8. November 2008, 09:28 Uhr

Niemand hört die Kanzlerflüsterin

Bundesbildungsministerin Annette Schavan regiert am Durchschnittsbürger vorbei. Ihren Ulmer Wahlkreis hat sie nur mit Ach und Krach gewinnen können. Doch wie ein weiblicher Wolfgang Tiefensee ignoriert sie diese Niederlage - und übt sich lieber weiterhin im Beflüstern der Bundeskanzlerin. Von Hans Peter Schütz

Angela Merkel, Annette Schavan, Bildung, Forschung

Kein Profil: Bundesbildungsministerin Annette Schavan (l.) und Kanzlerin Angela Merkel©

Das Heimatblatt in Ulm war platt. Lokalchef Uli Thierer konnte es nicht fassen. "Vertrauensbeweis sieht anders aus", überschrieb er das Ereignis. Und fügte ein eindeutiges Urteil an: "57 Prozent Zustimmung bedeuten für eine Bundesministerin ein fast blamables Ergebnis."

Fast blamabel? Im fernen Berlin reden die Parteifreunde von "totaler Pleite," wenn sie darüber lästern, wie miserabel Annette Schavan, immerhin Bundesministerin für Bildung und Forschung, abgeschnitten hat, als sie sich dieser Tage in ihrem Heimatwahlkreis Ulm wieder als Kandidatin für die Bundestagswahl 2009 aufstellen ließ. 57 Prozent ist in diesem Zusammenhang eine Misstrauenserklärung. Fraktionschef Volker Kauder holte in seinem Wahlkreis 98,7 Prozent. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble kassierte 96,2 Prozent Zustimmung.

Schavan ist an der Basis noch nicht angekommen

Man muss die spektakulär-peinliche Schlappe ihrer CDU-Kollegin auch auf der Zeitachse betrachten. Vor drei Jahren schaffte sie mit Hängen und Würgen 51 Prozent. Die 57 Prozent gut drei Jahre später bedeuten: Schavan ist im Wahlkreis und an ihrer Basis noch immer nicht angekommen. In der Berliner CDU-Zentrale schweigt man betreten. Bloß nicht drüber reden, wie unbeliebt eine Merkel-Vertraute zuhause ist. Jeder zweite Christdemokrat mag sie nicht in einem Wahlkreis, der an Bayern grenzt und seit Ludwig Erhards Zeiten mehrheitlich schwarz wählt. Ein Parteifreund droht: "Schavan steht in Ulm unter verschärfter Beobachtung."

Das gilt inzwischen auch für Berlin. "Was in Ulm geschah, sieht auch in der Hauptstadt sauschlecht aus", murrt ein hochrangiges Mitglied der baden-württembergischen CDU-Landesgruppe im Bundestag. Dort stellt man vor allem eine Frage: Wie will Angela Merkel mit dem Bildungsthema bei der Bundestagswahl glänzen, wenn ihre Bildungsministerin in einer Universitätsstadt so abgestraft wird? Denn Einsicht in ihre Lage scheint die 53-jährige Theologin immer noch nicht gewonnen zu haben. Sie hat die Wahlschlappe als "gute Vertrauensbasis für die gemeinsame Arbeit" bezeichnet.

Glaubwürdigkeit erschüttert

So wie in Ulm ist ihr auch in der Bundespolitik die Basis weggebröckelt. Das dokumentierte unlängst der Bildungsgipfel in Dresden. Er sollte ein publikumswirksamer Höhepunkt für die Bildungsministerin und ihre Kanzlerin werden sollen. Heraus kam ein klein kariertes Kompetenzgerangel zwischen Bund und Ländern. Ergebnisse: keine. Der versprochene nationale Kraftakt in Sachen Bildung entpuppte sich als peinlicher Marketing-Gag der Bundesregierung. Angekündigt hatte die Ministerin das "Signal, dass Bund und Länder sich gemeinsam anstrengen, zu einem der besten Bildungssysteme weltweit zu kommen." Nichts dergleichen ist in Sicht.

Keine Chance hat die Frau, die allzeit ein hartnäckiges Lächeln auf den Lippen trägt, jemals die Popularität einer Ursula von der Leyen zu erreichen. Immer wieder lässt sie sich bei taktischen Manövern ertappen, die ihre politische Glaubwürdigkeit erschüttern. Weil eine von ihr in Auftrag gegebene Studie über die eindeutig abschreckende Wirkung von Studiengebühren - allein vom Abi-Jahrgang 2006 nahmen 18.000 junge Menschen deswegen kein Studium auf - nicht passte, nahm sie die Ergebnisse vor dem Dresdner Bildungsgipfel schnell unter Verschluss. Das taktisch-egoistische Motiv der Aktion ist klar: Zehn Jahr lang hatte Schavan als Kultusministerin in Baden-Württemberg ununterbrochen Studien-Gebühren gefordert. Dass diese zu einem sozialen Numerus clausus führen könnten, sollte niemand wissen.

Bildung und Forschung als graue Wolken

Wenn der CSU-Politiker Peter Ramsauer über Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee lästert, mit seiner Person schöpfe die SPD ihre verkehrspolitische Kompetenz nicht maximal aus, könnte er den Satz bildungspolitisch auch auf die Unionsfreundin Schavan münzen. Bildung wie Forschung sind unter ihrer Regie graue Wolken geblieben. Die "Stuttgarter Zeitung", wichtigstes Blatt ihrer politischen Basis, bescheinigt ihr den "Eindruck der gepflegten Langeweile", den sie seit ihrem Amtsantritt in Berlin verbreite. Entsprechend bescheiden ist ihre Wahrnehmung durch die Medien. Interviews mit ihr enden immer in Schönrednerei. Niemals macht sie durch mutige bildungspolitische Gedanken Schlagzeilen. Die dicksten erwarb sie sich dadurch, dass sie sich in einem Bundeswehrhubschrauber aus Stuttgart nach Zürich zu einem drittklassigen Vortrag fliegen ließ.

Schon zu ihren Stuttgarter Zeiten gab diese Frau keine klaren Stellungnahmen zu landespolitischen Problemen ab. Behalf sich mit schönen Sprüchen wie "Politik muss den Wandel gestalten..." Eine enge Anbindung an die Partei mied sie, wollte dann aber doch Ministerpräsident Erwin Teufel beerben. Gremienarbeit ist ihr bis heute ein Gräuel. Ihren damaligen Landtagswahlkreis vernachlässigte sie so wie heute den Bundestagswahlkreis. Sie sitzt ungern in verrauchten Hinterzimmern, liebt vor allem den eleganten Auftritt vor großbürgerlichem Stadtpublikum. Wenn kleine Bürger sie ansprechen, verdreht es ihr zuweilen die Augen. So sanft gepflegt sie sich gerne als Amtsträgerin gibt, so aufbrausend emotional kann sie in ihrem Ministerium sein. Unter ihr Beamter zu sein, ist selten eine Erfahrung christlicher Nächstenliebe, wie man es von der ehemaligen Geschäftsführerin des bischöflichen Cusanuswerks erwarten könnte. Auch hochrangige Mitarbeiter kanzelt sie gerne öffentlich ab. Dass sie intern "die Äbtissin" genannt wird, hat mit Zuneigung nichts zu tun, sondern mit ihrer rigorosen Strenge.

Forschungspolitik bleibt ohne Profil

Als Kandidatin der CDU fürs Amt des Bundespräsidenten ist sie gescheitert, weil sich ihre Partei eine unverheiratete Frau im Schloss Bellevue nicht vorstellen konnte. Auch ins traditionelle Familienbild passt sie nicht. Karriere machte sie über Angela Merkel, die ihr bis heute dafür dankbar ist, dass Schavan sie einst als Kandidatin vorgeschlagen hat, als der damalige CDU-Chef Schäuble eine Generalsekretärin suchte. Und als der Kampf um den CDU-Vorsitz nach Schäuble tobte, kämpfte sie strikt für die "Lichtgestalt" Merkel. Bemerkenswert auch, dass heute eine Frau für die Bildungspolitik im Bund steht, die einst Rolf Hochhuths Buch "Eine Liebe in Deutschland" als Pflichtstoff für das Abitur hatte streichen lassen. Hochhuth mochte sie nicht, der hatte Altministerpräsident Hans Karl Filbinger in ihren Augen zu heftig attackiert.

"Annette Makellos" schwärmten einige, als Schavan nach Berlin kam. Dass hier eine Frau antrat, die Politik nicht sehr an ihren inhaltlichen Zielen misst, sondern vor allem an ihren machtpolitischen Perspektiven und dem persönlichen Vorankommen, merken viele Parteifreunde im Bundestag erst allmählich. Die Forschungspolitik hat bis heute kein erkennbares Profil, obwohl Milliarden von der Ministerin verwaltet und über den Tisch geschoben werden. Auf den Politstar lege sie keinen Wert, lässt sie Parteifreunde wissen, die sie daran erinnern, dass auch das Werben um die Sympathie des durchschnittlichen Wählers zum politischen Geschäft gehört und nicht nur das Wispern ins Ohr der Kanzlerin. Wenn gar einer es wagt, sie daran zu erinnern, wie die Kollegin von der Leyen die Ministerinnenrolle gibt, der darf sich sicher sein: Bei nächster passender Gelegenheit wird sie ihm statt Maultaschen Maulschellen verabreichen.

Der Frührentner Johannes Mack, der in Ulm gegen Schavan kandidierte, hat ihr "eine gewisse Arroganz und Überheblichkeit aus einer vermeintlichen Position der Stärke" heraus vorgeworfen. Das wird ihr in Berlin zunehmend als Schwäche ausgelegt.

 
 
KOMMENTARE (9 von 9)
 
Reality (08.11.2008, 12:23 Uhr)
Ach ja, was soll man von so einer Person halten...
die sich gerne als Kanzelprediger-in in ihrem Wahlkreis zeigt.
Vor Wahlen schnell noch Besuche in diversen Betrieben absolviert.
Ansonsten den Eindruck einer Lobbyistenfreundin abgibt.
Sich in ein Schlafwagenabteil Wahlbezirk für den Bundestagswahlkampf auf den ersten Platz hieven ließ.
Ihr Vorgänger und jetzige Volksnahe Landrat Seifert war wesentlich beliebter als sie, weil einfach menschlicher mit Familie und aus der Region. Es wäre mal interessant welcher Klüngel damals gelaufen ist als man sie auf diesen Wahlkreis ansetzte obwohl die Frau dort nicht bekannt oder heimisch war.
Sie wird mit ihrer Frömmlichtuerei auch hier in einem Erzkonservativen Wahlkreis nie völlig ankommen, doch das merkt sie wohl selbst nie.
Bin schon bei diversen Reden von ihr anwesend gewesen und muß sagen, außer lauwarmen Gerede besetzt sie wie Merkel nur Gemeinplätze.
Ich meine dieser Wahlkreis hat besseres verdient.!
Doch denke ich das Stimmvieh wird auch ein nächstes Mal wieder ihre Metzger-in wählen nur eben mit deutlichen StimmeVerlusten.
Eigentlich sollten die anderen Parteien dankbar sein dass sie so einer Frau gegenüberstehen.
Eigentlich ein Glücksfall weil man Punkten könnte, doch scheint es sie bringen es nicht auf die Reihe und machen diese Fehlbesetzung eher noch stärker.
Was mich besonders stört ist dass diese Frau sich frömmelnd gibt, dabei verstehe ich aber das Christentum ganz anders als sie es lebt...
Salzsteuer (08.11.2008, 11:33 Uhr)
Solche Politiker,
gleich welcher Fraktion, die geistig abgehoben von der Realität, weit entfernt von den Problemen des real existierenden Volkes stehen, braucht kein Mensch und keine Partei.
Frau Schavan, gehen Sie doch mal 4 Wochen zum Kaufhof arbeiten, Taxi fahren oder in den Puff, damit Sie das Leben kennen lernen.
berthold3228 (08.11.2008, 11:06 Uhr)
Machtfrau Schavan
Es war wohl nichts anderes von dieser Frau zu erwarten, betrachtet man das schulpolitische Desaster, das Schavan in Baden-Württemberg hinterließ. Vielleicht hätte der Autor auch noch auf das Geklüngel Merkel-Schavan- Stolz im Wahlkreis Ulm eingehen können. Erst dadurch erreichte diese Person ihren sicheren Listenplatz zur Bundestagswahl.
p_hakel (08.11.2008, 10:38 Uhr)
Nicht ungewöhnlich,
hat man doch immer mehr den Eindruck, daß es sich bei unseren Politikern, egal welcher Partei, um selbstverliebte, machtgeile Nichtsnutze handelt. FDJ Angela vorneweg.
Pengolodh (08.11.2008, 10:18 Uhr)
Nicht die ganze Wahrheit
"Schönrednerei" trifft es nicht ganz. Auch wenn Frau Schavan mal wirklich was sagt, ist das nicht immer schön, selbst wenn man es glauben könnte. Ihr etwas zu glauben, wäre aber erfahrungsgemäß keine kluge Idee. Ein wohl schon wieder vergessenes, aber krasses Beispiel: als sie im Kopftuchstreit das Nonnenhabit als "Berufsbekleidung" bezeichnete. Die Dreistigkeit dieser Behauptung sorgte für empörte Reaktionen unter deutschen Ordensschwestern, es war aber NICHT dummdreist. Die Frau ist Theologin, sie hat ganz klar wider besseres Wissen gesprochen. Ich weiß, Sarkasmus ist nicht beliebt, er drängt sich aber auf, wenn jemand ein so entspanntes Verhältnis zur bewußten Unwahrheit hat, und über ein Thema der Moraltheologie promoviert hat: "Person und Gewissen - Studien zu Voraussetzungen, Notwendigkeit und Erfordernissen heutiger Gewissensbildung". Mehr als "ah, ja!" fällt mir dazu wirklich nicht ein.
MRP66 (08.11.2008, 10:02 Uhr)
Schon vorher gewusst!
Was wir in Baden-Württemberg von dieser Frau bekommen hatten, war schon sehr verstörend. Weil wir an der Nähe zur französischen Grenze wohnen, muss meine Tochter französisch als erste Fremdsprache lernen, nicht Englisch.
Das war Schavans Idee. Selbt die größten Proteste halfen nichts. Wir hatten drei Kreuze gemacht als sie aus dem Ländle wegging. Aber den Schaden hat sie hinterlassen. Für den Normalbürger hat sie nichts übrig, nur für die höheren Bildungsschichten.
Sternchen2020 (08.11.2008, 09:48 Uhr)
Erstklassiges Portrait,
nichts ausgelassen, nichts hinzugefügt und sehr gut formuleirt. Einzig das Märchen von der Beliebtheit der Ursula von der Leyen wirkt etwas deplatziert, es schmälert aber den ansonsten wirklich guten Artikel nicht und die Leyen-Bilanz tritt ohnehin erst mit Verzögerung zutage, da die "familientherapeutischen" Instrumente in ihrer negativen Wirkung erst mittel- und langfristig zünden.
flyingfree (08.11.2008, 09:46 Uhr)
Passt in´s Team
Niemand taugt etwas in dieser Regierung, so auch Schavan.
UweBerlin (08.11.2008, 09:38 Uhr)
Nichtssagene Interviews einer Fehlbesetzung
Dass Frau Schavan in Sachen Bildung nicht viel drauf hat, hatte sie in der Vergangenheit als Vorsitzende der KMK und anderswo schon reichlich unter Beweis stellen können. Umso bedauerlicher, dass solch eine Frau, die vielleicht schön-geistige Bücher über die Frage des Gewissens zusammen bekommt, auf dem Sessel der Bildungsministerin gehievt wurde durch die Frauenfreundschaft zu Frau Merkel (man erinnert sich ja in der deutschen Politik an die Männerfreundschaften Kohls und teilweise auch Schröder). Sie fliegt teuer durch die Gegend, um BlaBla und nichtssagende Vertröstungsinterviews (a la alles gar nicht so schlimm, was da angerichtet wurde, obwohl unter Verschluss gehaltene Studien anderes belegen...!!!) zu geben.
Schavahn ist eine von mehreren absoluten Fehlbesetzungen. Ich würde sie lieber in einem Frauenkloster und als Buchautorin (Kräuter etc) sehen. Ihr pastorales Gehabe geht einem zudem dann auch noch menschlich völlig auf die Nerven.
MEHR ZUM ARTIKEL
Kommentar Macht Eure Hausaufgaben!

Bildungsministerin Annette Schavan dringt auf ein bundesweites Zentralabitur. Keine schlechte Idee, findet stern-Redakteurin Catrin Boldebuck. Für das Zaudern einiger unionsregierter Länder hat sie deshalb kein Verständnis. Zumal es noch eine viel größere, gemeinsame Herausforderung gibt.

Energie Schavan will Atomforschung stärker fördern

Forschungsministerin Annette Schavan will trotz des vereinbarten Atomausstiegs mehr Geld in die Kernforschung stecken. Zudem solle auch die Ausbildung junger Nuklearwissenschaftler verbessert werden. Deutschland, so die Ministerin, dürfe sich auf diesem Gebiet keinen Kompetenzverlust leisten.

Bildung Neue Lehrer braucht das Land

Es ist Zeit, dass wir über Lehrer reden: Denn der Schulalltag wird geprägt von Frauen und Männern, die langweiligen Unterricht machen, die Kinder traktieren, träge sind. Dabei gibt es auch solche: motiviert, begeisternd, zugewandt. Das sind die Glücksfälle. Und Deutschland braucht mehr von ihnen.

Bessere Bildung SPD und Lehrer mit Gipfel unzufrieden

Unkonkret, mutlos und vage: SPD-Politiker, Wissenschaftler und Lehrer haben die Ergebnisse des Bildungsgipfels in Dresden scharf kritisiert. Und wer das alles bezahlen solle, sei noch immer nicht geklärt, sagte Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck.

 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (26/2013)
Die Zuckermafia