Mit der Wahl Horst Köhlers zum Bundespräsidenten hat die CDU-Vorsitzende Angela Merkel ihr Meisterstück abgeliefert. Der stern zeigt, mit welchen Menschen und Methoden sie sich erfolgreich durchsetzt.

Die Kanzlerkandidatur ist ihr nun sicher: Angela Merkel freut sich mit Edmund Stoiber (r.) über die Wahl Horst Köhlers© Wolfgang Rattay/DPA
Im Augenblick des Triumphs geht ihr Blick für zwei Sekunden hinüber zu den Stuhlreihen der SPD, wo der Kanzler griesgrämt. Na, siehste, scheint sie Gerhard Schröder stolz zu signalisieren, das ist der Anfang vom rot-grünen Ende: die Präsidentenwahl als Testlauf des Machtwechsels geglückt, die "bürgerliche Mehrheit" für Horst Köhler im ersten Anlauf geschafft, egal, wie elend knapp es war. Und mir, der Angela Merkel, ist die Kanzlerkandidatur nicht mehr zu nehmen.
Eine halbe Stunde, bevor das Ergebnis feststand, hatte sie siegesgewiss den Glückwunschstrauß für den Präsidenten unter ihrem Stuhl im Reichstag verstaut. Antje Vollmer, grüne Vizepräsidentin des Bundestages, war beeindruckt, wie die CDU-Vorsitzende Selbstvertrauen und Nervenstärke demonstrierte: "Die Herren in der CDU wissen jetzt, dass sie in den nächsten sechs Jahren nichts mehr zu sagen haben."
Was ist das Erfolgsgeheimnis dieser Frau, die die Männer in der Christenunion im Machtkampf ein ums andere Mal ausmanövriert? Wie tickt sie, die Präsidentenmacherin? Was macht die Frau so stark, dass sie nach nur einem guten Dutzend Jahren in der Politik auf die Frage, was der CDU ohne sie fehlen würde, lächelnd antwortet: "Ich!"?
Es sind vor allem die Männer, die sich mit den Frage- und Ausrufezeichen plagen. Wolfgang Schäuble hatte den Plenarsaal in der Stunde ihres Sieges längst verlassen, wohl weil er nicht auch noch applaudieren wollte, als ein anderer das Amt erreicht, das sein eigener Lebenstraum war. Auf der Ehrentribüne blickte ein mürrischer Richard von Weizsäcker auf den Freudentaumel von CDU/CSU und FDP. Der Altpräsident hatte am Abend zuvor gewohnt oberstaatslehrerhaft davor gewarnt, von "Machtwechsel" im Umfeld der Präsidentenwahl zu sprechen und über den angemessen überparteilichen Umgang mit einem Bundespräsidenten belehrt. Er war daraufhin von Angela Merkel respektlos abgefertigt worden: "Es bleibt uns unbenommen, dass wir weiter sagen dürfen, wie wir das alles verstehen." Das war die Retourkutsche dafür, dass er es ihr nach der geglückten Nominierung Köhlers gegen Schäuble schriftlich gegeben hatte, es handle sich um ein "Bubenstück aus Mädchenhand".
Über Merkel wisse er am wenigsten, eigentlich nichts, sagt Friedrich Merz, und diese Worte kommen mit einem anklagenden Unterton daher. Nach welchen politischen Koordinaten steuert sie - eher linken, eher rechten? Wie sieht ihre Lebensprägung aus - ostdeutsch oder inzwischen westdeutsch? Warum meidet sie allzu persönlichen Kontakt zu fast allen Parteifreunden und sucht ihn nur mit politischer Absicht?
Als Norbert Lammert in der Irak-Frage erkennen ließ, dass er gegen den Kriegskurs der USA ist, brachte sie den einflussreichen Chef der NRW-Landesgruppe im Bundestag bei einem stundenlangen Spaziergang auf Rügen an ihre Seite. Wird die Union 2006 stärkste Fraktion, dürfte Lammert mit dem begehrten Stuhl des Bundestagspräsidenten belohnt werden. Volker Kauder arbeitete 2002 offen für die Kanzlerkandidatur Edmund Stoibers. Sie machte ihn dennoch zum Ersten Parlamentarischen Geschäftsführer, weil ihm die starke baden-württembergische Landesgruppe im Bundestag bei Fuß geht. Da denkt Merkel schon an 2006: Ein Kanzleramtschef muss in der CDU/CSU-Fraktion gut verdrahtet sein.
Merz duzt sich mit ihr, das ist geblieben aus den Tagen der gemeinsamen Not, in die Helmut Kohls schwarze Kasse die CDU gestürzt hatte. Merz hatte sie damals als Erster für den Parteivorsitz vorgeschlagen. Heute sagt er von sich: "Ich habe auch ein Leben außerhalb der Politik." Soll heißen: Merkel nicht. "Wie sie wirklich tickt", sagt der Junge-Union-Vorsitzende Philipp Mißfelder, "das kann keiner so richtig einschätzen."
Die Weggefährten, mit denen sie nach der Wende in die westdeutsche Politik kam, erinnern sich abfällig: Wer ihrer Karriere nicht länger dienlich sei, den lasse sie kaltherzig zurück. Sie versteckt ihren Ehemann, macht ihn nur öffentlich beim gelegentlichen Opernbesuch. Nach gelungenen politischen Großkampftagen im Reichstag entspannt Schröder gern mit seiner Doris im "Borchardt" am Gendarmenmarkt. Merkel speist dort aus solchem Anlass lieber mit ihrer Büroleiterin Beate Baumann. Sie will partout nicht in gängige Politschablonen passen.