Die Doktorin der Herzen

26. Januar 2013, 08:51 Uhr

Trotz der Plagiatsaffäre hat die CDU in Ulm Bildungsministerin Annette Schavan mit einem Rekordergebnis wieder für den Bundestag nominiert. Ob sie dort ankommen wird, ist aber nach wie vor offen. Von Hans-Peter Schütz

26 Bewertungen
Annette Schavan, Bundestagswahl, Plagiatsaffäre, Schavan, Nominierung

Freudestrahlend: Bildungsministerin Annette Schavan nach ihrer Nominierung für den Bundestag durch die CDU Ulm©

So wie am Freitagabend hat die CDU-Basis noch nie ihre Abgeordnete Annette Schavan gesehen: Als das Ergebnis ihrer Bundestagsnominierung bekannt gegeben wurde, brandete ein Jubelsturm durch die Gemeindehalle des Tagungsortes Eggingen, nahe Ulm. Die ansonsten so beherrschte Bundesbildungsministerin wurde umarmt und geküsst, kletterte glückstrahlend auf einen Stuhl und nahm strahlend die minutenlangen Ovationen der Parteibasis entgegen. Mit 96 Prozent, so wurde verkündet, war sie wieder nominiert worden. "Darüber bin ich ganz einfach glücklich", strahlte die Ministerin.

Genau genommen waren es 95,8 Prozent. Von 307 möglichen Stimmen bekam Schavan 294 (10 Nein, 3 Enthaltungen). In seiner Begeisterung über das Ergebnis rundete der CDU-Kreisvorsitzende Paul Glökler kurzerhand leicht auf. Ein anderes Parteimitglied jubelte: "Die CDU hat richtig entschieden. Vieles in der Region wäre ohne Frau Schavan nicht gelaufen. Sie ist integer."

Basis war von Schavan nicht immer begeistert

Das hat die Parteibasis bei ihrer Kandidatin für die Bundestagswahl im September, gegen die vergangene Woche ein Verfahren zur Aberkennung ihres Doktortitels wegen Plagiatsvorwürfen eingeleitet worden ist, nicht immer so gesehen. Im den Jahren 2005 und 2008 war Schavan mit eher kläglichen 50,8 und 57 Prozent für den Bundestag nominiert worden. Blamabel wenig für die Frau, die als ehemalige baden-württembergische Bildungsministerin für den Ulmer Wahlkreis angetreten war.

Vor allem das Ergebnis von 2008 galt in der lokalen CDU als gerechtes Ergebnis. Um Ulm habe sich die Abgeordnete nicht richtig gekümmert, habe - wenn überhaupt - nur ab und an die Ulmer Universität besucht. Bei den ersten beiden Nominierungen hatte es sogar Gegenkandidaten gegeben. Die Parteibasis fühlte sich extrem vernachlässigt. Diese krasse Ablehnung hat die lokale CDU dieses Mal mit Blick auf das laufende Plagiatsverfahren zu verhindern gewusst. Denn schon mit einem Ergebnis von 70 Prozent wäre die Politikerin, die als enge Freundin von Bundeskanzlerin Angela Merkel gilt, politisch schwer beschädigt gewesen.

Kandidatin Schavan ist ein Risiko

Vor der Abstimmung hatte Schavan in ihrer 30-minütigen Bewerbungsrede noch einmal mit Blick auf das Verfahren der Universität Düsseldorf gegen sie versichert: "Ich habe nicht abgeschrieben und schon gar nicht vorsätzlich getäuscht." Die lokale Zeitung, die Ulmer "Südwest Presse", kommentierte das gute Ergebnis für Schavan mit den Worten: "Je dünner die Luft, desto dicker die Parteibande." Bemerkenswert sei vor allem, dass die CDU das Risiko eingehe, "mit einer angeschlagenen Kandidatin in den Wahlkampf zu ziehen."

In der lokalen CDU wird nicht geleugnet, dass es bei der Nominierung auch einen Mitleidsbonus gegeben habe. Aber die Partei ist überzeugt: "Unsere Kandidatin wird durchmarschieren." Ob sie aber tatsächlich wieder den Bundestag erreicht, gilt indes weiterhin als offen. Schavan selbst hat bereits angekündigt, dass sie nicht noch einmal als stellvertretende Parteivorsitzende auf dem nächsten CDU-Parteitag kandidieren werde. Bildungsministerin will sie allerdings bleiben.

Steht McAllister als Nachfolger schon bereit?

Das kann sie allerdings nur, wenn sie die Hängepartie um den Erhalt ihres Doktorgrades gewinnt. Der ohnehin politisch bedrängte CDU-Landesverband Baden-Württemberg sieht sehr wohl das Risiko, im Bundestags-Wahlkampf mit einer Kandidatin anzutreten, die als Ministerin für Bildung und Wissenschaft ihren akademischen Titel wegen Plagiats verliert. Zwar hat Schavan im Augenblick noch die volle Rückendeckung Merkels. Aber in der CDU ist nicht unbekannt geblieben, dass Merkel den Entzug der Doktorwürde nicht mehr völlig ausschließt. Dann müsste sie sogleich nach Ersatz für ihre Ministerin suchen. In der Berliner Gerüchteküche wird als Nachfolge-Kandidat bereits der bisherige niedersächsische Ministerpräsident David McAllister gehandelt. Er galt bisher auch als potenzieller, neuer CDU-Generalsekretär. Merkel ließ allerdings vergangene Woche Regierungssprecher Steffen Seibert erklären: "Die Kanzlerin schätzt ihre Arbeit, und sie hat volles Vertrauen in ihre Arbeit."

Ob das Verfahren der Universität Düsseldorf für Schavan verloren geht, weil sie vor 30 Jahren ihre Doktorarbeit mit "leitender Täuschungsabsicht", so der Prodekan der Universität, oder nur wissenschaftlich schlampig gefertigt hat, was Schavan nicht gänzlich ausschließt, ist unerheblich. Die politischen Konsequenzen wären unvermeidlich. Der Berliner Rechtsprofessor Gerhard Dannemann befürchtet, die künftigen Maßstäbe für saubere wissenschaftliche Arbeit könnten beschädigt werden, wenn ausgerechnet bei der Wissenschaftsministerin aus politischen Gründen ein Auge zugedrückt würde. Nach seiner Meinung hätte Schavans Arbeit nicht als Doktorarbeit angenommen werden dürfen. Noch härter urteilt der Schweizer Literaturforscher Philipp Theisohn: Eine eigene wissenschaftliche Position sei in der Arbeit Schavans "oft nur rudimentär entwickelt."

Fakultätsrat entscheidet auch politische Zukunft

Schavan will um ihren Titel energisch kämpfen. Der Vorwurf der Abschreiberei habe sie "bis ins Mark getroffen" gestand sie der "Südwest Presse" in einem Interview. Aber sie werde kämpfen und habe sich vorgenommen: "Bloß kein Selbstmitleid!". Sie habe ihre Arbeit seit Beginn der Vorwürfe vor acht Monaten noch einmal intensiv gelesen und mit Fachleuten besprochen. "All das überzeugt mich in meiner Überzeugung, dass meine Arbeit kein Plagiat ist."

Am 5. Februar wird der Düsseldorfer Fakultätsrat über Schavans Dissertation beraten. Entschließt der sich zur Aberkennung des Doktorgrades, könnte die Ministerin zwar dagegen juristisch vorgehen. Aber es gilt als unmöglich, dass sie während dieses vermutlich langwierigen Prozesses das Ministeramt behalten kann. Im Wahlkampf wäre das für die Opposition, die sich bisher eher zurückgehalten hat, eine willkommene Angriffseinladung.

 
 
MEHR ZUM THEMA
Legen Sie Ihr Geld richtig an! Legen Sie Ihr Geld richtig an! Der Ratgeber Geldanlage gibt Ihnen Tipps, wie Sie mehr aus ihrem Geld machen. Zu den Ratgebern
 
stern Investigativ
Anonymer Briefkasten: Haben Sie Informationen für uns? Anonymer Briefkasten Haben Sie Informationen für uns? Hier können Sie uns anonym Mitteilungen und Dateien zukommen lassen. Wir behandeln sie vertraulich.
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (18/2014)
Die vegane Versuchung