Was nun, Frau Pauli?

2. Oktober 2007, 10:23 Uhr

Nach ihrem politischen Auffahrunfall auf dem CSU-Parteitag saß Gabriele Pauli in der ARD-Talkshow "Beckmann" - direkt neben Horst Seehofer. Er schmierte ihr Honig ums Maul, sie plädierte für eine andere Politik, für eine expressionistische sozusagen. Von Lutz Kinkel

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Schon auf dem CSU-Parteitag konnte Gabriele Pauli sich nicht über mangelndes Medieninteresse beklagen©

Man weiß nicht, wer verbohrter ist. Horst Seehofer, Landwirtschaftsminister der CSU, dem der Ruf anhängt, ein rückgratloser Opportunist zu sein, und der deswegen im Machtpoker immer wieder gewinnt. Oder Gabriele Pauli, CSU-Rebellin, die alle Jetons auf das "Authentische" gesetzt hat, und dafür auf dem Parteitag am Wochenende brutal abgestraft wurde. Beide saßen am Montagabend in der ARD-Talkshow "Beckmann" und blieben sich fremd - was für die Sendung kein Schaden war.

Zunächst bat Moderator Reinhold Beckmann Seehofer an den Tisch und unterzog ihn einem peinlichen Verhör über sein privates Doppelleben und das Machtgerangel an der CSU-Spitze. Seehofer sagte, dass er es nicht habe hinnehmen können, dass sich Erwin Huber und Günther Beckstein einfach so das Erbe Edmund Stoibers aufgeteilt haben - "ohne mit mir darüber zu sprechen". Deswegen habe er für den CSU-Vorsitz kandidiert, was er als einen Akt der Selbstbehauptung charakterisierte: "Ich wusste, dass meine Chancen überschaubar waren." Zum Skandal um seine Berliner Affäre und das gemeinsame uneheliche Kind schwieg sich Seehofer größtenteils aus. Aber zu Gabriele Pauli fiel ihm Erstaunliches ein: "Sie ist couragiert, sie ist qualifiziert - wir sollten in der CSU alles tun, sie an uns zu binden." Das sagte er, nachdem er auf dem Parteitag daran mitgewirkt hatte, Pauli wie eine Untote der CSU aussehen zu lassen.

Auftritt Gabriele Pauli. Sie ließ sich von Seehofer nicht eine Sekunde umgarnen. Sondern rechnete zunächst mit dem Verhalten der CSU auf dem Parteitag ab. "Ich hatte schon das Gefühl, dass im Vorfeld Dinge besprochen wurden", sagte sie zu dem eisigen Schweigen, dass ihr aus dem gesamten Saal entgegen schlug. Sie forderte Beckstein auf, auch öffentlich seinen Satz, sie müsse zum Psychiater, zurückzunehmen. Dass ihr Generalsekretär Markus Söder das Mikro abdrehen ließ, als sie Beckstein in München attackierte, kommentierte sie mit den Worten: "Es war für mich immer undenkbar, dass so etwas in einer demokratischen Partei passiert." Auf die Nachfragen Beckmanns, ob sie mit ihren überdrehten Selbstinszenierungen und ihren kuriosen Vorschlägen nicht auch selbst zu ihrer Isolierung beigetragen habe, reagierte Pauli trotzig. Sie habe viel in den Köpfen bewegt - aber das brauche eben Zeit.

Orakelhafte Äußerungen

Faktisch spielt Pauli seit dem Wochenende keine offizielle Rolle mehr in der CSU: Sie verlor ihre Wahl zum Parteivorsitz, flog aus dem Parteivorstand, scheiterte mit ihren Anträgen - und hatte zuvor schon verkündet, dass sie 2008 von ihrem Amt als Fürther Landrätin zurücktreten wolle. Und dann? "Ich werde mich in der CSU weiter so einbringen, wie ich es für richtig halte", sagte Pauli. Und: "Was ich tun werde, das werde ich auf mich zukommen lassen." Beckmann musste sich mit diesen orakelhaften Aussagen zufrieden geben.

Pauli erklärte in ihren Antworten allerdings, dass sie Politik im traditionellen Stil nicht mehr praktizieren wolle. Sie wolle ihrem Lebensgefühl Ausdruck geben - wie mit den Fahnen-Fotos für die "Bunte" geschehen - und Vorschläge machen, die ihrer Erfahrung entsprächen. Deswegen sei auch ihr Vorschlag, eine Ehe auf sieben Jahre zu begrenzen, richtig. "Haben die Bürger es nicht langsam satt, dass Politiker Vorschläge machen, nur um Abstimmungen zu gewinnen?"

Bombast der CSU-Inszenierungen

Sätze wie diese ließen Seehofer, Beckmann und die inzwischen hinzugestoßene ZDF-Moderatorin Maybritt Illner ratlos zurück. Denn es ist eine der zentralen Aufgaben von Politikern, Mehrheiten für ihre Meinungen zu organisieren - was einen ständigen Abgleich mit der Basis und den sie repräsentierenden Funktionsträgern erfordert. Pauli hält dieses Prozedere offenbar für nicht produktiv. Sie plädierte bei Beckmann für die freie Entfaltung der politischen Person, für den unzensierten Austausch der Gedanken, Parteiräson hin oder her. Damit würde der Expressionismus in die Politik Einzug halten. Dieser ist aber in der CSU nur im Bombast der Partei-Inszenierungen erlaubt.

Maybritt Illner sagte dazu einen klugen Satz. "Bei den Grünen kann man etwas werden, wenn man die Parteivorsitzenden anpinkelt", meinte Illner. "Bei der CSU sicher nicht."

 
 
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KOMMENTARE (10 von 13)
 
maindelfin (02.10.2007, 18:33 Uhr)
@vaben
Bravo für Ihren Kommentar!!! Sie schreiben genau meine Meinung! Nur noch folgende Ergänzung: Es ist schon erschreckend, dass auf dem Parteitag einer angeblich demokratischen Partei einer Rednerin das Mikro abgedreht wird. Dass aber ein Moderator seinem Gast nicht richtig zuhört und ständig ins Wort fällt ist mindestens ebenso erschreckend. Dies hat sich Herr Beckmann nicht nur bei Frau Pauli sondern auch bei Herrn Seehofer ständig erlaubt. Für was Beckmann auch noch den Fernsehpreis bekommen hat ist mir schlichtweg unerklärlich. Über Mayrit Illner braucht man gar nicht reden. Deren Journalismus ist einfach nur "unterste Schublade". Es ist einfach nur schade, dass Deutschlands schlechtester Moderator und die schlechteste Journalistin sich in Selbstdarstellung üben, dieses aber auch noch völlig überzogen den Gästen vorwerfen. Man kann ja durchaus differenzierte Meinungen zu Seehofer oder Pauli haben; aber gewisse Umgangsformen sind in dem Job den Beckmann und Illner (leider)machen einfach unerlässlich!!! Wenn man nicht zuhört und die Gäste nicht ausreden lässt, dann kapiert man halt nix. Was Frau Pauli angeht: Die ist mir trotz Latexfotos, Buntetitel und Ehe auf Zeit noch tausendmal lieber als andere Politiker die eine Schleimspur ohnegleichen hinlegen und trotzdem über Leichen gehen.
gsc777 (02.10.2007, 17:37 Uhr)
Ein typischer Beckmann
Es gibt keine Peinlichkeiten, die ein Herr Beckmann auslässt. Man merkt ihm seine Klosterschule an. Wie ein Priester bei der Beichte versucht er alle Internas herauszuschleimen. Diesem Menschen würde ich nie was anvertrauen.
Aber Seehofer kommt ja aus der gleichen Schule. Der schleimt in seiner Partei. Und die hält ihn weitesgehend raus aus den Internas. Die wissen schon warum.
Livia008 (02.10.2007, 16:07 Uhr)
@ganzbaf
Plebiszitäre Demokratie? - Dann regieren uns die Bildzeitungsleser!
ganzbaf (02.10.2007, 15:01 Uhr)
@atride

Nicht ganz so naiv bitte. Parteien-Demokratie heute ist Herrschaft von Lobbykraten und machtgeilen Individuen weiter nichts.
Gegen eine vollumfängliche Volksabstimmungs-Demokratie gibt es natürlich nichts einzuwenden.
Dafür sollten wir alle gemeinsam kämpfen!... :-D
Einfaltspinsel (02.10.2007, 15:01 Uhr)
Das ist doch Wortklauberei
In der Politik und gerade in der CSU von christlicher Nächstenliebe zu reden ist ein derber Schlag ins Gesicht aller wirklichen Christen.
Denn der wahre Christ übt Toleranz und seine Liebe zu den nächsten ist nicht nur eine für die Pressefotografen aufgesetzte.
AchazIII. (02.10.2007, 14:37 Uhr)
@Anemone
Was Sie schreiben, ist zunächst nicht falsch.
Mich verwunderte hier in diesem CSU-Fall - und auch bei anderen Parteien - diese aufgesetzte Zusammengehörigkeit, während man sich gegenseitig bis auf´s Messer bekämpft. Politik ist ein schmutziges Geschäft ("Feind-Todfeind-Parteifreund" - man beachte die Steigerung). Wer sich die LIVE-Bilder am Samstag ansah, dem muss in der Tat es sehr seltsam erscheinen, wenn sich diese Personen bei diesen brutalen Wortgefechten gegenseitig mit "Liebe(r)" ansprachen, es sei denn, es waren Scheingefechte für die Galerie. Das schließe ich allerdings auch nicht mehr aus.
Ich jedenfalls lasse mich ungern von meinen Feinden mit "Lieber Achaz" und per Du anreden.
Anemone (02.10.2007, 13:20 Uhr)
@AchazIII
Sie fragen:
"Was muss in den Köpfen der 50plus-Gesellschaft vorgehen, wenn eine Frau Paul einen Beckstein mit "Lieber Günther" anredet und umgekehrt "Liebe Gabi", während sie sich gleichzeitig gegenseitig mit politischer Jauche besudeln."
Ich moechte versuchen, Ihnen eine kurze Antwort auf ihre Frage zu geben. Wenn Freunde oder DU-Bekannte eine andere Meinung als ich vertreten, werde ich ihnen manchmal sachlich hart entgegnen, ohne ihm die persönliche (!!!) Achtung zu entziehen. Das funktioniert nicht ohne Höflichkeit.
Vielleicht kommen Sie aus einem anderen Kulturkreis? Unsere Kultur ist zum großen Teil noch christlich gepraegt.
Leider ist diese Achtung (Naechstenliebe) besonders im "stern" Mangelware. Bei "stern" bin ich in den meisten Faellen bereits geschockt, wenn ich die Überschriften lese. Schrecklich.
vaben (02.10.2007, 12:52 Uhr)
Frau Pauli wirds schon machen ...
Ich seh mir den Talkshow-Proleten Beckmann ja nicht häufig an, aber wenn Seehofer und Pauli auf engstem Raum zusammensitzen, dann kann man einfach nicht wegschauen. Es ist schon höchst merkwürdig, dass sich alle über die mediale Show der Politiker beschweren, dass wir keine authentischen Politiker erleben, sondern eigentlich nur perfekte Inszenierungen usw. ..., und wenn Frau Pauli es dann tatsächlich mal etwas anders versucht, wird ihr vorgeworfen sie spiele das "Spielchen" nicht ausreichend mit. Am CSU-Parteitag ist doch nichts weiter passiert, als dass Huber und Beckstein sich die Posten geschnappt haben, auf die sie schon seit der Bundestagswahl und dem potentiellen Abgang von Stoiber scharf waren. Das ganze "Edmund, du bist der größte und wir werden deinen Rat erbeten..." - Gefasel war nur die heuchlerische Show machtgeiler Politiker. Darüber verliert wieder keiner ein Wort. Das Land braucht mehr Paulis. Die sagt und lebt wenigsten was sie denkt.
Maybritt Illner mal außerhalb ihrer Show zu erleben war auch kein Vergnügen. Die Frau labert ja wie ein Maschinengewehr zusammenhangloses Zeug wenn sie frei sprechen darf. Eine Haarspange sollte man ihr auch anbieten, dann fällt das dauernde Kopfschütteln weg. :)
H.P. (02.10.2007, 12:27 Uhr)
Demokratie
Die Demokratie existiert nur dann wirklich, wenn alle, die die Gemeinschaft ausmachen, ihre innersten Wünsche frei und kollektiv, in der Autonomie ihrer persönlichen Sehnsüchte und in der Solidarität ihrer Koexistenz mit anderen, äußern können und wenn es ihnen gelingt, das, was sie als den individuellen und kollektiven Sinn ihres Daseins erkennen, in Institutionen und Gesetze zu verwandeln.
Jean Ziegler
trailman (02.10.2007, 12:03 Uhr)
Seehofer
sucht er eine neue Geliebte? (weil, er ihr Honig ums Maul geschmiert hat).
Trailman. :-)
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