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13. September 2007, 15:43 Uhr

Die Helden von der Rütli-Schule

Der Täter hatte ein Messer. Und ein Elektroschockgerät. Mit beidem fiel er über die TV-Moderatorin her. Doch plötzlich waren die Retter da: Drei Jungs von der skandalumwitterten Berliner Rütli-Schule: Helden, die so gar nicht dem Klischee entsprechen. Von Hans Peter Schütz

Helden: Die drei Rütli-Schüler Mohamed, Walid und Khalil (v.l.n.r.) im Kanzleramt© DDP

Staatsministerin Maria Böhmer steht im zweiten Stock des Kanzleramts und sagt: "Hier ist vorbildlich gehandelt worden. Und Deutschland braucht solche Vorbilder." Später gesteht sie stern.de, dass sie in diesem Augenblick bis an ihre Seele gerührt war. Das ist nicht wenig für eine Professorin für Pädagogik. "Diese drei Jungs haben mich sehr bewegt. Da muss man einfach Danke sagen."

Helden aus den Problembezirken Berlins

Das Berliner Kanzleramt hat schon viele Gäste gesehen. Aber vermutlich keine wie diese drei Schüler, die mit ihren Eltern vor Jahren aus dem Libanon als palästinensische Flüchtlinge nach Berlin eingewandert sind und heute an die skandalumwitterte Rütli-Schule in Berlin-Neukölln gehen. Mohamed, 16, Walid, 17, und Khalid, 17. Bluejeans, Turnschuhe und Pullis, rot und geringelt. Halber Irokesenschnitt alle drei. Sie sehen aus, wie viele in den Berliner Problembezirken, denen man gerne Platz macht auf dem Gehsteig. Die Jungs machen ebenso verlegene wie ernste Gesichter, während die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung ihr Loblied auf sie singt. Links und rechts sind die Eltern aufgereiht, die Mütter festlich herausgeputzt. Mit Kopftuch und voller Stolz auf ihre Jungs.

Kampf mit einem Vergewaltiger

Rückblende. Vom Oberdeck eines fahrenden Busses aus beobachten die drei jungen, arabischstämmigen Jugendlichen Mohamed, Khalid und Walid auf der Fahrt zum Kurfürstendamm, wie die Fernseh-Moderatorin Simone von Stosch am Reichpietschufer im Bezirk Tiergarten von einem Mann misshandelt wird. Die Frau liegt am Boden und wird mit einem Elektroschockgerät drangsaliert. In der anderen Hand hält der Täter ein Messer. Beim nächsten Halt springen die drei Jugendlichen aus dem Bus und rasen zurück zum Ort des Überfalls. Der Mann geht mit dem Messer auf die Jungs los. Sie schlagen ihm das Messer aus der Hand.

Der bis heute unbekannte Täter flüchtet. Simone von Stosch leidet immer noch an den Folgen des Überfalls. "Wir danken,"lobt Maria Böhmer, "für etwas, was leider nicht selbstverständlich ist, für spontane Zivilcourage." Die jungen Männer halten sich während des Loblieds ganz heftig an einem Bildband über Berlin fest, den ihnen Kanzlerin Angela Merkel geschenkt und eine Widmung hinein geschrieben hat. Schwer tun sie sich dann, als sie ihre mutige Tat mit eigenen Worten schildern sollen. Mohamed erinnert sich, wie sie am Tatort ankamen. "Da hat er ein Messer gezogen. Das haben wir weg getreten." Khalid hat sich gewichtige Worte zurecht gelegt: "Es war selbstverständlich, dass wir einem Menschen in Not helfen, egal welcher Hautfarbe und welcher Religion." Fühlt er sich jetzt als Held? Ein bisschen Röte steigt ihm ins Gesicht, diese Frage aus dem Pulk der Journalisten hat er nicht erwartet. Dann antwortet er mit unfreiwilliger Ironie: In einer solchen Situation "denkt man nicht daran, ein Held zu sein."

Die drei haben einer Frau in Not geholfen, "wie wenn es die Schwester oder die Mutter gewesen wäre." Die drei kommen von der Rütli-Hauptschule, die vor nicht allzu langer Zeit bundesweit Schlagzeilen machte. Im März 2006 appellierten die Lehrer in einem Brandbrief an den Berliner Senat, die Hauptschule aufzulösen und in eine andere Schulform zu überführen, weil sie der Gewalt durch Schüler nicht mehr standhalten könnten. Der Vorgang führte zu einer hitzigen Debatte über das deutsche Schulsystem und der mangelhaften Integration von Immigrantenkindern. Der Schock war heilsam. Schulleiter Alexander Dzembritzki, der seine Schüler ins Kanzleramt begleitet hatte, berichtete stolz, dass die Rütli-Schule längst nicht mehr für Chaos und Gewalt stehe. "Wir haben hart daran gearbeitet, die Stigmatisierung los zu werden." Hinter ihm standen, die Arme auf den Schultern ihrer Mütter, die drei Schüler, die der Rütli-Schule auf diesem Weg sehr geholfen haben.

Von Hans Peter Schütz
 
 
KOMMENTARE (10 von 10)
 
sportartmakler (14.09.2007, 16:13 Uhr)
lob
ceeto hat genau die richtigen worte gefunden. was die medien anbelangt muß ich aber leider auch countryjoe recht geben.
Countryjoe (14.09.2007, 12:51 Uhr)
Passt doch..
.. gerade recht zur Volksbelehrung. Als wenn die Medien nicht gerade immer die Helden aus dem Hut ziehen die sie gerade brauchen. Sehr glatt, die Geschichte.
Evil-King (14.09.2007, 10:41 Uhr)
@ Franzoesin
Weils keinen interessiert??? Was hat das mit dem Artikel zu tun? Auch wenn die Jungs die deutsche Staatsbürgerschaft haben, werden sie wohl vom Großteil der dt. Bevölkerung weiterhin als Ausländer abgestempelt, weil sie nicht aussehen wie der "typische" Deutsche.
Von daher ist es völlig irrelevant, woher die Jungs kommen und welchen Aufenthaltsstatus/Staatsbürgerschaft sie haben.
Wichtig ist, dass sie einem Menschen in Not geholfen haben. Und das verdient absoluten Respekt, zumal der Täter bewaffnet war. Vielleicht öffnet das einigen weiteren Querdenkern die Augen und zeigt, dass arabischstämmige Jugendliche in Berlin nicht nur Prolls oder Gewalttäter sind, so wie sie von vielen Deutschen gesehen werden (Medien sei dank...
Franzoesin (13.09.2007, 20:53 Uhr)
arabischstämmige Schüler ?
das hieße, es sind Deutsche mit arabischen Vorfahren ? oder sind es Araber.
Wenn Araber ,warum sind die Eltern nicht schon längst Deutsche und somit auch die Kinder ?
S-achte (13.09.2007, 20:16 Uhr)
Schließ ich mich
... ohne Abstriche CeeTo und Japan-Fetischist an!
S.H. (13.09.2007, 20:06 Uhr)
@jfranke
Dem kann man sich genauso wenig sicher sein, wie daß Ausländer einer Deutschen helfen! Wie im Artikel bereits erwähnt gibt es überall solche und andere...
Die Jungs haben das Lob auf jeden Fall verdient.
jfranke (13.09.2007, 18:51 Uhr)
Meinen absoluten Respekt!!!
Die Frage ist, ob dies auch „Deutsche Jungs“ für eine Ausländerin getan hätten? Ich bin mir diesbezüglich nicht so sicher.
life_is_good (13.09.2007, 18:44 Uhr)
Respekt!
Diese Jungs haben etwas geleistet, was umso höher im Rahmen der Rütli-Diskussion (und anschließenden Stereotypisierung)gewertet werden muss. Nachdem Ihre Schule tagelang in den Nachrichten als eine Art "Affengehege" dargestellt wurde, scheint es mir sehr bemerkenswert, dass Sie so selbstlos gehandelt haben. Vielleicht regt dieses Ereignis einige Leute an ihr Schubladendenken vom messerschwingenden Rütli(oder allgemeiner: Hauptschul)-Schüler aufzugeben und zu erkennen, dass es überall gute und weniger gute Menschen gibt. Wäre einer der Jungs mein Sohn, würde ich vor Stolz platzen.
CeeTo (13.09.2007, 18:16 Uhr)
-.-
Da muss ich auch mal Lob zollen. Sowas verdient große Anerkennung.
Und das sollte man auch einfach mal so stehen lassen ohne weiter zu drüber zu diskutieren.
Japan-Fetischist (13.09.2007, 17:49 Uhr)
Tolle Jungs,
macht weiter so. Leute mit Rückgrat braucht das Land, ich wünsche Euch alles Gute für die Zukunft.
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