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20. Februar 2010, 19:33 Uhr

Merkel pfeift Röttgen zurück

Angela Merkel und Norbert Röttgen scheinen sich zurzeit über Zeitungen zu unterhalten: Nach der Aussage des Umweltministers in einem Interview, Atomkraftwerke könnten 2030 abgeschaltet werden, ließ die Kanzlerin nun ebenfalls über die Medien antworten: Solche Festlegungen seien verfrüht, sagte ihr Regierungssprecher.

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Rechts die Chefin, links der Untergebene: Für Merkel ist Röttgen mit seinem neuen Laufzeitenvorschlag zu weit gegangen© Rainer Jensen/DPA

Nach einem erneuten Vorstoß von Bundesumweltminister Norbert Röttgen für eine geringe Verlängerung der Atomkraftnutzung hat sich Bundeskanzlerin Angela Merkel von ihm distanziert. Die Koalition habe verabredet, dass das Umwelt- und das Wirtschaftsministerium gemeinsam Szenarien für die im Herbst anstehende Entscheidung über die Energieversorgung erstellten, sagte Regierungssprecher Ulrich Wilhelm der "Welt am Sonntag". Alle Festlegungen vor Erstellung dieser Szenarien seien "verfrüht".

Merkels CDU-Parteifreund Röttgen hatte in der "Frankfurter Rundschau" deutlich gemacht, dass er ein Ende der Atomkraftnutzung spätestens 2030 sieht: "Der Ökostromanteil muss noch von heute 16 auf 40 Prozent ansteigen, dann ist es soweit. Selbst nach den skeptischsten Annahmen ist das 2030 der Fall."

Röttgen bleibt bei seinem Zeitplan

Bei einem Weiterbetrieb der Kernkraftwerke bis 2030 würde sich der unter Rot-Grün gesetzlich fixierte Atomausstieg nur um etwa acht Jahre verschieben. Röttgen blieb damit trotz der Kritik aus den eigenen Reihen bei seinem Zeitplan. Vor allem die CDU- Ministerpräsidenten Roland Koch aus Hessen und Stefan Mappus aus Baden-Württemberg hatten seinen Kurs kritisiert.

Merkels Regierungssprecher Wilhelm hatte dagegen vor zwei Wochen noch darauf hingewiesen, dass Röttgen sich im Rahmen des Koalitionsvertrag bewege, wenn er die Atomkraft als Brückentechnologie bis zu ihrer Ersetzung durch erneuerbare Energien bezeichne. Dies war als Rückhalt Merkels für Röttgen verstanden worden.

"Keinerlei Vorfestlegungen"

Das Bundesumweltministerium wies einen "Spiegel"- Bericht zurück, dass Röttgen plane, sieben Atomkraftwerksblöcke in den nächsten Jahren vom Netz zu nehmen, darunter Biblis A und Neckarwestheim 1. Ein solches Szenario habe das Ministerium in Gesprächen mit Industrievertretern vorgestellt. Dazu sagte ein Ministeriumssprecher in Berlin: "Wie schon mehrfach betont, sind bezüglich der Laufzeiten von Kernkraftwerken keinerlei Vorfestlegungen getroffen worden. Darüber wird erst im Rahmen des Energiekonzepts zu entscheiden sein."

Nach Ansicht des Umweltbundesamtes ist der von der früheren SPD/Grünen-Regierung vereinbarte schnellere Zeitplan für den Atomausstieg realistisch. "Wir können den Anteil von 40 Prozent erneuerbaren Energien gut um das Jahr 2020 erreichen", der Präsident des Amts, Jochen Flasbarth, der "Süddeutschen Zeitung". "Das passt genau zum bisherigen Ausstiegsfahrplan." Röttgen betonte jedoch, hinsichtlich des Ausbaus erneuerbarer Energien dürfe man nicht mit "Wunschzahlen" operieren. "Ich bin dafür, konservativ zu rechnen, denn wir brauchen eine verlässliche Stromversorgung."

"Keine Gewinne auf Kosten der Sicherheit"

Zugleich äußerte sich Röttgen skeptisch zum Vorstoß von Unions- und FDP-Politikern, einen Teil der Zusatzerlöse der Energiekonzerne durch eine Laufzeitverlängerung abzuschöpfen. So hatte Hessens Regierungschef Koch dafür plädiert, die zusätzlichen Erlöse sollten in die Entwicklung und Nutzung erneuerbarer Energien fließen. Rüttgers sagte, dem Staat Erlöse zu verschaffen, sei noch kein energiepolitisches Konzept. Ein weiterer Aspekt: "Es darf nicht einmal der Verdacht aufkommen, dass der Staat in einen Konflikt geraten könnte zwischen dem Interesse, Gewinne zu erzielen, und jenem, Sicherheit zu gewährleisten."

Die nordrhein-westfälischen Grünen wollen die Landtagswahl zu einer Abstimmung über die Nutzung der Atomkraft in Deutschland machen. Das Bundesumweltministerium habe bestätigt, dass eine Verlängerung der Laufzeiten der Atomkraftwerke die Zustimmung des Bundesrats benötige, sagte der Vizevorsitzende der Landtagsfraktion, Reiner Priggen. Die Wähler in Nordrhein-Westfalen hätten es deshalb am 9. Mai in der Hand, "ob es eine Laufzeitverlängerung der deutschen Atomkraftwerke geben wird oder nicht". Eine nordrhein-westfälische Regierung mit Grünen-Beteiligung werde keinen längeren Laufzeiten zustimmen.

DPA
 
 
KOMMENTARE (10 von 18)
 
jomimo (22.02.2010, 20:34 Uhr)
@nightmare_online
Stimmt nicht, denn sie kann es.
Sie kann das alles, welches sie von Dr. Kohl gelernt und abgeguckt hat, aus dem FF.

Das ist das Traurige: innerhalb einer ganzen Legislaturperiode haben die Wähler nichts hinterschaut.

Und glauben Sie mir, sie wird nochmal gewählt, wie Dr. Kohl halt damals.

Sie hat " den Bogen raus " .
Wie das in realitas aussieht, haben Sie ja treffend beschrieben.
nightmare_online (22.02.2010, 10:50 Uhr)
Alles wie immer: Für jeden etwas
Frau Merkel hat - wie immer - keine Position, keine eigene Haltung. Oder jede. Ist genau wie letztes Jahr, Da war sie bis etwa März strickt gegen Steuersenkungen, nachher dafür. Heute lässt sie erst Röttgen über den Atomausstieg fabulieren - nachdem er einen Atom-Lobbyist ins Ministerium geholt hat - und pfeift ihn anschliessend zurück.
Das System Merkel besteht schlicht darin, zu jedem Thema jede Position abzudecken. Die Frau hat keine Orientierung, keine Positionierung. Die Frau kann es einfach nicht. Sonst hätte sie - anderes Beispiel - den Westerwilli bei seinem geistigen Amoklauf gegen den Sozialstaat längst zurückgepfiffen.
knilch_59 (22.02.2010, 09:36 Uhr)
@Tempelhofer: Atomkraft zieht
Nicht zuletzt Dank der studierten Atomphysikerin Dr. Angela Merkel wird die Laufzeit der Kernkraftwerke zum Gegenstand des inszenierten Lagerwahlkampfes. Auch an ihr manifestiert sich die strukturelle Feigheit ds reaktionären Lagers: Kein Politiker der lokalen Ebene wird es wagen, in seinem Vertretungsbereich für die Kernkraft einzustehen, weder für den Betrieb des Kraftwerks in seinem Wahlbezirk, geschweige denn für eine Lagerung von Abfällen.
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Das macht die Politik von Frau Dr. Merkel, die Sie als klug und umsichtig bezeichnen, eher zu einer intelligent hinterhältigen Masche, einem mit hohem Aufwand durchgezogenen Trick.
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Ich gebe Ihnen ja recht, dass viele Wählerinnen und Wähler sich allzu gerne von derartigen Windbeuteleien täuschen lassen wollen. Aber letztlich stellt das nur unserer eigenen Demokratiefähigkeit ein schlechtes Zeugnis aus, wenn rund 70% der Wahlberechtigten sich strikt weigern, unbequeme Wahrheiten zur Kenntnis zu nehmen und einfach die Kreise wählen, die Ignoranz zur Maxime politischen Handelns machen. Der Rest sind Wechselwähler, die sich dem dumpfen Lagerdenken konsequent verweigern. Von diesem Maß an Intellektualität sind Sie meilenweit entfernt!
Tempelhofer (22.02.2010, 06:34 Uhr)
Atom zieht nicht
Ich glaube nicht, dass die Atomenergie im kommenden Wahlkampf von entscheidenter Bedeutung seien wird.

Merkel hat diese Herausforderung aus den eigenen Reihen sowie von der politischen Opposition gut in den Griff bekommen. Sie ist eine kluge und umsichtige Kanzlerin, die unser Land mit Übersicht regiert.
laketahoe (21.02.2010, 12:48 Uhr)
@Tempelhofer
Wenn ohnehin laut Koalitionsvereinbarung alles OK ist mit der Verlängerung der Laufzeiten, dann frage ich mich, warum Merkel zu Zeiten von Schwarz-Rot das anders sah und warum Sie dann bis nach der Wahl in NRW darauf warten will, sich hierzu festzulegen. Und sagen Sie jetzt bitte nicht, dem ist nicht so. Ich dachte, mir fliegt der Hut weg, als sich die Kanzlerin tatsächlich getraute, das so zu formulieren. Sie hätte gleich sagen können: Ich werd doch nicht blöd sein und mir die Wahl in NRW damit verhageln, den Bürgern die volle Wahrheit über das genaue Ausmaß der Laufzeitverlängerung zu sagen......

Ist es das, was Sie unter der korrekten politischen Führung Deutschlands verstehen?

Nicht, dass ich Angst hätte, es würde wirklich dazu kommen, dass Merkel und Freunde damit recht bekommen...... entweder klappt es schon in NRW damit, Ihren Status zu beschädigen oder wenn nicht, dann eben in Baden-Württemberg.

Oder haben Sie etwa Anzeichen dafür, dass Deutschland doof geworden ist?
knilch_59 (21.02.2010, 12:06 Uhr)
@Tempelhofer: Nix Polemik!
Aus dem Koalitionsvertrag - Zeilen 1019 folgende
"Die Kernenergie ist eine Brückentechnologie, bis sie durch erneuerbare Energien
verlässlich ersetzt werden kann. Andernfalls werden wir unsere Klimaziele erträgliche Energiepreise und weniger Abhängigkeit vom Ausland, nicht erreichen. Dazu sind wir bereit, die Laufzeiten deutscher Kernkraftwerke unter Einhaltung der strengen deutschen und internationalen Sicherheitsstandards zu verlängern."
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In einer möglichst schnell zu erzielenden Vereinbarung mit den Betreibern werden zu den Voraussetzungen einer Laufzeitverlängerung nähere Regelungen getroffen (u. a. Betriebszeiten der Kraftwerke, Sicherheitsniveau, Höhe und Zeitpunkt eines Vorteilsausgleichs, Mittelverwendung zur Erforschung vor allem von erneuerbaren Energien, insb. von Speichertechnologien). Die Vereinbarung muss für alle Beteiligten Planungssicherheit gewährleisten.
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So, und jetzt sagt der zuständige (!) Minister, dass die erneuerbaren Energien rechtzeitig in ausreichender Menge zu Verfügung stehen können - wenn man entschlossen handelt. Und wird dafür abgemeiert.
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Wer ist hier polemisch? Sachlich und aufgeschlossen wäre, diese Erkenntnis jetzt einer Kosten-/Nutzen-Analyse zu unterziehen, anstatt die Aussagen von Fachleuten pauschal zu entwerten und die Fakten erst dann gelten zu lassen, wenn sie einer politischen Bewertung unterzogen sind.
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Frau Dr. Merkel ist unerträglich!
Ich wiederhole: Ihre Angst Verändeurngen zuzulassen trägt schon paranoide Züge!
OneSizeFitsAll (21.02.2010, 11:44 Uhr)
@Schulse
Die Staatsratsvorsitzende hat ihre Mischpoke voll im Griff. Das muss man(n) ihr lassen. Sie würgt gekonnt alles ab, was in ihr in irgendeiner Form zuwider läuft. Das sie dabei in gröbster Form ihrem Amtseid -u.a. Schaden vom deutschen Volk abzuwenden- verstößt, ist bei ihr als politisches Tagesgeschäft anzusehen. Ob sie dass bei Mielke oder Kohl gelernt hat ist dabei völlig unwichtig. Der hohe Grad der Verkommenheit -nicht nur bei ihr- wird dann auch deutlich, wenn sie dem Wahlvieh Opfer abverlangt und selber "Kaviar frisst". Wer nichts tut, kann auch keine Fehler machen. So erscheint sie. Helmut lässt grüssen. Auch in Bezug auf Schlichtheit und frühe Vergreisung.

Schönen Sonntag

Tempelhofer (21.02.2010, 11:32 Uhr)
@ knilch_59
In Ihrem Kommentar ist doch ziemlich viel Polemik. Dabei hält die Bundeskanzlerin nur am gemeinsam abgeschlossenen Koalitionsvertrag fest, der eine Fortführung der Atomenergie bedingt. Dieser Vertrag wurde von Herrn Röttgen mit ausgehandelt und mit unterschrieben.

Wenn die Regierungschefin es zulassen würde, dass die einmal getroffenen Vereinbarungen wieder dermaßen aufgekündigt werden, würde dies langfristig der Koalition schaden. Merkel handelt also nur vernünftig.
georgy_22 (21.02.2010, 11:30 Uhr)
Energieexperten
Ich muss immer wieder sagen, die haarsträubenden Kommentare mancher User sind immer wieder interessant zu lesen. Hier wird vom verantwortungslosen betreiben von Atomkraftwerken gesprochen und das ein abschalten der Kraftwerke so schnell als möglich erfolgen muss. Da stellt sich mir die Frage wie sich solches Wissen begründet. Warum sind unsere Atomkraftwerke so verantwortungslos? Warum müssen diese unbedingt abgeschaltet werden und vor allem woher bekommen wir dann unseren Strom?
Denkt man in die Richtung, dass der Energieverbrauch in den nächsten Jahren stetig steigen wird, z.B. Stichwort Elektroauto, möchte wirklich gerne wissen wie dieser Bedarf unseres Landes gedeckt werden soll. Heute beziehen wir unseren Strom zu mehr als 60% aus fossilen Energieträgern welche gigantische Mengen an CO2 in die Atmosphäre schleudern. Hier sollte man vorantreiben, dass solche Kraftwerke ersetzt werden. Dieses Stück Arbeit ist immens schwieriger zu schaffen! 15% des Stromerzeugung werden heute aus erneuerbaren Energiequellen erzeugt ? woher sollen die anderen 85% kommen?
knilch_59 (21.02.2010, 11:22 Uhr)
Das geht sogar noch über die Atomkraft hinaus
Sich alle Optionen offen halten, um Himmels Willen nichts entscheiden, beschreibt den Führungsstil von Frau Dr. Merkel. Eine schon fast paranoide Angst vor Veränderungen aller Art. Und jede/r, der den Versuch unternimmt, irgendeine Sache in die eine oder andere Richtung zu tragen, wird öffentlich gezüchtigt.
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Jetzt ist Röttgen an der Reihe. Er hat es gewagt der versammelten Expertise seines Ministeriums Stimme zu verleihen und festgestellt, dass der Ausstieg Deutschlands aus der Kernkraft nicht den Untergang des Abendlandes bedeutet, er also möglich wäre.
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Und schon bricht sie aus Frau Dr. Merkel raus, die nackte Panik: Anders = Böse = bekämpfen mit aller Macht!
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Gepaart mit ihrer Feigheit, anders herum zuzugeben, dass sie Kernkraft gut findet, gibt sie damit wieder ihr übliches, erbärmliches Bild ab: Sie bestimmt die Richtlinien der Politik, indem sie niemals wirklich etwas bestimmt hat.
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