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12. August 2005, 12:05 Uhr

Der Menschen-Fischer

Mit einer Bus-Tour durch das Land will der Ober-Grüne Joschka Fischer das Ruder noch einmal herumreißen. Er kämpft für Rot-Grün, für Schröder – und für sich selbst. Innerhalb von wenigen Monaten hat er sich neu erfunden. Ein Bericht aus Fischers Bus. Von Florian Güßgen

Fischer on the rocks - der Außenminister auf Wahlkampf-Tour in Hohwacht an der Ostsee© Florian Güßgen

Fischer ist angriffslustig. "Wenn Du nach Hause fährst, dann sag' dem Edi doch, dass er sich schämen soll", schleudert er dem weißen-blauen Regenschirm entgegen, der sich vor seiner grünen Bühne aufgebaut hat. Es ist Mittag. Es regnet. Und Fischer packt sich den Zwischenrufer, zumindest rhetorisch, spielt mit ihm, führt ihn vor - nicht bösartig, sondern augenzwinkernd, stellvertretend für Edmund Stoiber, den bayerischen Regierungschef. Fischer greift an, aber er verletzt nicht, er hat Biss, aber spart sich die Häme. Er ist ein anderer als noch vor ein paar Monaten. So mögen ihn die Menschen. So fängt er sie ein, der Menschen-Fischer.

Enthemmtes Fischer-Bashing

Was haben sie ihn gescholten, geprügelt und getreten. Die Visa-Affäre, dieser unselige Auftritt vor der Parteizentrale der Grünen, dann das Zwölf-Stunden-Verhör vor dem Ausschuss. Schlecht sah er aus damals - verdrießlich, unwillig, angreifbar. Uncool. Die Wähler hatten ihn nicht mehr so lieb wie zuvor, verstießen ihn von Platz eins der Beliebtheitsskala, zogen ihm den biederen Wulff aus Niedersachsen vor. Allein das war eine Schmach für Joschka Fischer, den Ober-Grünen, den Ober-Außenminister, den Ober-Politiker. Auch die Journalisten - wir - betrieben enthemmt Fischer-Bashing, Rache für manche hochmütig-hämische Maßregelung durch einen unwirschen Meister-Redner. Easy shots.

Eine Sommerreise als Feldzug

Vorbei. Diesen Fischer gibt es nicht mehr. Seit dem 22. Mai ist Fischer wieder Joschka - und Joschka will es noch einmal wissen. Rot-Grün chancenlos? Von wegen. Fischer ist Spitzenkandidat der Grünen, er ist ihr Zugpferd, alles haben sie auf ihn zugeschnitten, alles hängt von ihm ab. Und er will es allen zeigen. Mit einem Bus, mit seiner Tour, mit unzähligen Auftritten, Reden, Interviews. "Sommerreise" nennen die Grünen das. Fünfeinhalb Wochen will Fischer durch das Land fahren. Ohne Unterlass. Allein die Dauer der Reise ist eine Botschaft. Das ist Fischers Feldzug, soll das heißen, sein langer Weg zum Wähler. Er, der Joschka, kämpft bis zum Wahltag um Regierung, um Amt, um Ansehen. Für die Grünen, für die SPD, für sich und für Gerhard Schröder. Der letzte Aufrechte der rot-grünen Tafelrunde. Bei 35 Prozent liegt die Koalition derzeit in den Umfragen, 28 für die SPD, sieben für die Grünen. Aussichtslos? 14 Prozentpunkte Rückstand auf Schwarz-Gelb? Aufgeben ist etwas für Hasenfüße und verwirrte Sozialdemokraten. Nicht für einen wie Fischer. Das ist die Botschaft.

Fischer ist immer noch eine Attraktion

Am Montag ist er in Berlin gestartet. An diesem Donnerstag, dem vierten Tag der Reise ist er im Norden, ganz oben in Deutschland, in Heiligenhafen an der Ostsee. Auf dem malerischen Marktplatz vor dem Backstein-Rathaus haben sie eine Bühne aufgebaut, umhüllt von einer froschgrünen Plane. Am Rand der Bühne steht ein Eimer mit Sonnenblumen. Fischers Vor-Gruppe jault "Wild Horses" von den Rolling Stones. Aber selbst davon lassen sich die Fans nicht vergraulen. Tausend Menschen sind gekommen. Trotz des Regens. Sie spannen Regenschirme auf. Sie wollen Joschka sehen. Noch immer fasziniert er sie, noch immer interessiert er sie, dieser Mann, der es vom Steinewerfer zum Außenminister geschafft hat. Sie können nicht von ihm lassen.

"Ich spreche zu Ihnen als Ihr Außenminister"

Um kurz nach zwölf am Mittag rollt der große grüne Joschka-Bus über die Schlamerstraße auf den Marktplatz von Heiligenhafen. "Joschka kämpft" steht in weißen Lettern auf dem Wagen. "Mach mit." Ein Eintrag ins Goldene Buch der Stadt, dann legt Fischer los. Stoiber, der "Randalierer", der "putzige Gysi", die Rente, die Bürgerversicherung, der Verbraucherschutz, die Atomenergie - Fischer spult das ganze Programm herunter. Mit Leidenschaft. Kämpferisch. Selbst für die Sozialdemokraten fühlt er sich zuständig. Sie dürften nicht verzagen, ruft er - und warnt sie vor einer großen Koalition. Der Sieg am 18. September sei noch zu schaffen. Fischer will sie alle mitziehen, auch Schröders Leute. Einer für alle. Endlich. Er redet sich heiß, redet schnell. Nur, wenn er zur Außenpolitik kommt, etwa zur Krise um das iranische Atomprogramm, dann senkt er seine Stimme, dann wird er staatsmännisch. "Ich rede nun nicht als Wahlkämpfer zu ihnen, sondern als ihr Außenminister", sagt er feierlich. "Ihr Außenminister". Das sagt er mehrmals - bevor er sich über seine potenziellen Nachfolger mokiert. Westerwelle. Gerhardt. Stoiber. Die Namen lassen das Publikum aufstöhnen.

Der Politik-Zocker

Aber es ist ohnehin weniger wichtig, was er sagt. Wichtig ist, wie er es sagt, in welcher Verfassung er sich zeigt, wie er aussieht, wie viel er wiegt - und da schneidet er allenthalben gut ab. Er hat abgenommen, ein wenig zumindest, und er wirkt frischer als noch im April oder im Mai. Sicher, manchmal, da steht dem 57-Jährigen die Müdigkeit im Gesicht. Aber jene Verdrießlichkeit, die er noch vor Monaten ausstrahlte, die ihm diese schlechten Sympathiewerte bescherte, die ist weg. Dass er mit dem Rücken zur Wand steht, das spornt ihn an. "Ich bin ein erfahrener Wahlkämpfer - vielleicht nach Jahren der erfahrenste", sagt er irgendwann im Laufe des Tages. Ich packe Euch alle ein, heißt das übersetzt.

Kreide statt Journalisten

Fischers Tour-Bus ist extra für ihn hergerichtet. In kürzester Zeit haben sie sein Porträt auf den Wagen geklebt. Jetzt weiß jeder, der den Wagen sieht, dass da der Außenminister drin sitzt. Im Innenraum ist die Stimmung geschäftig. Im hinteren Teil des Busses gibt es einen Privatbereich mit Bett, vorne sitzen ein paar Journalisten, Fischers Helfer - und die Sicherheitsleute. Der Außenminister ist zugänglich in diesen Tagen. Er setzt sich zu den Journalisten, plaudert ein wenig hier, ein wenig da. Die Zeiten, in denen ein missgelaunter Fischer Journalisten niedermachte, sind vorerst vorbei. Ein Interview? Klar, gerne. Fischer macht dieser Tage fast alles. Es ist, als ob er Kreide fräße statt Journalisten. Er ist im Wahlkampf. Mittags stoppt der Tross in Hohwacht an der Ostsee, eine halbe Stunde von Heiligenhafen entfernt. In einem Restaurant mit Reetdach, direkt am Meer, wird gegessen. Man hat einen wunderschönen Ausblick, es ist ein wunderschönes Motiv. Fischer posiert vor der Meereskulisse für die Fotografen, setzt sich, in Denkerpose, auf einen Steinhaufen - Joschka on the rocks. Seine Lebensgefährtin hat er auch mitgenommen auf die Tour. Aber das ist privat. Fischer will sie raushalten. Für den unerwarteten Wahlkampf habe er den Südfrankreich-Urlaub streichen müssen, sagt er. Das ist jetzt so eine Art Ausgleich. Fischer, der Privatmensch, Fischer, der Politiker. Bei einem, bei dem sogar die eigenen Pfunde ein Mittel der Politik sind, verschwimmen die Grenzen.

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