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Angela Merkel, eine Fremde im eigenen Land

Sie ist kaum wiederzuerkennen. In der Flüchtlingskrise mutet Angela Merkel ihrem Volk zum ersten Mal etwas zu – und hält der Dauerkritik stand. Die Kanzlerin ist längst in einer anderen Welt unterwegs.

Angela Merkel macht mit einem Flüchtling ein Selfie

Die Kanzlerin ganz nah: Angela Merkel lässt sich nach dem Besuch einer Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber in Berlin-Spandau für ein Selfie zusammen mit einem Flüchtling fotografieren. Später werden ihre Kritiker in der Union behaupten, die Selfies mit Merkel seien um die ganze Welt gegangen und hätten einen regelrechten Sog ausgelöst. Zu belegen ist diese Vermutung allerdings nicht. Die Flüchtlingszahlen waren bereits vor den Selfies dramatisch angestiegen.

Dieser Abend wird später einmal der guten alten Zeit zugerechnet werden. Angela Merkel stand auf der Gartenterrasse des Shangri-La in der alten Kaiserstadt Xi'an, ein Glas Weißwein in der Rechten. Sie plauderte über China und die Welt und sann darüber nach, was die Globalisierung aus Deutschland machen werde. "Die Karten werden jetzt neu gemischt" , sagte sie. Sie müsse hart arbeiten, damit ihr Land nicht abgehängt werde, verzwerge. Wirtschaftlich, international und geistig.

Es war ihr 56. Geburtstag. Beim dritten Glas Wein sagte sie: "Wir werden in fünf Jahren zurückblicken und uns wundern, wie sich das Land verändert hat." Sie klang eher entspannt als ängstlich.

Heute, fünf Jahre später, da die Republik mit einer beispiellosen Flüchtlingswelle zu kämpfen hat, kann man nicht genau sagen, wer sich mehr verändert hat. Das Land oder die Kanzlerin? Nur so viel scheint klar: Sie erkennen einander kaum wieder.

Im brandenburgischen Eberswalde nennt eine 32-jährige Kamerunerin ihren neugeborenen Sohn Christ Merkel. Aus tiefer Dankbarkeit.

Im sächsischen Heidenau beschimpfen Demonstranten die Kanzlerin als "dumme Fotze". Aus tiefer Verachtung.

In Tokio sagt der 60-jährige japanische Premierminister Shinzo Abe voller Ehrfurcht: "Angela Merkel ist mein großes Vorbild."

So ein Satz kommt Horst Seehofer nicht mehr über die Lippen.

Angela Merkel auf dem Cover der Time

In Deutschland kritisiert, international bewundert: Angela Merkels Haltung in der Flüchtlings- und Griechenlandkrise ist dem US-amerikanischen Time-Magazin die Ernennung zur "Person of the Year" wert. Sie sei die "Kanzlerin der freien Welt".

Urteile, lange wie in Stein gemeißelt, werden reihenweise revidiert. Campino, der alte Punk, zieht neuerdings seinen Hut vor der Frau, die das Asylrecht so standhaft verteidigt. François Hollande dagegen, Frankreichs Präsident, an dessen Schulter sie noch Anfang des Jahres um die Anschlagsopfer von "Charlie Hebdo" getrauert hatte, hält Deutschlands Kanzlerin mittlerweile für durchgeknallt. "Sie ist verrückt geworden", sagte er kürzlich im kleinen Kreis von Sozialistenfreunden. Das US-Magazin "Time" wählt Merkel zur "Person des Jahres" und ruft sie zur "Kanzlerin der freien Welt" aus: "Sie setzt Barmherzigkeit wie eine Waffe ein."

Je weiter man sich von dem Land entfernt, das sie regiert, desto mehr gewinnt Angela Merkel an Gewicht. Zu Hause und in good old Europe hingegen ist Erstaunliches zu beobachten: Diese Frau polarisiert. Sie wird sogar angefeindet. Undenkbar bis vor Kurzem.

Auf dem CDU-Parteitag Mitte Dezember musste sie kämpfen, damit ihre von inneren Zweifeln zerfressene Partei ihrem Kurs in der Flüchtlingspolitik folgt. Sie hat das hingekriegt, überraschend souverän sogar. Angela Merkel präsentierte sich als Weltkanzlerin mit historischem Bewusstsein, die ihrer guten, alten, deutschen CDU längst entwachsen ist. Es war ein Triumph – aber nur für den Moment.

Ausgerechnet im Jubiläumsjahr ihrer Kanzlerschaft wirkt sie plötzlich wie jemand, der in einer anderen Sphäre unterwegs ist. Wie eine Fremde.

Jahresrückblick 2015: Krisen, Roboter und Lemuren - das Wahnsinnsjahr der Kanzlerin
  Angela Merkel lehnt sich vor dem Élysée-Palast mitfühlend an den französischen Präsidenten Francois Hollande. Ein Zeichen der Nähe nach den Anschlägen vom 7. Januar auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" und einen jüdischen Supermarkt. 17 Menschen starben bei den Attentaten.

Angela Merkel lehnt sich vor dem Élysée-Palast mitfühlend an den französischen Präsidenten Francois Hollande. Ein Zeichen der Nähe nach den Anschlägen vom 7. Januar auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" und einen jüdischen Supermarkt. 17 Menschen starben bei den Attentaten.


Merkel und die Deutschen – das war lange Jahre eine stabile Beziehung, ein bisschen langweilig, aber sehr verlässlich. Sie hat das Volk in Ruhe gelassen, im Alltag entpolitisiert und im Wahlkampf demobilisiert. Als Gegenleistung bekam es von ihr solides Regierungshandwerk und skandalfreien Dienst am Vaterland.

Angela Merkel riskiert ihre Macht, sogar ihr Amt

Nun mutet die Kanzlerin diesem Volk plötzlich eine Anstrengung zu: die Integration einer Million Flüchtlinge. Zum ersten Mal riskiert sie etwas: ihre Mehrheit in der eigenen Partei. Ihren Einfluss in Europa. Ihre Macht. Sogar ihr Amt.

Viele hatten ja gedacht, dass ihre Kanzlerin sie nach all den Jahren nicht mehr überraschen könne. Merkel hat von sich stets nur preisgegeben, was sie glaubte, preisgeben zu können, ohne ihr Innerstes zu verraten. Dass sie Schlaf speichern kann wie ein Kamel Wasser. Dass sie nur ihrem Mann zuliebe Pflaumenkuchen backt. Lappalien. Wohldosierte Häppchen zum Fraß für die Infotainmentgesellschaft.

Sie ist verbindlich, aber immer auf Abstand bedacht. Wer etwas von ihr weiß, spricht nicht darüber. Zu groß das Risiko, bei einem Missbrauch ihres Vertrauens künftig nicht mehr in ihre Nähe zu gelangen. Das macht es auch im zehnten Jahr ihrer Kanzlerschaft so schwer, hinter ihre Stirn zu blicken. Was sie wirklich bewegt, was sie antreibt, kann man nur erraten oder erahnen. Hat sie sich bei der Entscheidung, Anfang September Tausende Syrer unregistriert ins Land zu lassen, tatsächlich von ihren Gefühlen leiten lassen, wie viele vermuten? Hat sie, die kühle Machtpolitikerin, zum ersten Mal in ihrer Karriere eine emotionale Entscheidung getroffen? Schon die Fragen hält Angela Merkel für eine Zumutung. Antworten darauf erst recht.

Was liegt da näher, als Lothar de Maizière zu fragen. Er kennt Merkel seit über 25 Jahren, sie war 1990 die stellvertretende Sprecherin seiner Regierung. Er, der ostdeutsche Protestant, hat sie entdeckt und gefördert, bevor Kohl sie überhaupt kannte. "Sie ist in vielem immer noch so, wie ich sie kennengelernt habe", sagt de Maizière. "Das typische Produkt eines evangelischen Pfarrhauses, mit allen preußischen Sekundärtugenden, die dazugehören: Fleiß, Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Ordnung."

De Maizière weiß, wie sehr ihre Herkunft sie geprägt hat. "Die christlichen Werte sind für sie konstitutiv." Er erzählt von ihrer Kindheit auf dem Waldhof in Templin, einem Reich der Kirche, in dem ihr Vater herrschte: ein Fortbildungszentrum für evangelische Pfarrer sowie ein Heim für rund 200 behinderte Menschen, mit denen die junge Angela aufwuchs.

Sie steht als überzeugte Christin da

De Maizière kannte ihren Vater. Horst Kasner, ein strenger und fordernder Gottesmann, belesen, politisch, pedantisch. Er hat seine Tochter nicht nur in religiöser Selbstverständlichkeit erzogen, sondern auch dazu, dass alles immer logisch, ordentlich und perfekt sein müsse. "Sie ist ihm über die Jahre immer ähnlicher geworden" , sagt de Maizière. Bei Kasners ging es weniger um Emotionen, mehr um Haltung. "Das Wort Barmherzigkeit ist ihr nicht fremd."

Bei einem Auftritt an der Universität in Bern Anfang September wird die Kanzlerin gefragt, wie Europa angesichts von Hunderttausenden Flüchtlingen aus Syrien seine Kultur schützen könne. Ihre Antwort: mit einem selbstbewussten Bekenntnis zu seinen christlichen Werten. "Dann sollten wir aber auch unsere Traditionen pflegen, in einen Gottesdienst gehen, bibelfest sein. Lassen Sie in Deutschland mal Aufsätze über Pfingsten schreiben. Da ist es mit der Kenntnis übers christliche Abendland nicht weit her."

Mitten in der größten Krise steht Angela Merkel plötzlich als überzeugte Christin da – in einem Land, das mit Gott nicht mehr viel anfangen kann. Der Historiker Volker Resing nennt sie eine "christliche Kanzlerin in postsäkularer Zeit".

Diesen Teil ihrer Persönlichkeit hatte sie vor der Öffentlichkeit sorgsam weggeschlossen. Merkel wollte ihre Politik nie mit ihrem Glauben begründen. Ausgerechnet sie, seit 15 Jahren Vorsitzende einer christlichen Partei. Es ist lange her, dass sie bekannte, "fast jeden Tag" zu beten.

Merkel mit Kopftuch auf Pegida-Plakat

Für die rechtspopulistische Pegida-Bewegung wurde Merkel zur Hassfigur. Im Januar hält ein Pegida-Anhänger dieses Plakat in den Händen, es zeigt Angela Merkel mit Kopftuch - ein Protest gegen die vermeintliche Islamisierung des Landes. Nicht die einzige grenzwertige Verspottung der Kanzlerin ...

In Heidenau, an einem Sommertag im August, bekommt die Kanzlerin in diesem Jahr zum ersten Mal zu spüren, dass sich die Stimmung im Land, auch ihr gegenüber, verändert. Sie besucht eine Flüchtlingsunterkunft, einen alten Baumarkt, den das Rote Kreuz umfunktioniert hat. "Schlampe", schleudern Demonstranten ihr entgegen. "Hau ab!" Sie sieht Hass, Wut, die Angst vor Fremden. Als sie das sächsische Städtchen verlässt, ist sie schockiert.

Es ist ihr erster Besuch in einem Flüchtlingsheim, lange hatte sie, typisch Merkel, gezögert. Im ersten Stock des Gebäudes ist sie eine halbe Stunde lang so dicht von Flüchtlingen umringt, dass ihren Leibwächtern Adrenalin durch die Adern schießt. Selfies werden gemacht. Wieder und wieder hört die Kanzlerin Geschichten von Flucht und Verzweiflung. Später, in einer kleinen Runde mit Ehrenamtlichen, sagt eine Frau: "Für uns Helfer ist es sehr schwer, wenn Flüchtlinge als Ungeziefer bezeichnet werden."

Dann trägt Merkel, trotzig fast, das vor, was in den folgenden Wochen zu ihrem Credo wird: "Es gibt keine Toleranz gegenüber denen, die die Würde anderer Menschen infrage stellen."

Die persönlichen Beleidigungen in Heidenau haben Angela Merkel nicht getroffen, erzählt später eine enge Vertraute. Das Bild von Deutschland, das an diesem Tag um die Welt ging – das habe sie beschämt.

Merkels Bekenntnis

Drei Wochen nach Heidenau sagt Angela Merkel einen für sie sehr ungewöhnlichen Satz: "Ich muss ganz ehrlich sagen, wenn wir jetzt anfangen müssen, uns noch dafür entschuldigen zu müssen, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land."

Es ist ihr Satz des Jahres. Ein Bekenntnis.

Ist das noch ihr Land? Ihr Europa? Ihre Partei? Womöglich wird sie hin und wieder gedacht haben, alle drei seien schon weiter – das Land, Europa, die CDU.

Wohin sie auch kommt in den nächsten Wochen, überall gibt es Anzeichen für einen Entfremdungsprozess. Darmstadt, Anfang November, CDU-Zukunftskonferenz. Zwei Tage zuvor ist sie aus China zurückgekehrt, von einem dieser 80-Stunden-Power-Trips mit wenig Schlaf, dafür aber umso mehr Weltgeschehen. Draußen kriecht der Nebel durch die Stadt, drinnen kocht die Seele vieler Parteimitglieder über. Ein Hagel von Vorwürfen und Vorurteilen."Dieses Land steht vor einem Bürgerkrieg", brüllt ein Mann ins Mikrofon.

Merkel antwortet ganz ruhig: "Ich verstehe Ihre Sorgen." Sekunden später jedoch ist sie schon bei den großen Problemen dieser Welt: Migration, Terror, Klimawandel, Hunger. "China hat 1,3 Milliarden Einwohner. Indien eine Milliarde. Afrika eine Milliarde" , zählt sie auf. "Wir mit unseren 80 Millionen können allein gar nichts ausrichten. Wir brauchen Europa."

Merkel steht vor sitzendem Obama beim G7-Gipfel vor der Alpenkulisse

Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht mit US-Präsident Barack Obama Anfang Juni am Rande des G7-Gipfels auf Schloss Elmau. Offensichtlich lässig entspannt hört sich Obama an, was die gestikulierende Kanzlerin ihm zu sagen hat. Tanzt sie? Redet sie über die Länge ihrer Amtszeit? Das Netz nutzte das Foto für lustige Spekulationen.


Es sieht so aus, als habe sie auf ihren unzähligen Reisen zu den Mächtigen dieser Welt die Deutschen in ihrer angestammten Provinzialität zurückgelassen. Sie hat in ihren zehn Jahren im Amt die Globalisierung aufgesogen. Je weiter weg sie fliegt, desto kleiner wird Deutschland mit seinen Problemen.

Insgeheim hat Angela Merkel mit Deutschland und seinem ängstlichen Volk schon länger gehadert. Vor allem mit den Westdeutschen in ihrer Saturiertheit und Unbeweglichkeit, die, anders als sie selbst, keinen großen Bruch erlebt haben. Sie guckt von außen darauf, es ist die Sicht einer Migrantin im eigenen Land. Sie weiß aber auch um die sture Behäbigkeit ihrer Ossis, deren Abstiegsängste, deren Gefühl des Zukurzgekommenseins.

Gerda Hasselfeldt saß mit Angela Merkel zusammen im ersten Nachwendekabinett von Helmut Kohl. Heute führt sie die CSU-Landesgruppe im Bundestag. Sie entdeckt in der Kanzlerin des Jahres 2015 vieles von dem, was bereits die junge Ministerin ausgezeichnet habe. Beharrlichkeit. Sachkenntnis. Nächstenliebe. Vor allem aber: "Ich hatte immer den Eindruck, sie will das, was sie macht, gut machen. Auch damals schon."

Merkel schleppt inzwischen fast überall ihr iPad mit sich herum. Sie verlässt sich nicht auf andere, sie will selbst alles recherchieren. Auf Fraktionssitzungen hantiert sie manchmal sogar gleichzeitig mit Handy und Tablet. Sie ist detail besessen.

Als die Unionsabgeordneten vor ein paar Wochen über Afghanistan-Flüchtlinge debattierten, zog sie einen dicken Packen Papier aus ihrer geräumigen Handtasche: die Grundsätze, nach denen das Bundesamt für Migration über Asylanträge entscheidet. Die Stelle mit den Afghanen hatte sie sofort parat. Man kann ihr wenig vormachen, auch nicht bei Kleinigkeiten.

"In der Griechenlandkrise kannte sie immer die Spreads", sagt Gerda Hasselfeldt. "Täglich!"

Fürsorge und Veränderungslust

Spread, das ist der Fachausdruck für die Spanne der Zinsen, die zwei unterschiedliche Länder zahlen müssen, um sich am Kapitalmarkt Geld zu leihen. Es gehört nicht zu den Dingen, die eine Kanzlerin unbedingt wissen muss.

"Wer die Details nicht kennt, kann auch die große Linie nicht erklären", entgegnet Merkel.

Sie hat sich in das Flüchtlingsthema eingefuchst, so wie vorher in den Gesundheitsfonds oder die Tücken der internationalen Finanzmärkte. Vielleicht hat ihr das sogar mehr Spaß gemacht als alles andere. Es ist inzwischen ja fast vergessen, wie die Frau, der alle Welt nachsagt, sie habe die CDU sozialdemokratisiert, einmal angefangen hat: als liberale Radikalreformerin. Sie wollte den Deutschen nach der Agenda 2010 noch mehr Veränderungen zu muten. Damit wäre sie bei der Bundestagswahl 2005 fast gescheitert.

Die Machtpolitikerin Merkel zog daraus ihre Konsequenzen. Tief in ihrem Inneren aber blieb sie überzeugt davon, dass den Deutschen frischer Wind guttäte. Dass in der globalisierten Welt nur eine Gesellschaft erfolgreich bestehen kann, die bereit ist, sich ständig weiterzuentwickeln.

Am Tag nach Nikolaus sitzen im Foyer des Kanzleramts Einwanderer der zweiten und dritten Generation aus italienischen, griechischen, türkischen Familien. Sie feiern "60 Jahre Gastarbeiter in Deutschland". Die Kanzlerin will nur ein Grußwort sprechen – es mündet in eine bemerkenswerte Rede. Das ist nicht die Angela Merkel, die man sonst erlebt. Sie spricht fast beschwingt und frei. Sie bedankt sich bei den Einwanderern, sie hätten den Deutschen "ganz gutgetan": "Wir haben gelernt, dass man ein bisschen lockerer an die Dinge herangeht, dass man offener sein kann und dass nicht mehr alles so sehr genormt ist."

Es ist so etwas wie Merkels verspätete Anti-Pegida-Predigt, gehalten unter dem fünf Meter hohen Weihnachtsbaum im Kanzleramt. "Lassen Sie sich nicht unterbuttern", sagt sie ihren Zuhörern. "Auch andere kochen nur mit Wasser."

In Zeiten der Flüchtlingskrise und des Terrors wirken zwei Antriebskräfte miteinander, die man bei ihr lange übersehen hatte: Veränderungslust und Fürsorge.

Ihr Anspruch: nichts aus den Augen verlieren

An dem Dienstagabend im November, als das Fußball-Länderspiel Deutschland– Niederlande wegen einer Bombendrohung abgesagt werden muss, ruft Angela Merkel gleich zweimal bei Oliver Bierhoff an, dem Manager der Nationalmannschaft. Sie sagt, dass ihr die Absage leidtue, sie aber notwendig war. Sie erkundigt sich, wie es der Mannschaft geht. Merkel fühlt sich der Nationalmannschaft seit Jahren verbunden, sie besucht sie manchmal vor wichtigen Spielen, einmal hat sie die Spieler sogar ins Kanzleramt eingeladen.

Dann klingelt Bierhoffs Handy ein drittes Mal. Erneut die Kanzlerin. "Ich habe etwas Wichtiges vergessen" , sagt sie. "Kümmern Sie sich bitte um die Holländer." Das ist ihr Anspruch: nichts aus den Augen zu verlieren.

Weil die Deutschen gegen die Zumutungen rebellieren, ihr widersprechen, sie kritisieren, hört die Kanzlerin genau hin. Sie telefoniert sich, wie weiland Helmut Kohl, durchs Land und ihre Partei. Abgeordnete, Bürgermeister, Landräte, an manchen Tagen führt sie ein Dutzend Gespräche.

Auch mit Peter Dreier, 48, Mitglied der Freien Wähler, Landrat im bayerischen Landshut. 150.000 Einwohner, knapp 1700 Flüchtlinge. Jede Woche kommen 70 dazu. "Wenn Deutschland eine Million Flüchtlinge aufnimmt, entfallen rechnerisch auf meinen Landkreis 1800. Die nehme ich auf, alle anderen schicke ich per Bus weiter nach Berlin zum Kanzleramt", hatte er Merkel in einem Brief geschrieben. Am 28. Oktober um 14.45 Uhr klingelt im Landratsamt Dreiers Telefon. Die Kanzlerin ist dran. Große Aufregung.

"Frau Bundeskanzlerin", sagt Dreier, "Sie müssen endlich ein Zeichen setzen. Sonst ist der innere Friede im Land in Gefahr."

Merkel stimmt ihm zu, die Lage sei ernst. Dreier überzeugt das nicht. "Machen Sie es wie Franz Beckenbauer. Geben Sie zu, dass Sie einen Fehler gemacht haben."

Merkel erklärt ihm, was sonst, die globalen Zusammenhänge: "Wenn Sie mir die Busse vors Kanzleramt nach Berlin fahren, müsste ich sie streng genommen nach Griechenland zurückschicken. Von dort laufen die Flüchtlinge aber wieder zu Ihnen nach Bayern."

Am Ende bekommt Dreier die Telefonnummer ihres stellvertretenden Büroleiters, für alle Fälle. "Und rufen Sie bitte einen Tag vorher an, wenn Sie die Busse schicken", sagt die Kanzlerin. Humor hat sie, findet Dreier.

Schafft sie das?

Angela Merkel auf dem weg ins Kanzleramt

Berlin, im Oktober: Ein Schnappschuss, der Angela Merkel früh am Morgen abgekämpft und ungeschminkt auf dem Weg ins Kanzleramt zeigt

Auch eine Art von Merkel, sich die Zumutungen ihres Amtes vom Leibe zu halten. Zum ersten Mal zehren die Arbeit im permanenten Krisenmodus und die ungewohnte Dauerkritik sichtbar an ihr. Im Oktober zeigt ein Foto sie im Fonds ihres Wagens sitzend, früh am Morgen, ungeschminkt, auf dem Weg ins Kanzleramt. Angela Merkel, 61, sieht darauf aus wie eine 61-Jährige, die früh am Morgen ungeschminkt auf dem Weg zur Arbeit ist.

Es ist das Bild einer abgekämpften, genervten Frau. Ihre Vertrauten erleben sie so zum ersten Mal seit langer Zeit. Genervt von all jenen, die ihren Weg in der Flüchtlingspolitik nicht mitgehen wollen. Den Osteuropäern. Den Ministerpräsidenten. Den Bürokraten. Die Spuren im Gesicht der Kanzlerin nähren Zweifel: Schafft sie das?

Es ist für sie ein Kampf gegen die Zeit. Merkel erzählt, dass sie in diesen Wochen oft an "Der Marsch" denken muss, einen britischen Film von 1990: Der Klimawandel hat große Teile Afrikas unbewohnbar gemacht. Aus sudanesischen Flüchtlingslagern startet eine Völkerwanderung. Europa wehrt sich, schwer bewaffnete Soldaten empfangen die Flüchtlinge an einem spanischen Strand, lassen sie nicht auf den Kontinent. Merkel hat den Film vor Jahren gesehen, sie war beeindruckt.

Im "Marsch" sagt eine fiktive EU-Kommissarin resignierend zu den Flüchtlingen: "Wir sind noch nicht bereit für euch, ihr müsst uns noch mehr Zeit geben." Es ist der Satz, mit dem Angela Merkel am meisten fremdelt.

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