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21. Mai 2007, 11:36 Uhr

Deutschland muss das Trauern lernen

Der Tod dreier Bundeswehr-Soldaten in Kundus zwingt uns, über Sinn und Unsinn des Afghanistan-Einsatzes zu diskutieren. Ebenso wichtig ist jedoch, dass wir lernen, die Trauer über den Tod der Soldaten mit öffentlichen Ritualen zu feiern. Ein Kommentar von Florian Güßgen

Totenwache für einen im Dienst ums Leben gekommenden Soldaten auf dem Fliegerhorst Jagel© Insa Korth/DDP

Der Tod ergibt nie Sinn. Er ist sinnlos. Er ist unbegreifbar. Jener Verlust, den die Angehörigen und Freunde der drei Bundeswehr-Soldaten erlitten haben, ist unermesslich, ihre Trauer ist zutiefst persönlich. Jeder Verwandte, jeder Freund, muss Wege suchen und finden, mit dieser Trauer umzugehen. Gegen die oft abstrakten Ziele irgendeiner Außen- und Sicherheitspolitik kann das alles nicht aufgewogen werden.

Der Anschlag darf niemanden überraschen

Dennoch: Jenseits der privaten Dimension gibt es auch eine politische, eine öffentliche. Es muss gefragt werden: Rechtfertigen die sicherheitspolitischen Ziele der Regierung, rechtfertigt ein vielleicht in ferner Zukunft wie auch immer befriedetes Afghanistan, rechtfertigt das alles den Tod deutscher Soldaten? Wollen wir den höchsten Preis zahlen, den ein Staat, den diese Bundesrepublik für eine Politik zahlen kann? Muss Deutschland tatsächlich am Hindukusch verteidigt werden? Die Debatte, die um diese Frage kreist, kocht nun wieder hoch. Zwar darf der Anschlag in Kundus niemanden überraschen. Die Risiken des Einsatzes waren lange bekannt, die Zeiten, in denen die Bundeswehr nur Trockenübungen veranstaltete, sind lange vorbei. Aber dennoch ist diese neue, alte Debatte wichtig und notwendig. Nutzen und Preis des Afghanistan-Einsatzes müssen stets neu abgewogen und überprüft werden.

Die politische Rechtfertigung des Einsatzes kann allerdings nur ein Teil der öffentlichen Auseinandersetzung mit dem Sterben deutscher Soldaten sein. Der zweite, mit dem ersten eng verwobene Teil, muss darin bestehen, dass die private Trauer flankiert wird von einer gewollten, bewusst gefeierten öffentlichen Trauer. Durch öffentliche Zeremonien und öffentliches Gedenken müssen wir uns den Preis deutscher Politik auch durch Trauer- und Gedenkrituale bewusst machen.

Gerade das jedoch müssen die Deutschen erst lernen. Sie sind unerfahren, weil Auslandseinsätze und tote Soldaten aus gutem Grund lange nicht zur bundesrepublikanischen Erfahrungswelt gehörten. Zudem herrschte, zumindest in Westdeutschland, lange eine gesunde Skepsis gegenüber militärischen Ritualen vor. An diesen haftete der Ruch, neonazistisch und nationalistisch durchtränkt zu sein. Wozu brauchte man auch Rituale, wenn sich Bundeswehr-Einsätze ohnehin auf gefahrloses, däumchen-drehendes Verteidigen im Inland beschränkten

Ehrenmal in der Nähe des Reichstages

Mit den neuen Auslandseinsätzen der Bundeswehr hat sich das Todesrisiko für jeden Soldaten objektiv drastisch erhöht. Und auch, wenn man über Sinn und Zweck des einen oder anderen Einsatzes streiten muss, sind getötete Soldaten nun Teil unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit. Deshalb wäre es zu einfach, Trauerrituale mit dem Verweis auf die braune Vergangenheit zu diskreditieren und zu unterdrücken. Sie müssen eingeübt werden - eben ohne rechten Schwulst.

Dazu gehört etwa, dass wir als Öffentlichkeit beobachten können, wie die Särge der Opfer nach Deutschland zurückgebracht werden, dass wir beobachten können wie die Bundeswehr ihren verstorbenen Angehörigen die letzte Ehre erweist. Dazu gehört aber auch, dass das Ehrenmal, das Verteidigungsminister Franz-Josef Jung den verstorbenen Soldaten errichten lassen will, die Namen der Opfer aufführt. Und dazu gehört, dass dieses Ehrenmal, anders als bislang geplant, nicht auf dem Gelände des Berliner Amtssitzes des Verteidigungsministeriums im Bendlerblock versteckt wird, in der Nähe des Denkmals für die Widerständler des 20. Juli 1944. Das Ehrenmal muss gut sichtbar sein, in der Nähe des Bundestages, am besten sogar im Reichstag, in der Nähe jener, die über den Einsatz der Armee auch künftig entscheiden. Das Ehrenmal muss als Memento Mori dienen, als stete Erinnerung an Parlamentarier und Regierung, dass ihre Entscheidungen Leben kosten können.

Ihre Meinung

Was meinen Sie? Soll es in Deutschland eine Kultur der öffentlichen Trauer um tote Soldaten geben?

Diskutieren Sie mit! Bisherige Beiträge (29)
Ein Kommentar von Florian Güßgen
 
 
KOMMENTARE (10 von 29)
 
ColonelKURTZ (23.05.2007, 22:52 Uhr)
Born to Kill!
İch finde es schön und beruhigend, dass endlich auch wieder Deutsche Staatsbürger, vor allem Uniformierte, in aller Welt gekillt werden. Man muss endlich den deutschen İmperialisten auf diese Art und Weise danken, dass sie wieder in der Weltpolitik mitmischen wollen.
İch freue mich schon auf neue Heldenfriedhöfe für unsere deutschen Helden.
Loco (23.05.2007, 21:33 Uhr)
Grossartiger Artikel
Ein grossartig geschriebener Artikel. Es geht nicht um ein pro oder contra bei den Auslandseinsaetzen, es geht um die angemessene Wuerdigung der Opfer. Nicht mehr und nicht weniger. Soldaten machen keine Politik. Auch wenn man gegen den Einsatz ist, verdienen die Opfer unseren hoechsten Respekt. Alles andere ist nur Polemik die sich sehr leicht vom sicheren Sofa daheim verbreiten laesst. Ein Denkmal fuer Soldaten ist absolut angebracht, ja notwendig.
Die gefaehrliche und ehrenhafte Arbeit der Soldaten muss endlich in Deutschland anerkannt werden.
Schwaben-Giovanni (23.05.2007, 21:00 Uhr)
Soldaten und die Trauer
Der Ansatz der öffentlichen Trauer ist meiner Meinung nach völlig falsch. Es ist an der Zeit, einen Sinneswandel herbeizuführen: Austritt aus der NATO, hin zur Eigenverantwortung ! ( Beispiel: Schweiz ). Noch ist es nicht zu spät, mit nicht nachvollziehbaren Auslandseinsätzen Schluß zu machen.Oder wollen wir weiterhin den Erfüllungsgehilfen für die USA spielen ?
RBrunnerHH (22.05.2007, 08:24 Uhr)
"Muslime in der Überzahl"
@Rosenengel
Gott (oder wer auch immer) bewahre uns davor!
Rosenengel (21.05.2007, 23:39 Uhr)
Viele der alten Kriegerdenkmäler
wurden abgerissen, als sie nicht mehr in ein gewandeltes politisches Weltbild paßten. Die ehemals geehrten Soldaten wurden so geschmäht. Warum sollte es den heutigen Soldaten und deren Denkmäler anders ergehen? Zumal diese dazu noch sehr fernab der Heimat für fremde Interressen sterben.
Man sollte dies Geld sparen.
Es wird neue muslimische Folteropfer durch USA geben, um die man sich in Deutschland kümmern muß. Irak und Afghanistan müßen wieder Aufgebaut werden. Diesen Ländern müßen auch noch mehr Schulden erlassen werden.
Und man sollte auch bedenken, das in einer nahen Zukunft die Muslime in Deutschland in der Mehrheit sein werden. Und es könnte dann wegen der Kriegsbeteiligung Deutschlands gegen ein muslimisches Land zu Verurteilungen der dafür Verantwortlichen kommen.
testsieger2006 (21.05.2007, 19:54 Uhr)
warum neu bauen?
Wir haben doch noch Ehrenmale von 70/71, dem 1. und 2. Weltkrieg! Und da ist bestimmt noch Platz. Die Soldaten, die da drauf stehen sind genauso im Bewußtsein ihrer Zeit freiwillig oder eher unfreiwillig in einen als gerecht angesehenen Krieg gezogen.... und das in Afganistan ist nichts anderes als Krieg. Deswegen bitte kein demokratisch korrektes Ehrenmal mit Gewehr, Buch und ner Schippe für den Schul- und Strassenbau. "Sie starben für Schulbau und PISA!... in stolzer Trauer, der Bundesbildungsminister." steht dann untendrunter.
worried (21.05.2007, 17:45 Uhr)
@ swampy
Ich wollte vor allem provozieren. Wir sollten uns einmal überlegen, was wir so machen
Swampy (21.05.2007, 17:13 Uhr)
@worried - die zweite
Ich habe leider deinem Kommentar von 16:16 überlesen. Den von 16:13 fand ich eigentlich ganz nett - nur dem galt meine Zustimmung ;-)
Swampy (21.05.2007, 17:10 Uhr)
@worried
Besser kann man es gar nicht sagen!
Über die Aufgabe einer Armee zu diskutieren ist sinnlos - für die Bundeswehr heist diese ganz klar Landesverteidigung. Die Soldaten die sich vor 10 oder 15 Jahren verpflichtet haben werden diese Entwicklung nicht vorher gesehen haben. Die Bundeswehr ist kein humanitärer Verein der sich im Schulbau üben muss! Der Einsatz hat nichts mit der Landesverteidigung zu tun!
Grundsätzlich ist der Gedanke "die westlichen" Werte und Zustände in so ein Land zu bringen ja ganz nett - aber dieser Gedanke kollidiert mit der dortigen Religion. Gegen einen Glauben helfen keine Worte und erst recht keine Waffen. Für Islamisten ist es doch das Höchste, im Kampf gegen die Ungläubigkeit zu sterben. Wir werden weder mit Reden, Schulen bauen noch mit Waffen gegen den Glauben ankommen! Wer meint dies trotzdem tun zu müssen um den Leuten zu helfen der kann es gerne tun und dahin fahren.
Ein Denkaml für die Soldaten im Reichstag brauchen wir auf jeden fall - um den Politikern jeden Tag vor Augen zu führen dass Ihre (Fehl)entscheidungen Menschen das Leben oder Kindern den Vater kosten. Erst wenn Kinder unserer Politiker dort sterben oder verwundet werden wird diese Politik aufwachen!
manndernichtdaist (21.05.2007, 16:54 Uhr)
Soldatentum
Sind wir jetzt Teil der Weltpolizei oder nicht? Wir haben die Aufgabe angenommen in Afghanistan für Ruhe zu sorgen. Als noch nichts geschehen ist, hats hier keinen auch nur gekratzt was dort drüben passiert! Wacht auf verdammt - das Leben ist nunmal hart und wenn du Berufssoldat bist, dann musst du evtl. auch deinen Kopf hinhalten. Ich habe Zivildienst geleistet, in einem Krankenhaus. Das können alle Männer freiwillig machen. Wer sich aber zum Dienst an der Waffe verpflichtet fühlt und dann auch noch zum Beruf macht - muß damit rechnen im Plastiksack nach Hause zu kommen. Wegen 3 oder 20 Leuten ein Denkmal? Nicht wirklich.
Desweiteren muss man sich Fragen was die aktuelle Situation mit Nazi Deutschland zu tun hat, wie im Artikel angedeutet... deutsche Soldaten sind gestorben. Fürs Vaterland wie es so schön heißt. Da ist kein Rechter Gedanke dabei.
Zitat:
"Deshalb wäre es zu einfach, Trauerrituale mit dem Verweis auf die braune Vergangenheit zu diskreditieren und zu unterdrücken. Sie müssen eingeübt werden - eben ohne rechten Schwulst."
Riesen Schwachsinn. Trauerritual? Wie soll das "ohne rechten Schwulst" aussehen? Gibts so einen Mist bei einer Trauerfeier überhaupt?? Ist der Autor bekloppt?
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