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Kommentar

Was uns der Nagelbomben-Irrtum lehren sollte

Der Anschlag auf den BVB-Bus war offenbar kein Terrorakt, sondern eine Tat von krimineller Niedertracht. Und was heißt das jetzt für uns alle? Mehr Besonnenheit statt symbolhafter Reflexe.

BVB-Mannschaftsbus nach dem Rohrbombenanschlag

Der BVB-Mannschaftsbus wird nach dem Anschlag von LKA-Beamten untersucht.

Dieser Kommentar kommt zu früh. Er geht davon aus, dass der Anschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund allen ursprünglichen Annahmen zum Trotz keine politisch motivierte terroristische Tat war, sondern eine zutiefst kriminelle. Ein am frühen Freitagmorgen in Baden-Württemberg festgenommener Deutsch-Russe soll nicht aus politischen Motiven, sondern aus Habgier gehandelt haben. Er wollte mit dem Anschlag offenbar einen Kurssturz der BVB-Aktie erzwingen und hat dafür nicht einmal davor zurückgeschreckt, Menschenleben in Gefahr zu bringen.

War es so, dann war es widerlich. Die ganze Wahrheit wird vermutlich erst in einem ordentlichen Gerichtsverfahren ans Licht kommen. Leider haben wir alle zusammen nicht genügend Zeit, um das in Ruhe abzuwarten und dann daraus unsere Schlüsse zu ziehen.


Symbolhafter Reflex statt Ruhe und Gelassenheit

Dieser Kommentar kommt rechtzeitig. Denn wir haben alle gerade noch so in Erinnerung, wie am Mittwoch vergangener Woche vermeintlich die Freiheit unserer Gesellschaft im Stadion von Borussia verteidigt wurde, keine 24 Stunden nach dem Anschlag. Eine unter Schock stehende Dortmunder Mannschaft musste dafür 90 Minuten lang vor den Augen der Welt gegen ihr Trauma an kicken. Auf der Tribüne saß der demonstrativ dazu angereiste Bundesinnenminister Thomas de Maiziere – eingereiht in die Phalanx all derer, denen der symbolhafte Reflex gegen die vermeintlichen Feinde unserer Gesellschaft wichtiger war als Ruhe und Gelassenheit. Als Menschlichkeit und Anteilnahme.

"Ich fühle mich wie ein Tier und nicht wie ein Mensch", beschwerte sich der griechische BVB-Verteidiger Sokratis nach dem von der UEFA viel zu früh angesetzten Spiel. Er hatte dabei Tränen in den Augen.

Nein, es hätte nicht angepfiffen werden dürfen. Eine freiheitliche Gesellschaft zeichnet sich auch dadurch aus, dass sie ihren Rhythmus selber bestimmt. Die Terroristen des "Islamischen Staates" feierten keinen symbolischen Sieg, wenn ein Champions-League-Spiel mal um eine Woche hätte verlegt werden müssen – und nicht nur um einen Tag. Der IS hätte gesiegt, wenn wir aus Angst vor Terror überhaupt nicht mehr Fußball spielen würden. Danach sieht es nicht aus.

The-Show-Must-Go-On-Gehabe der UEFA

Nun, da offenbar weder sinistere Islamisten noch dumpfe Rechtsradikale oder anderweitig politisch verirrte Seelen für die Tat verantwortlich waren, entlarvt sich die (viel zu) frühe Spielansetzung  des Dortmunder Viertelfinales als das, was sie immer schon war – als buchstäblich gnadenloses The-Show-Must-Go-On-Gehabe der .  Nicht, dass das einen besonders überraschen würde. Aber die Chance, sich an entscheidender Stelle einmal mit bestem Gewissen dagegen aufzulehnen – die wurde verpasst.

Die unter falschem Motto geführte Partie in Dortmund wird in die Annalen eingehen. Hoffentlich mit der Erkenntnis, dass es ein Fehler war, sie überhaupt anzupfeifen. Für die politische und auch mediale Nachspielzeit aber wäre zu wünschen, dass eine sich so freiheitlich wähnende Gesellschaft wie die unsere sich größere Besonnenheit auferlegt. Dann werden die symbolischen Aktionen und Reaktionen auch irgendwann wieder glaubwürdiger.

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