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18. Juni 2006, 13:12 Uhr

Zögerlicher Ballkontakt

Ihre Vorgänger waren glühende Fans - für Angela Merkel ist Fußball nur ein "Phänomen". Nun lernt sie die Viererkette zum Wohle des Volkes. Von Franziska Reich

Kick für den Foto-Klick: Kanzlerin Merkel im Berliner Olympiastadion mit Fußballnachwuchs aus der Hauptstadt© Laurence Chaperon

Jeder kennt diese Momente, diese zähen Sekunden, die sich unangenehm anfühlen und peinlich. Wenn man im Blümchenkleid auf der Beerdigung erscheint. Wenn das Handy in der Oper den Bolero bimmelt. Ja, jeder kennt dieses Gefühl von rosafarbener Scham - jeder, auch Angela Merkel.

Bei ihr stellt sich dieses Gefühl immer dann ein, wenn sie einen Ball überreicht bekommt. Egal, wann. Egal, wo. Wenn die Kanzlerin einen Ball in den Händen halten und fröhlich in die Kameras lächeln muss, dann steht sie immer so peinlich berührt herum. So fehl am Platz. So angestrengt steif die gewinkelten Arme. Sie hält den Ball vor ihren Bauch, nicht zu fern und bloß nicht zu nah, in halbherziger Distanz. So verharrt sie dann, einige lange, viel zu lange Momente. Wenn Angela Merkel einen Ball in den Händen hält, dann weiß sie nie, wohin - wohin mit diesem runden Ding, wohin mit sich selbst. Der Ball, die Frau, sie passen einfach nicht zusammen.

Zum Fußball spricht sie nur kühl sezierende Sätze

Der Fußball und die Kanzlerin - sie sind auch im Jahr 2006, diesem Jahr des weltgrößten Fußballfestes in Deutschland, noch immer keine Freunde. Mit Angela Merkel regiert eine Frau, die weder mit Fußball noch mit sonst einem Sport je etwas am Hut hatte. Die zu Schulzeiten Bockspringen, Schwimmen und Sprinten hasste. Die bei ihren Pflichtbesuchen im Stadion so kerzengerade auf der Tribüne sitzt, als beschaute sie sich das Pferderennen von Ascot. Die nur senkrecht formulierte Sätze von sich gibt, Sätze wie "Die WM gibt mir die Möglichkeit, dieses Phänomen besser zu verstehen", oder "Die WM ist für mich Pflicht und Kür zugleich" - kühl sezierende Sätze, Sätze, die mit Glück und Taumel, all diesem Irrsinn der echten Fans so ganz und gar nichts zu tun haben.

Bei der Fussball-WM 2006 wird den Deutschen einmal mehr offenbar, was Angela Merkel so andersartig macht als ihre Vorgänger. Gut, sie ist eine Frau. Schön, sie ist Physikerin. Klar, sie verharrt am liebsten in der Pose der adretten Distanz. Doch eine Erkenntnis schlägt den Deutschen erst jetzt entgegen: Angela Merkel ist keine Fußballerin - nicht auf dem Platz und nicht im Herzen.

Kohl und Schröder mit Berti oder Franz

Fußball hat auf Kanzler vom Schlage Kohl und Schröder immer verführerisch gewirkt. Wie gern haben sie sich Seite an Seite mit den Fußballhelden der Nation gezeigt, dem treuen Berti oder dem galanten Franz. Wie sehr haben sie nach wichtigen Spielen Worte des Miteinanders bemüht, volksnahe Worte, die warm klangen und weich in den Ohren der Massen. Sie haben geglaubt, sie haben geweint und gejubelt genau wie das Volk, also mit dem Volk. Haben tatsächlich geglaubt, in diesen Fußball-heilig-seligen Momenten seien sie eins mit denen, die sie regierten. Angela Merkel würde nie auf eine solche Idee verfallen. Im Gegenteil, sie schaut sich mit großen Augen im Lande um und stellt fest, wie eigenartig sich dieses Volk beim Fußball verhält. Das macht sie neugierig. Das will sie begreifen. Mehr nicht.

Im Juni 2005 beim Spiel Deutschland gegen Russland in Dortmund kickert Merkel, damals noch nicht Kanzlerin, mit Gasprom-Chef Alexej Miller gegen den damaligen Innenminister Otto Schily und BASF-Chef Jürgen Hambrecht© Jochen Luebke/ddp

An jenem Tag im Mai, als Bundestrainer Jürgen Klinsmann die endgültige Nominierung des Kaders bekannt gibt, steht Angela Merkel im Foyer des Bundeskanzleramtes mit einigen Mitarbeitern herum. Sie erwarten den serbischen Ministerpräsidenten. Er hat sich ein wenig verspätet. Und so stehen sie also einige Minuten im Kreis und diskutieren Klinsmanns Entscheidung, und Angela Merkel fragt und will wissen und fragt. "Wer ist denn bloß dieser Odonkor?" und "Von dem habe ich ja noch nie was gehört" und "Ist der denn gut?" und "Was denken Sie denn darüber?" Sie weiß, der Besuch des Serben wird zur Fußnote des Tages verkümmern. Die Deutschen interessiert heute kein Serbe, kein Hartz IV, keine Gesundheit. In jedem Büro und jeder Werkstatt, in jedem Bus und jedem Restaurant geht es an diesem Tag in Deutschland nur um eines: die Verkündung dieser 23 Fußballernamen. Die Deutschen lieben diesen Sport, und so muss auch Merkel sich mit diesem merkwürdigen Geliebten befassen - als Pflicht einer deutschen Kanzlerin.

Mit der ungewohnten Figur der Fußballmami gefremdelt

Wie bei allen neuen Rollen, in die sich Angela Merkel im Laufe ihrer Karriere hineinfinden musste, so hat sie zunächst auch mit der ungewohnten Figur der Fußballmami gefremdelt. "Sie hat zwar keine große Ahnung, aber sie erzählt immerhin kein dummes Zeug, das ist ja auch schon was", sagt einer aus der CDU-Spitze, der ab und an ein Spiel gemeinsam mit ihr gesehen hat. "Immerhin hat sie mehr Durchblick als ihr Ehemann. Wobei das bei dem Fußballmuffel auch kein Kunststück ist", sagt ein anderer, der lange Jahre mit ihr zusammengearbeitet hat. Und einer, der schon neben ihr auf der Tribüne im Stadion saß, berichtet, sie habe "einen guten Laienblick" und sehe, wer nur auf dem Platz herumstehe und wer der Spielmacher sei.

Kein dummes Zeug, guter Laienblick - es sind diese Art von abschätzigen Kommentaren, dieses männliche Messen an der Latte des Fußball-Durchblicks, der für sie schwer zu ertragen ist. Sie fühlt sich gehemmt im Kreise der Beckenbauers und Zwanzigers, die alle so nonchalant mit der einen Hand in der Hosentasche und der anderen auf der Schulter des Kumpels posieren. Die bodenständige Kanzlerin scheint so ganz und gar nicht zu diesen maßgeschneiderten Männchen im grauen Zwirn zu passen.

"Warum sollen die Männer nicht das Gleiche leisten können wie Frauen"

Also hat sie sich erst einmal in distanzierte Ironie geflüchtet und in ihrer Neujahrsansprache erklärt: "Die Frauenfußball-Nationalmannschaft ist ja schon Fußballweltmeister, und ich sehe keinen Grund, warum Männer nicht das Gleiche leisten können wie Frauen." Dazu hat sie ein bisschen kokett in die Augen der Fernsehzuschauer geblickt. Einige fanden das ganz amüsant. Andere fanden das daneben. Die meisten aber waren zumindest überrascht über diese selbstbewussten Worte einer Frau, die so schlecht in den Fanblock passt wie ein Hooligan in die Unionsfraktion.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 24/2006

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