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Was besorgte Besserverdiener aus Wiesbaden zur AfD treibt

Die AfD holt in Hessens Städten zweistellige Ergebnisse. Dass Menschen, die wenig haben, in der Flüchtlingskrise um Jobs, Wohnungen und Zuwendungen bangen, ist nachvollziehbar. Aber was treibt die gut Situierten zu den Rechtspopulisten? Ein sehr persönlicher Einwurf.

Blick vom Neroberg auf die hessische Landeshauptstadt Wiesbaden

Sieht friedlich aus, ist es aber nicht mehr: Blick vom Neroberg auf die hessische Landeshauptstadt Wiesbaden, wo rund 16 Prozent die AfD gewählt haben

In Wiesbaden-Sonnenberg, das ich gelegentlich besuche, weil ein Teil meiner Familie dort lebt, verhält es sich so: Das größte Existenzrisiko ist, von einem Führerschein-Neuling in einem SUV der 50.000-Euro-Plus-X-Klasse angefahren zu werden. Das zweitgrößtes Risiko besteht darin, auf einer Perle auszurutschen, die einer begüterten Dame aus dem Dekolleté oder vom Ohr gefallen ist. Ganz hart wird es, wenn im lokalen "Tegut" der Crémant ausgeht und es nur noch Sekt gibt. Dann ergreift den Villenbesitzer die blanke Mordlust.

Besonders viele besonders gut Situierte

Klingt übertrieben? Ist es auch. Aber nur ein bisschen. Von Berlin aus betrachtet ist Wiesbaden-Sonnenberg geradezu obszön wohlhabend. So wie die ganze Stadt. Die Gesellschaft für Konsumforschung platziert Wiesbaden im aktuellen, bundesweiten Kaufkraft-Ranking der Städte über 200.000 Einwohner auf Platz 6. Direkt hinter Stuttgart und zwei Plätze vor Hamburg. Wohlan. Wiesbaden ist so reich, weil dort sehr viele gut situierte Menschen leben: Banker, Mediziner, ZDF-Redakteure, Beamte des Bundeskrimanalamts und des Bundesamtes für Statistik, Bedienstete der Landesregierung, Wein- und Antiquitätenhändler, und so weiter und so fort. Und besonders viele der besonders gut Situierten leben in Wiesbaden-Sonnenberg. Dort, wo sie gerade mit 8,9 Prozent AfD gewählt haben*.

Das ist bemerkenswert. Denn Wiesbaden ist eigentlich freundlich zu Ausländern. Die Amerikaner haben ihr europäisches Militärhauptquartier just von Heidelberg nach Wiesbaden verlegt, 20.000 Menschen arbeiten dort. Weil der Frankfurter Flughafen so nahe liegt und die medizinische Versorgung exzellent ist, fliegen regelmäßig arabische Großfamilien ein, um sich in einer der vielen Spezialkliniken behandeln zu lassen. Es gibt eine stattliche Anzahl iranischer Ärzte, italienischer Restaurantbesitzer und türkischer Einzelhändler. Es hat aber noch nie jemand von einer Anti-Amerika, Anti-Türken oder Anti-Italiener-Partei gehört. Der Unterschied ist: Die einen bringen Geld und Wirtschaftskraft mit, von dem sich der Eingeborene ein Scheibe abschneiden kann. Die anderen, die Flüchtlinge, kosten Geld.

Rechtspopulistischer Spam

Im Oktober vergangenen Jahres kursierte über einen privaten Mailverteiler, der sich auch an meine Familie richtete, ein Beitrag aus einem ZDF-Forum, der beinhart gegen die angebliche Anspruchshaltung von Flüchtlingen hetzt und mit den Worten schließt:

"In Deutschland kann das alles erfolgen, weil wir hier von politisch korrekten Idioten sowie von einer Serie Aktionsgruppen regiert werden, die uns langsam aber sicher in den Abgrund treiben. Mit Grüßen an: CDU - GRÜNE - LINKE - SPD - FDP und Multikulti Ayatollahs der marxistisch-linken Presse."

Als ich darum bat, solchen rechtspopulistischen Spam zu unterlassen und an die Not der Menschen erinnerte, hieß es: Das sei doch alles nur Satire. Außerdem sei der grundlegende Fakt ja nicht zu leugnen. Die Leute, die das Posting verteidigten, waren durchaus keine prekär Beschäftigten. Sondern Akademiker. Zahnärzte.  Besserverdienende. Genauer gesagt: besorgte Besserverdienende, die ihren Wohlstand zum Teil mit verbrieften Ansprüchen auf öffentliche Gelder erwirtschaftet  haben. Mir kam die ganze Debatte wie eine neurotische Selbstprojektion vor. Wer seine Ansprüche eisern verfolgt, unterstellt das natürlich auch anderen. Schauderhaft.

Furcht beim Cognac, AfD an der Urne

Aber: So ist das. Wer sich in seiner Villa beim Cognac fürchtet und keine Tasse Tee zum Verteilen übrig hat, der wählt eben AfD. Auch wenn kommunale AfD-Funktionäre die Flüchtlingsbewegungen so wenig steuern können wie frühneuzeitliche Papstgesandte den Lauf der Gestirne. In Sonnenberg wählten rund 8,9 Prozent AfD*, in gesamt Wiesbaden, wo es natürlich auch ärmere Viertel gibt, zwischen 13 und 16 Prozent - die Auszählung läuft noch. Landesweit sind es um die 13 Prozent. Die etablierten Parteien haben, mit Ausnahme der Linken und der FDP, deutlich Stimmen eingebüßt. Nun ist das Entsetzen groß, natürlich wird die hessische Kommunalwahl auch als Vorbote gewertet, Ende der Woche sind Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Es droht ein hartes politisches Ringen, weil Koalitionsbildungen schwierig und die Auseinandersetzungen um die Flüchtlingspolitik eher noch schärfer werden dürften.

Aber es gibt auch eine gute Botschaft: Wenn 13 Prozent die AfD gewählt haben, dann haben 87 Prozent nicht AfD gewählt. Und wenn die Wahlbeteiligung in Hessen bei etwa 48 Prozent lag, dann haben nur zirka 6 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme der AfD gegeben. Das ist eine kleine Minderheit, in Wiesbaden-Sonnenberg war sie noch kleiner. Das ist in Krisenzeiten schon viel: Die überwältigende Mehrheit will, dass es im Land human zugeht und hilft dabei auch mit. Danke, Wiesbaden. Danke, Sonnenberg.


*Gemäß dem Stand am Montagmittag war hier zunächst von 11 Prozent die Rede. Der Wert ist im Verlauf der Auszählung auf aktuell 8.9 Prozent gesunken. Red.

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