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23. September 2005, 15:37 Uhr

Die einsame Frau Merkel

Sie hatte alles kalkuliert, jeden vermessen. Und doch wurde niemand von dem Debakel der Union so überrascht wie Angela Merkel selbst. Was ist da passiert?

Für immer eine Fremde: CDU-Chefin Angela Merkel© Marcus Brandt/DDP

Jeden Tag, wenn sich Angela Merkel über ihre Akten beugt, sieht sie das silbern gerahmte Bild auf ihrem Schreibtisch. Es zeigt Katharina die Große, die russische Zarin, die vor über zwei Jahrhunderten ihren Mann von russischen Gardeoffizieren stürzen ließ. Weil sie sich so sehr nach der Macht sehnte. Weil sie das Land im Geiste der Aufklärung reformieren wollte. "Sie zeigt, dass schon andere Frauen in der Geschichte eine Rolle gespielt haben", hat Angela Merkel einmal gesagt und bescheiden gelächelt. Auch sie ist angetreten, um ihren Fingerabdruck in der Geschichte zu hinterlassen. Möglichst tief. Sie ist nicht gewohnt, Mittelmaß zu sein - geschweige denn zu scheitern.

Diese Frau. Diese Ostlerin. Diese Physikerin der Politik. Diese für immer Fremde, die von ihrer Partei als "ihrer Truppe" sprach und eigentlich doch nie in deren Mitte stand. Diese kühle Jägerin, die stets geduldig lauerte auf das nächste Ziel in ihrem Visier. So viele hat sie in den vergangenen Jahren erledigt, Helmut Kohl, Wolfgang Schäuble, Friedrich Merz und andere mehr. Jetzt aber, am frühen Nachmittag des vergangenen Sonntags, ahnt sie: Sie hat das größte Tier ihrer Laufbahn verfehlt. Sie ist an Gerhard Schröder gescheitert, und der steht da und lacht sie aus. Selbst wenn sie am Ende noch ins Kanzleramt einziehen könnte - sie trägt den Makel der Verwundung. Für immer.

Man kann sich Niederlagen schönrechnen. Im Fall von Angela Merkel geht das so: 450 000 Stimmen Vorsprung vor der SPD, zusammen mit der FDP 1,2 Millionen Stimmen mehr als Rot-Grün. Es lässt sich allerdings auch sagen: Das Merkel-Ergebnis (35,2 Prozent) war das drittschlechteste in der Geschichte der Union, nur minimal besser als die 35,1 Prozent, mit denen Helmut Kohl 1998 in Pension geschickt wurde und 3,3 Prozentpunkte schlechter als Edmund Stoiber vor drei Jahren. Das ist kein Mandat für Reform und Veränderung, sondern allenfalls ein matter Sieg mit dem strengen Geruch der Niederlage. Ihr Traum von der Koalition mit der FDP ist Geschichte. Angela Merkel hat einen sicher geglaubten Wahlsieg dramatisch vergeigt.

Nur eine glanzvolle Kanzlerschaft könnte dieses Desaster vergessen machen. Wie aber soll das glücken in einer großen Koalition? Oder im Bündnis mit FDP und Grünen, wo der Kanzler vor allem Moderator sein muss? Schon ist in der Union von der "monumentalen Einsamkeit" der Vorsitzenden die Rede.

Es ist noch nicht lange her, es war drei Wochen vor der Wahl, da saß diese Vorsitzende auf der Plüschbank im Wahlkampfbus und wurde gefragt, ob sie sich großartig fühle, wenn sie im Flugzeug durchs Land schwebe und daran denke, dass sie bald Kanzlerin wird. "Nee", hat sie gesagt, "nee, übers Land schweben, das klingt mir zu sehr nach Großfürst. Kanzler ist was anderes als Großfürst. Ich denke höchstens mal, wie schön das Land ist."

Zu diesem Zeitpunkt rufen die Fotografen schon seit Wochen "Frau Bundeskanzlerin" hinter ihr her, damit sie sich mit ihrem neuen Lächeln zu ihnen dreht. Und seit Monaten schon lächeln die Journalisten nachsichtig, wenn sie wieder einmal sagt: "Wir müssen vorsichtig sein. Die Wahl ist noch nicht entschieden."

Solche Sätze klingen lachhaft in diesem prächtigen Sommer der blühenden Hoffnung. Angela Merkel ist in den Kampf gezogen mit dem Schutzschild einer absoluten Mehrheit der Union. Jetzt kehrt sie aus der Schlacht zurück und ist vernichtend geschlagen. In drei Monaten 14 Prozent verloren. Kaputt.

Am Abend ihrer Niederlage steht Angela Merkel im schwarzen Anzug auf der Bühne. Rechts keilt sie Herr Stoiber ein. Der bayerische Ministerpräsident zieht seinen klingenschärfsten Mund. Links steht ihr Generalsekretär Volker Kauder und ist einfach stumm. Er kann ihr nicht mehr helfen. Er kann nur mit den Armen baumeln. Unten ruft die Menge "Angie, Angie". Was sollen sie auch rufen? Es ist doch nichts geblieben - nichts als dieser dumme, kleine Kosename und viele böse Vermutungen, die in den heißen Partyzelten wuchern und riesig werden, übermächtig.

"Wir wussten doch alle, dass die Kandidatin Probleme hat, die Menschen zu erreichen", wispert die Menge. Kandidatin. Probleme. "Ein Esel wird auch in Paris nicht zum Pferd", raunt die Menge. Esel. Nicht zum Pferd. Und Angela Merkel steht auf der Bühne und lächelt verzagt und sagt "Danke schön" und "Rot-Grün ist Geschichte". Sie winkt noch mal. Sie krampft die Hände. Sie muss hier weg. Sie kann das Mitleid nicht ertragen. Sie weiß, dass ihre Gegner sie schon immer für einen emotionalen Irrtum der Partei gehalten haben. Dass so viele der Angie-Rufer heucheln.

An diesem Abend in der CDU-Zentrale kommt es vielen so vor, als seien die Wähler Amok gelaufen gegen diese Frau. Doch die Wähler sind nicht Amok gelaufen. Sie haben reagiert auf die Verkettung von Unsicherheiten. Sie haben der Kandidatin nicht geglaubt. Sie haben ihr einfach nicht vertraut. Sie haben sie nicht akzeptiert. Selbst Joachim Sauer, ihr Ehemann, klatscht nur matt in die Hände, als sie sagt: "Ich werde den Regierungsauftrag mit aller Macht annehmen." Ihre Augen liegen tief. Herr Stoiber ergänzt: "Wir werden sehen, ob wir eine stabile Mehrheit unter Frau Merkel zustande bringen." Sie weiß, was das heißt. Man kann es ja mal versuchen. Sie weiß, dass es weitergeht mit einem "Wenn nicht, dann...". Ihre Augen liegen tiefer.

Dabei hat sie sich in den vergangenen Wochen so viel Mühe gegeben mit diesen ängstlichen Menschen, die sie auf all den Marktplätzen traf. "Ich bin gekommen, um Ihre Fragen zu beantworten", hat sie mit milder Stimme gesagt. Oder: "Ich will heute mit Ihnen über meine Ideen reden." Dazu hat sie immer gelächelt, und die Menschen haben freudig genickt. Ja, sie hatten viele Fragen. Ja, sie wollten auch gerne darüber reden. Doch dann hat Angela Merkel ihre Uhr auf das Pult gelegt und begonnen - und die Menschen haben sich so fremd gefühlt.

Weil es nicht stimmte, dass Frau Merkel nur mal reden wollte. Weil sie immer einen Vortrag hielt. Weil sie die Probleme dieses Landes so merkwürdig kalt sezierte in ihrer streng physikalischen Art. Sie hat so viele Zahlen genannt. Hat vorgerechnet, dass es der Krankenschwester besser geht, wenn die Lohnnebenkosten sinken. Hat erklärt, dass die höhere Mehrwertsteuer die Rentner nicht viel kosten wird. Sie hat immer nur die vielen Zahlen doziert.

Doch Zahlen machen Menschen keinen Mut. Zahlen machen Angst. Und so haben sie still dagesessen und ein bisschen geklatscht und waren sehr erleichtert, wenn ihre Kandidatin endlich gegen islamistische Hassprediger polterte und irgendwann rief: "Wenn es nach mir geht, soll kein Kind in die Schule gehen, das kein Deutsch versteht!" Nur in diesen wenigen Momenten hat sich die CDU-Seele gestreichelt gefühlt - doch diese Momente waren zu flüchtig bei dieser kühlen, fremden Frau.

Einer der ersten der mächtigen CDU-Männer, die sich an dem Albtraum-Abend der Wahl öffentlich zu möglichen Konsequenzen äußern müssen, ist Dieter Althaus, der schmächtige Ministerpräsident von Thüringen. "Ist es denkbar, dass die Union einen anderen Kandidaten braucht?", fragt der Reporter, und Herr Althaus, immerhin ein Freund Merkels, guckt ein bisschen gequält und kämpft sich hilflos durch das Dickicht der vielen Gedanken. Schließlich sagt er leise: "Es ist noch zu früh, das zu diskutieren."

Zu früh. Noch. In der dramatischen Nacht der Wahl hat sich keiner der mächtigen Unionsmänner zum Mord an der Königin entschlossen. All die Kochs und Wulffs und Stoibers - sie müssen nicht. Sie haben jetzt erst einmal Zeit. "Wir sind noch mitten im Spiel, das ist der falsche Augenblick für Manöverkritik", versprachen sie sich in den Unionsgremien. Noch könne sie ja Kanzlerin werden. Wenn aber nicht, na dann!

Der Treueschwur, mit dem die elf Ministerpräsidenten der Union vor dem Wahlsonntag ihrer Kandidatin die politische Unterstützung zugesagt hatten, zählt wenig. Nächstenliebe ist in der Union seit jeher keine Wertekategorie des Führungspersonals. Schon gar nicht bei einer Frau, die ihnen einmal gesagt hat: "Ich bin nicht willens, so zu werden, dass ich den Leuten nicht mehr sage, was falsch läuft und was gut. Dafür bin ich nicht angetreten. Ich werde Ich bleiben."

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 39/2005

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