Schöner kann's eigentlich gar nicht mehr kommen. Gut zwei Monate vor der Wahl scheint die SPD bereits geschlagen. Der US-Präsident kürt sie zur Siegerin - schon vor der Bundestagswahl. Und endlich wird's mal wieder richtig Sommer. Kein Zweifel: Frau Merkel hat einen guten Lauf. Heute wird sie 55. Von Ulrike Posche

Sie mag es unkompliziert: Einen Tag vor ihrem Geburtstag stieß Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Russlands Präsidenten Dmitri Medwedew an© Mikhail Klimentyev/AFP
Klar, dass sie auch heute ganz normal zur Arbeit gegangen ist. Vom Kupfergraben rüber ins Kanzleramt, Haaremachen, Tages-Make-up, dann um halb neun in die Morgenlage. Sicher rufen Nicolas aus Paris und Dmitri aus Moskau an. Und Silvio natürlich, der wird es sich sicher nicht nehmen lassen, ihr zu gratulieren. Dann werden die Mitarbeiter sie Hoch leben lassen, eine Fraktionsabordnung vielleicht, Glückwünsche, Blumen.
Später dann schnurrt die Kanzlerin mit dem Hubschrauber in die Oberpfalz. In Neumarkt will sie die Firma Bionorica besuchen, den "Führenden Hersteller von Pflanzlichen Arzneimitteln Phytopharmaka", wie es auf der firmeneigenen Homepage heißt. Sie macht ja so was gern. Und außerdem muss sie sich im Moment um den Mittelstand kümmern.
Dabei wäre heute gerade mal ein besonders schöner Tag, um mit der ganzen Familie zu feiern.
Merkels jüngerer Bruder, Marcus Kasner, schließt an diesem Freitag nämlich gerade seinen Vorlesungsreigen im Institut für Theoretische Physik an der Frankfurter Universität ab. Thema: "Pfadintegrale in der Quantenmechanik und in der Statistischen Physik". Merkels Mutter Herlind Kasner hat soeben das Sommersemester an der Volkshochschule Templin hinter sich gebracht. Dort unterrichtet sie, obschon 81 Jahre alt, an drei Tagen in der Woche englische Konversation. Und Papa Kasner, der 82-jährige pensionierte Pfarrer, hat ebenfalls seinen Seminarzyklus "Preußens Niedergang und Wiederaufstieg 1786-1815" an der "Kvhs-Uckermark, Regionalstelle Templin" abgeschlossen. Selbst die Praxis für Ergotherapie, die sich Merkels Schwester Irene am Prenzlauer Berg mit einer Kollegin teilt, hat am Freitagabend zu.
Es könnte ein wunderbar privater Geburtstag werden. Joachim Sauer, Merkels Ehemann und Chemiker mit Weltruf, könnte auf der Datsche in Hohenwalde Würstchen grillen. Sie könnte den Kartoffelsalat machen. Dann, lebhafte Diskussionen über theoretische Pfadintegrale, verbrannte Würstchen und englische Konversation. Wie herrlich könnte dieser schnapsrunde Geburtstag sein!
Ihren 50. Geburtstag hat die damals bereits angehende Bundeskanzlerin noch groß und öffentlich gefeiert. Es ließ sich wohl nicht vermeiden. Viele Leute waren geladen, in der ersten Reihe saß Guido Westerwelle mit seinem Lebengefährten Michael Mronz. Es gab einen Vortrag des Hirnforschers Wolf Singer: "Gehirn - Ein Beispiel zur Selbstorganisation komplexer System". Dann ein kleiner Stehimbiss und Schluss. Es war, bündig gesagt, typisch Merkel.
Man kann sich gar nicht vorstellen, dass sie je ein großes Bohei um sich veranstalten ließe. Weiße Party-Hütchen, Scampi im Kokosmantel, Pink Champagne on Ice, Elton John als Ständchen-Sänger und Cherno Jobatey als Moderator. Oder Tom Buhrow, falls es etwas teurer sein darf. Nein, all das passt nicht zu Angela Merkel, Sternzeichen Krebs; und Pferd nach dem chinesischen Horoskop. Denn seit die Hamburger Pastorentochter bei der CDU und auch bei Deutschland am Ruder ist, gibt es auf Parteitagen, die neuerdings nach dem "Townhall-Prinzip" veranstaltet werden, Kartoffelsuppe.
Es gibt überhaupt immer Kartoffelsuppe, wenn irgendwo etwas stattfindet und die Kanzlerin eine Rede hält oder ein Grußwort spricht. Oder wenigstens etwas Kartoffelsuppenähnliches. Sie liebt ja das Deftige. Leberwurst, Blutwurst. Das fing schon bei ihrer Vereidigungsfeier am 22. November 2005 an. Schon damals ließ sie kulinarisch die Kirche im Dorf und lud ihre Eltern, ihre tapferen Freundinnen Friede Springer, Sabine Christiansen und Inga Griese zu einem Eintopf. Dann hat sie eine Weile regiert. Dann kam die Krise. Und wieder Kartoffelsuppe.
Schlimm war es neulich beim Jahrestag des Bundes der Deutschen Industrie (BDI). Da hatte Sarah Wiener gekocht. Der halbe Dax war versammelt, Mittelständler, Wirtschaftsgurus. Es gab Kartoffelsalat - und Graupen.