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10. September 2007, 15:25 Uhr

Das blutende Herz der SPD

Wieviel Sozialstaat muss sein? Kanzler Gerhard Schröder hatte ihn mit der Agenda 2010 kräftig gestutzt. Leidtragende waren "die kleinen Leute" - und die SPD. Parteilinke und Reformer streiten immer noch, zum Schaden von Obersozi Kurt Beck. Von Lutz Kinkel

"Zeit der Zumutungen": der SPD-Parteivorsitzende Kurt Beck© Sebastian Willnow/ddp

Der Arbeitsmarkt bollert, die Steuereinnahmen sprudeln - eigentlich müssten bei der SPD die Korken knallen. Denn der wirtschaftliche Aufschwung, der die große Koalition derzeit strahlen lässt, zeigt, dass Strukturreformen, die bis 2005 eingeleitet worden sind, so falsch nicht gewesen sein können. Damals regierte Kanzler Gerhard Schröder, ein machtpolitischer Glücksritter der Sozialdemokraten. Aber auch ein Mann, der seine Partei zutiefst gespalten hat.

Denn die Sozialdemokraten streiten nach wie vor erbittert über die Frage, ob Schröders Agenda 2010 und die damit verbundenen sozialen Härten tatsächlich sinnvoll waren. Ottmar Schreiner, führender Kopf der Parteilinken, hat am Montag in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" beklagt, dass die Kluft zwischen Arm und Reich breiter werde und die Zahl der ungesicherten Beschäftigungsverhältnisse zunehme. "Die Agendapolitik hat die Ungleichheit im Land verschärft", resümiert Schreiner. "Den Sozialabbau der Kohl-Regierung haben wir 16 Jahre lang politisch bekämpft. Nun haben wir durch sozialdemokratische Regierungspolitik die gesellschaftliche Spaltung noch weiter vertieft. Was wir brauchen, ist kein 'Weiter so', sondern der Bruch mit einer gescheiterten Politik."

Beck zwischen den Stühlen

Just einen Tag zuvor hatte Schreiners Genosse, Vizekanzler Müntefering, das exakte Gegenteil behauptet. "Wir setzten die richtige, sozialdemokratische Linie der Agenda 2010 in der großen Koalition fort", sagte Müntefering der "Bild am Sonntag". Die Agenda sei schließlich nicht nur "anstrengend" gewesen, sondern habe auch Steuersenkungen, Krippenplätze und Forschungsgelder gebracht. "Auch dank dieser Politik haben wir eine Million Arbeitslose weniger als vor zwei Jahren. Das ist doch was." Kurz zuvor hatten sich auch die SPD-Spitzenpolitiker Peer Steinbrück, Frank-Walter Steinmeier und Matthias Platzeck in ihrem Buch "Auf der Höhe der Zeit" zur Agenda bekannt - und damit die Parteilinken provoziert.

Mittendrin laviert Parteichef Kurt Beck. "Die Agenda war eine große politische Leistung", sagte Beck dem "Spiegel". Stolz sei er darauf trotzdem nicht. "Ich kann nicht stolz darauf sein, wenn Menschen beispielsweise keine Rentenerhöhung bekommen, länger arbeiten müssen oder lange keine Nettolohnerhöhung mehr hatten. Auch wenn das alles nicht unmittelbar mit der Agenda 2010 zu tun hat." Die Zeit der großen "Zumutungen" müsse nun jedenfalls vorbei sein.

SPD verliert Vertrauen

Beck widerspricht damit Müntefering - und umgekehrt. Dieser Hickhack zwischen den beiden Sozialdemokraten hat inzwischen Tradition. Als Beck ein NPD-Verbot forderte, sagt Müntefering, dies sei aussichtslos. Als Beck erklärte, im Westen dürften SPD und Linkspartei keine Koalitionen eingehen, konterte Müntefering, dies sei Sache der Länder. Wer von beiden die große Linie für die SPD vorgeben kann, ist nicht erkennbar. Klar ist nur, dass sie eher neben- und gegeneinander als miteinander arbeiten.

Der Streit um die Frage, ob und wie der Sozialstaat weiter umgebaut werden soll, den die Führungsmannschaft nun diskutiert, ist besonders heikel, weil er die Seele der Partei berührt. Der Dissens über die Agenda 2010 hatte bereits zum Rücktritt Schröders und den Neuwahlen 2005 geführt. "Nun wird der Riss in der Partei wieder sichtbar", sagt der Meinungsforscher Manfred Güllner vom Forsa-Institut im Gespräch mit stern.de. "Und dieser Streit ist nicht produktiv. Deswegen schadet er dem Image der SPD. Immer mehr Menschen trauen der SPD das Regieren nicht zu." Das trifft vor allem Parteichef Kurt Beck, der seinen persönlichen Kampf um das Berliner Kanzleramt noch vor sich hat. Seine Umfragewerte sind schon jetzt im Keller - laut Forsa will nur ein Viertel der SPD-Anhänger mit Beck als Spitzenkandidaten in die Bundestagswahl 2009 ziehen.

Die Gewinner: Merkel und Lafo

Wie Beck die Partei in der Frage der Agenda auf Linie bringen will (und welche Linie das sein könnte), ist derzeit völlig unklar. Neben der Parteilinken Andrea Nahles sollen auf dem SPD-Parteitag in Hamburg Finanzminister Steinbrück und Außenminister Steinmeier als stellvertretende Parteivorsitzende gewählt werden. Der Streit um die Sozialpolitik wird sich dann im höchsten Führungsgremium der SPD institutionalisieren. Mit Nahles als Agenda-Kritikerin und Steinbrück und Steinmeier als Befürworter.

Es gibt indes auch Gewinner der Debatte. Der quälende Streit um die Zukunft des Sozialstaats und die Schwäche des Parteivorsitzenden spielen der Union direkt in die Hände. "Kanzlerin Angela Merkel profitiert davon, dass es keinen politischen Gegenpol gibt", sagt Meinungsforscher Güllner. Und Oskar Lafontaine, Chef der Linkspartei, profitiert davon, dass er einen politischen Gegenpol hat - gegen die Reformer vom Typ Steinbrück und Steinmeier kann er gnadenlose Fundamentalopposition betreiben. Und damit Parteilinken wie Ottmar Schreiner freundlich klar machen, dass sie in seiner Partei besser aufgehoben wären.

Von Lutz Kinkel
 
 
KOMMENTARE (10 von 12)
 
romeodelta (11.09.2007, 11:24 Uhr)
Leute, Leute
des Rätsels Lösung ist in Wirklichkeit ganz einfach - wir brauchen Politiker, die dem Volk ZUHÖREN. Murksel bspw. redet nur für die Leute, die sowieso machen, was sie denkt - wie viele sind das insgesamt? Dasselbe gilt auch für die SPD. Ich las vor ein paar Tagen, dass die CDU "heimlich" Gespräche mit der FDP führt - wieso heimlich? Warum geht die CDU (oder die FDP oder SPD) nicht auf die Strasse und fragt das Volk? Die Linke und die Nazis sagen nur das, was das Volk hören will - gefragt haben sie ebenfalls auch keinen. Und für die, die sagen, dass die Linke nur die SED ist - es gibt viele Mitglieder der Linke die nicht in der ehemaligen DDR oder SED waren - ebenso gibt es viele ehemalige SED bzw. DDR Bürger, die Mitglieder der CDU sind (Murksel und Schäuble?)
Demokratie heißt, dass ALLE teilhaben und das kann nur erfolgen, wenn wir AKTIV im Prozess sind. Jetzt haben wir gegenpolige Ansichten einiger Wenigen, die angeblich "demokratisch" gemäß der Jagd nach "Mehrheiten" bearbeitet werden, bis gar nichts rauskommt - siehe Gesundheitsreform. Untätigkeit, Nichtstun lohnt sich also. Was haben wir nach 2 Jahren GroKa - nur eine andere Statistik?
insLot (11.09.2007, 09:23 Uhr)
1 Millionen Arbeitslose weniger LOL
Von wegen, viele eigentlich Arbeitslose gerade ältere melden sich doch aufgrund der Schikanen schon gar nicht mehr Arbeitslos. Im Endeffekt geschönte Statistiken. Wenn man die Wahrheit sehen will, die Statistiken für Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte und Selbständige anschauen. Dann fliegt das Lügengebilde schnell zusammen. Das dumme ist viele kennen den ein oder anderen Arbeitslosen oder den jemanden der bei der Arge arbeitet.
gmathol (11.09.2007, 06:54 Uhr)
Voelliger Realitaetsverlust!!!!
Welcher Arbeitsmarkt bollert? 7,4 Millionen ausgegrenzte Hartz IV Bezieher und obendrein noch immer 8,3 % Arbeitslosigkeit!
Steuereinnahmen sprudeln? Nur in den statistischen Berechnungen, aber nicht tatsaechlich.
Welcher Bogus wird uns als naechstes vorgesetzt? Das man von einer Durchschnittsrente < 800 Euro prima leben kann?
Niemand braucht die SPD mehr. Schroeder hat diese Partei endgueltig abgeschafft.
tagora-sagittara (11.09.2007, 02:21 Uhr)
@German_by_nature
ja, genau. Und wenn das passiert, lach ich mich scheckig und kauf mir sofort ein Ticket und mach mich vom Acker mit meinem Anhang.
Ne braune Fraktion warte ich nicht mehr ab!!!
tagora-sagittara (11.09.2007, 02:17 Uhr)
Der Rechtsanwalt hat der SPD...
einen echten Bärendienst erbracht.
Dank der Agenda wird die SPD die Stimmen der Arbeitermassen einbüßen, weil sie für die arrogante Profilierung eines Gasverkäufers bluten musste.
Die Gegner mit ihren Wahlbetrügereien und Parteispenden sind auch keinen Deut besser...
Was soll der restlos irritierte Wähler nun tun??,...genau entweder die verräterischen Liberalen oder die demaskierte SED wählen...oh Mann,...was für eine tolle Aussicht,...ich wünschte, ich währ weg!!
German_by_nature (10.09.2007, 22:33 Uhr)
na bitte es tut sich was in D :-)
"In einer neuen Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes Forsa haben die Nationaldemokraten mittlerweile die SPD überholt.
In der Umfrage, für die im Zeitraum zwischen dem 20. August und dem 4. September 1130 Wahlberechtigte befragt wurden, kommt die NPD auf 9 Prozent, während die SPD nur noch 8 Prozent erreicht.
Der stellvertretende NPD-Fraktionsvorsitzende und stellvertretende NPD-Landesvorsitzende Dr. Johannes Müller äußerte heute zu der Forsa-Umfrage:
„Das Ergebnis der Forsa-Umfrage ist wirklich sensationell und das beste für die NPD gemessene Ergebnis seit den Umfragen aus der Zeit direkt vor der letzten Landtagswahl im September 2004! Die Wähler honorieren offensichtlich die hartnäckige und kontinuierliche Aufklärungsarbeit, die meine Fraktion im Landesbanken-Skandal leistet. Wenn die NPD-Fraktion nicht geschlagene drei Mal einen Antrag auf Einsetzung eines Untersuchungsausschusses zur Landesbank gestellt hätte, wären die Versäumnisse von Mitgliedern der Staatsregierung bei der Kontrolle der SachsenLB doch bis heute noch nicht in der parlamentarischen Aufarbeitung!
Positiv für meine Partei wirkt sich weiterhin aus, daß wir uns nicht an medialen Hetzkampagnen gegen unsere eigenen Landsleute wie in Mügeln beteiligen. Dies ist vielleicht der fundamentalste Unterschied, der uns von den Vertretern anderer Parteien trennt. Ich sage es ganz offen: Auch in Zukunft wird sich die NPD nicht davon abbringen lassen, die Gebote des Anstands und der fairen Berichterstattung auch im Umgang mit unseren deutschen Landsleuten einzufordern. Es kann nicht sein, daß sich mittlerweile immer stärker eine geradezu rassistische Berichterstattung breitmacht, in der die Sachsen und Mitteldeutschen nur noch als „Hetzmeute“, „Schläger“ und „Rassisten“ vorkommen.
Aber auch noch ein Wort in Richtung der SPD und ihres Vorsitzenden Kurt Beck: Alles, was diese Partei politisch nicht bewältigt bekommt, versucht sie schlicht durch Verbote und Repression aus der Welt zu schaffen. Die SPD hat einfach Angst davor, sich dem demokratischen Konkurrenzprinzip und der Auseinandersetzung mit alternativen politischen Konzepten zu stellen. Becks Vorstoß für ein NPD-Verbot zeigt also, wo die wahren Verächter von Demokratie und Meinungspluralismus sitzen!
Außerdem ist jetzt also auch klar, warum die SPD in Sachsen auf Krampf Neuwahlen zu vermeiden sucht und die Katastrophenpolitik des Milbradt-Kabinetts ohne Rücksicht auf Verluste offensichtlich bis zum bitteren Ende stützen möchte, denn wahrscheinlich sind die Ergebnisse der Forsa-Umfrage in Regierungskreisen schon länger bekannt. Aber Herrn Dulig und all den anderen bedenkenlosen Unterstützern der Milbradt-Politik in der Sachsen-SPD möchte ich zurufen: Keine Angst, die nächsten Wahlen kommen bestimmt.“"
Justizius (10.09.2007, 20:50 Uhr)
Herz?
...blutendes Herz? Die SPD hat kein Herz!
Das hat der Schröder rausgerissen und verscherbelt.
Styrbjoern (10.09.2007, 20:00 Uhr)
Tschüß, SPD,
es geschieht Dir recht. Deine einstigen Stammwähler verraten von Nobel-Schröder und Konsorten, Deine Politik schon neoconmäßig rechtslastig. Und kein Kopf in Sicht, der fähig wäre, Dich zur alten Größe und Programmatik zurück zu führen. Eigentlich muß einem der Beck schon leid tun bei dem Augiasstall.
LHStarAlliance (10.09.2007, 19:50 Uhr)
Inkompetent
Die Inkompetenz bzw. Interessenvetretung der Reichen hat die SPD in den Keller geführt , die SPD ist nicht mehr die Partei vom kleinen Mann sondern die Partei der Vermögenden , die solltensich dann nicht wundern wenn die zustimmung fällt .
Sialan (10.09.2007, 19:49 Uhr)
Hühnerstall SPD
Wie ein Haufen kopfloser Hühner kommt einem die SPD vor. Münte sagt "Hüh" und Beck "Hott".
Die Partei hat kein Profil mehr. Die Linkspartei, die zumindest offen ihre Ziele nennt und sich nicht in unverständlicher und gekünstelter Verbalakrobatik a la Hubertus Heil präsentiert, zieht die linkslastigen SPD-Wähler und Gewerkschafter ab. Und als "Retter" der Situation wird der Politclown Beck ins Feld geschickt.
Porka Madonna!
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