Die Stoiber-Dämmerung hat begonnen. Aber nicht alle CSU-Politiker trauern dem scheidenden Parteichef nach. Im stern.de-Interview spricht Stoiber-Gegner und Ex-Justizminister Alfred Sauter über die Zukunft der Partei und darüber, was für ein Typ der Mann aus Wolfratshausen wirklich ist.

Der Landesvater mitsamt Gattin auf Abschiedstour: Edmund (l.) und Karin Stoiber (r.) in einer Kutsche beim Trachten- und Schützenumzug anlässlich des Oktoberfestes am vergangenen Sonntag© Frank Leonhardt/DPA
Wir werden Stoiber gebührend verabschieden. Dabei kommt es nicht darauf an, ob man steht oder sitzt.
Nein. Es hat schon seit Jahren gekriselt und gebrodelt. Stoiber hat sich immer mehr isoliert. Seine frühere Stärke, nämlich zuhören zu können und zu wollen, war ihm völlig abhanden gekommen. Seine qualifizierten Berater hat er versetzt und/oder kaltgestellt. Politisch konnte er sich einige Male nur noch durchsetzen, weil er unsinnige Sachentscheidungen mit der Vertrauensfrage verbunden hat. Am Schluss bestand das Stoiber-Team aus ihm selbst und einem Berater, der ihn eher aufgeputscht hat als ihn daran zu erinnern, wie er früher erfolgreich praktische Politik gestaltet hat. In so einer Situation kommt es dann unweigerlich zum Crash, der aktuelle Anlass ist dann eher zufälliger Natur. Dabei war das Machogehabe bei Gaby Pauli eben auch das Falscheste vom Falschen.
War die CSU in den letzten Jahren zu sehr ein Ein-Mann-Unternehmen, bei dem Stoiber jedes politische Initiativrecht für sich und die Staatskanzlei beanspruchte? Stoiber wusste doch immer alles am besten.Stoiber war und ist ein großer Zauderer. Früher nahm er sich viel Zeit und viel Rat, bevor er sich festgelegt hat. Dann hat er für die jeweilige Position gekämpft. Wenn er festgestellt hat, dass es anders läuft, war seine Prinzipientreue allerdings stets bei Null. Er wusste nicht immer alles am besten, war aber immer der Beste, wenn es darum ging, sich auf die Mehrheitsmeinung einzustellen. Stoiber lässt sich am liebsten feiern als erfolgreicher Manager der untadeligen Bayern AG. Ist das Lob gerechtfertigt?Stoiber hat Bayern gemeinsam mit exzellenten Mitstreitern im Kabinett und in der Verwaltung erfolgreich in das dritte Jahrtausend geführt. Unter den Ländern hatte Bayern einst die rote Laterne. Heute stehen wir gemeinsam mit Baden-Württemberg an der Spitze. Dafür haben die Vorgängerregierungen, Franz Josef Strauß und Theo Waigel vieles getan. Stoiber hat alles zu einem guten Ende gebracht mit immensem Einsatz, ungeheurer Kraft und viel Durchsetzungsvermögen. Die Nachfolger können nicht mehr aus dem Vollen schöpfen - das Tafelsilber ist zwischenzeitlich überschaubar - werden aber wegen der guten Haushaltslage - keine neuen Schulden - vernünftig über die Runden kommen.
Wir brauchen neue Gesichter. Darunter werden auch viele Jüngere sein. Einige werden jetzt zum Härtetest ins kalte Wasser geworfen. Die meisten, aber nicht alle, werden sich als geeignet erweisen. Diese Vorauswahl hätte schon unter Stoiber stattfinden müssen. Insgesamt bin ich sehr zuversichtlich, weil sich unter 30 und 40-Jährigen viele Talente befinden, denen man eine Chance geben muss.
Mit dem neuen Grundsatzprogramm ist für die inhaltliche Ausrichtung der CSU einiges getan worden, wenngleich die Zeit für eine ausführliche Diskussion zu kurz war. Alois Glück hat mit seiner Mannschaft dennoch ein Meisterstück abgeliefert. Es muss aber noch einiges inhaltlich ausgefüllt werden. Die CSU liegt mit Ausnahme der Umweltpolitik in der Kompetenzzumessung überall ganz vorne. Im Umweltbereich müssen wir einen neuen und hoffentlich auch erfolgreichen Anlauf unternehmen. Deshalb ist es auch von größter Bedeutung, dass Günther Beckstein bei der Berufung des neuen Umweltministers den richtigen Griff macht. Der Neue muss in der Sache überzeugen und in der Person Glaubwürdigkeit ausstrahlen.