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Die Unerhörten

Spinner, Rechte, Radikale? Gibt es bei der AfD. Doch das sind Randphänomene. Der Parteitag in Erfurt zeigt: Als Sammlungsbewegung für das von Merkel vernachlässigte Bürgertum hat die AfD gute Chancen.

Ein Kommentar von Tilman Gerwien

  Was Strauß immer verhindern wollte: Bernd Lucke und seine "Alternative für Deutschland"

Was Strauß immer verhindern wollte: Bernd Lucke und seine "Alternative für Deutschland"

Drei Stunden dauerte es, bis der Parteichef in der Messehalle von Erfurt am Samstag endlich ans Pult treten und seine Rede halten konnte. Drei Stunden, die Bernd Lucke, dem Mann an der Spitze der "Alternative für Deutschland" (AfD), vor Augen geführt haben dürften, dass er noch einen weiten Weg vor sich hat mit seiner erst vor gut einem Jahr gegründeten Anti-Euro-Partei.

Geschäftsordnungsanträge, Rede und Gegenrede, Zankereien um Versammlungsleitung und Tagesordnung - die ersten Stunden dieses Europaparteitages erinnerten etwas an die Frühphase der Grünen, allerdings mit einem wichtigen Unterschied: Bei den Grünen prallten selbsternannte Weltenretter aufeinander. Bei der AfD sind es zumeist zänkische ältere Herren, viele juristisch geschult, mit einem gewissen Hang zu spätbiographischer Renitenz und Anarchie.

Nur skurrile Anfangsfolklore

Doch all das, was jetzt auf dem Erfurter Parteitag zu besichtigen war, wird vermutlich als skurrile Anfangsfolklore in die Geschichte eingehen. Die AfD ist die erste wirklich ernst zu nehmende Parteigründung seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten. Im bürgerlichen Spektrum hat es noch keine Konkurrenz gegeben, die der Union und letztlich der Kanzlerin Angela Merkel so gefährlich werden kann. Das, was ein Franz Josef Strauß immer verhindern wollte - eine stabile politische Formation rechts von CDU und CSU - könnte jetzt Wirklichkeit werden.

Nur oberflächlich betrachtet ist diese AfD mit ihrer Anti-Euro-Rhetorik eine simple Ein-Themen-Partei. Tatsächlich scheint dieser Euro nur das Symbol zu sein, gleichsam das argumentatorische Vehikel, mit dem die AfD in bürgerlichen Mittelschichten Sympathien einsammelt. In dieser Partei treffen sich die verlorenen Söhne und Töchter der Merkel-Ära, auch wenn sie älter als die Kanzlerin sein mögen. Spinner und Radikale gibt es - gab es übrigens auch in den Gründungsphasen von Grünen, Piraten und bis heute vereinzelt bei der Linkspartei.

Gefühl des Ausgesperrtseins

Aber das sind Randphänomene. Wer durch die Parteitagshalle von Erfurt steift, trifft dort eher auf Menschen, die das Gefühl haben, dass ihnen seit Jahren keiner zuhört. Dass sie von Wortpolizisten im medialen Betrieb niedergezischt werden, sobald sie den Meinungs-Mainstream verlassen. Es sind Menschen, die das Gefühl haben, dass sie zum Wohlstand dieses Landes wesentlich beitragen, aber von einer schmallippigen Kanzlerin mit ständig neuen "Alternativlosigkeiten" vom politischen Prozess ausgesperrt werden. Menschen, die sich sagen: Ihr habt jahrelang über uns hinweg regiert. Und das lassen wir uns nicht mehr gefallen.

Anarchische Aufmüpfigkeit also. Aber eine, wie wir sie bisher gar nicht kannten: Eine aus den guten Stuben, den besseren Vierteln der Republik.

Euro vertieft den Riss

Der Euro dient für diese schwer zu fassenden, aber umso hartnäckigeren Kollektivgefühle nur als Symbol. Ein Symbol allerdings mit beträchtlichem Emotionalisierungs- und Kampagnenpotential, das den feinen Riss in der Beziehung zwischen der Kanzlerin und CDU-Chefin und dem gediegenen deutschen Bildungs- und Wirtschaftsbürgertum immer weiter vertieft - Tag für Tag, Woche für Woche.

Bernd Lucke, ein gebildeter, kultivierter Mann, der fast exemplarisch steht für dieses seit Jahren im buchstäblichen Wortsinne un-erhörte Bürgertum, dieser Professor für Volkswirtschaftslehre aus Hamburg, der sich ein halbes Leben lang mit Makroökonomie beschäftigte: Er wird jetzt vielleicht zum gefährlichste Gegner von Angela Merkel.

GroKo als Dauerzustand

Denn die Stimmen der AfD, dieser "Volkspartei des gesunden Menschenverstandes", wie Lucke sie in der Erfurter Parteitagshalle beschwor, könnten Merkel in Zukunft fehlen. Wenn sie sich mit der AfD koalitionspolitisch nicht einlassen will (und das kann sie nicht, wenn sie sich als Kanzlerin in Europa nicht völlig isolieren will), dann kann Merkel eine bürgerliche Mehrheit auf Dauer vergessen. So könnte ausgerechnet Herr Professor Lucke Angela Merkels CDU dauerhaft in eine Große Koalition mit der SPD zwingen.

Das nennt man dann wohl: Eine Ironie der Geschichte.

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