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7. August 2008, 14:42 Uhr

Sündenfall, die zweite

Es scheint, als würde sie sich trauen. Weil Hessens SPD-Chefin Andrea Ypsilanti unbedingt regieren will, bereitet sie nun den Boden für eine Allianz mit der Linkspartei, für einen zweiten Anlauf. Nun will sie sich mit den Linken treffen. Auf dem Spiel steht Ypsilantis politische Existenz. Von Tobias Betz

Die Vorsitzende der hessischen SPD, Andrea Ypsilanti, will sich mit Vertretern der Linken treffen© Bernd Kammerer/AP

Manchmal muss man es eben erneut versuchen. Manchmal muss man eben einen zweiten Anlauf wagen. Und wenn es um den Griff zur Macht geht, ist die Verlockung wohl besonders groß. Das dachte sich vielleicht auch die hessische SPD-Vorsitzende Andrea Ypsilanti, die Anfang des Jahres schon kurz davor stand, nächste Ministerpräsidentin in Hessen zu werden. Doch dann stellte sich die Abgeordnete Dagmar Metzger, SPD, quer und vereitelte ihren Plan, sich mit Hilfe der Linkspartei ins Amt wählen zu lassen. Ypsilanti verzichtete auf die Kandidatur, ihr Rivale Roland Koch konnte als geschäftsführender Ministerpräsident weitermachen. Seitdem befindet sich Hessen im politischen Schwebezustand: Einer CDU-Minderheitsregierung ohne politisches Mandat steht eine oppositionelle Mehrheit gegenüber, die nicht zur Regierung zusammenfindet.

Die Hessen-SPD achtet auf die Genossen in Bayern

Jetzt folgt der zweite Anlauf. Sündenfall, die zweite. Andrea Ypsilanti will sich demnächst mit Vertretern der Linken treffen. Der Termin ist zwar noch offen, doch schon hagelt es Kritik an ihrem Sololauf, auch aus der eigenen Partei. Denn Ypsilanti hat ein Glaubwürdigkeitsproblem. Vor der Wahl hatte sie Stein und Bein geschworen, niemals mit der Linken zu paktieren. Und Berlin fürchtet, Hessen könnte als Dammbruch zu Linkspartei auch im Bund verstanden werden. Am Donnerstag ruderte Ypsilanti nun erst einmal zurück, wohl auch um Zeit zu gewinnen. Presseberichten zufolge soll die Entscheidung über ein Linksbündnis auf die Zeit nach der bayerischen Landtagswahl verschoben werden. Der Vorstand des Landesverbandes werde am kommenden Mittwoch darüber beraten, sagte SPD-Sprecher Frank Steibli in Wiesbaden. "Es ist aber noch keine Entscheidung in die eine oder in die andere Richtung gefallen." Der Parteitag der Hessen-SPD, der eine Richtungsentscheidung über eine Zusammenarbeit mit der Linken treffen soll, war eigentlich für den 13. September vorgesehen. Als möglicher neuer Termin ist laut Presseberichten der 4. Oktober im Gespräch.

Mit den Linken möchte man sich unabhängig von diesem Termin zusammensetzen. Auch hier ist das Datum noch unbekannt. Offiziell soll es bei diesem Tête-à-Tête lediglich um einen Meinungsaustausch gehen, eine Zwischenbilanz nach den ersten Monaten Landtagsarbeit gehen. Das Treffen sei keineswegs als "Auftakt zur Regierungsbildung" zu verstehen, versicherte ein Sprecher Ypsilantis. Doch von vielen wird erwartet, dass Ypsilanti mit den Linken über Details einer Zusammenarbeit sprechen wird. Ypsilanti braucht die Linken, wenn sie regieren will. Denn für eine Koalition von SPD und Grünen fehlt die nötige Mehrheit im hessischen Landtag.

Furcht vor einem zweiten "Hamburg"

Die Aufregung über das geplante Gespräch und eine Kandidatur Ypsilantis hat vor allem mit der bayerischen Landtagswahl zu tun. In Bayern erinnert man sich an das, was dem SPD-Landesverband in Hamburg widerfahren ist. Im Frühjahr platzte Ypsilantis Annäherung an die Linke wie eine Bombe in den Hamburger Landtagswahlkampf. Die Debatte über einen möglichen Linksschwenk der SPD in Hessen schwappte über die Landesgrenzen, brachte den SPD-Vorsitzenden Kurt Beck in Erklärungsnot und brach dann mit voller Wucht ein über die Genossen in Hamburg. Ypsilanti dürfte so der Hamburger SPD wichtige Wählerstimmen gekostet haben. Nach der Niederlage schäumte deren Spitzenkandidat Michael Naumann vor Wut.

In sieben Wochen wählen die Wähler in Bayern einen neuen Landtag. Und dort könnte sich das Spiel wiederholen: Ypsilanti driftet nach links, Beck gerät in Not, und die SPD verliert eine Wahl. Deshalb mehren sich jetzt die Stimmen aus der Partei, um Ypsilanti doch noch einzufangen. Ein Treffen sei in Ordnung, wenn es nicht konkret um ein Bündnis gehe, sagte Michael Müller, SPD, Staatssekretär im Bundesumweltministerium der "Berliner Zeitung". Man habe in der SPD vereinbart, dass eine Entscheidung darüber mit allen Parteigremien besprochen werden müsste. Auch der Bundestagsabgeordnete Ditmar Staffelt, SPD, und der niedersächsische SPD-Vorsitzende Garrelt Duin kritisierten Ypsilanti. In der SPD-Spitze in Berlin zeigt man sich ohnehin nicht erfreut über Ypsilantis erneuten Versuch, Ministerpräsidentin mit Hilfe der Linken zu werden. Nur: Die Führung um Beck hatte sich vor Monaten selbst die Hände gebunden, indem sie eine Kooperation mit Oskar Lafontaines Partei im Bund zwar ausschloss, aber den SPD-Landesverbänden ausdrücklich freie Hand ließ.

"Es wird ihr Untergang"

Der Fall Ypsilanti verschafft sogar einer prominenten Stimme aus der Vergangenheit wieder mediales Gehör. Der ehemalige SPD-Chef und Verteidigungsminister Rudolf Scharping rügte Ypsilanti ebenfalls. Die SPD dürfe "nicht einer Partei von Linkspopulisten hinterher rennen, die Wähler beschwindeln, anstatt die Wahrheit zu sagen", schrieb Scharping in einem Gastbeitrag für die "Bild"-Zeitung. Notfalls müsse SPD-Chef Kurt Beck ein Machtwort sprechen. "Alleingänge von Landesverbänden in national entscheidenden Fragen kann die Parteiführung nicht dulden", so Scharping.

Die CDU rechnet trotz der mahnenden Worte der SPD mit einer Kandidatur Ypsilantis zur Ministerpräsidentin. Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung, CDU, geht davon aus, dass sich "Andrea Ypsilanti erneut in dieses politische Abenteuer stürzen werde." Der "Bild"-Zeitung sagte er weiter: "Und ich bin sicher: Es wird ihr Untergang." Die hessische CDU bezeichnete die mögliche Verschiebung des Parteitags als "neuen Höhepunkt im widerwärtigen Täuschungsmanöver von Frau Tricksilanti". Dies sei ein durchsichtiger Versuch, "auch den Wählern in Bayern Sand in die Augen zu streuen."

Bei einer Neuwahl würde die SPD wohl deutlich verlieren

Ypsilanti scheint nun zumindest eingesehen zu haben, dass sie zumindest Rücksicht auf die Bayern nehmen muss. Aber dennoch muss sich erst erweisen, was die Verschiebung des Parteitags letztendlich bedeutet: Ist das ein kluger Schachzug oder nur ein durchsichtiges politisches Manöver. Doch eines ist klar: Trotz der erneuten Diskussion wird Ypsilanti einen erneuten Anlauf wagen. Vielleicht auch müssen. Denn es könnte ihre letzte Chance sein - bei einer Neuwahl würde die SPD wohl deutlich verlieren. In aktuellen Umfragen liegt die SPD in Hessen nur noch bei 27 Prozent, bei den Landtagswahlen im Januar kam sie noch auf 36,7 Prozent.

Roland Koch wäre zum jetzigen Zeitpunkt der Nutznießer von einem erneuten Urnengang, und würde dann wohl auch wieder eine regierungsfähige Mehrheit im hessischen Landtag zu erringen. Ypsilantis Hoffnung liegt darin, dass die Diskussionen um Hessen nicht wieder über die Landesgrenze schwappen, und die ganze Republik beschäftigen. Doch im politischen Sommerloch sind Themen rar. Eine starrsinnige Ypsilanti ist da jederzeit für eine Schlagzeile gut.

Korrektur: In einer ersten Fassung des Artikels hieß es: Die Entscheidung über ein Linksbündnis soll auf die Zeit nach der bayerischen Landtagswahl verschoben werden, erklärte der SPD-Sprecher Frank Steibli in Wiesbaden. Frank Steibli hatte jedoch nur erklärt, dass der Vorstand des Landesverbandes am kommenden Mittwoch darüber beraten werde.

Roland Koch wäre zum jetzigen Zeitpunkt der Nutznießer von einem erneuten Urnengang, und würde dann wohl auch wieder eine regierungsfähige Mehrheit im hessischen Landtag zu erringen. Ypsilantis Hoffnung liegt darin, dass die Diskussionen um Hessen nicht wieder über die Landesgrenze schwappen, und die ganze Republik beschäftigen. Doch im politischen Sommerloch sind Themen rar. Eine starrsinnige Ypsilanti ist da jederzeit für eine Schlagzeile gut.

Korrektur: In einer ersten Fassung des Artikels hieß es: Die Entscheidung über ein Linksbündnis soll auf die Zeit nach der bayerischen Landtagswahl verschoben werden, erklärte der SPD-Sprecher Frank Steibli in Wiesbaden. Frank Steibli hatte jedoch nur erklärt, dass der Vorstand des Landesverbandes am kommenden Mittwoch darüber beraten werde.

Programm des Parteitags Montag
Tagesthema: "Eine Nation"
Hauptrednerin: Michelle Obama
Weitere Redner: Ted Kennedy und Nancy Pelosi

Dienstag
Tagesthema: "Die Erneuerung der amerikanischen Verheißung"
Hauptrednerin: Hillary Clinton
Grundsatzrede: Mark Warner

Mittwoch
Tagesthema: "Amerikas Zukunft sichern"
Hauptredner: Joe Biden, Vizepräsidentschaftskandidat
Weiterer Redner: Bill Clinton
Wahl des Präsidentschaftskandidaten"

Donnerstag
Tagesthema: "Wandel, an den wir glauben können"
Hauptredner: Barack Obama
Weiterer Redner: Al Gore

mit DPA
 
 
KOMMENTARE (10 von 41)
 
nightmare_online (08.08.2008, 16:33 Uhr)
Hmm?
Was mich mehr interessieren würde ist die Antwort auf die Frage was sich denn in den letzten Wochen geändert hat. Ist Frau Metzger nun bereit, eine entsprechende Regierung mitzutragen?
Wie kann Frau Ypsilanti sicher sein das nicht noch mehr Leute - nach Vorbild Schleswig-Holstein - bei einer Wahl nicht für sie stimmen? Der ganze Vorgang ist äusserst seltsam.
Gernspieler (08.08.2008, 14:27 Uhr)
Neuwahl steht nicht an!
Völlig uninteressant ist, wie viele Wähler eine Partei Monate nach einer Wahl bekommen würde. Eine Legislaturperiode wird 4 oder 5 Jahre mit der Zusammensetzung durchgezogen, wie sie von der Wählern am Wahltermin bestimmt worden ist. Man kann doch nicht dauernd wählen lassen, bis einem das Ergebnis passt.
Und wenn Roland Koch Andrea Ypsilanti "Egoismus" vorhält, möchte ich ihn fragen, was ihn denn an der Macht hält. Natürlich kein Egoismus.
keinheiliger (08.08.2008, 12:49 Uhr)
Liebe Admins,
darf ich fragen warum sie meine kurze Betrachtung ueber den eigentlichen Suendenfall aus dem Programm genommen haben? Ziel verfehlt? Ts,Ts,Ts...?
@wilko0070. Danke fuer den Hinweis, ich bin, wahrscheinlich genau wie sie, der Meinung dass diese Panikmache mit der Verschuldung nur den braven, deutschen Michel bei der Stange halten soll. Schauen sie sich mal die amerikanischen Zahlen an und die wollen.... ach, das lass ich jetzt. MfG
wilko0070 (08.08.2008, 11:23 Uhr)
@keinheiliger - Staatsverschuldung
Beim Thema "Staatsverschuldung" herrscht leider bei den meisten Bürgern totale Ahnungslosigkeit vor, die zusätzlich von einigen Medien zur Panikmache genutzt wird, deshalb mal eine kleine Anmerkung zur Aufklärung.
Die derzeitige Staatsverschuldung von 1,493 Billionen EUR klingt auf dem ersten Blick gigantisch, sie macht allerdings nur einen Sinn, wenn man sie im Vergleich zum BIP betrachtet. Dann beträgt die Schuldenquote (Gesamtverschuldung / BIP) zurzeit 62,1%:
http://www.bundesfinanzministerium.de/nn_4316/DE/Wirtschaft__und__Verwaltung/Finanz__und__Wirtschaftspolitik/Oeffentlicher__Gesamthaushalt/0508311a4001.html?__nnn=true
Sie lag übrigens 2005 schon höher (64,5%) und ist trotz Neuverschuldung gesunken, da das BIP wesentlich schneller (rd. 1,5%/Jahr) als die Neuverschuldung wächst.
=> Der Staat kann also (im Gegensatz zu einem gewöhnlichen Wirtschaftsobjekt) Schulden machen und trotzdem seine Schuldenbilanz verbessern!
Die nächste Legende betrifft Schlagzeilen wie "Staatsverschuldung verletzt auf krasse Weise das Prinzip der Generationengerechtigkeit."
Wenn man sich anschaut, bei wem der Staat verschuldet ist (http://www.bundesbank.de/statistik/statistik_zeitreihen.php?lang=de&open=&func=list&tr=www_v27_mb08_01c), so sieht man, dass insbesondere die Banken mit dem Geld der Anleger die Staatsverschuldung finanzieren. Daneben sind es Lebensversicherungen, die die Beiträge der Versicherungsnehmer in Staatsanleihen anlegen. Aber auch Privatleute und Firmen erwerben Bundesschatzbriefe, kommunale Schuldverschreibungen und andere Wertpapiere, die der Staat ausgibt.
D. h., was hier von Generation zu Generation vererbt wird, sind also in Wahrheit keine Schulden, sondern Forderungen (!) seiner Bürger an den Staat, für die der Bürger Zinsen erhält.
PS: Die vor allem vom "Bund der Steuersparer" betriebene Panik (Schuldenuhr, Steuerzahlergedenktag etc.) wird verständlich, wenn man sich z. B. bei Wikipedia über die Zusammensetzung seiner Mitglieder informiert.
nightmare_online (08.08.2008, 09:31 Uhr)
@babylon
Es mag Sie überraschen, aber es hat in diesem Land doch tatsächlich auch schon vor Ypsilanti Politiker oder Parteien gegeben, die nach der Wahl nicht das gemacht haben, was sie vor der Wahl gesagt haben. Hört sich erstmal komisch an, ist aber so.
Könnte es also sein das die "heilige Empörung" die hier der eine oder andere vor sich her trägt vielleicht doch mehr dem in diesem Falle drohenden Machtverlust für den ach so anständigen Herrn Koch und die CDU geschuldet ist, als der Lüge von Frau Ypsilanti?
keinheiliger (08.08.2008, 08:44 Uhr)
sportmakler
Ich vergass, sie duerfen raten in welcher Partei er heute ist. Richtig.
C und so weiter. MfG
keinheiliger (08.08.2008, 08:27 Uhr)
sportmakler
Ich weiss, pro Kopf. In meinem Verwandtenkreis hat sich ein gieriger Onkel, strammer SEDler, mit Hilfe der Familie und Freunden, seine Aludollars versilbern lassen und besuchte uns alsbald mit einem nagelneuen 300 TD.
Baukloetze, aber wir habens ihm gegoennt. MfG
sportartmakler (08.08.2008, 08:02 Uhr)
@keinheiliger - nur mal am rande
umtausch 1 zu 1 war auf begrenzt auf , bin mir nicht ganz sicher, 10000M, danach wurde 1 zu 2 bzw. 1zu 4 getauscht. reich sind also die wenigsten geworden.
ganzbaf (08.08.2008, 00:16 Uhr)
Die Üppi...

spricht nur eine unbequeme Wahrheit aus:
Die Seeheim-PD und CDU bringens nicht, die Linke muß wieder ran...! ;-D
manesse (07.08.2008, 22:28 Uhr)
Die Barschel der SPD
Selbstverständlich ist es der Ypsilanti unverwehrt, sich von einer rot-rot-grünen Mehrheit im Landtag zur Ministerpräsidentin wählen zu lassen. Faktum bleibt trotzdem, dass sie gerade diese Mehrheit während des Wahlkampfs kategorisch und in mannigfachen Bekundungen ausgeschlossen hat. Um dies zu bekräftigen, legte die Dame wie in ihrem öffentlichen Auftreten, so in ihren Selbstbekenntnissen größten Wert auf ihre Ehrlichkeit und Authentizität, wie sie so schön sagte. Es handelte sich quasi um Ehrenerklärungen in eigener Sache, um sich als eine Politikerin zu empfehlen, die insbesondere mit der Linkspartei unter keinen Umständen gemeinsame Sache mache. Indem Ypsilanti bereit jetzt von ihren hehren Versprechungen abgerückt ist, wird deutlich, um wen es sich tatäschlich handelt: Um die Barschel der SPD!
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