HOME

Merkels geschickter Umgang mit Nichtwissen

Angela Merkel hat in der ARD-"Wahlarena" eine souveräne Performance hingelegt. Nicht zuletzt durch ihren geschickten Umgang mit Nichtwissen und politischen Reizthemen: Die Bundeskanzlerin präsentierte sich nahbar.  

Vier heikle Momente, die Angela Merkel geschickt für sich entschieden hat

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat in der ARD-"Wahlarena" gepunktet - auch, weil sie sich ungewohnt nahbar präsentiert hat

Die ARD hat zum vierten Mal zur "Wahlarena" geladen - und wer war bisher immer dabei? . Die Bundeskanzlerin hat sich dementsprechend unaufgeregt durch das sogenannte "Townhall"-Format gemerkelt: Souverän beantwortete die CDU-Parteivorsitzende und -Kanzlerkandidatin Fragen der 150 repräsentativ ausgewählten Bürger, trat mit den Zuschauern in den Dialog und punktete mit ihrer Faktenstärke in zahlreichen Themengebieten. Die Messlatte für SPD-Herausforderer Martin Schulz, der am kommenden Montag die "Wahlarena" betritt, liegt hoch. 

Auch oder vor allem, weil Angela Merkel selbst bei Nichtwissen oder heiklen Reizthemen eine gute Figur abgegeben hat. Denn die vermeintliche Hoffnung der Sozialdemokraten, Angela Merkel könnte im direkten Dialog durch ihre rhetorische Abgebrühtheit wichtige Sympathiepunkte einbüßen, zerstreute die Kanzlerin gekonnt durch ungewohnte Nahbarkeit. Um nicht zu sagen: geschickt.

"Ich bin extremer Fan von ihr"

Unter großem Applaus fragte eine 18-Jährige mit Downsyndrom, warum in  Spätabtreibungen von ungeborenen Kindern mit schweren Behinderungen erlaubt seien - neun von zehn Babys mit Downsyndrom würden abgetrieben, so die Fragestellerin.

"Wenn man sieht, was Sie für ein toller Mensch sind, dann hat sich die Arbeit gelohnt", sagte Merkel und spielte damit die Bemühungen der CDU an, gegen angebliche Widerstände eine Beratung betroffener Eltern zu realisieren, bevor diese eine solche Schwangerschaft tatsächlich beenden. "Merkel will ganz offensichtlich nicht wieder zu hören bekommen, dass sie zu unterkühlt reagiere", analysiert "Spiegel Online". Und so kündigte Merkel an, womöglich in der Kölner Caritas-Einrichtung der jungen Frau vorbeizuschauen. Die Kanzlerin präsentierte sich ungewohnt nahbar - überzeugte damit nicht nur das Publikum. "Ich bin extremer Fan von ihr", gestand die 18-Jährige im Anschluss.

Ehrlichkeit und Lob von Angela Merkel

Ein junger Krankenpfleger mahnte die gravierenden Missstände in der Pflege an ("Die Würde des Menschen wird tagtäglich tausendfach verletzt."), beklagte die unwürdigen Zustände auf seiner Station und wollte wissen, warum die Kanzlerin in ihrer zwölfjährigen Amtszeit nichts unternommen habe.

Statt politischer Worthülsen und abgedroschenen Phrasen entgegnete Angela Merkel dem Fragesteller mit Ehrlichkeit - was an und für sich in der Politik nicht gerade selbstverständlich ist. "Ich kann Ihnen nicht versprechen, das sage ich Ihnen ganz offen, dass zum Schluss alles nach bester Zufriedenheit ist", räumte Merkel ein. "Wir haben einen Riesen-Personalmangel. Das muss ich anerkennen und auch zugestehen. Und jetzt müssen wir werben." Auf einen längeren fachlichen Schlagabtausch - hier konnte Merkel erneut mit ihrer Faktenstärke punkten - folgte schließlich ein Lob der Kanzlerin: "Ich finde es toll, dass Sie als junger Mann diesen Beruf ergriffen haben." Auch, wenn "Sie jetzt ein bisschen wütend sind". Der 21-Jährige konnte sich daraufhin ein Lächeln abringen, wurde durch die Antwort aber nicht zufriedengestellt, wie er nach der Sendung gegenüber der Deutschen Presse-Agentur sagte. 

Ein authentischer Zug von der Bundeskanzlerin

Faktenstärke hin oder her: Angela Merkel wusste nicht auf jede Frage eine Antwort. Und das gab die Bundeskanzlerin offen zu. Zum Thema Tierversuche wusste die Kanzlerin schlicht nichts zu sagen, weil "im Regierungsprogramm in der Tat nicht viel" dazu stehe. Merkel machte noch ihren Punkt, in dem sie sich mit der Tierschützerin zum Austausch verabredete. "Sie wissen da viel mehr als ich.", sagte sie und bat, die Antwort nachreichen zu dürfen, "bevor ich hier irgendwas zusammenradebreche, was weder Sie noch mich befriedigt". Ein geschickter wie authentischer Zug der Kanzlerin: Sie präsentierte sich ehrlich, wollte kein gefährliches Halbwissen beziehungsweise eine halbgare Antwort abliefern - und lief so auch nicht Gefahr, die Fragestellerin zu verprellen.

Zwischen "Überfremdung" und "Ausgrenzung"

Die Ambivalenz zwischen Angela Merkels ungewohnter Nahbarkeit und der gewohnten Abgeklärtheit hat vor allem ein Themenkomplex illustriert: Die Angst vor Überfremdung eines Mannes aus dem thüringischen Apolda - und die Angst eines Studenten aus München mit Migrationshintergrund, in Zukunft noch häufiger mit Fremdenhass konfrontiert zu werden. 

Stark: Ihre Reaktion auf die Wortmeldung zur "Überfremdung" in Deutschland. Der Mann aus der Kreisstadt in Thüringen lobte die Wirtschaftspolitik Merkels, fragte dann aber, was die Kanzlerin in den kommenden Jahren gegen die "Überfremdung" durch "Asylanten" unternehmen wolle. Darüber hinaus habe er in einer Zeitung gelesen, dass viele Asylanten den Wehrdienst verweigern würden. "Hätten unsere Großeltern das 1945 gemacht, gäbe es Deutschland nicht mehr", sagte er. Aus dem Publikum drillten "Pfui"-Rufe, die Merkel allerdings mit einer beschwichtigenden Handbewegung abmahnte - sie wollte hören, was der Mann zu sagen hat ("Lasst ihn bitte ausreden."). Unter Applaus merkte sie an, dass Flüchtlinge ein Recht auf Schutz nach der Genfer Konvention hätten, der syrische Machthaber Assad ein Dikator sei, niemand in Deutschland nach der Flüchtlingskrise im Jahr 2015 nun weniger hätte und es sich niemand Sorgen machen müsse. Ihr deutlicher Appell zum Abschluss: "Haben Sie ein offenes Herz für Menschen, denen es viel schlechter geht."

Schwach: Ihre Reaktion auf die Sorge eines Studenten aus München, dessen Eltern aus dem Iran kommen, und der im Alltag mit Rassismus konfrontiert werde - zumal die AfD diesen nun salonfähig gemacht habe. "Meine Angst ist, dass dieser Hass noch mehr wächst", so der Student. Was sie dagegen tun wolle? Diese Antwort blieb Merkel schuldig. "Halten Sie dagegen, lassen Sie sich Ihren Schneid nicht abkaufen", rät die Bundeskanzlerin. "Diese Stereotypen, ja? Die Griechen können mit dem Geld nicht umgehen und die Deutschen sind geizig und die Italiener haben noch nie richtig im Süden arbeiten können. Das ist der Anfang von Rassismus", sagt Merkel. "Da müssen wir uns ganz gegen stellen und jeden Menschen irgendwie einzeln sehen." Das Publikum applaudiert. Ein klareres Statement gegen Rassismus und die AfD gab es von der Kanzlerin nicht zu hören. "Dann hatte sie aber doch noch eine gute Idee", meint die "Zeit": Der Mann aus Apolda und der Münchner könnten sich doch nach der Sendung einmal miteinander unterhalten. 

"Schon?", fragte Angela Merkel, als Moderatorin Sonia Mikich die letzte Frage ankündigte. Auch das klang nicht aufgesetzt. Die Bundeskanzlerin schien mit der Fragerunde zufrieden gewesen zu sein. Kein Wunder: Immerhin konnte sie auch heikle Themen gekonnt parieren. 

fs

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren