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Im Krieg

Sie ist kein Bond-Girl. Sie ist eine ganz normale Frau, 40, verheiratet, ein Sohn. Und sie hat sich für den Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan gemeldet. Der stern hat sie ein halbes Jahr lang auf ihrem Weg nach Faisabad und zurück begleitet. Innenansichten einer Mustersoldatin.

Von Franziska Reich

  • Franziska Reich

Es ist ein Sonntag an der Kante zum Frühling, es ist nachts um halb eins, sie dreht den Schlüssel um und ist wieder da. Alles dunkel. Alles still. Ehemann Stefan* oben in tiefem Schlaf. Ihr kleiner Lukas* auch. Sie hat sich gefreut auf diese Stille, auf diesen Moment zwischen Gestern und Heute, zwischen Fremde und Heimat. Sie legt ihr Marschgepäck in die Ecke und geht durch das Wohnzimmer. Über der Couch das Bild von der kieseligen Küste, die Theke, aufgeräumt, sauber, alles genau so wie im November. Und draußen das weite Feld. Vielleicht sind die Kraniche schon zurück, und sie wird sie sehen, wenn sie morgens aufwacht.

Sie wird ein Ei essen. Sie wird frische Milch trinken. Sie wird ein Schaumbad nehmen. Zu Hause eben. Zurück aus dem Krieg.

Alexandra, so will sie genannt werden, so hätte ihr Vater sie genannt, wenn er ihren Namen hätte aussuchen dürfen - Alexandra also, die 40-jährige Verwaltungsbeamtin der Bundeswehr, kehrt an diesem Sonntag im Februar heim in ihr kleines Haus in dem kleinen Dorf auf Rügen. Dezember, Weihnachten, Silvester, ihren Geburtstag, Karneval, fast drei Monate war sie in Afghanistan - in Faisabad, dem Camp am nördlichen Rand dieses kaputten Landes zwischen dem Iran, Pakistan und den Bergen des Hindukusch. Eine kompakte Frau mit einem kompakten Leben. Eine Hosenanzugträgerin, die sich beflissen um den Papierkram der Bundeswehr kümmert. Keine Lara Croft. Kein Bond-Girl.

"Ich will helfen"

Wenn man sie fragt, warum sie sich freiwillig die Uniform übergezogen und für Afghanistan gemeldet hat, warum sie sich dieser Gefahr aussetzt, obwohl drei ihrer Verwaltungskollegen im vorigen Jahr beim Bombenanschlag auf dem Markt von Kundus umkamen, dann sagt sie: "Ich finde den Einsatz richtig, deshalb will ich dabei helfen." Und wenn man sie nach dem Geld fragt, nach den 92,10 Euro, die jeder Soldat pro Tag im Einsatz zusätzlich verdient, dann sagt sie: "Das spielt für mich keine Rolle. Nein. Wirklich. Überhaupt keine" - und man schaut sie an, und man weiß, man sollte ihr doch eigentlich glauben.

Alexandra gehört zu den 150 Soldatinnen und 3500 Soldaten, die im letzten Bundeswehrkontingent ihren Dienst in Afghanistan getan haben. Seit die Bundeswehr 2002 Teil der Internationalen Schutztruppe (Isaf) wurde, schickt sie in regelmäßigen Abständen deutsche Soldatinnen und Soldaten nach Afghanistan - manche schon zum vierten Mal.

Die Regierung schickt sie in den Krieg, aber irgendwie nur ein bisschen - in den Norden, wo es noch am sichersten ist. Sie spricht nicht gern über Kampf und Tote, dafür viel über den Aufbau, bei dem die deutschen Soldaten helfen. Ein bisschen Krieg, ein bisschen Aufbau. Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass. Dass gerade Alexandras Weg in diese merkwürdige Mission erzählt wird, ist weder Zufall noch Willkür. Alexandra wurde von der Bundeswehr für die Begleitung des stern ausgewählt. Als idealtypisch für einen Soldaten, der gut funktioniert. Als Musterbeispiel also.

Beim Militär gibt es nicht richtig oder falsch

Dieser Weg beginnt im vergangenen Herbst. Mitte November, in der bayerischen Rhön. Alexandra soll fit gemacht werden für den Einsatz, lernen, wie sich eine Soldatin bei Gefahren verhält. Es ist träger Mittag, alles feucht und kalt im Bundeswehrübungscamp Haveldorf, Wildflecken. Die Wachen überprüfen gerade einen Lkw, als sich plötzlich die Männer des Dorfes zu einer Menge zusammenrotten, einer aufgebrachten Menge, die mit Fäusten und Knüppeln in Richtung Camp droht und brüllt. Aus dem Dorf ziehen die Rauchschwaden eines Lagerfeuers herüber, "PFOR raus!", brüllen die Männer und schwenken Schilder, auf denen "Germany sucks! Fuck off Murderers!" steht. Sandsäcke, Natodraht, in den Stellungen Scharfschützen mit Maschinengewehren, und Alexandra beugt sich einige Meter entfernt vom Gewühl über einen Soldaten, der sich in Verzweiflung die Pulsadern aufgeschnitten hat. Sie ist als Sanitäterin eingeteilt. Sie muss die stabile Seitenlage und das Abbinden üben. "Die Aufgabe wurde zweckmäßig gelöst", sagt der Ausbilder hinterher bei der Auswertung. Beim Militär gibt es nicht richtig oder falsch. Es gibt nur zweckmäßig oder unzweckmäßig.

Sechs Wochen verbringt Alexandra auf Übungen wie dieser. Das, was sie auf den Lehrgängen kennenlernt, gefällt ihr. Sie mag, dass jeder seinen festen Platz hat in dieser strengen Hierarchie. Dass jeder funktioniert in einem eng abgesteckten Rahmen. Dass man "Denkt an eure Kameraden" auf Schildern liest, die an Kühlschränken hängen und dazu ermahnen, eine lauwarme Wasserflasche hineinzustellen, wenn man eine kalte herausgenommen hat. "In der Bundeswehr gibt es noch echte Kameradschaft. Die gibt es heute nicht mehr oft", sagt Alexandra.

Und so lernt sie, wie man das Gewehr G 36 putzt. "Zuerst kommt das Material und dann der Mensch", erklärt sie abends auf ihrer Stube und putzt die 480 Millimeter Rohrlänge, durch die das Geschoss mit 920 Metern pro Sekunde austreten kann - und genehmigt sich dann erst die warme Dusche.

Im Fokus fremder Männer

Sie fährt auf dem Panzer und brüllt "Absitzen" und "Meldung machen" und wirft sich hin, wenn eine Handgranate fliegt. Sie marschiert mit Kompass und militärischer Karte durchs Gelände und balanciert über ein in neun Meter Höhe gespanntes Seil. Sie lauscht einer Psychologin, die erzählt, wie schwierig es ist für eine Frau im Einsatz, so weit weg von der Familie, so vollkommen im Fokus fremder Männer. Sie lernt alles über Minen, die in Afghanistan zehnmillionenfach herumliegen, und über Sprengfallen, die unter Toilettenbrillen, Sofakissen oder Kaffeemaschinen lauern, und über die "Bösen", die "Schergen" und "Perversen", die ihr nach dem Leben trachten.

Alexandras Welt teilt sich auf diesen Übungen in Sicherheit und Gefahr. Das Wenigste da draußen ist sicher, die Gefahr allgegenwärtig. Sie wird beschworen. Oder die Angst wird mit männlich herben Sprüchen verwitzelt. Die Explosion einer Handgranate: "Rumpeldiepumpel und weg sind die Kumpel." Der Spaziergang durchs Minenfeld: "Wer suchet, der findet. Wer drauftritt, verschwindet."

Es wäre fahrlässig, die Soldaten nicht auf die Situation in Afghanistan vorzubereiten - auch wenn der Ernstfall selten eintritt. In Wildflecken lernt Alexandra zu schießen. In Faisabad wird sie das Gewehr neben dem Schreibtisch abstellen. In Wildflecken erträgt Alexandra eine sechsstündige Geiselhaft. In Afghanistan bestellt sie Computermäuse, die ein afghanischer Angestellter auf dem Markt besorgt. Wie die meisten ihrer Kameraden wird Alexandra das Camp niemals verlassen.

Gerade einmal ein Fünftel der deutschen Soldaten verlässt die Camps, um Patrouille zu fahren, Informationen zu sammeln oder Hilfsgüter auszuliefern. Vier Fünftel tun ihren Dienst hinter hohen Mauern und kümmern sich um Verwaltung, Versorgung und Nachschub. So arbeitet jede Armee der Welt. Es ist schwer, einem Land zu helfen, in dem man sich ohne gepanzerten Konvoi nicht bewegt - einem Land, vor dem man Angst hat. Angst, wenn man Mehl und Öl zu den Bauern bringt. Angst, wenn man einen Brunnen bohrt. Angst sogar dann noch, wenn man sich mit aller Macht und Technik hinter hohen Mauern selbst beschützt.

Und so entladen deutsche Soldaten Transalls, verwalten Vorgänge und warten Gerät, essen Roulade mit Knödeln in der Kantine und hoffen, dass sie niemals dieses fremde Land außerhalb des Natodrahts betreten müssen. Sie werden einige echte Afghanen sehen, die im Camp Gräben buddeln oder Gebäude mauern. Werden mit einigen echten Afghanen feilschen, die ein paar Marktstände mit Teppichen, Lapislazuli und Glitzerfigürchen am Rande des Camps aufgebaut haben. Werden viel über die gefährliche Lage und den Wahnwitz reden, der in diesem Land los ist. Doch wahnwitziger als die Welt im Übungscamp in Wildflecken - wahnwitziger ist diese Bundeswehr-Welt in Afghanistan auch nicht! Nur die Gefahr wird nicht von Burka-tragenden Rekruten gespielt - sie ist real. In Faisabad wird es Alexandra dennoch so vorkommen, als hätte sie das alles schon mal gesehen. Bekannt. Ein bisschen langweilig fast.

Sie waren schon immer Einzelgänger

Bevor sich Alexandra im vorletzten Winter dazu entschloss, in den Einsatz zu ziehen, lebte sie mit Mann und Sohn ein ruhiges Leben. Stefan und Alexandra - er: ein dünner Mann, sie: eine kräftige Frau - haben sich im Internet kennengelernt in der Zeit, als Alexandras erste Ehe zerbrach. Alexandras Familie kommt aus dem Ruhrgebiet und Stefans aus Thüringen. Sie haben nur wenige Freunde. Sie sind schon immer Einzelgänger gewesen. Keine Menschen für wilde Partys oder Abschiede voller Tränen. Vor der Wende arbeitete Stefan als Soldat bei der Nationalen Volksarmee, nach der Wende fuhr er mit dem Lkw Waren durch ganz Europa. Heute macht er in Mediendesign und Zimmervermietung, während Alexandra in ihrem gelb gestrichenen Büro in Stralsund am Resopaltisch sitzt und Liegenschaften der Bundeswehr verwaltet.

Sie arbeiten ordentlich. Sie arbeiten emsig. Sie mögen keine Überraschungen. Sie mögen die feste Struktur. "Wir sind uns selbst genug", sagen sie. Sie haben gemeinsam das Haus gebaut. Sie haben harte Zeiten durchgestanden. Als sie ein totes Kind gebar. Als er am Haus auf Rügen werkelte und sie noch im rund 90 Kilometer entfernten Staffenhagen arbeitete und nur am Wochenende ihren damals fünf Monate alten Lukas sah. "Wir hadern nicht mit der Vergangenheit. Wir sehnen uns nicht nach irgendeiner rosaroten Zukunft. Wir meistern unser jetziges Leben - Schritt für Schritt. Eins nach dem anderen", sagen sie.

Schritt für Schritt - genau so organisiert Alexandra auch ihren Kriegseinsatz. Schritt für Schritt. Ohne Zaudern. Ohne Zweifel. Auto abmelden. Testament schreiben. Die wichtigen Papiere in einem Ordner bereitlegen. Mit der Kindergärtnerin sprechen. Die Versicherungen verständigen. Eine gute Feuchtigkeitscreme kaufen. Und wenn man sie fragt, ob sie manchmal schlecht träume, ob sie manchmal Angst habe, dann sagt sie: "Nein. Weil ich weiß, dass die Bundeswehr alles für unsere Sicherheit tut. Warum sollte ich Angst haben? Höchstens manchmal ein Grummeln im Bauch." Und man sieht sie an, diese praktische, unsentimentale Frau, und man fragt sich: Wie nur, wie kann man nur ein Grummeln im Bauch haben, wenn die meisten Menschen doch schon bei dem Namen Afghanistan erschaudern? Wie dick muss der Panzer sein? "Man muss sich vorher informieren. Man muss sich Listen machen mit den Aufgaben, und dann arbeitet man sie ab", sagt Alexandra. Es klingt mehr nach Wochenendeinkauf als nach drei Monaten Einsatz in einem der gefährlichsten Gebiete der Welt.

Klar strukturiert

Alexandra ist eine Frau, der man glaubt, dass sie das Risiko dieser Reise kühl kalkuliert. Sie abenteuert nicht. Sie spricht in Absätzen, Punkt für Punkt, so klar strukturiert, als könnte es ihr gelingen, das Leben in sauber beschrifteten Schubkästen zu verstauen und die Erinnerungen wohlgeordnet nach System darin wiederzufinden. Viele, denen sie von ihrem Einsatz erzählt, reagieren trotzdem entsetzt. Hast du dir das auch gut überlegt? Das ist doch so gefährlich! Was wird denn dann aus deinem Sohn? Sie hat sich sehr darüber geärgert. "Die Leute unterstellen damit, ich sei naiv. Ich würde mal eben so mein Leben riskieren und meinen Sohn verraten. Das macht mich wütend", sagt sie.

Sie hat das doch nicht gegen den Willen ihres Mannes entschieden. Sie hat doch alles dafür getan, ihren Sohn darauf vorzubereiten. Hat ihm die Hörspielkassette der Bundeswehr mitgebracht, auf der ein kleiner Teddybär als Reporter den Sinn der Auslandseinsätze erklärt - und Lukas hat sich das angehört und ist danach die Treppe heruntergekommen und hat gesagt: "Jetzt verstehe ich, warum Mami in den Krieg muss." Sie hat doch wirklich alles und bis ins letzte Detail gewissenhaft geregelt! "Diese negativen Sprüche finde ich schon ungerecht", sagt sie, "die Deut schen sitzen lieber auf dem Sofa und halten Reden. Wehe, jemand engagiert sich und nimmt dafür auch ein Risiko in Kauf. Das versteht keiner in diesem satten Land."

Der Einsatz der Bundeswehr ist unbeliebt in der deutschen Bevölkerung - und im Parlament. Dürften die Abgeordneten frei entscheiden, ohne Fraktionszwang, ohne Regierungsräson, das Mandat wäre wahrscheinlich längst beendet. Die Mehrheit hält die Mission für gescheitert. Man schickt Soldaten und Material, man zahlt jährlich Hunderte Millionen Euro und sieht doch nur wenig Erfolge - die Schulen, die Krankenhäuser und Hilfslieferungen. Stattdessen, im siebten Jahr, viele Rückschläge. Attentate auf den Marktplätzen von Kundus bis Kabul, Frühjahrsoffensiven der Taliban, den Drogenhandel der Warlords. Ein bisschen Aufbau und zu viel Krieg. 26 Deutsche haben dafür mit dem Leben bezahlt.

Die Anspannung steigt

Ende November. Kurz vor ihrer Abreise spürt man auch bei Alexandra die Anspannung. Es hat wieder Bombenanschläge gegeben. Der Norden wird unsicherer. Die Lage in Pakistan spitzt sich zu. Wenige Tage vor ihrer Verlegung nach Faisabad erzählt sie: "Heute früh bin ich um vier aufgestanden. Ich finde nicht mehr so richtig die Ruhe. Ich habe dann nach dem ersten Kaffee Wäsche gewaschen, aufgehängt, trockene Wäsche zusammengefaltet. Eine Schublade repariert, die Strumpfschublade aufgeräumt und solche Sachen. Was mache ich morgen? Der Keller könnte auch mal wieder aufgeräumt werden."

Als ihr Abflug um einen Tag verschoben wird, ist es für sie wie eine Erlösung. Dann aber sitzt sie am 30. November im Bundeswehr- Airbus nach Termes, Usbekistan, wo sie eine Nacht im Zeltlager auf dem Flughafen schläft, bevor die Transallmaschine sie am nächsten Tag erst nach Masar-i-Scharif, Afghanistan, bringt und dann weiter nach Faisabad. Alle in Tarnfleck um sie herum. Und der Pilot sagt "Wir starten" - und es ist dieser kleine Satz, der ihr in die Knochen fährt. Wir starten. Und sie denkt: Jetzt geht es los! Und ihr Herz schlägt schneller, ein wenig nur, und die Turbinen laufen lauter, der Airbus setzt sich in Bewegung - und hebt ab.

Alle tragen diesen heiligen Ernst im Gesicht. Dieses angespannt Gefasste. Viele Männer, die sich eben erst am Flughafen von ihren bleichen Freundinnen verabschiedet haben und schnell noch eine Zigarette im Raucherzelt durchziehen. Wenige Frauen, in der Bundeswehr "Die Damen" genannt, die sich, weil sie wissen, dass ihre Kameraden sie nicht wirklich ernst nehmen, gleich nah zueinander stellen. Eine mittelalte Verwaltungsbeamtin aus Bayern erzählt von ihrem 19-jährigen Sohn, der ungewollt die kleine Anna-Maria zeugte und auch noch sein Auto schrottete und jetzt Hilfe und Geld braucht, und dass sie, die Mutter, also nach Afghanistan gehen muss. "Die 92 Euro, Sie wissen schon. Ich glaube keinem, dass er diesen Wahnsinn nicht wegen des Geldes macht."

Man fliegt in eines der ärmsten Länder

Es ist ein merkwürdig bizarres Erlebnis, wenn man sich mit einer dieser Bundeswehrmaschinen nach Afghanistan aufmacht. Man weiß, man fliegt in ein Land, in dem die Menschen durchschnittlich nur 43,77 Jahre alt werden. In dem sich ein einziger Arzt um annähernd 7000 Menschen kümmern muss. In dem über ein Viertel der Kinder das fünfte Lebensjahr nicht erlebt. Man weiß, dass man in eines der ärmsten Länder der Erde fliegt. Und dann wird man auf dem Rollfeld in Masar-i-Scharif von einem kräftigen Offiziersmannsbild empfangen mit den Worten "Willkommen in unserem schönen Camp Marmal" und taucht ein in diese sichere organisierte Welt der Bundeswehr, mit heißem Kaffee und unterschiedlichen Brotsorten und einem feinen Pudding zum Nachtisch. Mit asphaltierten Wegen und einer Pizzeria und einem großen Marketenderladen, in dem die Soldaten steuerfrei Süßigkeiten und Zigaretten, Uhren und Parfüm, Bier und Playmobil kaufen können.

Nur das riesenhafte Marmal-Gebirge im Rücken des Rollfelds erinnert noch an das Land im Krieg, weswegen man doch eigentlich hier ist.

Alexandra bleibt zwei Tage lang im Camp Marmal, bevor sie mit dem CH 53 nach Faisabad gebracht wird. Vier Stunden Flug, entlang der Formationen des Gebirges, die Klappe des Hubschraubers offen und dann der Blick aufs Camp. Ein Hochplateau umringt von Bergen. Ein schmaler Fluss. Kein Baum. Kein Strauch. Kein Tier. Alles in rötlichem Braun. In einer Mail schreibt sie: "Hier sieht es aus wie auf dem Mond. Oder dem Mars. Fast wie ein Parallel-Universum. Irre."

Eine Soldatin bringt ihr die Kniffe bei

In den drei Monaten ihres Einsatzes wird sich Alexandra innerhalb von 250 mal 300 Metern bewegen. Von ihrem Wohncontainer zum Duschcontainer zum Bürocontainer zur Kantine zum Betreuungszelt zum Wohncontainer. Sie hat sich einen Wasserkocher und ihren Lieblingstee "Wahre Liebe" mitgebracht, auch mehrere Taschenlampen und zwei Paar Badelatschen - eines, um über die Schotterwege zu gehen, und eines, um es vor den Duschen zu wechseln. In den ersten Tagen liegt Alexandra mit zwei anderen Frauen auf der zwölf Quadratmeter großen Stube, und sie ist froh, als sie sich den Raum schließlich nur noch mit einer anderen Frau teilen muss. Ihre Stubenkameradin ist eine richtige Soldatin und zeigt ihr, wie man das G 36 aufmunitioniert, diese militärischen Kniffe eben, von denen eine Zivilistin auch nach sechs Wochen Ausbildung keine Ahnung hat. Ansonsten aber reden sie nicht viel. Sie haben sich nichts zu sagen. "Jede hat ihre Hälfte, man sieht sich, man grüßt, das war es dann aber auch", sagt Alexandra. Sie ist nicht der Typ, der schnell Freundschaft schließt. Sie beobachtet. Sie wartet. Sie ist lieber ehrlich allein als verlogen zu zweit.

Am meisten macht ihr der ewige Dienst zu schaffen. Sechseinhalb-Tage-Woche. Elf-Stunden-Tage. Alexandra muss sich um die "multinationale Abrechnung" kümmern. Wenn die 20 Dänen oder die zwei Kroaten in der Kantine der über 300 Deutschen essen, dann stellt Alexandra die Rechnung. Sie muss Waren organisieren auf dem örtlichen Markt, Holzkohle oder Baumaterial. Dann erklärt sie ihrem lokalen Beschaffer, was sie braucht, und der sondiert für sie den Markt, bringt verschiedene Modelle, verhandelt mit dem Verkäufer über den Preis - und wickelt schließlich das Geschäft ab. Er ist ihr einziger Kontakt zu der afghanischen Welt da draußen. Sonst nur der Blick - ins Gebirge, diese hünenhaften Berge; in den Sternenhimmel, dieses sonnengesprosste ewige Schwarz.

Zu Weihnachten schmückt sie mit den anderen eine Tanne und isst gebratene Gans. Zu Silvester feiert sie auf der Party und darf am nächsten Tag ein bisschen länger schlafen. Wenn Alarm ist, meistens Probe, zweimal ernst - "Das fühlt sich aber eigentlich genauso an. Man kennt ja den Ablauf und der ist immer gleich", sagt sie -, wenn also Alarm ist, dann rennt sie in ihren Container, Splitterschutz in den Wänden, eine Sandsackschicht in der Decke - und wartet auf die Entwarnung. Und jeden Tag telefoniert sie via Internet-Bildtelefon mit Stefan und alle paar Tage mit Lukas.

Sie vermisst die kleinen Dinge

Von einer Freundin bekommt sie eine Girlande und Luftschlangen geschickt, mit denen sie ihren Container schmückt, selbst gebackene Kekse, Lakritz und auch den neuen Ikea-Katalog, und manchmal blättert Alexandra darin und überlegt, welches Sofa sie sich wohl kaufen wird. Fragt man sie, was sie vermisst, dann sagt sie: "Außer meiner Familie vor allem die kleinen Dinge. Frische Milch. Ein Frühstücksei. Es klingt lächerlich, aber solche Sachen vermisse ich schon." Und man fragt: Hatten Sie schon mal Angst, seit Sie hier sind? Und sie sagt: "Nein. Auto fahren ist gefährlicher." Und man fragt: Hat sich für Sie etwas verändert? Und sie sagt: "Kaum. Es ist vielleicht ein bisschen anders, wenn man diese Armut mit eigenen Augen sieht." Und man fragt: Aber warum haben Sie sich gemeldet? Sie sitzen doch in Deutschland auch in einer Schreibstube. Welchen Sinn hat für Sie dieser Einsatz? Und sie sagt: "Wenn die Politik entscheidet, dass sich Deutschland dort engagiert, dann müssen die Deutschen dazu bereit sein." Sie sagt das, als wäre es ein ehernes Gesetz. Sie hat ewige Treue auf die deutsche Fahne geschworen. Sie hält daran fest.

Es ist ein Sonntag an der Kante zum Frühling, es ist nachts um halb eins, und sie dreht den Schlüssel um und ist wieder da. Sie weckt Stefan nicht auf, das wäre für sie beide zu sentimental. Doch sie schleicht die Treppe hoch und liebkost den schlafenden Lukas. Sie hat ihm das Raumschiff von Lego aus dem Marketenderladen im Camp mitgebracht. Morgen wird sie es ihm schenken. Sie schleicht wieder hinunter, nimmt ein Stück Käse aus dem Kühlschrank und schaltet den Fernseher ein. Bis zwei Uhr morgens guckt sie durch die Kanäle. Dann legt sie sich hin.

Zu Hause, endlich. Wenn auch fürs Erste nur. Alexandra hat sich wieder gemeldet. Im nächsten Juni will sie zurück in den Krieg.

*Namen von der Redaktion geändert

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