. .
Politik in Deutschland
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
14. Januar 2008, 09:19 Uhr

Die Grenzen des Olaf Scholz

Angestellte, Gewerkschaften und die Parteien, allen voran die SPD, sind sich einig: Der Aufschwung muss bei den Menschen ankommen. Bei "Anne Will" legte sich Arbeitsminister Olaf Scholz ins Zeug, machte aber auch deutlich, dass die Arbeitnehmer dabei nicht unbedingt auf ihn zählen sollten. Von Thomas Krause

Scholz für Mindestlohn - das fällt eher in seinen Aufgabenbereich© Roland Magunia/DDP

"So um den 20. eines Monats rutscht der Kontostand ins Minus", sagt Jörg Thiele. Der Mann mit dunklem Seitenscheitel und Dreitagebart arbeitet als Koch in Berlin. Doch sein Verdienst in Höhe von 1600 Euro reiche jedoch kaum aus, um ihn, seine Frau Uta und den dreijährigen Sohn über die Runden zu bringen. Nun sitzt das Ehepaar auf der Couch im Fernsehstudio von Anne Will, die mit ihren Gästen das Thema "Endlich mehr netto für alle: das Ende der Bescheidenheit" diskutieren will.

Die Gesprächsrunde ist mit Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD), dem Vorsitzenden des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Michael Sommer und dem FDP-Vorsitzenden Guido Westerwelle wie üblich prominent besetzt. Scholz hatte in den vergangenen Tagen und Wochen immer wieder betont, dass nach Jahren der Zurückhaltung die Arbeitnehmer nun Anspruch auf "vernünftige" Tarifabschlüsse hätten. Mit vernünftig meint er natürlich vor allem: die Leute sollen deutlich mehr Geld verdienen. Scholz' Problem dabei: Er selbst kann so viel dazu nicht beitragen. Denn die Tarifverhandlungen seien Sache der Gewerkschaften und der Arbeitnehmervertreter, die Tarifautonomie ist im Grundgesetz festgeschrieben. Sollte der Bundesarbeitsminister also selbst für die von ihm geforderten "vernünftigen" Tarifabschlüsse 2008 sorgen wollen, müsste er in der großen Koalition vorher eine Grundgesetzänderung durchbringen.

"Die Politik ist nicht zuständig"

"Jahrelang hat sich die Politik zum Thema Lohnentwicklung zurückgehalten", sagt Scholz, "aber die wirtschaftliche Entwicklung rechtfertigt nun eine Einmischung". Eine Äußerung, der Guido Westerwelle natürlich deutlich widerspricht: "Die Politik ist nicht zuständig", sagt er und watscht damit Scholz unter Hinweis auf die Tarifautonomie ab. Er sieht ganz andere Ursachen dafür, dass der Aufschwung nicht bei den Arbeitnehmern ankommt und wiederholt sein Mantra von zu hohen Steuern. So kämen zwei Drittel der Energiekosten für die Verbraucher durch den Staat zustande. "Ich maße mir nicht an, den Tarifparteien etwas vorzuschreiben", sagt Westerwelle.

Lilo Friedrich stellt sich dagegen deutlich auf die Seite der Arbeitnehmer. Sieben Jahre lang saß die 58-Jährige für die SPD im Bundestag, bevor sie in die Arbeitslosigkeit geriet. Inzwischen führt sie als Unternehmerin einen Putzservice, dessen Mitarbeiterinnen auch Einkäufe für die Kunden erledigen. Obwohl Friedrich selbst sich nicht in der Lage sieht, mehr als den von ihrer Partei geplanten Mindestlohn von 7,50 Euro zu zahlen, versteht sie die Existenzängste ihrer Mitarbeiter. "Durch die Teuerungsrate kommt nichts vom Aufschwung bei den Arbeitnehmern an", sagt sie.

Vernünftige Mitarbeiter, vernünftige Bezahlung

DGB-Chef Sommer nutzt bei Anne Will die Gelegenheit, um an die Arbeitgeber zu appellieren: "Sie brauchen vernünftige Mitarbeiter und die Mitarbeiter brauchen vernünftige Bezahlung", sagt er. Damit nicht genug: "Teilweise haben Unternehmer und Angestellte über Jahrzehnte gemeinsam etwas geschaffen. Daraus erwächst dann auch Verbundenheit und Verantwortung", sagt Scholz.

Als Anne Will die Diskussion auf Unternehmen lenkt, die diese Verantwortung durch üppige Managergehälter nicht tragen würden, nimmt Scholz das Thema dankbar auf. Er spricht sich für eine Höchstgrenze der Abfindungen für Manager aus, fordert mehr Transparenz und schlägt vor, die Aktionärsversammlung solle ein Mitspracherecht bei der Höhe der Managergehälter haben. Eine Antwort auf Anne Wills eigentliche Frage nach einer Höchstgrenze für Vorstandsbezüge vermeidet der Sozialdemokrat lieber.

Zeit, etwas zurückzuzahlen

Bei Steuern und Lohnnebenkosten könnte das Kabinettsmitglied Scholz aber sehr wohl eingreifen. Als Will diese Möglichkeit anspricht, verweist der Arbeitsminister auf die Kürzungen bei den Renten, die aus einer Senkung etwa der Sozialversicherungsbeiträge resultierten. "Politiker verschweigen das gerne", sagt er und gibt sich damit ehrlich und unnachgiebig zugleich. Doch wo die Moderatorin ihn schon einmal zu den Einflussmöglichkeiten der Politik befragt, erkundigt sie sich gleich nach möglichen Eingriffen in die Tarifautonomie. "Die Reallöhne sind in den vergangenen Jahren nur schwach gestiegen. Die Arbeitnehmer haben einen großen Anteil am Aufschwung, jetzt wird es Zeit, ihnen etwas zurückzuzahlen", sagt Scholz und belässt es wiederum bei seinem Appell an die Arbeitgeber.

Zum Schluss blicken die Gäste in die Zukunft: Wieviel der von der Gewerkschaft Verdi geforderten acht Prozent denn letztendlich in den Tarifverträgen stehen würden? Die rothaarige Unternehmerin Friedrich nimmt kein Blatt vor den Mund: "Wenn es für die Arbeitnehmer gut läuft - und das hoffe ich - sind es am Ende fünf Prozent mehr Lohn", sagt sie. Doch in der Gesprächsrunde bleibt sie mit dieser konkreten Äußerung eine Ausnahme. Nach Guido Westerwelle weigert sich auch Olaf Scholz mit dem Hinweis auf die Tarifautonomie, einen Tipp abzugeben.

Spätestens jetzt wird klar, dass Scholz außer populistischen Appellen nichts für die SPD-Klientel der Arbeitnehmer tun wird, tun wird können. Auf eine Grundgesetzänderung wegen der Tarifautonomie oder einer Senkung der Lohnnebenkosten sollten die Arbeitnehmer jedenfalls nicht hoffen. Bei den Tarifverhandlungen bleiben die Gewerkschaften jedenfalls auf sich allein gestellt.

Doch wie die Tarifrunden 2008 auch ausgehen mögen: Jörg Thiele und Uta Frischke interessiert das nicht mehr. Sie wollen zwar, dass es für sie finanziell wieder aufwärts geht. Doch dafür wandern sie in wenigen Wochen aus - und verlassen sich nur auf sich selbst.

Von Thomas Krause
 
 
KOMMENTARE (5 von 5)
 
ramteid (16.01.2008, 14:22 Uhr)
Wozu?
Ja wozu hat man dann den lieben Onkel Olaf überhaupt geladen. Tobt schon der Wahlkampf? Was er nicht kann, braucht er doch auch nicht verkünden. Er ist doch lange genug im Geschäft und brauchte eigentlich keinen Nachhilfeunterricht von Westerwelle. Aber gesehen werden ist wahrscheinlich alles oder die halbe Miete.
endbenutzer (14.01.2008, 12:54 Uhr)
Ach so, stimmt ja...
..ich hatte ganz vergessen, dass es in Ländern, die von unseren Auswanderern immer wieder gerne gewählt werden, alles soviel besser ist. Thailand, Afrika, USA - die List könnte man noch beliebig verlängern. Klar gibt es auch hier in Deutschland Probleme. Trotzdem sind diese in den meisten Fällen wesentlich geringer als in anderen Ländern. Und Bürokratie gibt es anderswo auch. Meist noch schlimmer und restriktiver als hier. Aber wie heisst es so schön: Geht es dem Esel zu gut, geht er aufs Eis...
Aetz (14.01.2008, 12:18 Uhr)
Hohe Ärztedichte?
@endbenutzer: Dir ist da ein Problem entgangen, gerade in den ländlichen Regionen und im Osten fehlen immer mehr Ärzte - die wandern nämlich auch alle aus...
endbenutzer (14.01.2008, 11:18 Uhr)
Ja ja, auswandern...
...und dabei vergessen, dass jeder Mist der in Deutschland kostenfrei - oder zumindest preiswerter ist - im Ausland doppelt so teuer ist. Beispiel Krankenversicherung. Und wenn man dann alt ist, erinnert man sich gerne wieder an good old Germany mit seinem Sozialsystem und der hohen Ärztedichte..
gkahr78 (14.01.2008, 10:01 Uhr)
Auswandern ist leider die sinnvollste Lösung
Mit dem Satz "Doch dafür wandern sie in wenigen Wochen aus - und verlassen sich nur auf sich selbst." endet der Artikel und es ist das einzig sinnvolle, was man als Deutscher noch machen kann. Unternehmen gehen in die Länder, in denen sie günstig produzieren können und Arbeitnehmer gehen eben in die Länder, in denen sie mehr produzieren.
Daher rührt dann wohl auch der vielbeschworene Fachkräftemangel. Wenn ein Familienvater seine Familie mit einem anständigen Job nicht durchbringen kann, dann versucht er das eben in einem Land, in dem sein Leistungen höher honoriert werden. Die Skandinavier, die US-Amerikaner oder wo auch immer man landet, die freuen sich über gut ausgebildete Leute.
Gruss eines Deutschen aus der Schweiz
MEHR ZUM ARTIKEL
Arbeitsmarkt SPD bereitet Mindestlohn für alle vor

Die SPD geht im koalitionsinternen Streit um Mindestlöhne in die Offensive. Im Bundesarbeitsministerium wird bereits an einem Gesetzentwurf gearbeitet, mit dem flächendeckend Mindestlöhne eingeführt werden sollen. Ein Großkonflikt mit der Union ist vorprogrammiert. mehr...

Tarifstreit bei der Bahn Elf Prozent mehr für Lokführer

Ein Ende des Tarifstreits bei der Bahn ist abzusehen: Nach zehn Monaten haben sich die Lokführergewerkschaft GDL und die Deutsche Bahn geeinigt. Elf Prozent mehr Lohn soll es geben. Und die beste Nachricht für die Verbraucher: keine Streiks mehr. mehr...

Öffentlicher Dienst Das Ende der Bescheidenheit

Die Tarifverhandlungen für die 1,3 Millionen Angestellten des Bundes und der Kommunen haben begonnen. In deren Mittelpunkt steht die Forderung nach einer Gehaltserhöhung von acht Prozent, mindestens jedoch 200 Euro pro Monat. mehr...

 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe