Angela Merkel hat sich den Ruf einer grünen Kanzlerin erworben, einer unerbittlichen Führungskraft im Kampf gegen den globalen Klimawandel. Sieht man genauer hin, gibt es für Merkel jedoch auch in Sachen Klimaschutz Tabus: Sobald es um die Interessen der Automobilindustrie geht, pfeift sie aufs Klima - und profiliert sich als Autokanzlerin. Von Hans Peter Schütz

Klimapolitiker im schmelzenden Eis: Bundeskanzlerin Angela Merkel (l.) und Umweltminister Sigmar Gabriel (r.) in Grönland© Michael Kappeler/DDP
Sigmar Gabriel darf tun, was er als Bundesumweltminister gerne tut: Ein bisschen gockeln. Denn Deutschland landete beim internationalen Vergleich in Sachen Klimaschutz auf Platz 2 von 56 Ländern. Das macht sich gut mit Blick nach Bali, wo gerade die Mammut-Klimakonferenz läuft. Dorthin, ins ferne Indonesien fliegt Gabriel heute im Auftrag der Klimaschutzkanzlerin Angela Merkel, die sich ebenfalls weltweit am liebsten als Umweltschützerin profiliert. Soll man also meckern, dass Gabriel auf seinem Flug hin und zurück nach Bali mehr CO2 in die Atmosphäre pustet als ein Mittelklassewagen in vier Jahren?
Den Bali-Rummel zu akzeptieren, dazu ist Fritz Kuhn, der grüne Fraktionsvorsitzende im Bundestag noch bereit. Was ihn ärgert: Dass Merkel und Gabriel den Klimaschutz im deutschen Verkehrsbereich ganz klein schreiben. Kuhn zu stern.de: "Bei Frau Merkel und Herrn Gabriel hört der Klimaschutz beim Auto schlagartig auf." Jürgen Resch von der Deutschen Umwelthilfe: "Beim Auto verarscht uns diese Regierung." Ihre liebste Übung sei der Kniefall vor der Autoindustrie.
Bei den häuslebauenden Bürgern war die Große Koalition weniger zimperlich. Mit ihrem soeben beschlossenen Klimapaket mit 16 Maßnahmen und Gesetzen will sie bis 2020 das wichtigste Treibhausgas Kohlendioxid (CO2) um bis zu 40 Prozent reduzieren. So wird zum Beispiel die Wärmedämmung bei Neubauten um 30 Prozent verschärft. Das Paket, so überschlägige Berechnungen, kostet die Bürger unterm Strich 370 Milliarden Euro bis 2020.
Entsprechende Konsequenz ist im Verkehrsbereich nicht zu sehen. Resch: "Gabriel und Merkel haben ein großes Herz für die Autoindustrie." Kuhn macht für die Grünen folgende Mängelliste auf:
Dabei ist mit weithin kosmetischen Veränderungen im Verkehrsbereich keine Klimaschutzpolitik zu machen. 17 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen entstehen im Straßenverkehr. Er ist ein Hauptfaktor der globalen Erwärmung. Die deutsche Politik bemäntelt ihre Zögerlichkeit gerne mit dem Hinweis, auch in Nepal kenne man ja kein Tempolimit auf der Autobahn. Das stimmt. Aber dort gibt es gar keine Autobahn.