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Mutti über Deutschland

Teile des Landes versinken im Wasser - doch Angela Merkel schwebt über allem. Ein Foto zeigt die Kanzlerin als Mutter der Nation, die besorgt über ihre Bürger wacht. Die Inszenierung ist grandios.

Von Carsten Heidböhmer

  Gekonnte Inszenierung: Angela Merkel blickt nachdenklich auf das von ihr beherrschte Land herab, das wie hier - zwischen Dresden und Pirna - in den Fluten zu versinken droht

Gekonnte Inszenierung: Angela Merkel blickt nachdenklich auf das von ihr beherrschte Land herab, das wie hier - zwischen Dresden und Pirna - in den Fluten zu versinken droht

In früheren Jahrhunderten war es für einen Regenten eminent wichtig, einen guten Maler zu finden, der die Herrschaft in einem Gemälde für die Ewigkeit festhielt. So kamen einige der besten Maler ihrer Zeit an die europäischen Königshäuser: Hans Holbein der Jüngere etwa malte Heinrich VIII. von England, Diego Velázquez verewigte das spanische Königshaus auf Leinwand.

In der heutigen Zeit sind Ölgemälde nicht mehr nötig, um Herrschaft zu dokumentieren. Politiker können per Bewegtbild in jedes Wohnzimmer hineinregieren. Und dennoch ist das sichtbare Konferfei noch immer von großer Bedeutung. Nur kommt es nicht vom Maler, sondern von Fotografen. Das festgefrorene Bild hat einen unschätzbaren Vorteil gegenüber dem bewegten: Es ermöglicht die gekonnte Inszenierung des Regenten. Wo beim Filmmaterial immer ein Moment des Zufalls mitschwingt, kann beim Foto jedes Detail kontrolliert werden.

Sie ist "die da oben" - aber sie ist nicht abgehoben

Wie ein perfektes Herrschaftsfoto im 21. Jahrhundert aussieht, demonstriert das Bundespresseamt, das ein in seiner Symbolik vollkommenes Bild von Angela Merkel herausgegeben hat. Es zeigt die Kanzlerin bei ihrem Flug über die Hochwassergebiete zwischen Dresden und Pirna. Merkel blickt aus dem Fenster ihres Helikopters auf das von ihr beherrschte Land herab. Sie wirkt nachdenklich, besorgt. Denn dort unten sieht es nicht gut aus.

Allein diese beiden Ebenen - die luftigen Höhen der Macht wie das Elend des irdischen Lebens - in einem Bild einzufangen, ist für sich schon meisterhaft. Die Regierungschefin schwebt weit über den gewöhnlichen Problemen. Dennoch ist sie mit ihren Gedanken bei den Menschen. Sie ist in Sorge um ihr Volk. Sie ist zwar "die da oben" - aber sie ist nicht abgehoben.

Aufschlussreich auch ihre Kleidung, die erst die eingangs aufgebrachte Königs-Parallele rechtfertigt. Merkel trägt ein rotes Jackett, also die traditionelle Herrschaftsfarbe. Schon auf altertümlichen Abbildungen aus Assyrien trägt der König eine karmesinrote Stola, die mit Gold verziert ist. Noch in den Holbein-Gemälden von Heinrich VIII. trägt der König die Kombination Rot-Gold. So verwundert es nicht, dass die Lehne unter Merkels linkem Arm gülden blitzt. Bei all dem wirkt die Inszenierung nie protzig. Es wird jeder Eindruck von Abgehobenheit und Prunksucht vermieden. Das Foto taugt schon jetzt als Ikone, die kommenden Generationen das Erfolgsgeheimnis der Merkel-Regentschaft erklären kann.

  Am 31. August 2005 überflog George W. Bush das vom Hurrikan Katrina zerstörte New Orleans. Durch die Fenster der Air Force One warf er einen Blick auf die in Fluten versunkene Stadt.

Am 31. August 2005 überflog George W. Bush das vom Hurrikan Katrina zerstörte New Orleans. Durch die Fenster der Air Force One warf er einen Blick auf die in Fluten versunkene Stadt.

Wie gut das Foto ist, zeigt sich erst im Vergleich mit einer anderen berühmten Aufnahme eines Staatschefs, der ein Krisengebiet aus der Luft betrachtet. 2005 hatte der Hurrikan Katrina mehrere US-Staaten verwüstet und große Teile von New Orleans unter Wasser gesetzt. Am 31. August überflog Bush mit der Air Force One das Krisengebiet auf dem Weg von seiner Ranch in Texas nach Washington. Wir sehen - ähnlich wie bei Merkel - einen besorgten Staatsmann. Interessanter ist jedoch, was man nicht sieht: die überflutete Landschaft, die Distanz zu den Beherrschten - und den Präsidenten, der genau das sieht. Doch wir wissen gar nicht, was Bush jr. so sorgenvoll betrachtet. Das Foto kann nicht für sich stehen - es benötigt einen begleitenden Text, der das Bild erklärt.

Ganz anders das Foto des Bundeskanzleramts. Angela Merkel wird darauf einmal mehr zur (Über-)Mutter der Nation stilisiert. Auch rhetorisch arbeitet Merkel an ihrer Selbstüberhöhung. Was die Kanzlerin von dort oben beobachtet, ist für sie kein gewöhnliches Ereignis. Nicht einmal ein Jahrhundertereignis. Es ist noch mehr: "Es ist ersichtlich, dass dies nicht nur ein Jahrhundertereignis ist, sondern ein exorbitantes", sagte Merkel in Passau. Drunter macht es diese Kanzlerin nicht. Wer das Bild sieht, versteht sofort, wieso.

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