Versemmelt die Union den sicher geglaubten Sieg? Angela Merkel über Stoibers Abseits, müde trabende Stürmer und die Bedrängnis der Spielmacherin beim Match ums Kanzleramt.

"Ich arbeite daran, ein noch fröhlicherer Mensch zu werden": die Kanzlerkandidatin auf der Terrasse ihres Büros über der Spree und vor der Kulisse des Bundestages© Michael Trippel
Den Eindruck habe ich gar nicht. Wir werden, um Ihr Fußballbild aufzunehmen, den Ball im Tor versenken.
Indem ich den Menschen klar mache, dass ich eine präzise Vorstellung von dem habe, was bis 2009 in Deutschland geschehen muss, während sich der Kanzler bei all seinen nett inszenierten Auftritten auf einfachste Angriffe gegen uns und die Rechtfertigung dessen beschränkt, was er bis 2005 gemacht hat, aber keine neue Idee für die nächste Wahlperiode hat.
Sie verkürzen unseren Wahlkampf auf wenige Facetten. Ich setze dagegen: Wir haben ein Regierungsprogramm vorgelegt, das alles andere als bequem ist, sondern die Realitäten beim Namen nennt und eine entscheidende Botschaft hat: Deutschland braucht sich mit dem Abwärtstrend nicht abzufinden, sondern kann es schaffen - zum Wohle der Menschen. Ich habe ein Kompetenzteam vorgestellt, das in allen Bereichen besser besetzt ist als das abgewirtschaftete Kabinett von Herrn Schröder. Und ich werde nun mit Volker Kauder, allen Ministerpräsidenten der Union, die sich sehr intensiv engagieren, und der gesamten Führung von CDU und CSU auf über 500 Veranstaltungen in Deutschland dafür werben.
Dass wir nicht über Strategie, sondern über Inhalte reden. Unser Wahlkampf richtet sich auf die Themen, die die Menschen bewegen, und das ist vor allem anderen die Sorge um ihren Arbeitsplatz und die eigene Zukunftsperspektive. Deshalb ist unser erklärtes Ziel: Vorfahrt für Arbeit. Zum Zweiten geht es darum, das Vertrauen der Bürger in die Politik insgesamt wiederherzustellen. Das heißt für mich: weg vom Zickzackkurs und von "Versprochen, gebrochen" hin zu einer Politik, die sagt, was sie macht, und die macht, was sie sagt. Im Übrigen mache ich öffentlich klar, dass die Wahl nicht in einem Teil Deutschlands gewonnen oder verloren wird. Wahlen gewinnt man in ganz Deutschland. Wir müssen altes Denken überwinden, um ganz Deutschland voranzubringen.
Noch einmal: Man verliert und gewinnt sie in ganz Deutschland, im Osten, im Norden, in den großen Städten, auf dem Land, bei Frauen und Männern.
In Bayern hat die Union glücklicherweise seit Jahrzehnten keine Wahl verloren. Aber neben Bayern wollen und müssen wir auch in anderen Regionen gut abschneiden.
Ich will altes Denken zwischen Ost und West überwinden. 15 Jahre nach der Wiedervereinigung müssen wir bestehende Gegensätze hinter uns lassen. Die Ostdeutschen haben enorme Veränderungsbereitschaft gezeigt, darauf können sie stolz sein. Aber natürlich gibt es noch viele Regionen, in denen die Menschen für sich keine Perspektive sehen. Dies gibt es aber auch im Westen. Wir können also nur gemeinsam nach vorne kommen.
Die Union ist die Partei der Einheit. Niemand will spalten, und ich will Kanzlerin aller Deutschen werden. Wir müssen jetzt alle Anstrengungen darauf konzentrieren, die Einheit zu vollenden. Es gerät ein bisschen in Vergessenheit, dass der Wohlstand der alten Länder auch von dem in den neuen Bundesländern abhängt. Der Finanzausgleich wird geringer, wenn der Osten auf die Beine kommt. Das ist nicht irgendeine karitative Aufgabe, der man sich stellen kann oder auch nicht, sondern das ist eine Schicksalsaufgabe für ganz Deutschland. Das ist mein Credo.

© Michael Trippel
Ich bin nicht empfindlich. Ich rede auch manchmal pauschal über die eine oder andere regionale Eigenart.
Nein (lacht), es ist ein Charakteristikum Deutschlands, dass manche regionalen Vorurteile gepflegt werden. Die Sachsen haben, als die Wende in der DDR kam, auf die Züge in Richtung Mecklenburg-Vorpommern geschrieben: "Schlaft ruhig weiter!" Ein wenig muss man auch Spaß verstehen können.
Natürlich entsteht viel Diskussion über die Mehrwertsteuer, denn sie führt zur Senkung der Arbeitskosten und damit zum Kern unseres Wahlkampfs: "Vorfahrt für Arbeit". Aber viele Menschen sind skeptisch, ob die Politik überhaupt etwas zum Besseren wenden kann, das erkenne ich wohl. Auch wir haben in Helmut Kohls Regierungszeit nicht alle Probleme lösen können, da sind Enttäuschungen geblieben. Also machen wir jetzt deutlich, dass wir aus unserer Niederlage 1998 gelernt haben, Reformen entschlossen und rasch anzupacken, und dass wir davon überzeugt sind, dass Deutschland und seine Bürger zu Gewinnern der Globalisierung werden können.
Ach was, wir haben ein mutiges Regierungsprogramm, ein ausgezeichnetes Kompetenzteam, eine schlagkräftige Fraktion und hoch motivierte Parteien - das alles stimmt mich zufrieden. Ein Wahlkampf findet ja nicht im luftleeren Raum statt. Unser Gegner hat für die Zukunft wenig auf der Pfanne, also bläst er bestimmte Dinge hoch, um von der eigenen Bilanz abzulenken. Etwa das TV-Duell. Gleichzeitig kneift Herr Schröder bei der Fernsehdiskussion aller Spitzenkandidaten. Er spricht ja weder für den linken Flügel der SPD, der Rot-Rot-Grün will, noch für die Minister Clement, Schily und Eichel, die sich in eine große Koalition retten wollen. So jemand hat nach dem Wahltag nichts mehr zu sagen.
Ja, und? Unser Wahlziel ist, Rot-Grün abzulösen, und zwar durch eine Koalition aus Union und FDP. Nach allen Umfragen ist die Spanne, die Edmund Stoiber in dem Stern-Interview genannt hat, nun wahrlich nicht jenseits dessen, was wir erreichen können, um dieses Ziel zu schaffen.
Es geht nicht darum, mir zu dienen, sondern der Sache, Deutschland nach vorne zu bringen. Und das möchten alle.
Ein Zerrbild wird nicht durch Wiederholung bestätigt. Noch einmal: Alle kämpfen für den Wechsel. Das zeigt schon ein Blick auf die Listen ihrer Wahlkampfauftritte.
Ich bin immer neugierig zu schauen, wie der Laden läuft. Es hat in der CDU seit 1998 einen unglaublichen Generationenumbruch gegeben und damit natürlich auch einen Wettbewerb um Positionen. Wir haben eine stolze Zahl von Ministerpräsidenten und Bundestagsabgeordneten zwischen 40 und Anfang 50, die Freude haben, Politik zu gestalten, und natürlich auch Ambitionen. Das ist etwas sehr Belebendes für die CDU.
Ich bin absolut sicher, dass Edmund Stoiber, wie wir alle, mit aller Kraft Rot-Grün ablösen will.
Das brauche ich nicht zu wissen, und ich habe volles Verständnis dafür, dass er sich erst nach der Wahl entscheidet.
Das freut mich für Sie, aber ich wiederhole: Ich brauche es nicht zu wissen. Er ist CSU-Vorsitzender und will sich diesen Freiraum erhalten. Ich habe mich 2002 so verhalten, wie er sich verhält.
Ach was, wir wollen das Gleiche, nämlich die desolate rot-grüne Regierung ablösen.
Ich habe keinen Zweifel, dass auch die CSU sich dem Wahlsieg verpflichtet fühlt.
Ja.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 34/2005
"Ich will altes Denken zwischen Ost und West überwinden"
"Ich brauche nicht zu wissen, ob Stoiber kommt"