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So sehr verfällt die AfD in Nazi-Jargon

Das deutsche Volk, Überfremdung, Volksverräter - solche Begriffe fallen scheinbar auf jeder AfD-Demo. Besonders Björn Höcke gibt gern das Sprachrohr der Rechten. Doch auch etablierte Politiker laufen Gefahr, in die Nazi-Rhetorik zu verfallen.

Thüringens AfD-Vorsitzender Höcke eckt mit umstrittenen Positionen vor allem in der Flüchtlingspolitik an

Thüringens AfD-Vorsitzender Höcke eckt mit umstrittenen Positionen vor allem in der Flüchtlingspolitik an. Sigmar Gabriel wirft der AfD vor, sich der Sprache der NSDAP zu bedienen.

"3000 Jahre Europa! 1000 Jahre Deutschland!", skandiert er in TV-Talkshows. Bei Demos brüllt er "Wir sind das Volk!" Oder haut Sätze raus wie "Erfurt ist … schön … deutsch! Und schön deutsch soll Erfurt bleiben!" Mit einer drapierten Deutschlandfahne sorgt er bei Günther Jauch für einen Eklat und Flüchtlinge sind für ihn importierter sozialer Brennstoff. Höcke, immer wieder Höcke. Der thüringische AfD-Landesvorsitzende macht aus seiner Gesinnung keinen Hehl. Seine Reden strotzen nur so vor Nazi-Jargon. Auch Vizekanzler Sigmar Gabriel entgeht das nicht. Er giftet, die AfD sei offen rechtsradikal und pflege die Sprache der NSDAP. Auch Justizminister Heiko Maas bezeichnet die AfD als rhetorischen Brandstifter. Aber stimmt das? Oder ist Björn Höcke nur ein trauriger Einzelfall?

Der Vorsitzende der Gesellschaft für deutsche Sprache, Peter Schlobinski, warnt vor Generalisierungen. "Man darf nicht die gesamte über einen Kamm scheren, doch einzelne Mitglieder pflegen eine auffällige Nazi-Rhetorik. Der Rhythmus, das sprachliche Diktum, die Emotionalisierung - es gibt einiges, was stark an die NSDAP-Sprache angelehnt ist. Und Höcke ist ja schon fanatisch in seiner Sprache", sagt er dem stern

Das Volk ist nicht das Staatsvolk

Besonders beliebt: die Volks-Thematik. Das deutsche Volk, Volksgemeinschaft oder gar Volksverräter - Begriffe wie diese durchsetzen die Reden einiger AfD-Politiker, nicht nur die von . Der AfD-Fraktionsvorsitzender in Brandenburg, Alexander Gauland, forderte etwa vor 8000 Demonstranten in Erfurt: "Es wird Zeit, dass wir das Schicksal des deutschen Volkes, damit es ein deutsches Volk bleibt, aus den Händen dieser Bundeskanzlerin nehmen". Die Parteivorsitzende Frauke Petry äußerte sich zum Thema einer von der AfD geplanten Volksabstimmung zur Abtreibung mit den folgenden Worten: "Die deutsche Politik hat eine Eigenverantwortung, das Überleben des eigenen Volkes, der eigenen Nation sicherzustellen.“

Schlobinski sagt dazu: "Natürlich kann der Begriff des Volkes vielfältig ausgelegt werden, es kommt ganz auf den Kontext an, in dem er verwendet wird". Die AfD meine allerdings sicherlich nicht das Staatsvolk, wenn sie vom deutschen Volk spricht, es seien also nicht all diejenigen gemeint, die etwa die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen, betont der Sprachwissenschaftler, "darunter würden ja auch viele Menschen mit Migrationshintergrund fallen."

"Wir" gegend "Die"

Dieses Staatsvolk meinen Höcke und Co. offenbar nicht. Vielmehr lehnt sich ihre Volksbegrifflichkeit wohl an die NS-Rassenlehre. So kommt er wieder durch: der Deutsche als überlegener "Herrenmensch", der für Ordnung und Sauberkeit steht, und nicht auf Kosten der Gemeinschaft lebt, wie Höcke mal die Thüringer beschrieb.

"Die Idee eines deutschen Volkes, das vor der Flut beschützt werden muss, die von außen auf zurollt, konstituiert ein Wir-Ihr-Schema", sagt Schlobinski. Der Volksbegriff erzeugt bei den einen ein Zugehörigkeitsgefühl und grenzt gleichzeitig andere aus dieser Volksgemeinschaft aus. "Überfremdung, Asylantenflut sind beliebte Begriffe, die das Feindbild der Fremden verfestigen. Solche Wörter werden zu Kampfbegriffen, um bestimmte Menschen abzuwerten, um Grenzen zwischen ihnen und sich selbst zu ziehen. Die Fremden sind es, die das deutsche Volk bedrohen." Oder die blonden Frauen, die zunehmend sexistischen Übergriffen durch Flüchtlinge ausgeliefert sind, wie Höcke postulierte. Die Fremden - im Nazideutschland waren es Juden, Kommunisten oder Sinti und Roma. Bei der AfD sind es zur Zeit die Flüchtlinge, vor einigen Jahren diente noch Griechenland als Bild vom Fremden. 

"Ich würde niemals vom Pack sprechen"

"Die Sprache der AfD ist teilweise sehr polarisierend, sehr emotionalisierend. Von einem rationalen Diskurs kann man da nicht mehr sprechen" bemerkt Schlobinski. Doch eben nur teilweise. "Die AfD ist in sich in zwei Lager gespalten. Da gibt es die Rechts-Konservativen und die Rechts-Extremisten. Die konservativen Kräfte sind gemäßigt und wollen sich nicht in die Nazi-Ecke drängen lassen, schon allein aus strategischen Gründen. Die AfD-Bundesspitze ist zu Höcke ja auf Distanz gegangen. Sein Auftreten haben auch und Jörg Meuthen kritisiert. Seine Nazi-Rhetorik sorgt auch zunehmend in der Partei für Verdruss. Aber es bleibt auch die extremistische Komponente, die gern mit dem Nazi-Jargon spielt", so der Linguist.

"In diesem Sinne haben oder Maas Recht, aber nicht in ihrer Pauschalisierung. Die Politiker sollten in ihrer Wortwahl sehr vorsichtig sein. Ich würde nie in Bezug auf die AfD oder Pegida von Pack sprechen, auch wenn ich es persönlich widerlich finde, was da vorgeht", stellt Schlobinski klar, "denn dadurch verschärft man nur den emotionalen Grad und driftet womöglich selbst in Nazi-Rhetorik ab." Wie etwa Joachim Gauck als er die Galgen-Attrappen bei einer Pegida-Demo als Entartung bezeichnete. Schlobinski hat dazu eine klare Meinung: "Von einem Bundespräsidenten erwarte ich, dass er solche hoch belastete Begriffe nicht benutzt".

Kommentare (7)

  • stern-Moderation
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  • Friedrich Rothe
    Friedrich Rothe
    Ihr Beitrag hat eine widersprüchliche Debatte hervorgerufen.
    Um das Phänomen Flüchtlinge/Zuflucht zu verstehen, sollten wir die abgegriffene Formel „Global denken“ hervor holen. Die Zuflucht suchenden Menschen sprechen überwiegend ausgezeichnet Englisch. Da liegt es nahe, dass das NATO-Mitglied Deutschland einen humanitären Bündnisfall formuliert und einfordert. Die NATO hat die Logistik, vor Ort Stützpunkte einzurichten und Luftbrücken in die klassischen Einwanderungsländern Australien, USA oder Kanada zu bauen. In diesen Ländern wäre sogar Raum, eigene Siedlungen zu gründen.
    Dann könnte die Zuwanderung nach Deutschland parallel ruhig und gründlich organisiert werden. „Geregelt“, wie es die AfD im Wahlkampf formulierte. Denn die bereits in der FAZ vom 11.3.2011 durch Gregor Schöllgen als Folge des Sturzes Gaddafis beschriebene Flüchtlingswelle geht, wie wir wissen auf das Konto der NATO-Einsätze Frankreichs und Großbritanniens. Deutschland jetzt zu erpressen, damit fertig zu werden, weil hier angeblich vorwiegend Nazis wohnen, ist schlicht rüpelhaft.
    Die von Verfolgungswahn gekennzeichnete Diskussion um Deutsch und Volk lässt sich mit dem Hinweis auf die Inschrift am Reichstagsgebäude in Berlin ad absurdum führen: „Dem deutschen Volke“. Statt uns um Formulierungen zu streiten, gilt es jetzt, die Probleme zu lösen.
    Hier, in Görlitz, ist es mit etwas Achtsamkeit möglich, die im polnischen Volk vorherrschende Mentalität zu studieren. Die Menschen dort greifen sich an den Kopf, wie wir uns gegenseitig attackieren. Schlechte Recherche unter Vernachlässigung der Folgen des Berliner Vertrages 1921(nur im Archiv des Auswärtigen Amtes) als Negation des Versailler Vertrages tut da ihr übriges. Denn Nazi-Deutschland konnte nur auf dem finanziellen Fundament der Wall Street entstehen. Wir haben noch viel Aufarbeitung zu leisten, zum Beispiel bei der Analyse deutsch-US-amerikanischer Wirtschaftsverflechtungen bis hin zur IG Farben und dem Lager Auschwitz.
    Friedrich Rothe
  • werner n.
    werner n.
    Die Nazi`s benutzten auch den Begriff „Pack“, z.B. als „Judenpack“. Warum hat Sigmar Gabriel keinen „Nazi–Jargon“?
  • Heimdall
    Heimdall
    Ich glaube der Autor hat sich recht wenig mit der AfD beschäftigt. Sonst würde er nicht soche Halbwahrheiten verbreiten. Die Tatsache ist, dass auf den AfD-Veranstaltungen sehr oft Menschen mit Migration-Hintergrund sind. Somit meint die AfD sehr wohl das ganze Staatsvolk. Hier hat sogar Herr Abdel-Samad auf einer AfD-Veranstaltung gesprochen. Im werden sie wohl kaum Ausländerfeindlichkeit oder Nazi-Parolen unterstellen?!
    Weiterhin richtet sich die Politik der AfD nicht gegen Flüchtlinge, sondern gegen die verantwortlichen Politiker. Des Weiteren bekennt sich die AfD ganz klar zu freiheitlich demokratischen Grundordnung! Und ich finde es nicht verwerflich, wenn wir "Deutschen" erst einmal an unsere eigenen Kinder/Volk denken und unsere christlich abendländiche Kultur verteidigen!
  • Iblis
    Iblis
    Wer als Angehöriger einer politischen Partei öffentlich stark belastete Begriffe wie "Volksgemeinschaft" verwendet oder die deutsche Flagge zum Zweck der Provokation gebraucht, stellt sich ins Abseits und schadet der Sache, die er angeblich vertritt. Viele wollen die Zuwanderung strenger geregelt sehen, aber kaum jemand will Gewalt und Nazisprüche haben. Damit wird es keinen Zulauf geben.

    Davon abzugrenzen ist eine deutliche Ausdrucksweise. Wenn jemand bestimmte Zuwanderer als importierten sozialen Sprengstoff bezeichnet, bezieht sich das auf heutige Verhältnisse. Darin eine Verbindung zum NS zu sehen zählt wohl schon zu den gewollten Missverständnissen.

    Alle Beteiligten tun gut daran, sich auf Gegenwart und Zukunft zu beschränken. Dinge von vor siebzig+ Jahren sind Geschichtswissen. Den aktuellen Herausforderungen kann man damit nicht mehr begegnen - von keiner Seite.

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