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Die Wahrheit über die AfD-Spitzenkandidaten

Die Spitzenkandidaten der AfD für die Landtagswahlen am 13. März machen auch auf Facebook Wahlkampf. Sieht man sich ihre Profile genauer an, wird klar, wie Jörg Meuthen, Uwe Junge und André Poggenburg wirklich ticken.

Drei Landtagswahlen, dreimal ein Erfolg der AfD?

Drei Landtagswahlen, dreimal ein Erfolg der AfD? Sowohl in Sachsen-Anhalt als auch in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz dürfte die Partei nach Prognosen in die Parlamente einziehen

Der 13. März soll für die AfD ein großer Tag werden. Dann will die Partei in die Parlamente von drei weiteren Bundesländern einziehen: Sachsen-Anhalt Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg. In den Wahlkämpfen setzen die Rechtskonservativen auf die Spitzenkandidaten André Poggenburg, Uwe Junge und Jörg Meuthen. Alle drei sind dem durchschnittlich Politikinteressierten bislang relativ unbekannt. Und alle drei nutzen unter anderem die sozialen Netzwerke, um das zu ändern. Will man wissen, wie Poggenburg, Junge und Meuthen ticken, lohnt sich daher ein Blick auf ihre Facebookseiten. Und wenn man etwas genauer hinsieht, entdeckt man dabei so manches, was die Kandidaten wohl lieber nicht an die große Glocke hängen würden.

Jörg Meuthen, AfD-Kandidat in Baden-Württemberg

  "Ich bin kein Brandstifter", versichert Jörg Meuthen. Doch auf seiner Facebookseite wird gezündelt

"Ich bin kein Brandstifter", versichert Jörg Meuthen. Doch auf seiner Facebookseite wird gezündelt

Der Spitzenkandidat der AfD in Baden-Württemberg gilt als gemäßigt und verkauft sich auch so: Verbalattacken wie "Pegida hat in Köln mitgestochen" von SPD-Vize Ralf Stegner nach dem Messerangriff auf Henriette Reker oder "Claudia Roth hat in der Silvesternacht mittelbar mitvergewaltigt" von seinem Parteikollegen Markus Frohnmaier nach den Vorfällen von Köln kritisiert Meuthen. Er halte Frohnmaiers Satz nicht für klug, sagte der Co-Vorsitzende der AfD in einem Videointerview mit der konservativen Wochenzeitung "Junge Freiheit". Darüber habe er auch mit dem Chef der Jungen Alternativen gesprochen.


"Ich bin kein Brandstifter", versicherte Meuthen auch in der "Stuttgarter Zeitung". "Manche in meiner Partei halten mir vor, ich sei zu zurückhaltend und müsse mehr reinkeulen. Aber ich tue das nicht, denn in dem Moment bin ich nicht mehr ich selbst."

Vermutlich war Meuthen dann gerade jemand anderes, als er im Januar ein Video des AfD-Kreisverbandes Freiburg über einen bewaffneten Angriff auf einen ihrer Plakatierer auf Facebook teilte. Ungeachtet seiner Kritik an den Ausfällen anderer kommentierte der bekennende Katholik die Attacke mit dem Satz: "Heiko Maas hat hier 'mitgeschossen'!"

Kripo ermittelt wegen versuchter Tötung!Heiko Maas hat hier "mitgeschossen"! Und Manuela Schwesig hält das für ein...

Posted by Prof. Dr. Jörg Meuthen on Sonntag, 24. Januar 2016

Das Posting ist nicht der einzige Fall, der den Eindruck erweckt, Meuthens vermeintliche Zurückhaltung sei eher Taktik als Einstellung: Betrachtet man das Videointerview mit der "Jungen Freiheit", so stellt man fest, der AfD-Kandidat hält Poggenburgs Aussage, Claudia Roth habe mittelbar mitvergewaltigt, zwar für nicht klug, aber deshalb noch lange nicht für inhaltlich falsch.

"Man kann diese Position durchaus haben, weil Frau Roth natürlich schon Äußerungen macht, die Öl ins Feuer gießen, das ist völlig offenkundig", sagte Meuthen. "Trotzdem meine ich, dass wir klug beraten sind, verbal eskalierende Äußerungen zu unterlassen."

Auch beim Thema "Lügenpresse" zeigen sich die zwei Seiten des AfD-Kandidaten: Der Begriff "gleichgeschaltete Medienlandschaft" käme ihm nie über die Lippen, versicherte Meuthen in der "StZ". Er fühle sich von den Medien in 90 Prozent der Fälle ordentlich behandelt. Auf Facebook dagegen beklagt er eine Verschwörung von Medien und Politik gegen die AfD: Die Berichterstattung über die Schießbefehl-Aussage von Parteichefin Frauke Petry sei "Teil einer gegen uns gerichteten Kampagne, die vor keinen Verdrehungen und Verleumdungen mehr zurückschreckt", schreibt Meuthen. Sie sei von politischen Kräften inszeniert, die um ihre Macht fürchteten.

Die weitere Stimmungsmache gegen Presse und Journalisten überlässt Meuthen den Kommentatoren auf seiner Facebookseite. Sie dürfen dort unwidersprochen Begriffe wie "Reichspropaganda", "zerlumpte Medien" oder "Linksfaschisten" über die Medien verbreiten. 

Sogar ausländerfeindliche Kommentare gegen Fernsehmoderatoren mit Migrationshintergrund duldet Meuthen unter seinen Postings:

Uwe Junge, AfD-Kandidat in Rheinland-Pfalz

  Findet gefallen an flüchtlingsfeindlichen Internetseiten: Berufssoldat Uwe Junge

Findet gefallen an flüchtlingsfeindlichen Internetseiten: Berufssoldat Uwe Junge

Er nennt sich selbst bürgerlich-konservativ und bezeichnet sich wie Jörg Meuthen als gläubiger Christ. Uwe Junge versteht es ebenso wie sein Pendant aus Baden-Würtemberg, dem radikalen Populismus eines Björn Höcke oder Alexander Gauland das Bild eines untadeligen, verantwortungsbewussten AfD-Politikers entgegenzusetzen. "Ich möchte nicht mit Schmuddelthemen in die Schlagzeilen kommen", "ich will jeden Populismus vermeiden" und "nicht polarisieren", mit mir gibt es keine "Hau-drauf-Politik", zitiert der Südwestrundfunk den Berufssoldaten.

Doch ein Blick auf sein Facebookprofil lässt auch Junges bürgerliche Fassade bröckeln. Das ehemalige CDU-Mitglied, das auch eine Zeit lang der islamfeindlichen Partei Die Freiheit angehörte, klickt auch schon mal für Seiten den Gefällt-mir-Button, auf denen offen gehetzt wird. Zu den Auftritten, die Junge offenbar Vergnügen bereiten, zählen "Gegen Asylbetrug und Überfremdung", "Islamisierung? Nein Danke" und "Alternativer Homburger Stammtisch", der seinem Namen mit entsprechenden Parolen alle Ehre macht. Auf der von Facebook bereits vorübergehend gesperrten Stammtischseite ist wiederholt von einem "Staatsstreich" die Rede, Bundesregierung und der Staat werden als "faschistisch" bezeichnet, Antifa und Gewerkschaften als "vom Macht-Syndikat bezahlte und bestellte Schlägertrupps" und AfD-Angreifer als "gemietete Terroristen". Und selbst an einem Kommentar, in dem die deutsche Polizei mit der Gestapo verglichen wird, scheinen weder die Stammtisch-Macher noch Uwe Junge Anstoß zu nehmen. 

Noch radikaler geht es auf den anderen Hetz-Seiten zu, die Junge gefallen. So wirbt "Islamisierung? Nein Danke" offen für die NPD und teilt deren Facebook-Postings. Und "Gegen Asylbetrug und Überfremdung" wettert gegen die "gleichgeschaltete Agitations- und Propagandapresse", nennt die Politik von Kanzlerin Merkel ein "gemeingefährliches Verbrechen" und fragt, "ob Merkel 'nur' Geisteskrank oder vielleicht sogar eine Hochverräterin unter dem Einfluss deutschfeindlicher Mächte und Interessengruppen ist". Aufgemacht ist die Seite mit einem Foto, dass offenbar einen "Schwarzen darstellen soll, der eine weinende weiße Frau von hinten bedrängt. Wobei völlig unklar ist, was für eine Situation das Bild tatsächlich zeigt.


Auch bei der Auswahl seiner Freunde zeigt der scheinbare Biedermann, dass er nichts gegen Brandstifter hat: Junge sagt von sich selbst: "Ich stehe wie kaum ein anderer hinter der freiheitlich demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland". Dennoch ist er mit Peter Ziemann befreundet, dem ehemaligen Schatzmeister der hessischen AfD. Ziemann wurde 2013 von der AfD seines Amtes enthoben. Begründung: Er habe in Facebook-Einträgen die freiheitlich-demokratische Grundordnung in Frage gestellt. Das tut er auch weiterhin und Junge scheint das nicht zu stören. Genauso wenig wie die Verschwörungstheorien und Untergansszenarien, die Ziemann auf seiner Seite verbreitet, oder die Hetze gegen Flüchtlinge, Politiker, Medien und den Staat.

André Poggenburg, AFD-Kandidat in Sachsen-Anhalt

André Poggenburg, Landesvorsitzender der Alternative für Deutschland in Sachsen-Anhalt

"Ich denke, Frau Roth ist eine verbale Dreckschleuder und sage das auch so": André Poggenburg, Landesvorsitzender der Alternative für Deutschland in Sachsen-Anhalt.

Er dürfte am 13. März den größten Triumph der AfD-Kandidaten feiern: André Poggenburg. Das Zugpferd des gerade einmal 350 Mitglieder starken Landesverbandes Sachsen-Anhalt kann Umfragen zufolge bei der Wahl mit bis zu 19 Prozent der Stimmen rechnen. Anders als Meuthen und Junge, die auf ihr bürgerlich-konservatives Auftreten setzen, trägt Poggenburg seine völkisch-nationale Gesinnung offen zur Schau.

Der nach eigener Aussage "erfolgreiche Unternehmer", gegen den in den letzten Jahren mehrere Haftbefehle erlassen wurden, weil er seine Schulden nicht bezahlt hatte, sympathisiert offen mit Pegida. Auf seiner Facebookseite, die im Februar vorübergehend gesperrt worden war, hat Poggenburg für mehrere Ableger der fremdenfeindlichen Bewegung den "Gefällt mir"-Button geklickt, und Pegida-Frontfrau Tatjana Festerling zählt zu seinen Freundinnen.

Festerling hatte nach den Anfeindungen gegen Flüchtlinge in Clausnitz die Demonstranten verteidigt: "Ich habe Verständnis und respektiere für den Mut der Bürger", sagte sie bei einer Pegida-Demo in Dresden. "Ich stelle mich voll und ganz hinter die Clausnitzer." Außerdem ist die Mitgründerin des Hamburger AfD-Verbandes für den Schusswaffeneinsatz gegen Migranten. "Wenn Flüchtlinge weiterhin über die Grenze kommen und man sie nicht festnehmen kann, schießt auf sie", zitierte sie das britischen Portal "Daily Mail Online". Und Poggenburg hat noch einen weiteren Freund, der Flüchtlinge mit Waffengewalt stoppen würde: Peter Ziemann, der auch mit Uwe Junge verbandelt ist.

Aber Poggenburg gefällt nicht nur Pegida, er ist zudem Fan des französischen Front National (FN) von Marine Le Pen.

Seine Unterstützung der Rechtsextremen lässt sich der AfD-Kandidat auch durch Kritik nicht mies machen.

Poggenburg scheut auch selbst keine schrillen Töne. So bezeichnete er die grüne Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth auf seiner Facebookseite als "verbale Dreckschleuder".

Dass das sogar einem Kommentatoren aus den eigenen Reihen zu viel war, focht den 40-Jährigen nicht an.


Wenn man verstehen will, wieso Poggenburg tickt, wie er tickt, hilft ein Blick auf die Einzelteile, aus denen er sich sein Weltbild zusammenzimmert. Zu den Informationsquellen, die dem Verbündeten von AfD-Scharfmacher Bernd Höcke gefallen oder regelmäßig Inhalte für seine Postings liefern, gehören die pseudowissenschaftliche Männerrechteseite "Sciencefiles", deren Macher Michael Klein von Großbritannien aus über die deutsche Demokratie, die Bundesregierung, die Gleichberechtigung, Homosexuelle und was ihm sonst noch so vor die Feder kommt herzieht, das Online-Portal "MMnews", auf dem der ehemalige Fernsehjournalist Michael Mross gegen die EZB, die "Medienhuren" und alle, die behaupten, es gebe einen Klimawandel wettert, das rechtsradikale Hetzblatt "Zuerst!" sowie der Kopp-Verlag, das Hauptquartier der deutschen Verschwörungstheoretiker und Weltuntergangspropheten, das auch Werke rechter Autoren vertreibt, darunter der international berüchtigte Holocaust-Leugner David Irving oder Jan Udo Holey aka Jan van Helsing, von dem bereits zwei Bücher wegen antisemitischer Volksverhetzung verboten wurden und der laut Bundesamt für Verfassungsschutz ein esoterischer Rechtsextremist ist.

"Zeige mir, wer deine Freunde sind, und ich sage dir, wer du bist", lautet ein altes Sprichwort. Wer die Freunde von Jörg Meuthen, Uwe Junge und André Poggenburg sind, hat der Blick auf ihre Facebookseiten offenbart. Aber vielleicht gibt es ja auch eine ganz simple Erklärung für die fragwürdigen Postings, "Gefällt mir"-Klicks und Facebook-Kumpels der Spitzenkandidaten. Wie hatte AfD-Vize Beatrix von Storch ihre umstrittene Stellungnahme zur Grenzsicherung mit Waffengewalt noch gerechtfertigt? "Ich bin auf der Computermaus abgerutscht."


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