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25. März 2011, 09:52 Uhr

Kohl warnt vor überhastetem Ausstieg

Altkanzler Helmut Kohl schmeckt das Umdenken seiner Parteikollegen in der Energiepolitik nicht. Er warnt vor einer "Rolle rückwärts". Und: Das Geschehene sei schrecklich, aber so sei nun mal das Leben.

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Nur einen abschätzigen Blick hat Altkanzler Helmut Kohl für die Korrektur seiner Parteikollegen in Sachen Atompolitik© Alex Domanski/Reuters

Er zeigt sich nur noch selten in der Öffentlichkeit, meldet sich selten zu Wort. Doch offenbar behagt Altkanzler Helmut Kohl die Energiepolitik seiner Parteifreunde nicht. In einem Gastbeitrag für die "Bild"-Zeitung" warnt Kohl vor einem "überhasteten Ausstieg aus der Kernenergie ohne Alternative".

Kohl schreibt, das Unglück im Atomkraftwerk Fukushima 1 mache zwar alle "fassungslos", dürfe aber "nicht den Blick für die Wirklichkeit verstellen". "Die Lehre aus Japan muss zunächst einmal sein, dass wir akzeptieren: Was in Japan passiert ist, ist schrecklich, aber - in aller Brutalität - es ist auch das Leben. Das Leben ist ohne Risiken nicht zu haben", schrieb Kohl. "Wer den Menschen dies verspricht, sagt schlicht die Unwahrheit." Risiken "gehören zum Alltag wie Wind, Wasser und Sonne", schrieb der 80-Jährige, der sich sehr selten so entschieden zur Tagespolitik äußert.

Deutschland ist nicht Japan

In Deutschland habe sich durch die Ereignisse im Japan "erst einmal und unmittelbar gar nichts verändert. Die Kernenergienutzung in Deutschland ist durch das Unglück in Japan nicht gefährlicher geworden, als sie es vorher gewesen ist." Die Lehre aus Japan dürfe nicht "die berühmte Rolle rückwärts sein", schreibt der Altkanzler. Die Atomkatastrophe dürfe Deutschland nicht lähmen und den Blick für die Wirklichkeit verstellen. "Die Wirklichkeit ist: Deutschland ist nicht Japan. Japan ist nicht Deutschland."

Damit setzt sich Kohl von Bundeskanzlerin Angela Merkel ab, die nach dem Atomunglück in Japan die erst kürzlich beschlossene Verlängerung der AKW-Laufzeiten vorübergehend auf Eis legte und einen schnelleren Ausstieg aus der Atomenergie nicht ausschloss und seitdem stets betont: "Die Geschehnisse in Japan, sie sind ein Einschnitt für die Welt." Auch Deutschland könne da "nicht einfach zur Tagesordnung übergehen".

Gleichwohl plädierte Kohl dafür, die hiesigen AKW "sicherheitshalber" noch einmal auf den Prüfstand zu stellen. "Zugleich müssen wir die schwierige Frage der Endlagerung endlich und zufriedenstellend lösen."

Überhasteter Ausstieg mache Welt gefährlicher

Ein überhasteter Ausstieg aus der Kernenergie wäre "eine gefährliche Sackgasse", schreibt Kohl weiter. "Wenn das Land, dessen Kernkraftwerke zu den sichersten der Welt gehören und dessen Ingenieurskunst in der ganzen Welt bewundert und geachtet wird, überhastet ausstiege, würde dies die Welt sogar gefährlicher machen." Denn: "Es ist ein folgenschwerer Irrtum anzunehmen, dass andere Länder uns folgen würden. Uns muss klar sein, dass, solange es keine glaubwürdige, wettbewerbsfähige und umweltschonende Alternative zur Kernenergie gibt, es auch keinen weltweiten Ausstieg aus der Kernenergie geben wird." Als Reaktion auf die Nuklearkatastrophe in Japan hatte Merkel vergangene Woche das vorläufige Abschalten von sieben Altmeilern in Deutschland für zunächst drei Monate verkündet.

Kohl warnt auch vor einer vorschnellen Festlegung auf bestimmte Energiequellen wie Wind und Sonne. Technologischer Fortschritt bedeute auch, dass vermeintlich "veraltete" Ressourcen in Zukunft ein "Hoffnungsträger" sein könnten. "Wir müssen viel stärker als bisher auf einen Energiemix setzen und Wege offenhalten. Wir sollten uns nicht vorschnell und endgültig aus bestimmten Energiequellen verabschieden, wie Gas und Kohle, oder uns auf bestimmte Energien festlegen, wie Wind und Sonne." Man müsse ergebnisoffen alle Möglichkeiten erforschen, schrieb Kohl.

"Je schneller wir Alternativen entwickeln und uns in der Energiefrage breit aufstellen, desto eher können wir aus der Kernenergie aussteigen - und dann auch weltweit Vorbild sein. Bis dahin aber bleibt es für Deutschland ohne Alternative beim konditionierten, aber klaren Ja zur Kernenergie."

swd/AFP/Reuters
 
 
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