Bundeskanzlerin Angela Merkel im stern-Gespräch über Kriegsfurcht und Muslim-Proteste, Streiks der Müllmänner, Rente mit 67 - und ihren Plan für Arbeitnehmer: Gewinn- und Kapitalbeteiligungen.

Den Schreibtisch hat sie von Gerhard Schröder übernommen: Angela Merkel an ihrem Arbeitsplatz im Kanzleramt© Volker Hinz
Nein. Die Deutschen brauchen keine Angst zu haben. Wir leben ohne Zweifel in einer Phase neuer Konflikte, aber wir handeln ebenso entschlossen wie besonnen.
Regelmäßig. Wie mit allen wichtigen Partnern.
Sowohl entschlossen für die Werte, die uns selber wichtig sind, eintreten, als auch vom Dialog der Kulturen und Religionen nicht erst reden, wenn es Gewalt gibt. Wir müssen uns darum ernsthaft und langfristig bemühen. Wir müssen lernen, unsere Anschauungen und Gefühle wechselseitig zu respektieren und gemeinsame Werte zu entwickeln. Es ist ein dickes Brett, das wir zu bohren haben. Klar ist dabei, dass Gewalt als Mittel der Auseinandersetzung inakzeptabel ist.

Sachlich und ihre Worte "stets wägend": die Kanzlerin beim Gespräch am Konferenztisch in ihrem Büro© Volker Hinz
Ich finde es sehr ermutigend, dass die Muslime in Deutschland zu Gewaltfreiheit aufrufen. Und dass sie sich jetzt zu einem Dachverband zusammengeschlossen haben. Ich werde dessen Spitzenvertreter zu einem Gespräch einladen. Ich begrüße aber auch, dass die christlichen Kirchen verstärkt den Dialog suchen. Es ist mir besonders wichtig, dass wir zu Differenzierungen fähig bleiben.
Wir haben im Kabinett eingehend über diese Fragen diskutiert. Der Außenminister und die Entwicklungshilfeministerin haben überzeugend deutlich gemacht, dass es die Falschen träfe, wenn wir jetzt einfach Entwicklungshilfe streichen würden. Besonders die Zusammenarbeit mit Nichtregierungsorganisationen muss fortgesetzt werden. Ich halte nichts davon, jetzt irgendwelche Boykotte auszurufen. Gleichzeitig halte ich es aber auch für falsch und unangebracht, ängstlich zu sein. Ich trete vielmehr selbstbewusst für die Respektierung unserer Werte und Interessen ein. Wir verschaffen uns keine Achtung in anderen Kulturkreisen, wenn in Supermärkten von europäischen Firmen beispielsweise darauf hingewiesen wird, dass in europäischen Lebensmitteln keine dänischen Produkte sind.
Ich habe mit dem dänischen Ministerpräsidenten telefoniert, der sich für unsere Unterstützung bedankt hat. Wir sollten uns das iranische Vorgehen in der Handelsfrage, zu der es bisher nur Ankündigungen gibt, in der EU genau anschauen und bewerten. Genau das tun wir.
Ich sehe natürlich echte Chancen für eine Verhandlungslösung. Es gibt eine Vielzahl von Anstrengungen, mit denen versucht wird, etwas zu erreichen. Dazu zählen auch die Gespräche über eine Uran- anreicherung für den Iran in Russland. Die Resolution der Internationalen Atomenergie-Agentur war ein großer Erfolg der Diplomatie. Daran haben nicht nur Europa, die USA und Russland mitgewirkt, sondern auch China, Indien, Brasilien und viele andere Länder. Es sind längst noch nicht alle Spielräume ausgereizt. Wir sollten Schritt für Schritt vorgehen. Der Iran muss erkennen, dass er sich mit seinem Vorgehen innerhalb der internationalen Staatengemeinschaft isoliert und nichts davon hat.
Ich denke nicht in der Kategorie "Kriegspartei". Alle politisch Verantwortlichen in Deutschland wissen um die Verantwortung, an der Seite Israels zu stehen. Weil wir uns darauf einstellen, dass der Iran sich um die Nuklearkraft auch für mili-tärische Zwecke bemüht, geht die Welt- gemeinschaft den jetzt eingeschlagenen Weg der Diplomatie.
Ja.
Nein. Die iranische Gesellschaft ist vielfältig.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 8/2006