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Nahles muss den Erpresser Weselsky stoppen

Beim Streik der Lokführer geht es vor allem um einen Machtkampf des Gewerkschaftschefs Claus Weselsky. Das hat Deutschland nicht verdient. Die Politik sollte es ändern.

Von Andreas Hoffmann

Der Machtkampf von Claus Weselsky hat am Wochenende ganz Deutschland lahm gelegt.

Der Machtkampf von Claus Weselsky hat am Wochenende ganz Deutschland lahm gelegt.

Wartezeiten, überfüllte Züge, Ärger. Mit ihrem Streik haben die Lokführer an diesem Wochenende das halbe Land lahmgelegt. Wann die Auseinandersetzung endet, welche Folgen sie hat - alles ist offen.

Natürlich müssen Gewerkschaften streiken dürfen. Das ist ihr verbrieftes Recht, grundgesetzlich abgesichert. Der Streik gehört zum Kampf zwischen Kapital und Arbeit, nur so lässt sich der Wohlstand eines Landes angemessen verteilen. Alle anderen Versuche sind gescheitert. Arbeitgeber geben freiwillig nichts her, Arbeitnehmer bekommen nichts geschenkt, sie müssen kämpfen. Im Jahr 2014 ist das nicht viel anders als im 19. Jahrhundert, auch wenn sich die Umgangsformen der Auseinandersetzung gebessert haben.

Aber geht es in dem Konflikt tatsächlich um mehr Lohn und bessere Arbeitsbedingungen?

Keineswegs. Es geht vor allem um Macht. Um mehr Macht für den Chef der Lokführergewerkschaft, Claus Weselsky. Er will der größeren Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft Mitglieder abjagen und deren Berufsgruppen, wie Bordkellner oder Zugschaffner, hinter sich versammeln.

Kollateralschäden der Streiks

Sicher, Machtkämpfe sind legitim. Sie gehören zu einer Gesellschaft und finden jeden Tag in Parteien, Unternehmen oder Banken statt. Nur dort führen sie nicht zu einem solchen Kollateralschaden. Dort leiden einige, aber nicht Millionen unter den Folgen. Dass ein Gewerkschaftsführer die Bahn als Instrument für seine Machtinteressen missbraucht, kann nicht Zweck eines Streiks sein. Und auch nicht das Ziel der Mitglieder der Lokführergewerkschaft.

Deutschland hatte lange Zeit einen guten Ruf, was den sozialen Frieden anging. Es gab weniger Arbeitskämpfe als in Italien oder Frankreich, und sie liefen friedlicher ab, mehr Ritual als tatsächlicher Kampf. Seit einigen Jahren hat sich das geändert, weil einige Elitegewerkschaften rücksichtslos ihre Interessen durchsetzen. Ein paar Lokführer streiken, ein paar Piloten legen die Arbeit nieder, und die gutgeölte deutsche Gesellschaft gerät ins Stocken. Eine solche Macht hat die Supermarktkassiererin oder der Speditionsfahrer nicht, weil sie nicht solche Schlüsselpositionen innehaben. Sie können nur staunen, was die feinen Elitegewerkschaften durchsetzen wollen, etwa wenn Piloten , die heute schon gut abgesichert sind, für einen Ruhestand mit 55 Jahren streiken.

Machtbalance zwischen Gewerkschaften

Die Machtbalance zwischen den einzelnen Gewerkschaften hat sich verschoben. Auf Dauer ist das gefährlich, weil das die soziale Spaltung in diesem Land vertieft. Die wenigen Arbeitnehmer in Schlüsselpositionen können für sich viel durchsetzen, die vielen anderen für sich wenig. Dieses Ungleichgewicht muss die Politik beenden. Und sie muss dafür sorgen, dass Machtfixierung eines Gewerkschaftschefs nicht Deutschland lahm legt. Eigentlich eine schöne Aufgabe für unsere Arbeitsministerin. Übernehmen Sie, Frau Nahles!

Andreas Hoffmann fährt gerne Bahn, auch wenn ihm das in diesen Tagen schwerfällt. Er twittert unter AndreasHoffman8 .

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