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Die Nacht von Mügeln

Nazis wollten Inder lynchen. Zu gut passte diese Nachricht in die lange Reihe rechtsextremer Überfälle, als dass die Öffentlichkeit genauer hinsah. Doch was in der sächsischen Kleinstadt geschah, war kein organisierter Neonazi-Angriff, sondern schlimmer.

Von Gerald Drißner, Martin Knobbe und Christian Parth

Kulvir hatte seinen Marktstand aufgestellt, beim Rathaus, nur wenige Meter von dem Platz entfernt, an dem er sonst immer steht, dienstags und donnerstags. Es war Samstag, das Altstadtfest, und Kulvir verkaufte T-Shirts und Socken. So kennt man ihn in Mügeln, den Textilhändler aus Indien. Am Abend packte er seine Sachen zusammen, es sind nur 500 Meter bis zu seiner Wohnung, er rief seine Freunde an, Kuldeep, Mandeep und Jagpal, sie trafen sich gegen neun und tranken Schnaps und Bier. Später rief Amarjeet an, "kommt ihr rüber?", das "Picobello", sein Imbissladen, war nur fünf Minuten entfernt. Er hatte eine riesige Pizza im Ofen, mit Ingwer, Knoblauch und Peperoni. Es war eine halbe Stunde vor Mitternacht, als sie mit dem Essen fertig waren, sie hatten Lust zum Feiern und gingen rüber zum Fest.

Anderthalb Stunden später waren sie wieder zurück in der Pizzeria. Ihre Hemden waren voller Blut, sie hatten Platzwunden am Kopf, Beulen im Gesicht, die Augen zugeschwollen. Draußen standen Menschen, die brüllten, die gegen die Tür schlugen. Sie waren wütend, diese Menschen, denn sie glaubten, dass Kulvir und seine Freunde, die Textilhändler aus Indien, zu weit gegangen waren. Und Kulvir dachte, er habe nicht mehr lange zu leben. Was in dieser Nacht in Mügeln geschah, wird die Stadt zum Symbol machen. Für den braunen Osten, für eine Gesellschaft ohne Zivilcourage und für eine Stadt, die nicht verstehen will, was passiert war. Von Rechtsextremismus und einer Hetzjagd werden die Zeitungen schreiben, über Diffamierung und einseitige Berichterstattung die Bürger klagen, mehr finanzielle Mittel und Verbote die Politiker fordern. Es wird wie immer sein, wenn so etwas geschieht. Es wird gestritten und diskutiert - und dabei übersehen, was tatsächlich geschah, in Mügeln.

Ich habe beim lieben Gott angefragt, damit er uns heute in Ruhe lässt"

Sieben Menschen stehen auf der Rathaustreppe, sie tragen die Festuniform der "Mügelner Schützengesellschaft 1591- 1990 e. V.", schwarze Hose, weißes Hemd, grüne Jacke, grüne Krawatte, Hut mit Feder. Es ist Samstag, 14 Uhr, das zwölfte Mügelner Stadtfest wird mit Salutschüssen aus sechs Gewehren eröffnet. Der Bürgermeister tritt ans Mikrofon und sagt: "Ich habe beim lieben Gott angefragt, damit er uns heute in Ruhe lässt." Er schaut zum Himmel, die Sonne scheint. Gotthard Deuse ist seit 17 Jahren Bürgermeister. Mügeln liegt im Döllnitztal am Südrand des Landkreises Torgau-Oschatz, ziemlich genau in der Mitte zwischen Dresden und Leipzig. Die Stadt hat elf Ortsteile und 5200 Einwohner, die größten Arbeitgeber sind eine Handwerksfirma und eine Ofenkachelfabrik. Es gibt zwei Pensionen mit 18 Betten. Entweder man verirrt sich zufällig hierher oder man kommt, weil es einst den größten Schmalspurbahnhof Europas gab für einen Zug, der im Volksmund "Wilder Robert" heißt. Zweimal im Jahr feiern die Mügelner: im Juni das Parkfest, im August das Altstadtfest. Es ist eine Attraktion für die ganze Region.

Ein Wochenende lang steht dann ein weißes Zelt auf dem Rathausplatz, über der Bühne ein Schriftzug "Freut Euch". Das Bier kostet zwei Euro, nachmittags treffen sich die Älteren zum "Kessel Buntes mit Gesang und Tanz", der Posaunenchor tritt auf, und abends kommen die Jungen. Die Band Limit spielt Schlager zum Mitsingen, "Er gehört zu mir", "Live is Life" und Geier Sturzflugs "Bruttosozialprodukt". Als Kulvir und seine Freunde um halb zwölf ins Zelt kommen, sehen sie die Kellnerin und einen Mitarbeiter aus dem "Picobello" im Gedränge auf der Tanzfläche. Sie winken. Die Inder gehen nach vorn und tanzen, so wie man tanzt, wenn man ein paar Bier getrunken hat. Getrunken haben die meisten, die jetzt noch hier sind. Die Älteren sind längst zu Hause. Als die Band "Hey, wir woll’n die Eisbär’n sehn" spielt, das Fanlied des Berliner Eishockeyclubs, sind auch Marco und sein Kumpel auf der Tanzfläche. Marco, ein 1,95 Meter großer Junge, 17 Jahre alt, der zur Hauptschule ging, die Abschlussprüfung nicht schaffte und nun eine Lehrstelle sucht. Seinen Tag verbringt er gern im "Free Time Inn", dem Jugendklub hinter dem Disko-Discountmarkt.

Die Inder sollten "ein bisschen aufpassen"

In Mügeln gilt der Klub als links. Mehr als 50 Jugendliche tanzen und grölen, es ist eng im Zelt, es wird gerempelt, Marco spürt, wie jemand an seinen Hintern greift, einer der Inder, sie kennen sich aus dem "Picobello", der Inder lacht und Marco weiß nicht, warum; vielleicht macht er sich lustig, vielleicht ist er betrunken, vielleicht lacht er nur so. Marco schubst ihn, dann schubsen die Inder, Marco schubst zurück. Irgendwann, so erzählt es Marco später, hatte er eine Faust im Gesicht, kein harter Schlag, doch Marcos Kumpel hat genug, er geht zur Kellnerin des "Picobello" und sagt: Die Inder sollten "ein bisschen aufpassen". Die Botschaft macht schnell die Runde im Zelt, und jeder versteht sie etwas anders. Marco erzählt, ein Mitarbeiter der Pizzeria habe ihn dann nach draußen gerufen. Am Seiteneingang habe eine Gruppe gewartet, die Inder. Sie hätten auf ihn eingeredet, durcheinander, er habe nicht verstanden, was sie von ihm wollten. Sie hätten ihn geschubst und geschlagen.

Bedroht hätten sie ihn, mit abgeschlagenen Bierflaschen. Er habe dann ein Pfefferspray aus der Hose gezogen und auf sie gesprüht. Er hatte es dabei, weil es hieß, dass an diesem Abend Nazis kommen, um den Jugendklub auseinanderzunehmen. Mittlerweile seien Männer zu ihm gerannt und hätten sich eingemischt. Die Prügelei mit den Indern begann. Die Inder erzählen, sie hätten zurück zur Pizzeria gewollt, nachdem man ihnen gesagt hatte, sie sollten aufpassen. Sie wollten Ärger vermeiden. Doch sie hätten es nur bis zum Ausgang geschafft. Deutsche seien dagestanden, einer habe ein Pfefferspray gehabt. Mit Füßen sei er getreten worden, sagt Kulvir. Die Prügelei mit den Deutschen begann. Der 17-jährige Lagerist Dominik Krüger erzählt, er sei vom Bierholen zurückgekommen und habe gesehen, dass sich am Zelteingang Deutsche und Inder prügeln. Etwas abseits habe ein Inder in einen Blumenkübel gegriffen, eine leere Bierflasche genommen und ihr den Boden abgeschlagen. Der Mann habe mit der Flasche um sich geschlagen. Die Inder sagen, die Deutschen haben angefangen. Die Deutschen sagen, die Inder haben angefangen. Die Polizei bestätigt nach der Befragung von mehr als 70 Zeugen, dass auch Inder unter den Aggressoren waren. Fest steht, dass es 0.46 Uhr ist, als in der Leitstelle der Polizeidirektion Westsachsen ein Notruf eingeht.

"Bambule, Randale, Rechtsradikale!"

Vor der Volksbank in Mügeln liegt ein schwer verletzter Mann, ein Deutscher. Ronni wollte nur zur Toilette gehen, als er getroffen wurde. Er sagt später, die Inder hätten eine zerbrochene Flasche nach der anderen in die Menge geworfen. Er bricht zusammen, er blutet am Hals, der Schnitt liegt nahe der Luftröhre. Jugendliche reißen sich ihre T-Shirts vom Körper und drücken sie auf die Wunde. Wenig später ist der Notarzt da, es heißt, es sehe nicht gut aus für den 23-jährigen Dachdecker aus Wermsdorf, er hat anderthalb Liter Blut verloren. Es ist der Moment, in dem der Abend seine Wendung nimmt, In dem aus einer Prügelei in der Provinz eine Jagd auf Menschen wird. In dem indische Textilhändler an Ort und Stelle gerichtet werden sollen. Weil sie plötzlich nicht mehr hineinpassen in eine Welt, in der sie geduldet wurden, solange sie T-Shirts und Socken auf dem Markt verkauften. Und über 50 deutsche Jugendliche ziehen los. Kuldeep sieht nichts mehr, seine Augen brennen, das Pfefferspray, er irrt durch die Gegend. Er hört Leute rufen:" Hau ab, die töten dich." Sein Handy klingelt, es sind seine indischen Freunde. "Wo bist du?"- "Ich weiß nicht, wo ich bin." - "Wir sind in der Pizzeria, komm zum Hintereingang." Kuldeep erkennt Schemen, er rennt, der Platz, die Straße, sie sind hinter ihm her, dort die Gasse, einmal um die Ecke, der Hintereingang, das Holztor, noch 60 Meter, die Pizzeria. Er trommelt gegen die Tür, keiner macht auf. Drinnen brüllt einer: "Lasst keinen rein!" Kuldeep brüllt, da erkennen sie ihn und öffnen die Tür.

Eine halbe Minute später klirrt ein Fenster. Kuldeep schließt sich im Männerklo ein. Der 40-jährige Inder, der in Döbeln Döner und Pizza verkauft, hat Todesangst. Im Flur der Pizzeria harren die anderen Inder aus, auch die Kellnerin und der deutsche Fahrer. Sie haben die Lichter ausgemacht und die Polizei angerufen. Sie versuchen Jagpal zu erreichen, er geht nicht ran. Sie können nicht wissen, dass er schwer verletzt auf der Straße lag und auf dem Weg ins Krankenhaus ist. Sie hören, wie draußen die Menschen näher kommen, doch sie können sie nicht sehen, der Flur hat keine Fenster. Sie hören Tritte gegen die Tür, einer der Jugendlichen reißt das Gitter eines Kellerschachts aus dem Boden und schleudert es gegen den Eingang. Die Menschen draußen sehen, dass die Polizei kommt. Sie weichen zurück und laufen zum Hintereingang. Zwei Polizisten gehen zu den Inder in den Laden. Friederike Friede und ihre Freundin Yvonne hören im Zelt, dass da draußen was los war. Sie wollten mal nachsehen, und nun drängen sie sich an eine Mauer. "Gestalten mit ernsten Gesichtern " ziehen an ihnen vorbei, sie tragen dunkle Pullover. Sie hört sie rufen: "Bambule, Randale, Rechtsradikale!", "Deutschland den Deutschen!", "Türken raus!" Aus der Ferne kann sie erkennen, wie die "Gestalten" das eineinhalb Mann hohe Holztor zum hinteren Eingang der Pizzeria eindrücken, mit solcher Kraft, dass der zentimeterdicke Eisenriegel verbogen wird.

"Ich wollte beweisen, dass wir ein ganz anderes Völkchen sind"

Das Tor bricht, die jungen Männer gehen den Weg zur Hintertür, ziehen vorbei an einem Schutthaufen, auf dem Pflastersteine liegen. Sie werfen die Steine gegen das Fenster des Lagerraums, gegen den weißen Kastenwagen Amarjeets, des Pizzeria-Besitzers, dann stehen sie am Hintereingang. Sie nehmen eine blaue Regenwassertonne und donnern sie gegen die Tür und das Badezimmerfenster, das Glas zerbricht. Drinnen sucht Kuldeep nach einem Gegenstand, mit dem er sich verteidigen kann. Er findet einen Besenstiel. Zwei Meter und eine Tür trennen zwei Polizisten, die Kellnerin, den Fahrer und die Inder von mehreren, die "Ausländer raus" brüllen. Kulvier schreit die Polizisten an "Schießt! Schießt wenigstens in die Luft!" Ein Polizist greift zur Taschenlampe und leuchtet durch das Badezimmerfenster nach draußen. Die Angreifer merken, die Polizei ist im Laden. Sie weichen zurück. Zwei weitere Polizisten vor dem Laden stehen 50 junge Männer gegenüber. Sie haben die Fäuste geballt, sie rufen: "Geht zur Seite, lasst uns das regeln!" Die ersten zehn Männer der Bereitschaftspolizei kommen um 1.03 Uhr. Sie waren in der Nähe, man hat am Wochenende in Leisnig Ausschreitungen von Neonazis befürchtet, zum Todestag von Rudolf Heß. In Leisnig aber war es ruhig geblieben.

Um 2.05 Uhr werden weitere Kräfte angefordert, die Männer tragen Helme und kugelsichere Westen, sie kommen mit Schäferhunden, 70 Mann. Sie kämpfen sich durch die Pizzeria , mit Knüppeln und Pfefferspray. Sie werden beworfen mit Flaschen und Bierbänken, von rechten wie von linken Jugendlichen, die Polizei ist nun der Feind. Um 2.50 Uhr meldet sich der Einsatzleiter, die Lage sei unter Kontrolle. Die Inder werden zur Wache in den Nachbarort gebracht. Am Morgen danach, es ist Sonntag, geht Bürgermeister Gotthard Deuse um zehn ins Rathaus. Er eröffnet die "Mügelner Augenblicke", eine Ausstellung mit schönen Fotos aus der Stadt. Die Stadtreinigung hat die Straßen sauber gekehrt. Um elf ist der Frühschoppen im Zelt, mit den Kemmlitzer & Jahnataler Blasmusikanten. Das Altstadtfest geht weiter. Am nächsten Tag ist der Marktplatz voller Kameras. Der Bürgermeister sitzt in seinem Büro, hinter ihm im Regal Meyers Konversationslexikon aus dem Jahr 1895. Gotthard Deuse sagt, das, was geschehen ist, tue ihm unheimlich leid. Er sagt, es war ein fremdenfeindlicher Überfall, aber kein rechtsextremer. Das ist ihm wichtig. Er sagt es ständig in den Interviews, manchmal stellt er sich dabei ungeschickt an. "Ausländer raus, das kann einem doch mal über die Lippen kommen" zitieren ihn die Zeitungen. Und wenn man ihn fragt, warum er das Stadtfest nicht abbrechen ließ, sagt Gotthard Deuse, "ich wollte beweisen, dass wir Mügelner ein ganz anderes Völkchen sind und wir auch unter diesen Umständen noch feiern können".

In Mügeln gebe es keine rechten Kameradschaften, sagt der Bürgermeister, und keine Neonazis. Dafür eine Sozialpädagogin, die sich gut auskennt, die über "Rechtsextremismus in Sachsen" geschrieben hat, es war das Thema ihrer Abschlussarbeit. Und dann gibt es noch die Geschichte von damals, als der Bürgermeister zwei Neonazis vom Parkfest verjagte, "ich habe ihnen eine gescheuert". Er erzählt sie gern, diese Geschichte. Im Ort erzählt man sich auch andere Geschichten, man hört zum Beispiel im Räuberkeller, der Gaststätte im Rathaus. Sie handeln von indischen Textilhändlern , die Frauen begrapschen und ihnen hinterherpfeifen. Die ständig telefonieren und hässliche Klingeltöne haben, "die sich irgendwie orientalisch anhören und viel zu laut sind". Und sie enden oft mit dem Satz, "ohne Ausländer würde es uns besser gehen". Zurzeit aber schimpfen Mügelner vor allem über die Medien, die ihren Ort "zum Nazi-Dorf machen wollen". Und über die Politiker da oben, die sie bislang im Stich gelassen haben, wie sie sagen, und sich nun zu Wort melden, die Bundeskanzlerin zum Beispiel.

Er geht schlecht weg, der Dreck

Während die politische Bewertung schon längst stattgefunden hat, sucht die Polizei noch immer Zeugen, doch das ist nicht einfach in einer Stadt, in der man sich kennt. Friederike Friede ruft bei der Lokalzeitung an und erzählt, was sie an dem Abend gesehen hat. Zum Beispiel, dass drei Inder einen Deutschen traktiert haben. Der Artikel erscheint, und einen Tag später bekommt sie einen Anruf. Es ist die NPD, man wolle sich für ihren Mut bedanken und werde sich erkenntlich zeigen. Friederike Friede rätselt bis heute, woher die rechtsextremen ihre Handynummer hatten.

An der Pizzeria von Amarjeet erinnert nur noch eine Holzverschalung an jene Nacht, Bretter, mit denen er die Tür notdürftig reparierte. Er hat seinen Laden gleich wieder aufgemacht, doch er merkt, es kommen weniger, es ist nicht mehr so wie früher. Der Bürgermeister kommt vorbei, mit einem Pfarrer und einem Bundestagsabgeordneten der CDU. Er überreicht einen Blumenstrauß und sagt: "Wenn was ist, kommen sie vorbei, das Rathaus ist ja gegenüber." Die Bürger stellen Kerzen vor dem Imbissladen auf, gelbe und weiße. Am Abend sind sie dann abgebrannt, der Asphalt ist voller Wachs. Die Kellnerin will den Gehweg sauber machen. Siw holt einen Spachtel, bückt sich und kratzt. Er geht schlecht weg, der Dreck.

Mitarbeit: Marlies Heinz, Werner Mathes, Peter Meuer/print
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