Der "Armutsatlas" des Paritätischen Gesamtverbandes verzerrt die Wirklichkeit. Die Behauptung, Deutschland sei zerrissen, stimmt nicht. Soziale Ausgrenzung ist nicht ein Problem mangelnden Geldes, sondern mangelnder Bildung. Die Bildungsmisere muss die Politik bekämpfen, ein Armutsatlas lenkt nur ab. Ein Kommentar von Hans Peter Schütz

Lebensmittel für Bedürftige: Bei der Stralsunder Tafel werden rund 80 Familien unterstützt© Stefan Sauer/DPA
Traue keiner Statistik, die du nicht selbst erstellt hast. Genauer: selbst gefälscht hast. Das grobe Urteil gilt natürlich auch für den Armutatlas des Paritätischen Gesamtverbandes. Denn in einem wichtigen Punkt ist dessen anklagendes Urteil über die Armut in der Bundesrepublik nicht belegbar. Deutschland ist 20 Jahre nach dem Fall der Mauer kein sozial und ökonomisch "zutiefst zerrissenes Land".
Armut kommt in viel zu vielen unterschiedlichen Varianten daher, um statistisch in solch regionale Raster gepresst werden zu können. Es stimmt ja, wiederum statistisch betrachtet, dass etwa in manchen Regionen Mecklenburg Vorpommerns bis zu viermal mehr "arme" Menschen leben müssen als im Schwarzwald. Statistisch ist diese Zutandsbeschreibung korrekt, wenn man die gemeinsame EU-Definition von Armut akzeptiert: Wer monatlich mit weniger auskommen muss als mit 60 Prozent des Mittleren Einkommens. Für Deutschland liegt dann die Merkziffer bei 764 Euro für einen Ein-Personen-Haushalt oder für ein kinderloses Ehepaar bei 1376 Euro.
Nur, mit diesen Ziffern kommt man dem Armutsproblem in Deutschland überhaupt nicht näher. Armut lässt sich nicht über Minimaleinkommen definieren. Manche Bezieher von Sozialleistungen leben in besseren Verhältnissen als Arbeitnehmer in einer Branche, in der Niedriglöhne zum Normalfall gehören. Armut trifft Menschen außerdem keineswegs allein über ihre Ernährung. Sie kann Menschen über soziale Vereinsamung viel empfindlicher belasten. Der Inhalt des Geldbeutels ist überhaupt keine Definitionsgröße für Armut, Ausschluss von bestimmten gesellschaftlichen Bereichen kann viel schmerzlicher sein.
Richtig ist, dass der entscheidende Ansatz für den Kampf gegen Armut in unserer Gesellschaft in der Beschaffung von ausreichend Arbeitsplätzen in möglichst allen Regionen besteht. Doch es ist überaus naiv, wenn diese Forderung wie jetzt vom Paritätischen Wohlfahrtsverband als eine Art Pauschalanklage an die Politik heran geschoben wird. In den letzten 100 Jahren hat sich die Arbeitsverteilung in Deutschland so oft schon dramatisch verändert, immer schon mit langen schmerzlichen Übergangszeiten. Im Schwarzwald, wo heute produktive Bereiche der deutschen Zuliefererindustrie für die deutsche Exportwirtschaft zu Hause sind, hungerten einst die Kinder der Schwarzwaldbauern. Dafür ging es den Menschen an der deutschen Ostseeküste damals viel besser als in anderen Landesteilen.
Zu viele Faktoren wirken in diesen industriellen Entwicklungsprozessen mit, als dass die Politik sie quasi vorausschauend lenken könnte. Richtig ist auch, dass der Westen bei der Wiedervereinigung in puncto Erhaltung oder Neuschaffung von Arbeitsplätzen sehr bevorteilt worden ist. Großkonzerne rissen sich die ostdeutsche Konkurrenz unter den Nagel, bauten die Arbeitsplätze ab und erhöhten so ihre Profitrate. Andererseits fanden sich westdeutsche Unternehmer auch sehr wohl bereit, etwa in der Region Leipzig groß zu investieren und sichere Arbeitsplätze zu schaffen.
Der deutsche Arbeitsmarkt wird sich immer wieder verändern. Immer wieder wird er dadurch Abwanderung von einer in andere Regionen verursachen. Regionale Strukturpolitik kann diese Prozesse mildern, verhindern kann und darf sie sie nicht. Und wer weiß, wie sehr die derzeitige Krise der Exportwirtschaft jene Arbeitnehmer in Baden-Württemberg beuteln wird, die im Augenblick noch gut bezahlte Arbeitsplätze haben. Die Kurzarbeit ist dort inzwischen höher als anderswo.
Mit einem Armutsatlas das Problem thematisieren zu wollen, ist Unsinn. Vielleicht sollte sich der Paritätische Wohlfahrtsverband einmal kritisch mit dem Bildungssystem beschäftigen. Denn noch immer müssen junge Menschen mit schlechten Startchancen ins Leben gehen, weil sie ungenügende Chancen für ihre Qualifizierung bekommen haben.