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Behindertentransport klingt nach Viehtransport

"Arbeitslose" und "Alleinerziehende": Die Nationale Armutskonferenz will 23 diskriminierende Begriffe entsorgen. Ihre "Liste der sozialen Unwörter" ist jedoch nicht immer verständlich.

Von Nico Schmidt

  Schmeckt nicht jedem: Die "Liste der sozialen Unwörter"

Schmeckt nicht jedem: Die "Liste der sozialen Unwörter"

Diese Begriffe gehen uns leicht über die Lippen: "alleinerziehend", "arbeitslos" oder auch "Behindertentransport". Geht es jedoch nach der Nationalen Armutskonferenz (NAK), sollten diese Wörter bald verschwinden. Das Bündnis aus Wohlfahrtsverbänden und Deutschem Gewerkschaftsbund präsentiert in seiner "Liste der sozialen Unwörter" 23 Worte, die entsorgt werden sollen. Die Gesellschaft müsse sensibilisiert werden für Begriffe, die "Klischees reproduzieren". Die Liste kommt zum richtigen Zeitpunkt, der Kampf um die Sprache tobt.

Lexikalisch korrekt und menschlich falsch

Im vergangen Dezember trat Familienministerin #link;www.stern.de/thema/kristina-schroeder;Kristina Schröder# (CDU) eine Debatte über das Geschlecht Gottes los. "Der" Gott, könne auch "das" Gott heißen. Es hagelte daraufhin Kritik aus den eigenen Reihen. Und als der Oettinger-Verlag das Wort "Neger" aus seinen Kinderbüchern strich, ging es ebenfalls hoch her. "Pippi Langstrumpf" und "Die kleine Hexe" wurden politisch korrekt. Aus Zorn darüber schminkte sich Literaturkritiker Denis Scheck das Gesicht schwarz. Sein Rückgriff auf die rassistische Praxis des Blackfacing war der zweifelhafte Höhepunkt einer hitzigen Debatte.

Nun also die "Liste der sozialen Unwörter" - sie bedarf einer differenzierten Betrachtung. Dass sich Betroffene durch Begriffe wie "#link;www.stern.de/thema/herdpraemie;Herdprämie"# oder "Sozialschmarotzer" diskriminiert fühlen, ist leicht verständlich. Andere Streichkandidaten machen zunächst stutzig, etwa "Behindertentransport". Das Wort ist lexikalisch korrekt, doch Betroffene teilten dem NAK mit, es erinnere sie an Viehtransporte. "Objekte werden transportiert, Menschen befördert", heißt es in der Begründung. Auch die Kritik an dem Terminus "Menschen mit Migrationshintergrund" überrascht. Eigentlich ein politisch korrekter Ausdruck par excellence, jetzt ein Unwort. "Begriffe, die rein negativ besetzt sind, sollten wir vermeiden", so NAK-Sprecherin Michaela Hofmann. Das würde indes bedeuten, alle paar Jahre ein neues Wort für die gleiche Sache zu finden. Hier stößt das Projekt an seine Grenzen: Ein gesellschaftliches Grundgefühl überlebt sprachliche Moden. Und eine Alternative zu "Menschen mit Migrationshintergrund" hat die NAK auch nicht.

"Sprachkontrollwut bis ins Schlafzimmer"

Eine wissenschaftliche Untersuchung liegt der Liste nicht zu Grunde. Die "Unwörter" wurden von Sozialarbeitern, Pädagogen und Betroffenen vorgeschlagen. Eine Auswahl nach Relevanz oder Stichhaltigkeit erfolgte nicht. So wird zum Beispiel auch angeregt, die "Ehrenamtspauschale" durch die "Ehrenamtseinkommensteuerpauschale" zu ersetzen. Ein Wortungetüm, das direkt wieder vergessen werden sollte. Die Kritik am Wort "Alleinerziehende" führte auch innerhalb der Armutskonferenz für Irritationen. "Bisher dachte ich, es würde vor allem mit Stärke und Durchsetzungsvermögen assoziiert", sagt Thomas Beyer, Mitglied des NAK-Sprecherkreises. Er wird nicht der Einzige sein. Die Auswahl lässt sich nicht immer nachvollziehen. Das schadet der Kritik dort, wo sie berechtigt ist.

Die Resonanz ist groß. Überregionale Zeitungen berichteten, der Mitteldeutsche Rundfunk startete eine eigene Umfrage und auf der NAK-Geschäftsstelle gingen viele Mails ein. Die meisten sind frei von inhaltlicher Kritik. Aber: Ein Verfasser fragte Michaela Hofmann, ob sie ihn mit ihrer Sprachkontrollwut bis ins Schlafzimmer verfolgen wolle. Sie sei erschreckt über die Reaktionen, sagte Hofmann, sie wollte mit der Liste "eine sachliche Diskussion anregen, auch intern". Denn wenn die Armutskonferenz Spenden sammelt, greift sie selbst regelmäßig auf "soziale Unwörter" zurückgegriffen. Zum Beispiel auf das Schlagwort von den "bildungsferne Schichten". Besser sei, denkt die NAK jetzt: "fern vom Bildungswesen".

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