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Die Vergessenen

Die AfD ist der große Gewinner der Landtagswahlen vom Wochenende. Die Partei motiviert Politikverdrossene, wählen zu gehen. Ein kurzer Essay über diejenigen, die von allen etablierten Parteien lange nicht beachtet wurden.

Anhänger der AfD mit Fahnen und Plakaten

Anhänger der AfD bei einer Kundgebung in Hamburg im Oktober 2015

Der Deutsche würde am liebsten in den Achtzigern leben, das haben Meinungsforscher herausgefunden. Damals, das war eine andere Zeit, geistig und moralisch. Oder? Als Helmut Kohl 1982 sein Amt als Bundeskanzler antrat, fanden vier von fünf Deutschen: Die Gastarbeiter sollten doch bitte zurückkehren, wo sie hergekommen sind. Oder dahin gehen, wo der Pfeffer wächst.

Die Gastarbeiter heißen inzwischen Flüchtlinge, ansonsten denkt der AfD-Wähler noch heute so. Mit dem immer liberaleren Deutschland der vergangenen drei Jahrzehnte hatte er ohnehin so seine Probleme. Ist ja auch nicht so leicht zu verstehen: ob Rot-Grün oder Schwarz-Gelb – wechselnde Regierungen, aber immer die gleichen Gutmenschen. Kein Politiker, auf den noch Verlass ist, der auch mal Tacheles redet. Denn das Geld wird knapper, im Dorf macht ständig ein neuer Laden dicht, und Onkel Otto wurde nach 35 Jahren im Betrieb entlassen. Aber da oben in der Bundesregierung, da helfen sie lieber den Flüchtlingen.

Eine breite Mittelschicht von Flensburg bis Passau, zwischen Frankfurt/Main und Frankfurt/Oder, fühlte sich schon in den späten Kohl-Jahren, erst recht unter Schröder und Merkel, wie die vergessenen Bürger einer gesamtdeutschen Republik. Parteien und Medien veränderten sich, das neue Deutschland forderte eine gesteigerte Flexibilität seiner arbeitenden Bevölkerung. 

Nur gibt die deutsche Provinz die notwendige Flexibilität nicht immer her, ob es nun an der Bildung oder der Infrastruktur scheitert. Und nach guter, alter Wirtschaftswundersitte einfach alles selber machen? Das geht in Zeiten von Globalisierung, Digitalisierung und Spezialisierung schon gar nicht mehr.

AfD: Die ganze Wutbürger-Palette für die Vergessenen

Wer sich vergessen fühlt, wünscht sich nichts sehnlicher als jemanden, der an ihn denkt. Die SPD hat es über Jahre nicht fertig gebracht, diese riesige Zielgruppe hinter sich zu bringen. Dabei wären die geringeren Chancen und wachsende Ungleichheit doch eigentlich ein ursozialdemokratisches Thema gewesen. Aber vielleicht hatte die SPD auch einfach Angst oder nicht die Zeit, ihr selbstgeborenes Kind (Agenda 2010) richtig großzuziehen.

Jetzt ködert die AfD die Besorgten und Verlassenen eben mit den schlichtesten Mitteln: mehr Bürgerentscheide, härtere Strafen, Grenzen dicht, Steuern weg, Frauen an den Herd. Die ganze Wutbürger-Palette. Alles zurück auf 1985. Und die Flüchtlinge als Hauptfeindbild - diese Menschen brauchen ja nicht nur Hilfe, sie sind auch die neuen, gut ausgebildeten, ultra-flexiblen Globalisierungs-Bürger der Zukunft.

Dass das Ganze zu einer beißenden Ironie führt, fällt den Vergessenen erstmal nicht auf: Würden sie sich nicht so allein gelassen fühlen, dass es ihnen die Sinne vernebelt, würden sie beim Blick in das Parteiprogramm ihrer neuen Lieblingspartei staunen. Was da so alles drinsteht, mehr oder weniger verklausuliert – von folgenschwerer Bildungsreform bis zur Abschaffung des Versicherungssystems wird den Vergessenen hier eigentlich keine Verbesserung versprochen. Allein, sie merken es nicht.

Die Sorgen der Vergessenen sind längst zu groß, als dass sie noch an Konsequenzen denken. Sie wollen einfach nur, dass sich etwas ändert - hier, jetzt, sofort, und sei es mit dem Vorschlaghammer. Der Rechtsruck ist kein deutsches Phänomen, er ist vielerorts zu beobachten, wo Politiker im Wahlkampf mit den Ängsten der Menschen spielen: Le Pen in Frankreich, die FPÖ in Österreich, PiS in Polen, womöglich bald Trump in den USA. Noch ist die Lage unter Kontrolle, vor allem in Deutschland: Manche behaupten nach den erschreckenden Ergebnissen der Landtagswahlen gar, Deutschland würde cool bleiben. Ganz so, als müsse man froh sein, dass der AfD nicht gleich die Machtergreifung in drei Bundesländern gelungen ist.

Ob das Glas also halbvoll ist, darüber lässt sich noch trefflich streiten. Aber wenn sich die Menschen weiter so vergessen fühlen, blüht der westlichen Welt auf vielen Flächen wieder ein Faschismus, der in der klaren politischen Parteienstruktur der Achtziger noch undenkbar war. Zurück in diese Zeit wird es nicht mehr gehen, nie wieder. Das werden zum Glück auch die Protest-Nostalgiker Petry, Höcke und Co. nicht hinbekommen. Aber die Vergessenen hätten es verdient, dass die etablierten Parteien auch an sie denken, sie mitnehmen, sie nach ihrer Meinung fragen, sich der Wut stellen, den Hass ertragen und zeigen: Auch Onkel Otto ist wichtig in dieser Welt.

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