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19. Mai 2009, 13:34 Uhr

Ein Atlas führt in die Irre

Der "Armutsatlas" des Paritätischen Gesamtverbandes verzerrt die Wirklichkeit. Die Behauptung, Deutschland sei zerrissen, stimmt nicht. Soziale Ausgrenzung ist nicht ein Problem mangelnden Geldes, sondern mangelnder Bildung. Die Bildungsmisere muss die Politik bekämpfen, ein Armutsatlas lenkt nur ab. Ein Kommentar von Hans Peter Schütz

Armut, Armutsatlas, Bildung

Lebensmittel für Bedürftige: Bei der Stralsunder Tafel werden rund 80 Familien unterstützt© Stefan Sauer/DPA

Traue keiner Statistik, die du nicht selbst erstellt hast. Genauer: selbst gefälscht hast. Das grobe Urteil gilt natürlich auch für den Armutatlas des Paritätischen Gesamtverbandes. Denn in einem wichtigen Punkt ist dessen anklagendes Urteil über die Armut in der Bundesrepublik nicht belegbar. Deutschland ist 20 Jahre nach dem Fall der Mauer kein sozial und ökonomisch "zutiefst zerrissenes Land".

Armut kommt in viel zu vielen unterschiedlichen Varianten daher, um statistisch in solch regionale Raster gepresst werden zu können. Es stimmt ja, wiederum statistisch betrachtet, dass etwa in manchen Regionen Mecklenburg Vorpommerns bis zu viermal mehr "arme" Menschen leben müssen als im Schwarzwald. Statistisch ist diese Zutandsbeschreibung korrekt, wenn man die gemeinsame EU-Definition von Armut akzeptiert: Wer monatlich mit weniger auskommen muss als mit 60 Prozent des Mittleren Einkommens. Für Deutschland liegt dann die Merkziffer bei 764 Euro für einen Ein-Personen-Haushalt oder für ein kinderloses Ehepaar bei 1376 Euro.

Nur, mit diesen Ziffern kommt man dem Armutsproblem in Deutschland überhaupt nicht näher. Armut lässt sich nicht über Minimaleinkommen definieren. Manche Bezieher von Sozialleistungen leben in besseren Verhältnissen als Arbeitnehmer in einer Branche, in der Niedriglöhne zum Normalfall gehören. Armut trifft Menschen außerdem keineswegs allein über ihre Ernährung. Sie kann Menschen über soziale Vereinsamung viel empfindlicher belasten. Der Inhalt des Geldbeutels ist überhaupt keine Definitionsgröße für Armut, Ausschluss von bestimmten gesellschaftlichen Bereichen kann viel schmerzlicher sein.

Eine Pauschalanklage wäre naiv

Richtig ist, dass der entscheidende Ansatz für den Kampf gegen Armut in unserer Gesellschaft in der Beschaffung von ausreichend Arbeitsplätzen in möglichst allen Regionen besteht. Doch es ist überaus naiv, wenn diese Forderung wie jetzt vom Paritätischen Wohlfahrtsverband als eine Art Pauschalanklage an die Politik heran geschoben wird. In den letzten 100 Jahren hat sich die Arbeitsverteilung in Deutschland so oft schon dramatisch verändert, immer schon mit langen schmerzlichen Übergangszeiten. Im Schwarzwald, wo heute produktive Bereiche der deutschen Zuliefererindustrie für die deutsche Exportwirtschaft zu Hause sind, hungerten einst die Kinder der Schwarzwaldbauern. Dafür ging es den Menschen an der deutschen Ostseeküste damals viel besser als in anderen Landesteilen.

Zu viele Faktoren wirken in diesen industriellen Entwicklungsprozessen mit, als dass die Politik sie quasi vorausschauend lenken könnte. Richtig ist auch, dass der Westen bei der Wiedervereinigung in puncto Erhaltung oder Neuschaffung von Arbeitsplätzen sehr bevorteilt worden ist. Großkonzerne rissen sich die ostdeutsche Konkurrenz unter den Nagel, bauten die Arbeitsplätze ab und erhöhten so ihre Profitrate. Andererseits fanden sich westdeutsche Unternehmer auch sehr wohl bereit, etwa in der Region Leipzig groß zu investieren und sichere Arbeitsplätze zu schaffen.

Strukturelle Veränderungen gibt es immer wieder

Der deutsche Arbeitsmarkt wird sich immer wieder verändern. Immer wieder wird er dadurch Abwanderung von einer in andere Regionen verursachen. Regionale Strukturpolitik kann diese Prozesse mildern, verhindern kann und darf sie sie nicht. Und wer weiß, wie sehr die derzeitige Krise der Exportwirtschaft jene Arbeitnehmer in Baden-Württemberg beuteln wird, die im Augenblick noch gut bezahlte Arbeitsplätze haben. Die Kurzarbeit ist dort inzwischen höher als anderswo.

Mit einem Armutsatlas das Problem thematisieren zu wollen, ist Unsinn. Vielleicht sollte sich der Paritätische Wohlfahrtsverband einmal kritisch mit dem Bildungssystem beschäftigen. Denn noch immer müssen junge Menschen mit schlechten Startchancen ins Leben gehen, weil sie ungenügende Chancen für ihre Qualifizierung bekommen haben.

von Hans Peter Schütz
 
 
KOMMENTARE (10 von 35)
 
Corazito3333 (15.12.2009, 19:29 Uhr)
sternchen und jovalis: genau
Zitat. "Sozial ist nicht, was Arbeit schafft, sondern was ein sicheres Auskommen gewährleistet - egal, was man dafür tut."
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Es gibt dermaßen grobe Ungerechtigkeiten mit Armutsfolge in diesem Land, dass sie diesen Beitrag von Schütz ad absurdum stellen......
Es gab "früher" bevor die SPD (sozialen) und CDU (Christlichen) das Wort "Soziale Verantwortung" - es gab solche Unternehmer..
Juris1 (21.05.2009, 15:36 Uhr)
Soziale Ausgrenzung ist nicht ein Problem mangelnden Geldes, sondern mangelnder Bildung.
Seit Jahren und Jahrzehnten wird von Parteien, Politikern und sogar Medien die Bildung immer wieder als Lösung der Probleme der Wirtschaft und der Arbeitslosigkeit angeführt. Es gäbe ein paar Hunderttausend freie Arbeitsplätze, wird argumentiert, doch die Bewerber seien dafür meist nicht qualifiziert. Deshalb müsse mehr für die Bildung getan werden. Das klingt erst einmal ganz logisch. Zum Teil wird noch weiter argumentiert: Wenn erst einmal die freien Arbeitsplätze besetzt seien, würde die Konjunktur steigen, was wiederum zu einem größeren Arbeitsplatzangebot führen würde. Auch das hört sich noch plausibel an.
Doch der Ruf nach Bildung und nach gleichen Bildungschancen für alle, der ursprünglich auch gut gemeint war, kehrt sich in sein Gegenteil um. Mehr Bildung führt nicht zu einem Abbau der Arbeitslosigkeit, sondern nur zu mehr Konkurrenz der Arbeitslosen um freie und besetzte (!) Arbeitsplätze. Es ist sogar schlicht unsozial, Bildung derart überzubewerten.
1. Bildung für sich genommen ist ein wichtiger kultureller und wirtschaftlicher Wert. Daran besteht gar kein Zweifel. In Deutschland war das wegen der zwei Weltkriege besonders zu spüren. Jeder Krieg hat in einem Land nicht nur wirtschaftlichen Schaden zur Folge, sondern auch ganz erheblichen Schaden bei der Bildung der Kinder und folglich bei der Bildung der Bevölkerung insgesamt. Wenn die Menschen um ihr nacktes Überleben kämpfen müssen, haben sie keine Zeit für Bildung. Bildung ist ein Wert für sich. Dennoch darf man sie nicht zum Allheilmittel küren.
2. In der heutigen Arbeitsmarktsituation führt mehr Bildung nicht zu mehr Chancengleichheit unter den Menschen, sondern lediglich zu einem größeren Kampf um Arbeitsplätze auf höherem Niveau. Dadurch werden sogar bestehende Arbeitsverhältnisse in Mitleidenschaft gezogen; m. a. W.: Arbeitnehmer müssen hinsichtlich ihres Arbeitsplatzes zunehmend die Konkurrenz von Arbeitslosen fürchten. Mobbing es dabei noch eine harmlose Zeiterscheinung.
Ich selbst bin promovierter Jurist und weiß, was Bildung ist. Ich weiß auch, dass heute und sicher auch noch im nächsten Jahrzehnt Bildung überhaupt keinerlei Gewähr für mehr Arbeitsplätze und für weniger Arbeitslose bietet. Mehr Bildung und mehr Kampf um Arbeitsplätze auf höherem Niveau dienen letztendlich nicht den Menschen, die auf abhängige Arbeit angewiesen sind, sondern allein den Arbeitgebern, da sie sich über eine größere Auswahl an Bewerbern und sicher auch über sinkende Löhne und Gehälter freuen dürfen. Mit Arbeitgebern meine ich hier insbesondere die reichen Unternehmenseigner, und nicht die kleinen Unternehmer, die selbst um ihre Existenz kämpfen müssen.
Die Ursachen der Krise unserer Volkswirtschaft und der Massenarbeitslosigkeit liegen nicht in mangelnder Bildung, wie unaufhörlich behauptet wird, sondern ganz woanders. Wäre diese Behauptung richtig, so hätte es in den sechziger Jahren keine Vollbeschäftigung geben können; damals war der Wissensstand in Deutschland mit Sicherheit um etliches niedriger als heute. Die Ursache der heutigen Krise liegt im modernen Feudalismus (Meudalismus), den ich an anderer Stelle ausführlich erkläre.
Dass heute Jugendliche die Bildung verweigern, insbesondere diejenigen in den Hauptschulen, liegt primär an der beruflichen Perspektivlosigkeit dieser Jugendlichen. So dumm sind sie nicht, dass sie ihre prekäre Situation nicht erkennen würden. Sie konzentrieren sich deshalb darauf, das Leben „auf ihre Weise“ zu genießen. Die größten Bemühungen von Politikern und Lehrern zu mehr Bildung sind machtlos gegen den Sog der Perspektivlosigkeit dieser Jugendlichen.)
3. Wer Bildung zum wichtigsten Ziele seiner Politik macht, läuft Gefahr, jene aus der Gesellschaft auszugrenzen, die einfach nicht in der Lage sind, einen Bildungsmarathon zu bewältigen. Früher oder später heißt es dann über die Arbeitslosen, sie seien an ihrem Schicksal selbst schuld, weil sie sich einfach nicht genug gebildet haben. Die Überheblichkeit dieser Diskussion zeigt sich auch darin, dass stets die Bildung von anderen gemeint ist, nicht aber die eigene.
Wenn 2004 von angeblichen Sozialdemokraten "Elite-Universitäten" gefordert wurden, ist sogar das ursprüngliche Postulat von der Chancengleichheit über Bord geworfen. Hier sollen erklärtermaßen nur noch Eliten gefördert werden. Um das Allgemeinwohl geht es nicht mehr.
Der ständige Ruf nach mehr Bildung anderer ist in höchstem Maße unsozial. Wir brauchen keine Gesellschaft, in der jeder einen Bildungsmarathon absolvieren muss, selbst wenn er dazu überhaupt nicht in der Lage ist. Wir brauchen vielmehr eine Gesellschaft bzw. eine Wirtschaftsverfassung, in der es - wie in den sechziger Jahren - jedem gelingt, dauerhaft einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, egal welche Bildung er absolviert hat.
Westerle.Merkwelle (19.05.2009, 22:33 Uhr)
Armutsatlas offenbart verheerende soziale Verhältnisse in Ostdeutschland
20 Jahre nach der Herstellung der deutschen Einheit zeigt der heute vorgestellte Armutsatlas: Die Menschen in den östlichen Bundesländern leben zu fast 20 Prozent in Armut. Die Armutsquote in Ostdeutschland liegt damit fast doppelt so hoch wie in Süddeutschland. Aber auch in Westdeutschland gibt es Regionen mit dramatischen Armutsquoten. Die Versprechungen auf die Herstellung einer sozialen Einheit mit vergleichbaren Lebensverhältnissen – ein Verfassungsgebot – klingen zunehmend hohl.
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Selbst in Zeiten der Wirtschaftskonjunktur sind die sozialen und regionalen Verwerfungen nicht tatkräftig bekämpft worden. Die Ursache des Versagens liegt in dem Irrglauben, der Markt – sofern sich selbst überlassen – werde es schon richten. Dieser neoliberale Irrglaube hat sich gründlich blamiert.
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Jetzt muss allen Menschen klar sein: Sozial und regional gerechte Verhältnisse entstehen nicht von allein, es bedarf des lenkenden und umverteilenden Eingriffs durch den Staat. Dazu braucht er die entsprechenden Steuermittel, die von den Nutznießern des entfesselten Finanzkapitalismus eingetrieben werden müssen.
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Die Vorschläge der Linkspartei liegen auf dem Tisch: http://dokumente.linksfraktion.net/pdfdownloads/7788797028.pdf
Halodri73 (19.05.2009, 19:30 Uhr)
Krass!
Die meisten Studenten leben unterhalb der Armutsgrenze!!
Armut ist so dermaßen subjektiv...
Und ein shcöner Stoff für Diskussionen.
Das Problem ist der Mensch selbst, der in seinem Streben nach mehr so viel gutes tut und dabei so viel schlechtes bewirkt.
Neid und Mißgunst auf der Einen, Raffgier und Ignoranz auf der anderen Seite. Eine super Mischung.
JanvanHelsing (19.05.2009, 18:34 Uhr)
@michianso
was ist denn in ihren Augen ein hausgemachtes Problem ???
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Bitte so erklären das es meine achtjährige Tochter auch versteht.
michianso (19.05.2009, 18:32 Uhr)
@JanvanHelsing
Nein, keineswegs, ich bestreite nicht, dass es Probleme gibt. Aber ich bestreite, dass sie ausschliesslich auf die finanzielle Situation per se zurückzuführen ist.
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Viele Probleme sind hausgemacht, teils von anderen, teils aber auch von den Betroffenen selbst. Und das ist es, was ich festhalten möchte. Mit heiler Welt hat das m.E. nichts zu tun.
JanvanHelsing (19.05.2009, 18:28 Uhr)
@michianso
In meinem Bekanntenkreis befinden sich auch alle gesell. Schichten und wenn ich schreibe alle dann meine ich alle.
Vom Superreichen bis zum Lagermalocher,doch merkwürdiger Weise sind wir uns in einem einig.
Das diese riesigen Unterschied i.d. Gesellschaft eben zum Problem werden, weil keiner mehr von einfacher Arbeit leben kann.
Dieses der Wurst hinterher hecheln und sie nicht erreichen zu können führt zu Frustrationen, auch bei gebildeten Menschen.
Da nützt Bildung nischt, wenn de nicht weisst wovon du nächsten Monat die Versicherung oder Rate fürs Auto bezahlen sollst, geschweige denn Bücher für die Kiddis.
Die Nettoeinkommen sind in der Mittelschicht weggebrochen, dann das unselige HartzIV, wo Menschen die jahrzehnte einem Arbeitgeber loyal waren plötzlich auf der Straße stehen und mit einem gleichgestellt werden der noch nie einen Finger gekrümmt hat.
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Wollen sie in ihrer Heilewelt Ansciht etwa bestreiten das es diese Problematik gibt in diesem unserem Lande?
Dann willkommen im Märchenwald.
Fastrunner (19.05.2009, 18:22 Uhr)
Anpacken
Waeren die armen Schwarzwaldbauern damals so 360° rundum versorgt worden wie das heute der Fall ist, dann haette sich auch im Schwarzwald keiner aufgemacht und die Lage geaendert und verbessert. Heute scheint immer nur die Erwartung vorzuherrschen, dass es einen Anspruch gibt das dies durch jemand anderen (den Staat) geaendert werden muss. Ne Leute selber Hand anlegen und die Lage aktiv verbessern und nicht reaktiv jammern und nach dem Staat rufen. Weniger Watte wuerde bestimmt helfen.
michianso (19.05.2009, 18:19 Uhr)
@JanvanHelsing
Diese Aussage ist nichts weiter als Populismus.
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Ich bestreite nicht, dass es Probleme gibt, aber ich bestreite, dass der Faktor nur die Armut per se ist.
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Ich kenne niemanden in meinem Freundeskreis (mich eingeschlossen), der sich irgendwo ausgegrenzt, benachteiligt oder sonst etwas fühlt oder andere ausgrenzt oder benachteiligt, nur weil der eine eben Lagerist ist und einen 8 Jahren alten Twingo fährt oder der andere Banker und der Maserati um die Ecke parkt.
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Und genau deshalb beginnt die Ausgrenzung mit unter im Kopf und zwar dann, wenn man sich selbst ausgegrenzt fühlt oder definitiv ausgrenzt und sich dann Hass, Neid und Missgunst breit machen und man selbst nichts mehr mit einem vermeintlich besser gestellten zu tun haben will und ihm Tod und Teufel an den Hals wünscht und ihn für alles Pech der Welt verantwortlich macht.
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Und das ist keine Propaganda sondern das kann man tagtäglich erleben.
kabelmann (19.05.2009, 18:16 Uhr)
Es freut mich...
...dass einige Poster hier noch etwas Hirn und Verstand zeigen. Was man von der Journallie nicht grade behaupten kann.
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