Elitesoldaten vom Kommando Spezialkräfte (KSK), das zurzeit in Afghanistan operiert, fürchten, verheizt zu werden - in einem mangelhaft vorbereiteten Unternehmen gegen Terroristen und Drogenbosse. Brisante Informationen und Fotos vergangener Missionen geben im stern erstmals Einblick in das streng geheime Leben dieser Truppe.
Das Basislager für "Option OST" liegt im Nichts. Nichts als Steine und Staub. 52 Grad Celsius in dünner Höhenluft. Auf einem Wüstenplateau, gesäumt von 3000 Meter hohen Bergen, stehen Zelte, Container, Motorräder, Gelände-Quads. Hier bereiten Kommandotrupps und Scharfschützen der Bundeswehr den gefährlichsten Kampfeinsatz deutscher Soldaten seit 1945 vor. Nicht wenige von ihnen fürchten, dass dies ihr letzter Einsatz sein wird. Einziger Kontakt zur Außenwelt ist ein Transportflugzeug, das einmal pro Woche auf der Piste neben dem Camp aufsetzt und Nachschub bringt. Neulich nahm es zwei Deutsche wieder mit nach Hause: Ein Hauptfeldwebel musste zur Beerdigung seines Vaters, ein anderer zu seinem todkranken Baby. Das Flugzeug kommt nicht, wenn Sandstürme wüten. Dann sind die Kommandosoldaten abgeschnitten. Sandstürme dauern hier, im Osten Afghanistans, mehrere Tage. Bis auf zwei Dutzend Lehmhütten ist jede Zivilisation Tagesmärsche entfernt. US-Pioniere stampften das Lager im vergangenen Jahr aus dem Boden. Anfang Juni wurden hier in der Provinz Paktika vier Soldaten amerikanischer Spezialeinheiten bei Gefechten und Anschlägen getötet.
Stationiert sind hier nun mehrere Dutzend Soldaten vom Kommando Spezialkräfte (KSK). Seit fünf Wochen bereiten sie im Lager "Missions" und "Hits" gegen hochrangige Taliban und Al-Qaeda-Terroristen vor. Die Truppe aus Calw gilt als das Prunkstück der Bundeswehr, Informationen über Einsätze und Innenleben des KSK hütet das Verteidigungsministerium wie ein Staatsgeheimnis. Insgesamt 106 Spezialkräfte wurden nach Afghanistan befohlen - für "OEF-II-AFG", den zweiten KSK-Einsatz bei der amerikanischen "Operation Enduring Freedom". Bereits 2002 unterstützten deutsche Kommandosoldaten die Amerikaner, vor allem im Süden des Landes.
Diesmal liegt der operative Schwerpunkt, Codewort "Option OST", im Südosten, an der Grenze zu Pakistan. Weitere KSK-Kräfte stehen im Norden am Hindukusch, wo Stab, Logistik, Operationszentrale und weitere Kommandotrupps agieren. "Option NORD" gilt in der Truppe als "eher human", obwohl im Norden neulich zwei Soldaten der Bundeswehr umkamen. "Option OST" dagegen ist ein Reizwort. Ein Wort, das Frust und Wut erzeugt. Und Angst.
Als sich ein Informant aus der Umgebung des KSK vor einigen Wochen konspirativ in einem abgelegenen Gehöft im Schwarzwald mit dem stern traf, sagte er: "Wir sind sicher, dass es diesmal Verluste geben wird, tote deutsche Soldaten." Langsam, und jedes Wort war genau überlegt, sagte er: "Option OST steht bei uns für einen mangelhaft vorbereiteten, politisch motivierten, viel zu riskanten Einsatz. Dafür sind wir einfach personell und logistisch nicht gewappnet. Viel spricht dafür, dass wir nicht nur gegen Taliban und Terroristen vorgehen sollen, die ja gerade wieder verstärkt zuschlagen, sondern diesmal auch aktiv gegen die Drahtzieher von Drogenkartellen - gegen einen in jeder Hinsicht überlegenen Feind. Das ist so, als ob wir sehenden Auges auf eine Mine zugehen - und drauftreten sollen."
Der Mann sagte, etliche KSK-Soldaten wollten es nach vielen Diskussionen in der Graf-Zeppelin-Kaserne in Calw jetzt riskieren, Vorgänge bei der geheimsten Bundeswehreinheit publik zu machen. Kameraden seien das, die das Ideal der Spezialkräfte hochhielten, etliche von ihnen "haben sich kaputtgemacht für den Verband". Die Ansichten dieser Gruppe teile "die Hälfte aller Kommandosoldaten, vor allem Trooper und Shooter", also Feldwebeldienstgrade, die untere Ebene. Nötig sei dieser Schritt, "weil im KSK Kritik und Meldungen über Mängel meist in Stabsschubladen verstauben und auf offiziellem Weg kaum was passiert - und weil Kommandosoldaten dafür dann in Einsätzen wie diesem die Ärsche hinhalten müssen".
Um die Glaubwürdigkeit ihrer Aussagen zu unterstreichen, überließen Informanten dem stern Dokumente über den aktuellen Einsatz sowie mehr als 500 Fotos vom ersten Afghanistan-Einsatz des KSK. Die Bilder entstanden 2002 und 2003 im Stützpunkt Kandahar und bei KSK-Operationen sowie Ende 2001 bei Vorbereitungen im Oman. So kann der stern erstmals deutsche Spezialkräfte bei Operationen im Einsatzland zeigen und den Frontalltag der geheimsten deutschen Militäreinheit dokumentieren. Der stern, der im vergangenen November nach mehrmonatigen Recherchen über das Kommando Spezialkräfte berichtete ("Die Profis", stern Nr. 46/2004), verzichtet auch diesmal darauf, Kommandosoldaten zu nennen oder erkennbar zu zeigen. Sicherheitsrelevante Details zum aktuellen Einsatz oder zur Verlegung des Einsatzverbunds nach Afghanistan ("Befehl Nr. 2 Verlegung EinsVbdSpezKr", KSK Aktenzeichen 31-73-10) werden nicht preisgegeben.
Der stern hat das Verteidigungsministerium mit den Vorwürfen der KSK-Soldaten konfrontiert. Antwort: "Zu Einsätzen des KSK und zu internen Vorgängen im Kommando Spezialkräfte nehmen wir aus Gründen der Sicherheit der Soldaten grundsätzlich keine Stellung."
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