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Auftritt Alice Weidel in Jena - Rechtsextreme skandieren "U-Bahn nach Auschwitz"

Eine ganz normale Wahlveranstaltung der AfD mit Alice Weidel in Jena. Der Zulauf ist mäßig. Dennoch herrscht in der Innenstadt Ausnahmezustand. Die Atmosphäre ist aggressiv, auch Nazi-Parolen bleiben nicht aus.

Alice Weidel mit den Spitzen der AfD Tühringen bei Wahlveranstaltung in Jena

AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel (mit Brille) an der Spitze eines "Spaziergangs" durch Jena, eingerahmt von den Thüringer AfD-Politikern Wiebke Muhsal und Stephan Brandner.

Eine abgeriegelte Stadt mit geschlossenen Geschäften am späten Nachmittag, mehrere Gegendemos, Polizeihubschrauber über der Innenstadt, Scharfschützen auf Dächern - ein Hauch von G20 in Jena am Dienstagnachmittag. Der Anlass: Eine Wahlveranstaltung der AfD mit Spitzenkandidatin Alice Weidel, zu der sich nach Polizeiangaben letztlich rund 250 Teilnehmer einfinden. Polizeiaufgebote aus Thüringen, Sachsen und Niedersachsen achten darauf, dass knapp 900 Gegendemonstranten und AfD-Unterstützer nicht direkt aufeinander treffen. Augenzeugen zufolge kommt es dennoch zu vereinzelten Rangeleien.

"Es ist aus Sicht der Polizei ruhig einzuschätzen", sagt ein Polizeisprecher nach Ende der von der Alternativen Jugend Thüringen und der Jenaer AfD organisierten Kundgebung. Die Atmosphäre ist dennoch aggressiv. Die Linken-Landtagsabgeordnete Katharina König wird attackiert und beleidigt. Auch ein Journalist des regionalen Newsportals "Thüringen24" wird angegangen, er findet später zudem eine bedrohliche E-Mail in seinem Mailfach: "Schade, dass Du nicht totgeschlagen wurdest. Das hätte mich sehr belustigt."

Laut einem Bericht der "Leipziger Volkszeitung" skandieren zwei Teilnehmer der Demonstration mit AfD-Flaggen in der Hand Nazi-Parolen: "Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!" Und: "Wir bauen eine U-Bahn bis nach Auschwitz". Für das Absingen des Liedes waren im Februar 2016 zwei Anhänger von Borussia Dortmund wegen Volksverhetzung verurteilt worden. Ordner nehmen den beiden kurzzeitig die Fahnen ab, die Männer sollen der rechtsextremen Thügida nahe stehen, heißt es.


"Fuchtel" Merkel und "Hackfresse" Stegner

Für die Schärfe auf dem Podest ist an diesem Nachmittag Stephan Brandner, Spitzenkandidat auf der AfD-Landesliste Thüringen, zuständig. Laut einem ZDF-Bericht zieht er mächtig vom Leder, vergleicht die Gegendemonstranten mit "SA-Dumpfbacken". Dann geht es gegen die "Altparteien". Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bezeichnet Brandner nur als "die Fuchtel". Wegen Beihilfe zum Asylmissbrauch und weiterer Vergehen müsse die Kanzlerin ins Gefängnis. Die Grünen seien "Kinderschänder und Kokser", SPD-Parteivize Ralf Stegner eine "Hackfresse" und Bundesjustizminister Heiko Maas "das Ergebnis saarländischer Unzucht". Einmal in Schwung nervt Brandner der Polizeihubschrauber, der über der Szene kreist: "Kann den mal einer abschießen?!" Unter dem Jubel seiner Anhänger ruft er dann aus: "Wir werden zweitstärkste Fraktion im Bundestag!"

Nach dieser Anheize macht es Alice Weidel kurz, in ihrer rund 20-minütigen Ansprache formuliert die AfD-Spitzenkandidatin deutlich moderater. Zu einer angeblich von ihr stammenden Hetz-E-Mail weiter kein Wort. Als "starke drittstärkste Kraft" sieht sie ihre Partei im künftigen Parlament. Gegen Merkel wettert aber auch sie und fordert einen Untersuchungsausschuss. Migration müsse durch ein Einwanderungsgesetz geregelt, Familiennachzug von Flüchtlingen unterbunden werden. Wie häufiger auf Wahlveranstaltungen fordert sie dazu auf, nach Nachrichten mit den Begriffen "Mann" und "Messer" zu googeln. Das zielt auf das Thema "innere Sicherheit". Ein Gegendemonstrant hält ein Schild mit der Aufschrift "Habt keine Angst!" hoch.

AfD will Direktmandat in Jena

Nach gut fünf Stunden Demonstration und Kundgebung ist der Spuk vorbei. Die Jenaer haben ihre Stadt zurück. Die Gegendemonstranten haben "Ganz Jena hasst die " skandiert. Die AfD ist sich sicher, hier ein Direktmandat für den Bundestag zu holen.

dho mit/DPA

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