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Die Gier und die Macht

Im selbst bereiteten Morast sinkt Christian Wulff immer tiefer. Als moralische Führungsfigur taugt er nicht mehr. Sind Vorbilder nur eine romantische Vorstellung?

Von Harald Kaiser

An jenem Abend bekam mein Bild von Führungskräften und Vorbildern einen Riss. In einem Frankfurter Restaurant war ich vor ein paar Jahren mit zwei Vorständen zum Essen verabredet. Es war ein Abend während der Internationalen Automobil-Ausstellung. Beide kamen von Welt bekannten Autoherstellern. Das Treffen sollte für mich zu einer Art Positionsbestimmung der Elite werden, aber das konnte ich noch nicht wissen. Das Gespräch plätscherte bei einem schmackhaften Fischgericht so dahin. Wir sprachen über Autos, die unfähigen Politiker und den kurzen Glanz von Erfolgen. Nach dem Dessert knipste einer der Herren ein arrogantes Lächeln an, griff zum Champagnerglas, schaute seinem gleichrangigen Kollegen gegenüber in die Augen (mir nur ganz kurz) und verriet beim Anstoßen (auch mit mir) ein Geheimnis: "Ha, wir wissen doch, was uns treibt, die Gier und die Macht."

Fast hätte ich mich verschluckt, als ich das hörte. Der direkt Angesprochene grinste breit. Ich weiß nicht, ob er überrascht darüber war, dass der Kollege "seine" oder "die" allgemeine Karrieretriebfeder verraten hat. Oder ob es ihm peinlich war wie mir. Jedenfalls: Der Satz wurde nicht einfach gesagt. Er wurde gerufen. So, dass sich die Gäste an den Nachbartischen zu uns umdrehten. Kurz darauf war das Dinner vorüber, wir gingen unserer Wege. Ich bin damals im Glauben ins Hotel zurück gefahren, dass das ein Einzelfall sein müsse. Nach diesem Erlebnis habe ich mich gefragt, ob ich jemals Vorbilder hatte. Bis auf meinen Vater keine Persönlichkeit zu 100 Prozent. Es waren eher Idole, die man in jungen Jahren zumeist kritiklos vergötterte, weil sie etwas geschafft hatten, was man auch gerne irgendwann einmal erreichen wollte. Aber ihr Glanz verblasste schnell. Auf der Suche nach dem eigenen Weg fühlte ich mich immer mal wieder hier und da inspiriert von Polit-Denkmälern wie Willy Brandt, Helmut Schmidt oder auch von Sportlern, weil ich selbst mal ein guter Athlet war. Und, daran erinnere ich mich ganz genau, von Richard von Weizsäcker.

Sie vergessen, Werte zu schaffen

Die intellektuelle Brillanz des ehemaligen Bundespräsidenten erzeugte mir Gänsehaut. Aber orientieren oder auch nur etwas abschauen von Christian Wulff , dem aktuellen Großmeister des Rumeierns? Etwa wie Teams, eine Firma oder gar ein ganzes Volk geführt werden soll? Von Leuten, die keinen inhaltlichen Antrieb kennen, die nur dem Sex des Amtes erliegen und ihre kleinbürgerlichen Vorteile suchen? Dabei müsste gerade Wulffs Sinn für Bodenhaftung wegen seiner Herkunft geschärft sein. Eigentlich. Denn wenn jemand die Ochsentour nach oben gegangen ist, sich manchmal nur mit Glück vor gefährlichen Abgründen retten konnte oder weil ein Mitstreiter ihm die helfende Hand hinstreckte, dann müsste solch einer wissen, worauf es als Politiker vor allem ankommt: Auf Dinge wie Integrität und Glaubwürdigkeit.

Aber solche Typen ignorieren offenbar, dass sie nach der Ankunft auf dem Gipfel eigentlich Berge versetzen und Werte schaffen sollen. Oder sie hatten das gar nicht vor, als sie sich im Tal die Stiefel geschnürt haben für den langen Aufstieg. Vielen geht es nur darum, mit möglichst viel Blendwerk manch' Besseren abzuhängen, der sich nicht so gut in Szene setzen kann. Ich weiß, es ist ein Vorurteil, aber ich ertappe mich seit dem Erlebnis beim Abendessen oft dabei, dass ich diese Image-Schablone raus krame, wenn ich mir ein Bild von einem Vorturner machen will oder muss. Das Schlimme ist: Auf viele passt sie. Nehmen wir nur einen Fall. Den schlimmsten, den es in der bundesdeutschen Nachkriegswirtschaft bisher gegeben hat: Jürgen Schrempp und seine längst in Trümmern liegende Welt AG aus Daimler-Benz, Chrysler und Mitsubishi. Dieser Typus Macher hat nicht nur Geld, sondern, viel schlimmer, Werte verschrottet. Keine Werte, die in Geld auszudrücken sind, sondern jene, wovon Unternehmen und Staaten in Wahrheit leben: Leidenschaft, exzellente Fachkenntnisse und Durchsetzungskraft. Diese Werte wurden mit Schmackes gecrasht.

Das Dumme an negativen Vorbildern

Und dennoch, leider sind genau solche Leute Vorbilder – für jene, denen bereits zu Beginn ihrer Laufbahn eingebläut worden ist: Schnell, schnell, du musst der Erste sein, der Zweite ist der erste Verlierer. Ich sehe sie oft, jene, zumeist männlich, die im Jet-Tempo durchs Studium gedüst sind, sich danach einen Assistentenposten in einer Vorstandsetage geangelt haben, und etwa zwei Jahre später auf eine höhere Verwendung warten. Sie gleichen sich häufig wie ein Ei dem anderen. Es wirkt fast so, als wollten sie damit signalisieren: Achtung, die kommende Elite rückt an! Die Insignien des Aufstiegs sind zumeist dunkelblaue oder dunkelgraue Anzüge, ähnliche Kurzhaarfrisuren, ähnliche Aktentaschen sowie der stets griffbereite Zauberkasten iPhone oder Blackberry, an dem sie ständig "Mails checken". Man kann schnell auf den Gedanken kommen, dass diese Klone aus irgendeinem Elite-Windkanal gepurzelt sein müssen - wo ihnen Ecken und Kanten abgeschliffen wurden, um stromlinienförmig für den Aufstieg gerüstet zu sein. Sie halten ihren ganz persönlichen Gipfelsturm nur für eine Frage der Zeit und eine des Networkings. Ihr Playmate ist der Kontoauszug.

Brauchen wir also angesichts unseres Jack Wulffskins, an dem nichts kleben zu bleiben scheint, dringend Vorbilder, an denen wir uns orientieren können? Ja, wenn Figuren wie Richard von Weizsäcker gemeint sind. Nein, wenn es sich um Verlierer wie Wulff handelt. Denn das Dumme an negativen Vorbildern wie Jürgen Schrempp ist, dass sich mancher Emporkömmling sagt: "Ich weiß gar nicht, was ihr wollt, finanziell hat sich der Mann doch saniert." Denn würde Wulff, der Präsidentendarsteller aus einem C-Movie, jetzt zurücktreten, er würde ein sechsstelliges Ruhegehalt, eine Limousine mit Fahrer und ein Sekretariat bis zu seinem Tode behalten.

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