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27. Januar 2005, 10:14 Uhr

Müssen wir uns heute noch schuldig fühlen?

Diese Frage stellte der stern Historikern, Politikern und Kulturschaffenden. Die meisten sprechen von der andauernden Verantwortung der Deutschen, nur wenige von Schuld.

Bundeskanzler Gerhard Schröder© Bernd Köhler/DPA

Gerhard Schröder, Bundeskanzler

Auschwitz ist zum Synonym für die Menschheitskatastrophe der Moderne schlechthin geworden. Zum Inbegriff für den Zivilisationsbruch. Menschliche Wesen haben diesen Ort Schritt für Schritt in eine Mordstätte verwandelt. In einen Ort unvorstellbaren Grauens, an dem kaltblütig geplant und systematisch organisiert mehr als eine Million Menschen ermordet wurden. 60 Jahre nach der Befreiung des KZ Auschwitz gilt: Die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus ist eine bleibende Verpflichtung. Denn nur wer sich erinnert, auch wenn er keine Schuld auf sich geladen hat, kann verantwortungsbewusst mit der Geschichte umgehen. Auch wenn Erinnerung anstrengend ist, wir dürfen der Versuchung zum Vergessen oder zum Verdrängen nicht nachgeben. Vergangenheit können wir weder ungeschehen machen noch "bewältigen". Aber aus der Geschichte lernen können wir: Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit dürfen nie wieder eine Chance haben in Deutschland. Wir müssen sie entschieden bekämpfen - mit der ganzen Härte des Rechtsstaats und der überzeugten Zivilcourage der ganzen Gesellschaft. Damit die Lehre aus Auschwitz immer lebendig bleibt: Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Paul Spiegel, Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland

Schuld ist eine ganz persönliche Angelegenheit. Es kann keine Rede davon sein, dass Menschen, die während des Holocaust oder danach geboren sind, mit irgendeiner Schuld in Zusammenhang stehen. Aber dieser Personenkreis trägt dennoch eine Verantwortung. Nicht für die Vergangenheit und für das, was damals geschehen ist. Diese Menschen tragen Verantwortung für die Gegenwart und die Zukunft. Denn ohne die Kenntnisse dessen, was gewesen ist, kann es eine verantwortungsbewusste Zukunft nicht geben.

Heinrich August Winkler, Historiker

Schuldig geworden sind bei der Vernichtung der europäischen Juden im Zweiten Weltkrieg nicht nur die Täter an der Spitze des "Dritten Reiches" und die vielen, die ihre mörderischen Weisungen in die Tat umsetzten. Schuldig geworden sind alle, die auf unterschiedliche Weise mitgewirkt haben an dem, was der Vernichtung vorausging: die Ausgrenzung und Entrechtung der Juden. In diesem Sinn sind Millionen von Deutschen schuldig geworden. Eine Schuld der Nachlebenden gibt es nicht. Aber aus der historischen Schuld ist eine bleibende Verantwortung der Deutschen erwachsen: Sie müssen sich ihrer widerspruchsvollen Geschichte stellen und Folgerungen aus dem ziehen, wohin diese Geschichte nach der Machtübertragung an Hitler geführt hat. "Die Würde des Menschen ist unantastbar": So heißt es in Artikel 1 des Grundgesetzes aus dem Jahr 1949. Das war damals eine Antwort auf die Erfahrungen der NS-Zeit. Es gibt keine bessere Antwort.

Halina Birenbaum, israelische Schriftstellerin und Auschwitz-Überlebende

Ein Sohn kann nicht schuldig sein, wenn der Vater ein Mörder ist. Aber auf ihm klebt ein Fleck. Ein junger Deutscher hat eine Verantwortung, nie so zu sein, wie die Verbrecher damals. Als Sohn eines Mörders muss er noch mehr als alle anderen tun, damit er zeigen kann, dass er ein ehrlicher Mensch ist, dass er nie jemanden verfolgen, nie jemanden umbringen wird. Wer stolz auf Goethe, Schiller und Beethoven ist, muss auch Schande empfinden für Hitler. Ich habe Auschwitz gesehen, jeden Tag, fast zwei Jahre lang, im Alter von 13 bis 15 Jahren. Ich habe die Züge gesehen, die die Menschen gebracht haben, und den Geruch von verbrannten Menschen immer bei mir behalten. Und doch fühle ich keinen Hass, habe auch damals keinen Hass empfunden. Hass braucht Zeit, man muss sich damit beschäftigen. Nach dem Krieg war ich nur glücklich, dass die Nazis besiegt waren. Ich beschuldige nicht, ich erzähle nur meine Geschichte. Deutsche Jugendliche fühlen sich schuldig und identifizieren sich mit meinem Leiden. Sie brauchen das Wissen, müssen lernen, brauchen die Pflicht, die Verantwortlichkeit. Die Deutschen sollen sich immer daran erinnern, was Deutsche mit den Juden gemacht haben. Es schmerzt, wenn heute Deutsche behaupten: "Das gab es nie." Wer zulässt, dass junge Neonazis wieder "Heil Hitler" brüllen, der muss sich schuldig fühlen.

Ralf Giordano, Schriftsteller Als häufig geladener Zeitzeuge und Überlebender des Holocaust bläue ich der Generation der Enkelinnen und Enkel dreierlei ein: Erstens: Ihr seid an den Nazi-Verbrechen in jeder Beziehung schuldlos - de jure, de facto, politisch, moralisch, historisch. Doch steht ihr in der Kette nationaler Geschichtsverantwortung, dass dergleichen in keiner Form wieder aufstehen und obsiegen könnte. Darum ist Erinnerung nötig, und darum stehe ich vor euch. Denn Hitler, und was der Name symbolisiert, ist zwar militärisch, nicht aber auch geistig geschlagen, immer noch nicht. Zweitens: Nicht die Opfer des Nationalsozialismus sorgen für die lang fallenden Schatten des Hakenkreuzes, es ist das Morduniversum der NS-Täterschaft, das die Erinnerung wach hält und so die These vom "Tausendjährigen Reich", wenn auch nicht im Sinne ihrer Schöpfer, wahr machen wird. Und drittens, ihr Enkelinnen und Enkel: Bewahrt euch, trotz allem, die Fähigkeit, euch zu freuen, zu lachen, zu lächeln, glücklich zu sein, zu lieben, aufeinander zuzugehen und, dies vor allem, den Humor nicht zu verlieren. Stärkere Bundesgenossen für Menschlichkeit kenne ich nicht.

Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma Deutschland hat in einem langen und schwierigen Prozess die Konsequenzen aus den Menschheitsverbrechen, die im deutschen Namen begangen wurden, gezogen. Allerdings darf nicht verschwiegen werden, dass der nationalsozialistische Völkermord an unserer Minderheit jahrzehntelang aus dem kollektiven Gedächtnis und aus der öffentlichen Erinnerung verdrängt wurde. Erst die Bürgerrechtsbewegung der deutschen Sinti und Roma konnte einen Bewusstseinswandel einleiten. Allmählich setzt sich die Erkenntnis durch, dass "Holocaust" auch die systematische Ermordung von 500 000 Sinti und Roma im nationalsozialistisch besetzten Europa bedeutet. Die Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen stellt sich für jede Generation als Aufgabe und Herausforderung neu. Mein Eindruck ist, dass diese Geschichte von jungen Menschen nicht als Last empfunden wird, sondern vielmehr als Maßstab für unsere gemeinsame Verantwortung in der Gegenwart.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 05/2005

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