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10. Juni 2008, 15:35 Uhr

Kampf bis in die Spitzen

Die ehemalige Juso-Vorsitzende Andrea Nahles hat in ihrer Partei viel zu sagen. Kanzlerin Angela Merkel sieht in ihr deswegen längst die wahre SPD-Chefin - und kürte sie zur neuen Gegnerin. Bei Merkel kam erst das neue Styling, dann der Sprung ins Amt. Andrea Nahles war jetzt auch beim Friseur. Von Ulrike Posche

Einen "innenpolitischen Haubentaucher" hat Andrea Nahles die Kanzlerin einmal genannt. Die sei "gut im Job", sagt sie heute, "aber ohne Überzeugungen"© Müller-Stauffenberg/Imago

Wenn wir in einer perfekten Welt leben würden, dann wäre Andrea Nahles natürlich längst Chefin der SPD. Tun wir aber nicht. Auch nach dem vergangenen Wochenende heißt deren Vorsitzender immer noch Kurt Beck. Sie ist nur seine Stellvertreterin. Und jetzt sind auch noch die Koffer weg. "Sch…", simst sie vom Kölner Flughafen, "heute nur Pech."

Noch vor Monaten, noch vor dieser politisch turbulenten Woche mit Gesine Schwan am Montag, dem Fernsehtalk am Mittwoch und den Umfragewerten am Freitag; noch vor jenem Tag, an dem die Bundeskanzlerin sie, Andrea Nahles, mit einem einzigen Nebensatz zur ebenbürtigen Gegnerin für anstehende Wahlkämpfe erhob, da hätte Nahles mit zwei schnellen Daumen noch "Scheiße" getippt. "Scheiße, Gepäck ist auch noch weg." Die Unterlagen für den Zukunftskongress, die Klamotten, alles. Doch heute ist sie feiner im Ton.

"Manchmal weiß man gar nicht mehr, wen man morgens anrufen soll", hatte die Kanzlerin gesagt, "den Übergangsvorstand oder gleich Frau Nahles?" Die Stellvertreterin Kurt Becks auf Erden ist danach binnen einer Woche und mithilfe von Zeitungen und Talkshows in eine Position geschossen worden, von der aus alles möglich scheint. Und zwar allen. Fraktionsvorsitzende könnte sie werden, SPD-Chefin, Kanzlerkandidatin. Sie war schon lange mächtig in der sozialdemokratischen Partei zugange, aber erst jetzt haben das alle akzeptiert. Sogar manch konservativer "Netzwerker" und Schatzmeisterin Barbara Hendricks von den noch konservativeren "Seeheimern" sind auf einmal Fans der Vorzeige-Linken Nahles. Und die Kanzlerin irgendwie auch.

Nahles lacht aus vollen Backen

Eigentlich sei das doch alles zum Totlachen, erklärt Nahles und lacht sich tot. Unecht lachen konnte sie nie. Sie lacht auch nicht so verschmitzt und uckermärkisch wie Angela Merkel. Bei Nahles kommt das Lachen brachial aus vollen Backen, wie beim Ex-Kanzler aus Hannover. Es ist offen und manchmal verräterisch. Viele Parteifreunde haben ihr bis heute nicht verziehen, wie sie vor dreizehn Jahren auf dem Mannheimer Parteitag über den Sturz des Pfälzers Rudolf Scharping jubelte. Noch einmal wird sie keinen Parteivorsitzenden killen, der aus demselben Landesverband kommt wie sie selbst. Also wird sie, wenn die Schussfahrt der SPD gen Tal nicht aufhört, warten müssen, bis Kurt Beck sein Amt möglicherweise selbst niederlegt. Für einen Versöhner, einen, der die Flügel nach innen zusammenhält und draußen den Schnabel aufreißt. Für einen Übergangsmann möglicherweise. Für Franz Müntefering vielleicht. Und dann, so spekulieren die Unerschütterlichen, wenn der es bis zur Wahl geschafft habe, komme die andere zum Zug, die Andrea. "Ich werde für solche Planspielchen doch nur benutzt, um Kurt Beck zu schaden", erklärt sie tapfer, "das durchschaut doch jeder!" Was soll sie auch sonst sagen.

Eigentlich wollte sie von Köln aus mit dem Zug nach Frankfurt und dann nach Nürnberg fliegen. Durch die Koffersache kam alles anders. So sitzt sie nun in der Limousine eines Chauffeurdienstes. Gerade ist der Fahrer auf die A3 Richtung Nürnberg gebogen, es donnert und blitzt, der Himmel ist schwarz. Ein strammer Arbeitstag liegt hinter Andrea Nahles. Sie hat mit dem CDU-Kollegen Ralf Brauksiepe ein Lehrstellen-Gesetz auf den Weg gebracht, sie hat im Plenum gesessen. Sie hat drei Dutzend Interviews zu Kurt Beck und der Lage in der SPD gegeben und mit dem Gesundheitsexperten Karl Lauterbach zu Mittag gegessen, was auch kein uneingeschränktes Vergnügen ist, obwohl sie mit dem gut kann, seit beide gegen Ulla Schmidts Gesundheitsfonds stimmten. Lauterbach isst kein Salz. Nie! Und da komme sie sich immer vor wie in der Filmkomödie "Harry und Sally", wenn Lauterbach wie Sally Albright alles auf Extratellern bestellt, den Salat, das Dressing und den Fisch. Schrecklich, wenn einer nie genießen kann!

Vier Stunden Nachtfahrt liegen nun vor ihr, ein Päckchen Capri-Sonne, ein Wasser, eine Tüte Yoghurt-Gums. Was für eine Woche! Mit Gesine Schwan aufgetrumpft, bei TV-Moderator Frank Plasberg gepunktet, ein Gesetz gemacht. Und das Allertollste sei, so erzählt Andrea Nahles, "dass auf einmal auch noch alle glauben, ich hätte abgenommen". Dabei macht das nur der neue blaue Anzug. René Lezard, 600 Schlappen. Den habe sie sich ausnahmsweise mal gegönnt. "Aber von wegen abgenommen: Größe 44, sage ich nur!" Und dann die neuen Haare. Merkels evangelischer Bob steht nun gegen Nahles' katholische Locken. Schoenbach-Design gegen Lezard-Konfektion. Der Mädchenkrieg hat begonnen. Andrea Merkel, Angela Nahles, schwarze Dame, rote Dame. Es ist auch ein Kampf der Frisuren.

Auch bei Merkel fing es mit den Haaren an

Vielleicht wird man eines Tages sagen, dass ohnehin alles mit den neuen Haaren zusammenhing. Als Angela Merkel nämlich - ebenfalls mit 37 Jahren - stellvertretende CDU-Vorsitzende wurde, begann auch sie, sich für ihren Kopf zu interessieren. Sie erledigte mit einem Befreiungsschlag sowohl den Partei- wie auch den Ehrenvorsitzenden. Verdrängte Wolfgang Schäuble und Helmut Kohl. Sie stellte alle männlichen Aufstiegsaspiranten in den Senkel und erwarb sich den in ihren Kreisen durchaus ehrenvollen Ruf, eine eiskalte Machtpolitikerin zu sein. Irgendwann kam dann Friseur Walz ins Spiel, und Merkel wurde Bundeskanzlerin.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 24/2008

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KOMMENTARE (1 von 1)
 
utospatz (15.06.2008, 18:15 Uhr)
Ob jemals Sie die Chefin wird?
Es wird wohl so sein, dass selbst der Dümmste irrt!
Denn die SPD, und das tut weh, hat abgewirtschaftet bis zum letzten Zeh!
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