutschlands", sagte deren Vorsitzender Kenan Kolat. "In den Debatten der Historiker besteht daran überhaupt kein Zweifel."

Ein-Satz-Formulierungen sind "immer problematisch"

Der evangelische Theologe Gauck sagte in dem "Zeit"-Interview weiter, Ein-Satz-Formulierungen über Zugehörigkeit seien "immer problematisch, erst recht, wenn es um so heikle Dinge geht wie Religion". Er könne daher auch diejenigen verstehen, die fragten: "Wo hat denn der Islam dieses Europa geprägt, hat er die Aufklärung erlebt, gar eine Reformation? ... Ich bin hoch gespannt auf den theologischen Diskurs innerhalb eines europäischen Islam."

Mazyek entgegnete nun, er freue sich "über die Einladung von Herrn Gauck" zu einer Debatte über den europäischen Islam, seinen geschichtlichen Ursprung und die Aufklärung: "Dafür könnte der Bundespräsident ein guter Moderator und Schirmherr sein." In Deutschland werde "ein neues Wir-Gefühl" benötigt, "was unsere bestehende Vielfalt ausdrücklich bejaht". Vor dem Hintergrund zunehmender Islamophobie seien "solche Signale auch vom Bundespräsidenten äußerst wichtig".

nik/DPA/DPA
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