Zur mobilen Ansicht
Wechseln Sie für eine bessere Darstellung
auf die mobile Ansicht
Weiterlesen Mobile Ansicht
Startseite

Die Frau, die aus der Kälte kam

Die Chancen für Angela Merkel, erste deutsche Kanzlerin zu werden, sind groß. Die kühle Taktikerin muss von nun an auch ihre menschliche Seite zeigen. Aus dem Leben der 50-Jährigen.

Sie ist irgendwie anders gewesen an diesem Tag im vergangenen November. Sie hat im grellen Lichtkegel auf der Parteitagsbühne gestanden und von ihrer Großmutter gesprochen. Mit weicher Stimme in die dunkle CSU-Masse hinein. Hat erzählt, dass sie zum Tag der Deutschen Einheit den Tränenpalast an der Berliner Friedrichstraße besucht hat, diesen Palast der Tränen, der früher das graue Bollwerk der DDR-Grenzer war. Hat gesagt, dass ihre Eltern und sie immer die Großmutter dorthin brachten, wenn die wie jeden Sommer gekommen war und dann wieder nach Hamburg fuhr. Dass es für sie als Kind schwer war, unglaublich schwer, wenn sie sah, wie die Großmutter älter wurde und wie ihre Mutter Angst hatte, ob man sich je wiedersah. Leise Stimme, winziges Räuspern in diese dunkle CSU-Masse hinein. Später, draußen, in den hell erleuchteten Münchner Messehallen hat die Masse Weizenbier getrunken und geprostet und gelobt, dass das sehr rührend gewesen sei, diese Geschichte mit der Großmutter. Authentisch auch. Sie habe es endlich begriffen, hat die Masse gesagt, endlich gebe sie ein Stück Leben preis. Irgendwie ist sie an diesem Tag tatsächlich anders gewesen.

Anders, weil es bisher immer ein bisschen so wirkte, als sei sie geschichtslos vom Himmel gefallen: diese kühle Angela, die sich selbst am Abend des NRW-Triumphes öffentlich nicht mehr Emotionen gestattete als ein verschämtes Lächeln, das zwei-, dreimal über ihr Gesicht huschte. Anders, weil es so schwer ist, sich vorzustellen, dass die mächtige Frau Merkel als kleines Kind viel zu lang und faul im Laufstall hocken blieb. Dass die harte CDU-Vorsitzende, nun auf dem Sprung ins Kanzleramt, als junge Frau durch den Kaukasus trampte bis nach Tiflis und Baku. Anders, weil sie bis zu jenem Tag im November tunlichst vermied, ihre politischen Botschaften mit ihrem Leben zu verknüpfen. Manche in ihrer Umgebung sagen, sie verberge alles, ihren Mann, jeden privaten Kontakt, sie könne nicht einmal ohne Arg die Frage beantworten, wie es ihr heute gehe. Sie sei gefühlskalt und ohne Beziehung zu diesem Deutschland der Einheit, in dem sie doch nun schon seit 15 Jahren lebt. Manche sagen das. Es sind nicht einmal wenige.

Es ist merkwürdig, dass für nicht einmal wenige das Leben von Angela Merkel vor gerade 15 Jahren begonnen hat, obwohl sie doch im Juli den 51. Geburtstag feiern wird. So gerne hat sie in den vergangenen Jahren die Namen der alten CDU-Granden im Munde geführt - Ludwig Erhard und Konrad Adenauer und selbst Helmut Kohl. In manchen Reden scheint es, als flehe sie um westkonservative Wurzeln, um miefige, alte CDU-Tradition. Und doch, all das wird niemals das ihre werden. Adenauer und Erhard - sie sind Teil der einen deutschen Geschichte, nicht aber der von Angela Merkel. Sie kann nichts dafür. Sie hat nur die eine, die eigene, die Gerüche, die Geräusche ihrer Kindheit in der DDR - mit dem Fahrrad auf der Landstraße, der Ersatzkaffee-Kuchen von Nachbarin Hendrich, der staubige Sandboden, das Harz der Kiefern, russische Soldaten, Klatschmohn, Kunstpostkarten, die sie sammelte und ordnete.

Meistens ist Angela Dorothea Kasner, das evangelische Pastorenkind, eine brave Vorzeigetochter. Nur manchmal, da kann sie zickig werden. Wenn sie genervt ist von ihren jüngeren Geschwistern Marcus und Irene. Oder von ihrer Mutter Herlind. Klar, alle Mütter können nerven, aber ihre, die nervt total, wenn sie ihr die Aufgaben aufträgt, auf die sie selbst keine Lust hat, Petersilie holen im Garten etwa. Also motzt Angela. Zickig und laut. Das passiert aber wirklich nur manchmal.

Herr Donath, ihr Klassenlehrer, pflegt zu predigen: "Erfolg zu haben ist Pflicht" - und daran hält sich Angela Kasner. Immer schon. Fleißig, belesen, zurückhaltend, klug. In der achten Klasse hatte sie, die Einser-Schülerin mit dem Spitznamen Kasi, die Russisch-Olympiade gewonnen und war zur Belohnung mit dem Freundschaftszug in die Sowjetunion gefahren. Dort hatten die Mädchen im Minirock das Mahnmal der gefallenen Soldaten besucht, und die Babuschkas hatten hinter ihnen gestanden und geschimpft, nein, also so was, im Minirock, wie respektlos. Aber zu dieser Zeit regten sich überall auf der Welt die Großmütter über zu kurze Röcke auf, in Moskau wie in Washington. 1969 war nun mal die Zeit der Oma-Schocker. Das war normal.

Manchen ihrer Mitschüler kommt die Kasi trotzdem nicht ganz normal vor. Manchen ist sie sogar richtig unheimlich. Weil über ihre Siege bei den Olympiaden in Mathematik und Russisch schon in den Zeitungen zu lesen war. Weil ihr Vater Horst als Pastor im Prediger-Seminar unterrichtet und stets streng gebildete Autorität verströmt. Weil sie meist Kleider aus dem Westen trägt und manchmal ins Theater fährt und auf dem abgelegenen Waldhof wohnt, auf dem auch geistig Behinderte leben. Das alles zusammengenommen ist für manche Mitschüler unheimlich - anders eben.

Im Templin der 60er Jahre, einem ostdeutschen Städtchen im idyllischen Nichts der Uckermark, reicht wenig aus, um als anders zu gelten. Im Federmäppchen ein Pelikan-Füller, den die Westverwandten zu Weihnachten schicken. Im Pass als Geburtsort die reiche Hansestadt Hamburg, die die Mutter acht Wochen nach Kasis Geburt 1954 in Richtung Ehemann und Brandenburg verließ. Im Wohnzimmer der Eltern Bücher von bürgerlichen und DDR-kritischen Autoren.

Kasi geht in die Junge Gemeinde und zu den Jungen Pionieren. Kasi schreibt ständig Streber-Noten und fährt mit ihren Freunden auf große Kutterfahrt. Kasi ist ein echter Bewegungsidiot und rockt trotzdem gern auf Partys zu den Beatles. "All You Need Is Love" - alles so nett und schön und unbeschwert. Doch neben dieser unbeschwerten Kasi-Welt behält sie immer eine kleine, geheime Nische in ihrem Waldhof-Leben, die keiner kennt - nicht ihre enge Freundin Conny, nicht ihre beste Freundin Brigitte, niemand. In dieser Nische versteckt sie die Besuche der Staatssicherheit beim Vater, weil er Texte vom Sowjetdissidenten Andrej Sacharow vervielfältigt hatte. Darin verbirgt sie die politischen Gespräche der Eltern beim Abendbrot, Träume, Zweifel, so geheime Gefühle, bis zu diesem Tag im November 2004, nein, eigentlich noch immer.

Bevor sie an diesem Novembertag im grellen Lichtkegel der Parteitagsbühne auf die Sache mit dem Tränenpalast und der Großmutter zu sprechen kam, hat sie die Stimme gesenkt und begonnen: "Ich sage ein Letztes, weil jeder für sich und seine politische Motivation auch aus seinem eigenen Leben heraus brennt." Das war die Vorbereitung. Für die dunkle Westmännermasse. Für sie selbst, auch.

Es heißt, sie habe die Geschichte mit der Großmutter zuvor einmal in der Fraktionssitzung erzählt, und die Westmänner hätten begeistert reagiert: Mensch, Angela, das ist eine tolle Geschichte, die kommt gut an. Weil es eine Geschichte mit Tränen, Liebe, Leid und Deutschland ist. Weil es ihre eigene Geschichte ist - ein Erlebnis, das Kälte mindert, das Anderssein erklärt.

Angela Merkel weiß,

dass Menschen keinen zum Kanzler wählen, der ohne Schatten winkt. Deshalb hat sie vorsichtig begonnen, hier und da Schattierungen zu zeichnen. Erzählt im Fernsehen von den Adventskerzen, die sie stets aufhebt und im Jahr darauf erneut verwendet. Gesteht den Kameras mit kokettem Lächeln, dass sie morgens gerne muffelt. "Sie haben ein wunderschönes Lächeln", hat der Moderator gesagt. Und sie hat weiter nett gelächelt und erwidert: "Das ist bekannt. Mit dem muss ich aber ein bisschen haushalten, sonst geht es mir irgendwann aus." Sie ist noch zaghaft mit ihrem Lächeln. Zaghaft und kontrolliert.

Ihre Freunde von früher, die Conny, der Hartmut, der Birne, sie alle sagen, die Angela habe nie viel über sich erzählt. Das hat aber keiner von ihnen je getan. Sie kommen aus einer Landschaft, die kein Aufheben macht. Die leise, gemächliche Menschen entlässt, die gegenüber Fremden übersichtliche Sätze bilden. Ja. Punkt. Nein. Punkt. Angela Merkel sagt, sie habe früher als schwatzhaft gegolten - was immer das heißt in einer Landschaft, in der diese einsilbigen Sätze blühen.

Noch immer fällt es ihr oft so schwer, ihren misstrauischen Missmut zu verbergen. Oder die beleidigte Leberwurst. Doch sie will gemocht werden. Sie will im Herbst 2005 Kanzlerin werden. Sie will, dass die dunkle Masse das erste Leben der Angela ein bisschen mehr versteht. Dass FDJ nicht gleich Pickel macht und DDR nicht gleich kotzen. Dass Erinnerung nicht zu grauer Ostalgie verschwimmt.

Winter 1982. Ferienlager,

Juliusruh auf Rügen. Für zwei Wochen hütet sie eine Mädchengruppe. Morgens ist sie im Bungalow hinter dem Meer aufgewacht. Ein Betreuer bittet sie, ein Geburtstagsgeschenk für einen seiner Jungs zu besorgen, und sie, die nette Angela, kehrt ein paar Stunden später mit einer Platte aus der Stadt zurück. "Karussell" hat sie ausgesucht, eine Combo, die gerade angesagt ist. Abends haben sie im Aufenthaltsraum dazu getanzt. Sie hat ihnen einige Standardschritte beigebracht, die Jungs, die Mädchen, alle haben gekichert. Angela kommt gut klar mit ihrer Gruppe. Sie ist der Typ Kumpel - in Jeans, kariertem Hemd und Spaß im Schneegestöber.

Sonst steckt die 28-Jährige immer nur im Zahlenwahnsinn. Seit vier Jahren rechnet sie jetzt schon an der Berliner Akademie der Wissenschaften für ihren Doktortitel. Ihre Arbeit heißt "Untersuchung des Mechanismus von Zerfallsreaktionen mit einfachem Bindungsbruch und Berechnung ihrer Geschwindigkeitskonstanten auf der Grundlage quantenchemischer und statistischer Methoden". Das klingt nach Minusfaktor Lust. Jeden Morgen fährt sie brav in die Rudower Chaussee und trägt sich ein in die Anwesenheitslisten und rechnet und rechnet, doch so richtig entflammt wirkt sie nicht. "Ich wäre gern Lehrerin geworden, aber nicht in dem politischen System. Physik war unverfänglich", sagt sie heute.

Und so war sie nach dem Abitur nach Leipzig gegangen und hatte sich fleißig mit einer Naturwissenschaft beschäftigt, die sie weder liebte noch hasste. Hatte zweimal die Woche nachts auf Discotheken-Angela im Studentenclub gemacht und Kirsch-Whisky verkauft. Hatte sich in den bedächtigen Studenten Ulrich Merkel verliebt und ihn in blauem Kleid an einem Septembertag 1977 vor den Altar geführt. Hatte immer so brav gearbeitet, wie es sich für eine DDR-Studentin gehörte. Hatte so jung geheiratet, wie es in der DDR üblich war. Hatte sich so zurückhaltend verhalten, als sei sie einzig das brave Templiner Mädchen.

Und doch - all die Unauffälligkeit hatte nicht gereicht, um dem real existierenden Irrsinn zu entkommen, nein, der Irrsinn war auf die Bühne getreten, auch bei ihr, ohne Warnung, an einem unverdächtigen Nachmittag 1978 beim Vorstellungsgespräch im Gebäude der Technischen Hochschule Ilmenau, Thüringen.

Zwei Auftritte. Zwei Hiebe. Den ersten versetzt ihr der Kaderleiter, als er ihr süffisant erzählt, wie oft sie laut Akte Westradio gehört und wann sie neue Jeans getragen habe. Zum zweiten holen gleich danach zwei Stasi-Gestalten aus, die sie auf der Hochschultreppe zur Mitarbeit als Inoffizielle drängen und erst von ihr ablassen, als sie auf ihre unkontrollierte Schwatzsucht verweist. Nach diesem Erlebnis fühlt sich Angela Merkel reif für die Insel - für die Insel der Akademie in Berlin Adlershof.

Wie der Waldhof ihrer Kindheit wirkt auch das Gelände dieser Wissenschaftsstadt wie eine eigene Welt. Abgeschlossen. Mit Mauer und Militärregiment im Rücken. Mit Konsumladen, Poliklinik und Autowerkstatt auf dem Gelände. Wie früher als Templiner Mädchen trennt Angela Merkel auch jetzt ihre Welt in zwei Teile. Die eine: ihr Leben mit Ulrich, von dem sie sich in der Marienstraße in Berlins Mitte Tag um Tag ein Stückchen mehr entfernt. Die andere: die Arbeit in der kleinen Baracke der Theoretiker auf dem Akademiegelände und ihre Freundschaft zu den jungen Wissenschaftlern der Instituts-FDJ. Zweimal im Monat sitzt Angela mit dem engeren Kern der Gruppe auf ollen Sesseln. Sie ist die Kulturbeauftragte der Gruppe. Sie kocht den Kaffee für die Treffen.

Als sie 1982

nach viereinhalb Ehejahren die Waschmaschine packt und Ulrich von einem Tag auf den anderen verlässt, besetzt sie wie damals nicht unüblich eine verwaiste Altbauwohnung im Prenzlauer Berg. Ihre Freunde von der FDJ helfen; bringen Möbel, streichen, tapezieren. Sie unternimmt mit ihnen Ausflüge in die Umgebung. Sie tanzt mit ihnen auf dem Frühlingsball. Sie ist einfach dabei. Wie so viele einfach dabei sind. Nicht schwarz, nicht weiß, nicht SED, nicht Punk. Unauffällig. Mit gestanzten Lochkarten für den großen Rechner. Mit Essen in der Mensa. Mit Kollegen, die Freunde geworden sind - gute, enge, liebe Freunde.

"Berlin, den 30.08.83.

... Sie arbeitet bei mir im Zimmer. Durch diesen ständigen Kontakt mit ihr am Arbeitsplatz und ihre Kontaktfreudigkeit entwickelten sich bald zwischen uns freundschaftliche Beziehungen, die aber keinen intimen Charakter annahmen. Sie war anfangs verheiratet, hatte dann mehrere Liebschaften und ich bin glücklich verheiratet." Gezeichnet: "Bachmann". IM Bachmann. Angela Merkel kennt ihn unter dem Namen Frank Schneider - ihr Kollege, mit dem sie sich das Bürozimmer teilt, ihr guter, enger, lieber Freund Frank.

Frank holt Angela oft morgens mit dem Auto ab - und schreibt am 30. August 1983 in einem Bericht für die Stasi, der dem stern vorliegt, dass er dabei manchmal einen ihrer Liebhaber im Bademantel an der Tür getroffen habe. Frank hat schon viel über Angela geschrieben. So lauschte er ihren Erzählungen von einer Reise ins polnische Gdynia - und berichtete am 9. September 1981 der Stasi, dass ihr die unabhängige Gewerkschaft "Solidarno?? " Fotos und Zeitschriften geschenkt habe. So besuchte er mit Angela ihre Eltern in Templin - und berichtete am 20. April 1982 der Stasi, dass der Vater aus der BRD Päckchen mit Lebensmitteln und Textilien erhalte. IM Bachmann berichtet nichts politisch Brisantes, im Gegenteil, ein ums andere Mal hebt er Angelas "positive politische Grundeinstellung" hervor. Ansonsten berichtet er vor allem Privates. Persönliches. Aus ihrem kleinen, sicheren Leben eben.

Eigentlich soll Frank Schneider den Dissidenten-Sohn Ulrich Havemann beobachten. Der sitzt in der Theoretiker-Baracke im Nachbarzimmer und ist ein enger Freund von Angela. Sie hütet manchmal seine Kinder. Doch weil die Führungsoffiziere nach allem und auch dem Geringsten gieren, erzählt IM Bachmann eben von Angelas "gewissen pazifistischen Tendenzen" und ihren Liebesbeziehungen, die "selten länger als ein halbes Jahr" dauern, ihrem Vier-Wochen-Tripp mit zwei Freunden per Anhalter durch die Sowjetunion und ihrem "emotional geprägten Standpunkt zu dem Flugzeugzwischenfall über Sachalin". Bei diesem "Zwischenfall" haben die Russen ein koreanisches Passagierflugzeug mit 269 Passagieren abgeschossen, und Angela empört das. Doch Frank Schneider beruhigt die Offiziere: "Vertieft man diese Fragen in Diskussionen, ist sie im allgemeinen bereit, ihre erste Meinung in Frage zu stellen", schreibt er am 22. September 1983. Sie ist keine Widerständlerin. Sie denkt nur manchmal zu laut.

Die DDR war schon Vergangenheit,

als Angela Merkel von Franks Tätigkeit als IM Bachmann erfuhr. "Ich habe keine Wut, aber es war eine große Enttäuschung", sagt Angela Merkel später. Sie hat ihn nie wieder gesehen. Sie legt keinen Wert darauf, sagt sie. Das klingt nicht bitter. Das klingt vornehm. Souverän. Wenn sie heute als Parteivorsitzende den Sozialismus geißelt, so tut sie das in pathetischen Worten. "Diktatur", ruft sie dann in die Hallen und "Unfreiheit" und "Nie wieder". Wörter, die nach einem Leben in Knechtschaft klingen - aber nicht nach ihrem eigenen. Sie ist nicht Opfer. Sie ist nicht Täter. Es ist ihr einfach so passiert, es ist passiert.

Berlin 1990. An diesem Morgen kommt sie im neuen Mantel zum Flughafen. Bisher trug sie wallende Röcke und bequeme Latschen, sehr selbst genäht und protestantisch. Aber jemand hatte ihr gesagt, in der Funktion als zweite Pressesprecherin der ersten frei gewählten DDR-Regierung müsse sie sich schon ein bisschen anders kleiden. Also kleidet sie sich heute anders. Lothar de Maizière, der Ministerpräsident, begrüßt sie freundlich. "Schaut mal, wie schick unsere Angela heute aussieht", sagt er. Einige schmunzeln. Sie wird rot. Fast wie der Mantel.

Welch merkwürdige Zeit! Welcher Wahnsinn! Noch vor wenigen Monaten saß sie in der Baracke auf dem Akademiegelände und rechnete brav, während alle Welt laut politisierte. Eines Nachmittags hatte ihr alter Kollege Hans-Jörg hereingeschaut und gefragt: Mensch, Angela, was sitzt du hier noch rum? Und sie hatte gesagt: Ach, mal gucken, was draus wird - und weitergerechnet.

Dann aber, an jenem 9. November 1989, war tatsächlich die Mauer aufgegangen, als sie mit einer Freundin aus der Sauna kam. Und es hatte auch sie gepackt, dieses Prickeln, und sie war drauflos gelaufen, Richtung Bornholmer Straße, über die Grenze, wollte die Tante in Hamburg anrufen, suchte nach einem Telefon, landete bei fremden Westlern in der Wohnung, telefonierte, quatschte, freute sich, irgendwann zogen die Fremden in Richtung Ku'damm, und sie sagte adieu und drehte um. "Ich musste am nächsten Morgen früh raus", sagt sie später.

In den Wochen

danach läuft sie durch Berlin, schaut mal hier vorbei, mal dort, sie will dabei sein, nur wo? In der Kirche in Treptow singt die Ost-SPD "Brüder, zur Sonne zur Freiheit". Das irritiert sie, dieses Gesinge und "Du" und "Genosse". Also zieht sie weiter. Eines Tages gibt Klaus Ulbricht, ihr Chef, einen Rat: Geh mal zum Kreis vom Pfarrer Eppelmann, das könnte was sein. Und tatsächlich - das chaotische, dunkle Büro des "Demokratischen Aufbruch" (DA) am Prenzlauer Berg gefällt ihr. In der Ecke stehen neue Computer, und sie packt aus und installiert und hat endlich wieder das Gefühl, nützlich zu sein, fleißig, klar, genau. Diese Rolle kennt sie. Diese Rolle macht glauben, die Zeit sei nicht Bruch, sondern Entwicklung.

Alle, Nachbarskinder und Mitschüler, Kollegen und Freunde, alle sagen heute: Es hat mich überrascht, dass sich Angela den Konservativen angeschlossen hat. Die einen hätten eher auf Grün getippt, die anderen mehr auf SPD - niemand auf CDU. Angela Merkel, Mitte 30 und in brauner Cordhose, startet ohne klare konservative Prägung in diese neue, irrwitzige Welt. Hat Ideen, sehr praktische. Zeigt Energie, sehr effizient. Besitzt Willen und Ehrgeiz und die gelassene Offenheit einer Naturwissenschaftlerin, die das Ergebnis der Gleichung zu Beginn der Rechnung nicht kennt. Sie startet nicht, um Träume zu verwirklichen. Sie startet nicht, um die Welt zu retten. Sie startet, um neue Aufgaben zu erledigen - Schritt um Stufe um Schritt.

Im Februar 1990 lässt sie sich beurlauben vom Zahlenwahnsinn und beginnt, bei der Vorbereitung des Wahlkampfes zu helfen. Als eines Morgens eine Delegation der Konrad-Adenauer-Stiftung vor der Tür steht und der Parteivorsitzende Wolfgang Schnur wieder mal in Hektik und Chaos ertrinkt, sagt der zur emsigen Angela: Gehen Sie doch mal mit, und sie erwidert: Ich habe keine Legitimation, und er sagt: Dann sind Sie ab jetzt eben Pressesprecherin. Fortan bedient sie also die Presse und wertet aus und nimmt teil an geheimen Gesprächen und großen Veranstaltungen. Leitet Pressekonferenzen und hält sich zurück im zerrüttenden Streit um die politische Richtung der kleinen Partei. Gebraucht ihre analytischen Fähigkeiten im Stress von Stasi-Enthüllung und dem folgenden Rücktritt des Vorsitzenden Schnur. Mäkelt nach der DDR-Wahl nicht an dem mageren Ergebnis von 0,9 Prozent für den DA, sondern macht sich mit naturwissenschaftlicher Genauigkeit unabkömmlich und gleitet so im Stillen in die erste Riege der Politik.

Sie merkt es kaum. Kaum einer merkt es. Es passiert ihr einfach, so nebenbei. Der neue Ministerpräsident de Maizière stellt gerade seine Mannschaft zusammen, da kommt Pfarrer Eppelmann vorbei und gibt ihm einen Tipp: "Nehmen Sie doch die Angela als zweite Regierungssprecherin." Und weil dem Ersten Sprecher beim Fliegen stets der Schweiß ausbricht, fliegt meist sie mit den Mächtigen durch die Welt. Bei einer Reise nach Moskau bittet de Maizière, sie möge mit der U-Bahn umherfahren und die Leute fragen, was die von der Wiedervereinigung halten. Nach kurzer Zeit kommt sie zurück. "Die Leute sagen, Stalin hat den Zweiten Weltkrieg gewonnen und Gorbatschow ist gerade dabei, ihn zu verlieren", berichtet sie. "Sie war einfach da und funktionierte. Klar, knapp und präzise", sagt Lothar de Maizière heute.

Und sie kandidiert sogar.

Bei den ersten gesamtdeutschen Wahlen für den Bundestag tritt sie im Wahlkreis Rügen an und gewinnt. Kurz nach dem CDU-Wahlsieg im Dezember 1990 trifft de Maizière im Park des Palais Schaumburg auf seine Ex-Sprecherin. "Angela, du wirst von Helmut Kohl hören. Ich habe dich gerade als Ministerin vorgeschlagen", sagt er. "Bist du verrückt?", antwortet sie erschrocken und schlendert weiter und dreht den Gedanken hin und dreht ihn her und gewöhnt sich an ihn und wirft sich schließlich hinein in diese Rolle als Frauenministerin, als Kohls Mädchen, ganz und gar. Es mag leichter fallen, die Spielweise einer Welt zu erkennen, die nicht die eigene ist. Es mag besser gelingen, die Methoden einer Umgebung anzuwenden, in der man immer ein Stückchen fremd bleibt. Angela Merkel hat Spielweise und Methoden von Beginn an erkannt und wendet sie seither Tag für Tag an - perfekt, kalkuliert und immer ein bisschen unheimlich. Anders eben. Sie war noch nie die Frau für merkenswerte Geschichten. Die Menschen, die sie von früher kennen, beschreiben sie nicht in Anekdoten, sondern in Begriffen. Intelligent. Nett. Hilfsbereit. Eine Freundin, die auf der Party nie die Typen angeflirtet hätte. Eine Studentin, die stets brav ihre Pflichten erfüllte. Eine FDJlerin, die ihren eigenen Kopf hatte und andere Träume und immer die Nische ihrer eigenen Welt. Wie heute. "Ich bin eben nicht der Typ für Homestorys", sagt sie. Das kann man verstehen.

Ihr zweiter Mann Joachim Sauer, in den sie sich an der Akademie verliebte, begleitet sie kaum mehr als einmal im Jahr irgendwohin, meist zu den Bayreuther Festspielen. Manchmal werden sie im Restaurant "Borchardt" gesehen, diesem Promi-Schnitzel-Treff in der Berliner Mitte. Dann sitzen sie abseits in einer der gepolsterten Nischen, und sie schwatzt und erzählt, und er schweigt und hört zu. Er ist Quantenchemiker und manchmal kauzig. Kauzig und streng. Zu seinen erwachsenen Söhnen Daniel und Adrian aus erster Ehe. Zu seinen Nachbarn. Einer, der sich sofort beschwert, wenn die Musik zu laut von der Berliner Museumsinsel in die Merkel-Wohnung schallt. Kürzlich hat ein TV-Moderator Angela Merkel ein Foto ihres Gatten gezeigt. "Ja, prima Kerl", hat sie gesagt und verlegen gelacht. Das klingt weit weg von Leidenschaft. Das klingt nach Kumpelmädchen Kasi. Am Wochenende fahren sie gern in ihr Ferienhaus bei Templin. Da brutzelt sie dann Hausmannskost, und er erzählt von Wissenschaft. Dieses Leben ist der eine Teil von zweien, in die Angela Merkel ihre Welt noch immer trennt.

Das wird sich ändern, wenn sie nun den Weg ins Kanzleramt antritt. Der strenge Herr Sauer wird sich hervortrauen müssen. Die wohlmeinenden Berater werden die Anekdoten umgraben. Sie selbst wird mehr von jener Geschichte einfließen lassen, die ihre persönliche ist. Verschlossenheit bringt keine Wählerstimme. Angst vor Bloßstellung zieht die Mundwinkel runter. Sie hat Wurzeln, andere eben, sie hat Erinnerungen, für manche fremde, sie hat eine eigene Biografie, nein, eigentlich hat sie sogar zwei.

Franziska Reich/print
täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools