Deutschlandweit streiken Erzieher in Kindertagesstätten - offiziell geht es um einen besseren Gesundheitsschutz. Der Streik nervt nicht nur Eltern, sondern rührt auch an einer der zentralen bildungspolitischen Fragen: Wenn uns Kinder und deren frühkindliche Erziehung so wichtig sind, warum bezahlen wir die Erzieher dann schlechter als Müllmänner? Eine Bestandsanalyse. Von Axel Hildebrand

Die Erzieherinnen legen sich quer: In kommunalen Kitas wird gestreikt© Volker Hartmann/DDP
Rekorde werden gewöhnlich gefeiert, bestaunt, sind Anlass für eine huldvolle Betrachtung des Torschützen, Weitspringers oder Marathonläufers. Eltern von Kleinkindern haben in diesen Tagen eine etwas andere Sicht auf einen Rekord der unüblichen Art. Die kommunalen Kitas sind dicht, hier wird gestreikt. Glaubt man der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, dann beteiligten sich an den Protesten am gestrigen Dienstag mehr als 25.000 Erzieherinnen und Sozialarbeiter. Das ist der bisherige Rekord in einem Streik, der Eltern in fast allen Bundesländern vor Probleme stellt. Sie müssen sich selber um die Kinder kümmern.
Vordergründig geht es für die rund 220.000 Kita-Mitarbeiterinnen im öffentlichen Dienst um einen besseren, tariflich abgesicherten Gesundheitsschutz, zu dem die Arbeitgeber gezwungen werden sollen. Doch der wahre Grund ist die miese Bezahlung. "Das ist ein Stellvertreter-Streik, eigentlich geht es um die Bezahlung und Anerkennung einer wichtigen Arbeit", sagt Anke Wagner, Projektleiterin für frühkindliche Bildung bei der Robert-Bosch-Stiftung.
Aber ein offener Streik für mehr Geld für die staatlichen Erzieher ist im Moment nicht möglich. Da für den Gehaltstarifvertrag noch die Friedenspflicht besteht, beziehen sich die Streiks nur auf die Forderung nach einem besseren Gesundheitsschutz. "Die Frage des Gehalts schwingt aber mit", sagt Norbert Hocke, Vorstandsmitglied der GEW.
Denn bei den Verhandlungen zwischen Arbeitgebern und den Gewerkschaften, die am heutigen Mittwoch weitergehen, geht es um die Bezahlung: eine neue Entgeltstruktur wird verhandelt. Die schlechte Bezahlung wurmt eine Arbeitsgruppe, die sich inmitten eines politischen Trends befindet, die ihr eigentlich zugute kommen müsste.
Die Anforderungen an den Beruf sind in den vergangenen Jahren enorm gestiegen. Immer spezifischer geschulte Fachkräfte dringen in einen Markt, in dem immer noch bezahlt wird, als ob die Kinder mit ein bisschen Basteln und Sandburgbauen beschäftigt werden. Doch die Ausbildung wird besser, mittlerweile gibt es sogar über 50 Studiengänge zur Frühkindpädagogik in Deutschland. Die Zeiten der Sandburg sind vorbei. Deshalb fühlen sich die Erzieherinnen ungerecht behandelt.
Das Einstiegsgehalt für eine Erzieherin liegt nach dem Tarifvertrag des Öffentlichen Dienstes bei 1922 Euro brutto. Für eine 28 Jahre alte, kinderlose Grundschullehrerin geht es dagegen bei 2800 Euro los, eine Fachkraft am Gymnasium bekommt 3200 Euro - als Beamtinnen müssen beide zudem keine Rentenversicherungsbeiträge abführen.
"Es gibt keinen Grund, warum eine Erzieherin schlechter ausgebildet wird als eine Grundschullehrerin", sagt Wagner. Dementsprechend sei die jetzige Bezahlung nicht angemessen. "Die Rahmenbedingungen müssen sich ändern."
Denn von einer Erzieherin werden heute ganz andere Leistungen erwartet als noch vor wenigen Jahren. "Viele Verantwortliche in den kommunalen Arbeitgeberverbänden haben noch den Kindergarten der Siebziger Jahre vor Augen, in dem man mit Kindern aus geordneten Verhältnissen bis mittags um zwölf Uhr basteln, malen und Lieder singen konnte. So ist es heute nicht mehr", sagte Norbert Hocke, Vorstand für Jugendhilfe und Sozialarbeit bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GWE) kürzlich der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Heute müssen die Erzieherinnen die Kleinen individuell fördern, ausländischen Kindern Deutsch beibringen, friedliche Konfliktlösungen trainieren, ein wenig das Zahlenverständnis anregen und erste naturwissenschaftliche Grundlagen mitgeben. "Kitas sind heute eine Bildungseinrichtung", sagt Expertin Wagner.
Diese erhöhten Anforderungen, dazu eine Ausbildung, die bis zu fünf Jahre dauert, und die hohe Verantwortung rechtfertigen einen höheres Gehalt, argumentieren die Gewerkschaften. Letztlich läuft alles auf eine zentrale Frage hinaus: Was will eine Gesellschaft für eine Aufgabe investieren, die sie als enorm wichtig betrachtet?
Wissenschaftliche Studien belegen, dass sich Bildungsausgaben an Kleinkindern langfristig rechnen. Auch sollen Frauen nach der Geburt eines Kindes, so der Wunsch der Politik, schneller in den Beruf zurückkehren. Doch dafür müssen mehr Betreuungsplätze für Kleinkinder her. Familienministerin Ursula von der Leyen hat den Ausbau der Betreuungsplätze deshalb zum Politikum gemacht hat: Bis 2013 sollen für mehr als ein Drittel der unter Dreijährigen Betreuungsplätze zu Verfügung stehen. Wegen des Krippenausbaus werden in den kommenden Jahren nach Schätzungen der Berufsverbände rund 50.000 Erzieher benötigt - am besten gut ausgebildete.
Und das ist spätestens die Stelle, an der die Arbeitgeber kontern: Das können wir nicht leisten. Denn Träger der Kitas sind zur Hälfte Kirchengemeinden, Caritas, die Diakonie und andere Wohlfahrtsverbände, zur anderen Hälfte aber die Kommunen. Und die haben derzeit - auch bedingt durch die massive Wirtschaftskrise - erhebliche Schwierigkeiten, Geld bei Unternehmen und Bürgern einzusammeln. Nach der jüngsten Steuerschätzung kommen auf Bund, Länder und Kommunen bis 2012 Einnahmenausfälle von 316 Milliarden Euro zu.
Die Forderungen der Gewerkschaften seien angesichts der jüngsten Steuerschätzung und der Milliardenbeträge, die die Kommunen in den Ausbau der Kleinkinderbetreuung stecken müssten, nicht realisierbar, sagt denn auch der Präsident des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, Christian Schramm.
Die Gewerkschaften gehen selbstbewusst in die Verhandlungen. "Wir streiken so lange, wie es nötig ist", sagte Verdi-Chef Frank Bsirske. Sollte es heute keine Entscheidung geben, werde der Streik fortgesetzt.
Ursula von der Leyen, sonst nicht als flammende Gewerkschaftlerin bekannt, ist da ganz auf seiner Seite.