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12. Juli 2010, 13:06 Uhr

Nicht mitmischen - aufmischen

Kanzlerin Merkel hat kommunikatives Make-Up dringend nötig, keine Frage, und Steffen Seibert vom ZDF ist ein frischer Typ. Was den Wechsel so bedenklich macht: Es gibt eine Drehtür zurück zu den Öffentlich-Rechtlichen. Und die dürfte es nicht geben. Ein Kommentar von Lutz Kinkel

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Merkelmänner: Ulrich Wilhelm, CSU, und Steffen Seibert, parteilos© Tobias Hase, Patrick Seeger/DPA

Man muss sich die Situation vorstellen. Da klingelt plötzlich das Handy, spätabends vielleicht, eine Stimme raunt: "Kanzleramt Berlin. Ich stelle durch zur Kanzlerin." Und dann serviert Angela Merkel in den schönsten Worten das Angebot, künftig als Regierungssprecher zu arbeiten.

Das ist für jeden Politikjournalisten ein Alptraum. Oder sollte es zumindest sein. Sein Arbeitsethos verlangt, "den Mächtigen auf die Finger zu schauen", wie es Wolf Schneider einmal formuliert hat. Müssten nicht sofort die Selbstzweifel einsetzen? Was, um Gottes Willen, habe ich falsch gemacht, dass jemand glaubt, ich sei als Regierungssprecher geeignet? Und selbst wenn diese Selbstprüfung zu dem Ergebnis käme, die eigene journalistische Arbeit sei bislang tadellos, stünde sofort die nächste Frage im Raum: Was habe ich in diesem Amt verloren? Es gibt nur einen Grund: Neugier. Aber die muss der Betreffende teuer bezahlen.

Return to sender

Ein Journalist soll aufklären. Ein Regierungssprecher darf maximal erklären. Seine Arbeit in der Sache ist allerdings durch einen klar definierten Auftrag begrenzt, eventuell sogar deformiert: Er muss die Regierungspolitik so gut wie möglich verkaufen, er muss Begriffe finden und gebrauchen, die seine Auftraggeber im besten Licht erscheinen lassen, zum Beispiel von "Kernkraft" statt von "Atomkraft" sprechen, von "christlich-liberaler Koalition" statt von "Schwarz-Gelb". Er muss vertrackte Kompromisse weich zeichnen und in Krisen - hoppla, Horst Köhler ist zurückgetreten - Unschuld und Solidität signalisieren, mitunter auch ein Entertainer sein, um abzulenken und aufzuheitern.

Kurz: Ein Regierungssprecher wird dafür bezahlt, dass er die Öffentlichkeit im Sinne des Kanzleramts manipuliert. Dafür darf er an den Tisch der Macht, im Kanzleramt, siebter Stock.

Der Skandal ist: Er kann, wenn er zuvor bei den Öffentlich-Rechtlichen angestellt war, später wieder an seine alte Arbeitsstelle zurückkehren. Und zwar nicht als Problemfall, der zunächst einmal unter Quarantäne gestellt werden muss, sondern im Gegenteil: als Mann, der sich damit für die höchsten Ämter qualifiziert hat. Ulrich Wilhelm, CSU, lange Jahre in Merkels Diensten, wird nun Intendant des Bayerischen Rundfunks (BR). Wie ist das möglich?

Der Rucksack, die GEZ-Gebühren

Es ist möglich, weil die Sender, allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz, zutiefst mit den Parteien verflochten sind. Als dies für jedermann sichtbar wurde, weil Roland Koch, CDU, Ministerpräsident von Hessen, den missliebigen ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender abräumte, ging ein Schrei der Empörung durch die Republik. Doch eine Konsequenz blieb aus. Nun geht Wilhelm zum BR, und Steffen Seibert, Anchor der ZDF-Heute-Nachrichten, wird Regierungssprecher. Die Chefredaktion des ZDF soll nicht erfreut sein. Aber nicht etwa, weil sie eine neuerliche Debatte um die Unabhängigkeit des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks befürchtet. Sondern weil sich Seibert damit als künftiger Chefredakteur in Position bringt. Er wächst zu einem mächtigen Konkurrenten heran.

Es ist moralisch nicht verwerflich, wenn sich ein Mensch dafür entscheidet, statt Journalismus Politik zu betreiben. Bitte, gerne. Aber dann mit einem Rucksack gewachsener politischer Loyalitäten und einer von Parteien geformten Denke wieder die Seiten zu wechseln - dieser Drehtüreffekt ist skandalös. Wir bezahlen mit unseren GEZ-Gebühren die Öffentlich-Rechtlichen nicht dafür, dass sie in der Politik mitmischen. Sondern dafür, dass sie die Mächtigen aufmischen.

Ein Kommentar von Lutz Kinkel
 
 
KOMMENTARE (10 von 21)
 
winn111 (13.07.2010, 17:06 Uhr)
also
Seibert hat damit auch für mich seine "vorgetäuschte" Seriösität und Glaubwürdigkeit verloren und dass er einen "Rückfahrschein" zum ZDF hat, ist dem Filz zu verdanken.Beim "öffentlich-rechtlich" kann man getrost das rechtlich streichen.
Sozimod (13.07.2010, 17:05 Uhr)
Was ist mit Herrn Kinkel los?
Der nächste gute Bericht. Das freut mich für den Stern. Wenn Sie jetzt auch noch die realen negativen Auswirkungen dieser verfehlten Wirtschafts und Sozialpolitik schildern, würde ich ihren Chefredakteur für das Bundesverdienstkreuz empfehlen (Anstatt ein Bundestrainer des DFB, für einen 3ten Platz).

Tempelhofer und Gokahe kennen sich seit Jahren. Sie sollen von den realen verwerflichkeiten der Politik ablenken.

Unsere Medien sind käuflich (viele stehen unter Druck der Werbeabo), wie die etablierten Parteien auch.
@robekoelle:

Ich und viele andere, geben Ihnen Recht!

Wer sich real mit den Menschen unterhält (egal welches Geschlecht, Arbeitnehmer, Kleinunternehmer, Pensionäre, Rentner, Arbeitslose, Kranke, Ausland ect.pp.), wird registrieren, dass wir von den Politikern, Großunternehmen, Banken wissentlich getäuscht werden. Objektive Berichterstattung finden wir auf den Nachdenkseiten.de, Hintergrund.de, allesschallundrauch.de, sowie Borhrwurm.net.

Alles schlaue, gebildete Menschen, die die Wahrheit wieder zu ihrem Recht verhelfen will.
Prologo (13.07.2010, 15:16 Uhr)
Anstatt Politik zum Wohle des Landes zu machen,....

.....wird das Vertuschungskartell von Merkel ausgebaut, wie man unschwer aus diesem Artikel erkennen kann,....

....denn was anderes ist das ja ganz offensichtlich nicht,....?

Dazu holt man und bedient sich mit einem bisher glaubwürdigen und neutralen Nachtrichtensprecher oder Moderator eines Öffentlich Rechtliche, um die politischern Schlechtigkeiten dem Volk leicht verdaulich zu servieren, um von der Wahrheit wieder einmal abzulenken.

Aber dafür wird auch deutlich, dass die Öffentlich Rechtlichen und die Politiker Hand in Hand arbeiten,....

....aber nur für den Erhalt ihrer Macht und Pfründe, da kann man nur sagen, pfui Teifi, aber,.....

...dem Stern vielen Dank für diesen mal ehrlichen Artikel !!

MfG,
T.
Tempelhofer (13.07.2010, 12:36 Uhr)
@ Stern.de
Sie sollten auch einmal berichten über die engen Verknüpfungen von Redakteuren und der SPD im Rahmen der SPD-Medienholding, z.B. bei der Frankfurter Rundschau.
mid63 (13.07.2010, 09:14 Uhr)
Ein vom Auftritt Schwiegermutter-tauglicher Journalist ...
... wird im August zum offiziellen Marktingmann einer Regierung ohne Inhalte. Schön für Steffen Seibert selber.

Fraglich nur, wie man seine Rolle als Journalist in den letzten Jahren im Medienzirkus bewerten soll. Aber in einer Zeit selbstgefälliger Inszenierungen unserer Politischen Nomenklatura in zu oft inhaltslosen Quasselsendungen, genannt Talk-Shows, mit den immer gleichen Protagonisten, müssen wir eben akzeptieren, dass auch die Medien noch etwas offensichtlicher ins Bett der Politik steigen. Es geht ja auch nicht an, dass nur stupide Nachrichten gesendet werden. Das passt doch auch gar nicht mehr zu den News-Shows mit ihren dauernden "Breaking-News" Steptanz-Einlagen heutiger Sendeformate.
herc (13.07.2010, 07:51 Uhr)
Wozu die Aufregung
Hier wächst zusammen, was augenscheinlich zusammen gehören will - Medien und Politik.

Deutschland steht vor blühenden Zeiten.
SethusCalvisius (13.07.2010, 02:11 Uhr)
Guter Kommentar
Im Gegensatz zu vielen andern Medien artikuliert Herr Kinkel das eigentliche Problem: Nicht, dass da ein Journalist in die Politik wechselt, ist das Problem, sondern dass er nach Jahren parteipolitisch eingegrenzter Tätigkeit selbstverständlcih wieder in die öffentlich-rechtlichen Medien zurückkehren kann. Dass die Medien, allen Bekenntnissen zum Trotz, sowieso nicht parteipolitisch neutral sind, darf da nicht als Entschuldigung gelten.
Was würde denn einer wie Tempelhofer sagen, wenn Luc Jochimsen nach der Niederlage bei der BP-Wahl jetzt Intendantin bei irgendeinem Sender würde. Das Geschrei möchte ich gar nicht hören.

Dann würde mich auch noch ineteressieren, ob Tempelhofer auch auf den Seiten von BILD oder FOCUS gegen parteipolitisch geprägte Berichterstattung protestiert.
Skillet4 (13.07.2010, 00:38 Uhr)
Wozu die Aufregung?
Und warum wird die Diskussion hier immer gleich ins Persönliche (Umfeld?) abgelenkt?

Ein Regierungssprecher habe die Aufgabe der maximalen Erklärung ist ein beschönigender Ausdruck.

Und ist das wirklich ein Widerspruch, dass der Herr / die Dame in diesem Fall den Öffentlich Rechtlichen entspringt?
Locke32 (13.07.2010, 00:33 Uhr)
Zur Legitimation der 4. Gewalt
Legitimiert wird die 4. Gewalt durch Artikel 5 des Grundgesetztes - die Pressefreiheit..
Wo im Artikel die Menschwürde von Politikern angetatstet wird, ist mir trotz der Ausführungen schleierhaft. Das Recht auf Kritik liefert wie gesagt, das Grundgesetz.

Und diese scheint doch sehr berechtigt; Vom Sender in die Partei und von der Partei zum Sender ist doch Mist. Offenkundig - etwa so frei, wie unsere Bundespräsidentenwahl..
robekoelle (12.07.2010, 23:48 Uhr)
@ Tempelhofer
Statt mir zu raten, darüber nachzudenken, was ich schreibe, sollten Sie überlegen- so überlegen wie Sie tun -, was Ihre wiederholt gestellte Frage der Legitimation der sog. 4. Gewalt zum Ausdruck bringt. Sie diffamieren auf dem kleinen Feld des Leserbriefes einen auf dem groben Feld des Journalismus tätigen Stern-Journalisten Dass ein Typus wie der Ihnen offenbar ungemein zugeneigte "gokahe" Ihnen ob Ihrer "messerscharfen Analyse" lobhudelt, belegt leider, dass Sie nicht unbedingt allein sind mir Ihrer im Grunde Demokratie verachtenden Meinung. Sie stellen sich als Gutmensch dar, der - so meine Meinung - unter dem Deckmantel menschlichen Umgangs (wie heuchlerich, wenn man Ihre Angriffe liest !) eine gradlinig und offen formulierte Kontrolle durch ein Mediium "in die Ecke stellen" will.

Bitte nicht weiter so, auch wenn dem Sie anspornenden "gokahe" dann was fehlen wird, was ihm selbst zu formulieren offenbar abgeht. Und zu guter Letzt: Lassen Sie sich in Ihrer schlecht gespielten Gutmenschelei von anderen Meinungen - zB der von Hr. Kinkel oder ggf auch meiner - zu einem Besseren beirren ! Sie werden mich mit Ihrer Art und Weise allerdings nicht beirren. Im Gegenteil ! .... und damit lassen wir es bitte gut sein ...
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