Ihr Vorbild ist Franz Beckenbauer, sie imitiert Staatschefs, und wenn es ihr schlecht geht, interessieren sie nur SMS. Warum das erste Regierungsjahr der Angela Merkel einer Hamlet-Tragödie gleicht. Von Ulrike Posche

Ein Angsthase ist sie nicht: Bundeskanzlerin Angela Merkel© Johannes Eisele/DDP
Erst denkt man, es liege vielleicht am Licht, oder am Ausschnitt. Aber dann sieht man, wie ihr evangelisches Lächeln Mühe hat, sich aus den Mundwinkeln durch die Wangen zu boxen. Ganz klar: die Kanzlerin hat im Laufe ihres ersten Regierungsjahres einen dickeren Hals bekommen. Und Wutbacken. Als hätte sich jede heruntergeschluckte Streiterei in den Seitenflanken südlich des Kinns verschanzt; als hätten sich flach gehaltene Auseinandersetzungen mit den eigenen Leuten und denen der anderen rings um ihren Kehlkopf niedergelassen. Gesundheitsreform, Landtagswahlen, Wulffkochstoibermüller – der ganze Krempel liegt jetzt auf Halde gleich neben den Stimmbändern. Und dann der Frust, wenn man von Super-Angie zur Kanns-nicht-Merkel heruntergetuschelt und herab geschrieben wird. Der sitzt jetzt natürlich auch da irgendwo in den Polstern des Halses.
An einem Abend im Herbst sollte Angela Merkel Franz Beckenbauer loben und sie sollte lächeln. Es fiel ihr nicht schwer, den zu "laudatieren", wie sie sagte. Sie mag ihn wirklich und so viel Lorbeer kann gar nicht wachsen, wie sie für den Kranz verbrauchte, den sie ihm wand. Sie nähme sich stets ein Beispiel an ihm, wenn sie in der Bredouille sei, bekannte die Merkel: "Mach’s wie der Franz, bewahr’ die Ruhe!" Und dann kam der Kaiser auf die Bühne, dankte ihr höflich, nahm den Preis, g’stanzlte etwas von Ehre, "gerade aus ihrer Hand" und so weiter, und wandte sich herzlich und launig an seinen Golf-Kumpel in der ersten Reihe, "Gell, Hubert, passt scho". Dabei hatte er eine Hand in der Hosentasche, was lässig wirken sollte.
Die meisten Männer in Merkels Umgebung glauben, dass das lässig wirkt. Sogar Tony Blair und Bush und Putin. Sie dagegen hielt die Hände wie üblich unter der Brust. Wie einer dieser historischen Bakelit-Osterhasen, die es in schicken Deko-Läden zu kaufen gibt. Wo soll sie auch sonst mit den Händen hin? Ihre Hosen haben meist keine Taschen. Beckenbauer hätte nun eigentlich die Kanzlerin loben können, weil die während der WM so telegen mitgefiebert und die Welt mit ihrem sympathischen Jubeln überrascht hatte, während die deutsche Nationalmannschaft – man muss das ja mal offen sagen - im Grunde bloß hinterm Ergebnis der WM 2002 zurück geblieben war. Etwas in der Art hätte Franz Beckenbauer sagen können. Er hätte einfach mal Angela Merkel zurückloben können. Machte er aber nicht. Macht nie einer.
Offenbar genieren sich potentielle Fürsprecher im Hinblick auf den, der möglicherweise nach ihr kommen könnte - 2007, 2008, 2009 – man weiß ja nie, wie lange das Großkoalitionskonstrukt überhaupt hält. Und dann hat man sich vorschnell aus dem Fenster gelehnt, ist als "Kanzlerinnen-Lober" verbrannt, verpönt, verdorben.
"Frau Merkel, Sie haben ja die Mannschaft in der Kabine besuchen dürfen", will die Moderatorin des Abends wissen, "wie war das?" Frau Merkel überlegt kurz und sagt dann im Ton einer gutmütigen Turnhallenaufsicht: "Na ja, ich war auch im Sportunterricht schon mal in einer Umkleide-Kabine". Sie sei ganz froh, dass sie die Jungs zuvor bereits mal in einem anderen Zustand gesehen habe. Wie also war es in der Kabine? "Hm, wie soll es da sein? Die ziehen die Schuhe aus und es riecht ein bisschen....".