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4. Mai 2007, 12:34 Uhr

"Klima-Bericht erhöht Druck auf SPD"

Der Kohlendioxid-Ausstoß muss verringert werden. Schnell. Deshalb empfiehlt der Weltklimarat, das Potenzial der Kernkraft zu nutzen. Im stern.de-Interview fordert Unionsfraktionsvize Katherina Reiche die SPD und Umweltminister Gabriel zu einem Umdenken in Sachen Atomausstieg auf.

Die Blöcke A und B des Kernkraftwerks im südhessischen Biblis, aufgenommen im Jahr 2003. Block A soll 2008 vom Netz gehen, der Betreiber RWE dringt auf eine Laufzeitverlängerung, Umweltminister Gabriel lehnt diese ab© Thomas Lohnes/DDP

Frau Reiche, der Weltklimarat hat seinen dritten Bericht vorgestellt. Darin spricht er konkrete Empfehlungen aus, wie man den Klimawandel bremsen kann. Der Rat empfiehlt auch, die Atomkraft voll auszunutzen, weil sie eben kein Kohlendioxid ausstößt. Muss diese Forderung in Deutschland zu einem Umdenken führen?

Auch die Kernkraft wird das Klimaproblem allein nicht lösen. Aber für Länder, die einen sehr hohen Kernkraftanteil bei der Stromproduktion haben, ist die Kernkraft auf absehbare Zeit nicht zu ersetzen. Wir müssen in Deutschland bis zum Jahr 2012 noch einmal 50 Millionen Tonnen Kohlendioxid einsparen, über das hinaus, was bis jetzt im Nationalen Allokationsplan ohnehin gefordert ist, wenn wir aus der Kernenergie aussteigen. Dies ist nicht darstellbar, wenn wir uns an dem Gebot orientieren, dass die Energieversorgung klimafreundlich, aber auch wirtschaftlich und vor allem bezahlbar sein soll. Insofern kann ich mir für Deutschland, aber auch für andere Länder nicht vorstellen, dass wir komplett aus der Kernenergie aussteigen werden.

Müssen SPD und vor allem Umweltminister Gabriel umdenken?

Die SPD muss sich die Zahlen ansehen und erklären, wie sie es bewerkstelligen will, zwei Dinge unter einen Hut zu bringen: Einerseits die rot-grüne Politik des Atomausstiegs weiter zu verfolgen und andererseits gleichzeitig die führende Rolle in der Klimaschutzpolitik in Europa und in der Welt einzunehmen. Das ist nicht vereinbar. Deshalb befindet sich die SPD in Erklärungsnot. Ich setze darauf, dass auch bei unserem Koalitionspartner die Vernunft einsetzen wird.

Erhöht der Bericht des Klimarats den Druck auf die SPD, die Laufzeiten der Atomkraftwerke zu verlängern?

Der Klimabericht besagt mehrere Dinge: Erstens, wir müssen rasch handeln. Zweitens, jetziges Handeln kostet weniger als die spätere Beseitigung der Folgen des Nichthandelns. Der Bericht besagt, dass es ohne regenerative Energien nicht geht, aber dass die Kernkraft ein wesentlicher Bestandteil klimafreundlicher Energieerzeugung ist. Deshalb können wir auf sie nicht verzichten. Der Bericht des Weltklimarates erhöht deshalb auch den Druck auf die SPD, ihre Position zur Nutzung der Kernkraft zu ändern.

Umweltminister Gabriel behauptet, er könne den Energiebedarf über eine Erhöhung des Anteils der regenerativen Energien abdecken, ohne die Laufzeiten der Atomkraftwerke zu verlängern. Halten Sie das für möglich?

Langfristig betrachtet, bis 2020 und darüber hinaus, haben die erneuerbaren Energien ein unglaubliches Potenzial. Ich bin davon überzeugt, dass wir schon in den nächsten Jahren erhebliche Technologieschübe verzeichnen werden. Wir reden aber auch über die nächsten vier Jahre: Bis zum Jahr 2012 sollen laut Plan sieben Kernkraftwerke abgeschaltet werden, aber gleichzeitig ist der Allokationsplan zu erfüllen. Die Klimaforscher sagen uns nun, dass wir bis zum Jahr 2015 Zeit haben, Entscheidungen zu fällen. Die Zeit zwischen 2012 und 2015 ist knapp. Ich sehe nicht, wie wirtschaftlich Energie erzeugt werden soll, es sei denn, man möchte die Strategie der SPD weiter verfolgen, auf russisches Gas zu setzen. Das halte ich nicht für das Gebot der Stunde. Es widerspricht der Klugheit, von einer Abhängigkeit in die nächste zu marschieren. Wir sollten unsere Energieversorgung so breit wie möglich aufstellen.

Der Weltklimarat fordert drastische Einsparungen bei den Kohlendioxid-Emissionen. Muss sich die KfZ-Steuer nicht endlich am Kohlendioxid-Ausstoß orientieren?

Jedes Ressort muss seinen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Ein noch so ehrgeiziger Umweltminister wird nicht ausreichen, um in Deutschland eine Trendwende hin zu einem geringeren CO2-Ausstoß zu schaffen. Im Koalitionsvertrag haben wir vereinbart, dass die Umstellung von einer Kfz-Steuer auf eine CO2-Steuer erfolgen soll. Allerdings vermisse ich bislang noch ein Konzept von Verkehrsminister Tiefensee. Das hat er zwar bislang immer publikumswirksam in Zeitungen angekündigt, vor allem in Sonntagszeitungen. Nur präsentierte er dann am Montag und Dienstag keine Konzepte. Ich hoffe, dass er sich bald mit klaren Vorstellungen an das Parlament und den Koalitionspartner wendet, wie er die Umstellung vornehmen will. Auch die Länder, denen die Kfz-Steuer bislang zufließt, werden sehr daran interessiert sein, wie sich Tiefensee die künftige Steuerverteilung vorstellt. Für das Projekt als solches habe ich große Sympathie. Auf EU-Ebene wurde ein Ausstoßlimit von 120 Gramm Kohlendioxid pro Kilometer im Flottendurchschnitt beschlossen, maximal 130 Gramm. An diesem Wert sollten auch wir uns orientieren.

Muss es neben der Steuer nicht auch endlich ein Tempolimit auf den Autobahnen geben?Ich glaube, dass ein Tempolimit wenig bringt. Die Bereitschaft der Menschen, etwas für den Klimaschutz zu tun, ist mit 98 Prozent sehr groß. Da führen Verbote eher zu Frust. Die verschiedenen Vorschläge, die gemacht wurden - Tempolimit, Sonntagsfahrverbot Glühbirnenverbot - haben in erster Linie einen gängelnden Charakter. Sie laden die Leute nicht ein, sich aktiv am Klimaschutz zu beteiligen.

Zur Person

Zur Person Die brandenburgische Abgeordnete Katherina Reiche, 33, ist seit 2005 stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag. Sie ist in dieser Funktion auch für die Themen Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit zuständig.

Ihre Meinung

Müssen die SPD und Umwelminister Sigmar Gabriel sich angesichts des Klimawandels zu einem Ausstieg aus dem Atomausstieg durchringen?

Diskutieren Sie mit! Bisherige Beiträge (7)
Interview: Florian Güßgen
 
 
KOMMENTARE (7 von 7)
 
tripex (05.05.2007, 00:30 Uhr)
Atomlobby unerträglich
Diese Atomlobby ist unerträglich. Vertrag ist Vertrag. Was soll dieses ständige und vor allem dumme und einseitige Gerede? Aber es würde mich bei dieses Marionettenpolitik in Deutschland nicht sonderlich wundern, wenn man selbst diesen Vertrag bricht. Blaubeersammler bringt es auf den Punkt. Nichts ist perfekt, aber Atomenergie ist mit Sicherheit nicht die beste Option für die Allgemeinheit, nur für einige Manager. Da es nunmal eine wie Kohle und auch Erdöl aussterbende Technologie ist, sollte mit aller Kraft und nicht erst in 10 oder 20 Jahren an erneuerbaren und lokalen dafür kleineren und mobileren Energiequellen geforscht werden. Das vermindert nebenbei auch die Zentralisierung, welches wiederum Terrorismus und Transportkosten negativ beeinflußt.
Außerdem muß Energievermeidung einen größeren Stellenwert als heute bekommen. Die Solarenergielobby (wahrscheinlich sehr mit anderen Energiemultis verzahnt) muß GEZWUNGEN werden, ihre Produkte zu einem vernünftigen Preis abzugeben. Ein guter Anfang wäre eine Pflicht von Solarpanals abhängig der Größe von Neubauten. Aber die wahren Energieverbraucher sind die Industrie und da hilft nur Transparenz und ein zu entwickelndes ebenfalls transparentes Kontingent-System.
45Klaus (04.05.2007, 14:52 Uhr)
Keine Kernenergie!!
Wer ja sagt zur Kernkraft, der scheint noch nicht verstanden zu haben, was es wirklich bedeutet, wozu man da ja sagt und gesagt hat.
Die vielen Risiken rundherum müssen betrachtet werden. Kernkraft wird zur politischen-, und nicht zur Vernunftssache. Wieviel Geld fließt da wohl im Hintergrund, denn mit Vernunft kann ein Atomkraftwerk nichts zu tun haben!
Alternativen Energien sollten mehr einsetzbar sein, aber solange wir alle an den Fäden der "Kraftwerksunion" hängen machen die die Politik und nicht wir!
Sukram71 (04.05.2007, 14:48 Uhr)
Wohin mit dem Atommüll?
Wer glaubt es sei verantwortlich weiterhin Atomkraftwerke zu betreiben, der soll bitte auch sagen, wo er den Atommüll endlagern will.
Seit den 60er Jahren wird in erheblichen Mengen Atommüll im deutschen Salzstock "Asse II" endgelagert. Dieser Salzstock ist gerade dabei mit Wasser vollzulaufen. Bisher konnte man das eindringende Wasser noch so gerade abpumpen. Wie lange das noch geht, weis niemand. Möglicherweise muss man mit Milliardenaufwand jahrzehntelang den ganzen Atommüll wieder bergen, damit es nicht zu einer Grundwasserkatastrophe kommt; falls man diese überhaupt noch abwenden kann. Die Nachbarsalzstöcke "Asse I" und "Asse III" (ohne Atommüll) sind bereits abgesoffen.
Das geplante Endlager Gorleben ist auch ein Salzstock. Durch "Asse II" ist quasi erwiesen, dass die Lagerung von Atommüll in Salzstöcken untauglich ist, weil diese nicht so formstabil sind wie gedacht und weil man im Katastrophenfall nur extrem schwer wieder an den Müll kommt.
Im Spiegel stand ein guter Artikel darüber, Aber wer das nicht glaubt, der suche bitte bei Google.de nach: "Asse II" + Wassereinbruch
Wenn sich die Atomkraftbeführworter duchsetzen, dann werden die sicher Gorleben möglichst schnell öffnen und den ganzen Müll unter die Erde schaffen. Das wäre jedoch hochriskant und muss m. E. unbedingt verhindert werden.
Das beste wäre wohl, man lagert den Müll in der Heimatregion der Atomkraftbefürworter. Oberirdisch in Bunkern, damit man hin und wieder mal danach sehen kann.
Blaubeersammler (04.05.2007, 14:40 Uhr)
Nein zur Kernenergie
An Kommentaren wie von acenes sieht man immer wieder wie wirksam die Atomlobby große Teile der Bevölkerung eingelullt hat. Diese "saubere" Energiequelle produziert so viele Abfälle, die immer wieder unter den Tisch gekehrt werden. Wer sich mal die Umgebung der Wiederaufbereitungsanlagen in La Hague und Sellafield anschaut, wird vielleicht anfangen umzudenken. Und das leidige Thema Endlager ist ja auch noch lange nicht geklärt.
Die niedrigen Atom-Strompreise resultieren doch nur daraus, dass große Teile der Kosten auf die Allgemeinheit abgewälzt werden oder Investitionen vom Staat getätigt wurden und werden.
Da ist es doch tausendmal besser die hohen Subventionen für das EEG auszugeben als an einer sterbenden Technologie krampfhaft festzuhalten. Denn Uran wird nach mehreren Studien bereits vor Öl und Gas aufgebraucht sein.
acenes (04.05.2007, 14:26 Uhr)
Ja zur Kernenergie!
Nachdem die rot-grünen Trauerjahre mit dem damals denkwürdig vereinbarten Atomausstieg vorbei sind, besteht nun doch wieder Hoffnung zur Vernunft. Gerade die Kernenergie ist in Deutschland eine absolut sichere und saubere Energieform im Gegensatz zu den "stinkenden" Braun- und Steinkohlekraftwerken, die derzeit überall in Deutschland in die Landschaft gefunzt werden.
Gott sei Dank sind unsere grünen Baumstreichler (Ströbele, Trittin etc.) derzeit mehr mit ihren ehemaligen RAF-Freunden (Klar etc.) beschäftigt, so dass nun die Chance zu einem Umdenken in der Atompolitik besteht.
schoolar (04.05.2007, 13:59 Uhr)
"Kernkraft? Nein Danke!" ist überholt
Jedem vernunftbegabten Menschen mußte von Anfang an klar sein, daß die Grün-Rote Forderung nach einem kompletten Verzicht auf Atomenergie unwirtschaftlich und vor allem unrealistisch war und ist. Der stetig steigende Energiebedarf nicht nur in D und EU wird mit erneuerbaren Energien nicht abzudecken sein. Also, liebe Politiker, kommt auf den Boden der Tatsachen zurück und akzeptiert Uran & Co. als das, was sie sind: Dauerhafte und ergiebige Energieträger!
sahren (04.05.2007, 13:51 Uhr)
Kernkraft erzeugt auch Belastung
Was wieder keiner bedenkt: Brennstäbe anzureichern, dass man diese auch einsetzen muss, ist ebenfalls extrem energieintensiv. Es ist also nicht so, dass man die Kernkraft als CO2-Neutral feiern kann, das wäre eine Milchmädchenrechnung.
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