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10. Dezember 2007, 15:25 Uhr

Wenn die Kanzlerin aufs Klima pfeift

Angela Merkel hat sich den Ruf einer grünen Kanzlerin erworben, einer unerbittlichen Führungskraft im Kampf gegen den globalen Klimawandel. Sieht man genauer hin, gibt es für Merkel jedoch auch in Sachen Klimaschutz Tabus: Sobald es um die Interessen der Automobilindustrie geht, pfeift sie aufs Klima - und profiliert sich als Autokanzlerin. Von Hans Peter Schütz

Klimapolitiker im schmelzenden Eis: Bundeskanzlerin Angela Merkel (l.) und Umweltminister Sigmar Gabriel (r.) in Grönland© Michael Kappeler/DDP

Sigmar Gabriel darf tun, was er als Bundesumweltminister gerne tut: Ein bisschen gockeln. Denn Deutschland landete beim internationalen Vergleich in Sachen Klimaschutz auf Platz 2 von 56 Ländern. Das macht sich gut mit Blick nach Bali, wo gerade die Mammut-Klimakonferenz läuft. Dorthin, ins ferne Indonesien fliegt Gabriel heute im Auftrag der Klimaschutzkanzlerin Angela Merkel, die sich ebenfalls weltweit am liebsten als Umweltschützerin profiliert. Soll man also meckern, dass Gabriel auf seinem Flug hin und zurück nach Bali mehr CO2 in die Atmosphäre pustet als ein Mittelklassewagen in vier Jahren?

Den Bali-Rummel zu akzeptieren, dazu ist Fritz Kuhn, der grüne Fraktionsvorsitzende im Bundestag noch bereit. Was ihn ärgert: Dass Merkel und Gabriel den Klimaschutz im deutschen Verkehrsbereich ganz klein schreiben. Kuhn zu stern.de: "Bei Frau Merkel und Herrn Gabriel hört der Klimaschutz beim Auto schlagartig auf." Jürgen Resch von der Deutschen Umwelthilfe: "Beim Auto verarscht uns diese Regierung." Ihre liebste Übung sei der Kniefall vor der Autoindustrie.

Bei den häuslebauenden Bürgern war die Große Koalition weniger zimperlich. Mit ihrem soeben beschlossenen Klimapaket mit 16 Maßnahmen und Gesetzen will sie bis 2020 das wichtigste Treibhausgas Kohlendioxid (CO2) um bis zu 40 Prozent reduzieren. So wird zum Beispiel die Wärmedämmung bei Neubauten um 30 Prozent verschärft. Das Paket, so überschlägige Berechnungen, kostet die Bürger unterm Strich 370 Milliarden Euro bis 2020.

Entsprechende Konsequenz ist im Verkehrsbereich nicht zu sehen. Resch: "Gabriel und Merkel haben ein großes Herz für die Autoindustrie." Kuhn macht für die Grünen folgende Mängelliste auf:

  • Das Thema Tempolimit 130 auf deutschen Autobahnen wird nicht angepackt. Die ansonsten oft überaus zögerliche Kanzlerin stand blitzschnell auf der Matte, als die SPD auf ihrem letzten Parteitag sich für Tempo 130 aussprach. "Das wird es mit uns nicht geben." Dabei belegen zahlreiche Umfragen, dass eine Mehrheit der Deutschen das Tempolimit befürwortet. Es wäre der schnellste Weg, um mehr Umweltschutz im Verkehr auf den Weg zu bringen. Tempo 130 würde den CO2-Ausstoß schlagartig um mindestens 2,5 Millionen Tonnen verringern.
  • Beim CO2-Ausstoß haben sich die europäischen Automobilhersteller bereits 1998 verpflichtet, die Schadstoffmenge bei Neufahrzeugen bis Ende 2008 auf 140 Gramm/km zu verringern. Diese Selbstverpflichtung war nichts wert, das Ziel wird bei weitem nicht erreicht werden. Die Bundesregierung bemüht sich unterdessen in Brüssel vor allem darum, innerhalb der EU die Grenzwerte für große Autos möglich hoch zu belassen und eine Begrenzung auf 130 Gramm CO2 zu verhindern. Die ursprünglich angestrebten 120 Gramm sind in der EU nicht mehr im Gespräch; im Januar soll über weitere Ausnahmen für die Hersteller von großen Autos entschieden werden, was vor allem die deutsche Automobillobby entzückt.
  • Die Politik des Aufweichens strenger Schadstoffwerte setzt sich auch bei der Reform der Kfz-Steuer fort. Der Gedanke, dass oberhalb eines Schadstoffausstoßes von 130 Gramm CO2 die KFZ-Steuer spürbar steigen soll, ist bei der Regierung längst vom Tisch. Für die Besitzer großer Autos mit hohem Ausstoß soll sich kaum etwas ändern. Eine progressive Besteuerung für Spritfresser wird es nicht geben. Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) hatte ein solches Modell vorgeschlagen. Danach hätte sich die KFZ-Steuer für einen Geländewagen vom Typ VW-Touareg W 12 von heute 405 Euro auf 2784 Euro verteuert. Für einen Tojota Prius wären nur noch 41 Euro fällig gewesen.
  • Auch bei der steuerlichen Behandlung von Dienstwagen bleibt die Bundesregierung untätig. Weiterhin können alle Fahrzeuge voll von der Steuer abgesetzt werden, auch wenn es sich bei dem Fahrzeug etwa um einen Maybach zum Listenpreis von 500.000 Euro handelt. Er kann über sechs Jahre verteilt komplett abgeschrieben werden, 49 Prozent vom Kaufpreis fließen auf diesem Wege zurück an die Firma. Seit 2005, so die Deutsche Umwelthilfe, ist kein einziger Maybach mehr privat in Deutschland zugelassen worden.
  • Bis heute ist die EU-Vorschrift nicht strafbewehrt, wonach die Verbraucher korrekt über den Benzinverbrauch eines Fahrzeugs beim Kauf informiert werden müssen. Dabei wird nachweislich in großem Umfang dagegen verstoßen, Abweichungen bis zu 50 Prozent sind schon festgestellt worden. Eine Geldbusse deswegen ist noch nie verhängt worden.

Dabei ist mit weithin kosmetischen Veränderungen im Verkehrsbereich keine Klimaschutzpolitik zu machen. 17 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen entstehen im Straßenverkehr. Er ist ein Hauptfaktor der globalen Erwärmung. Die deutsche Politik bemäntelt ihre Zögerlichkeit gerne mit dem Hinweis, auch in Nepal kenne man ja kein Tempolimit auf der Autobahn. Das stimmt. Aber dort gibt es gar keine Autobahn.

Von Hans Peter Schütz
 
 
KOMMENTARE (10 von 17)
 
tripex (11.12.2007, 04:45 Uhr)
Autofahren, Flugzeugreisen,
eigentlich alles was in irgendeiner Art fossile Brennstoffe verbrennt muss ein schlechtes Gefuehl hervorrufen wie das Rauchen. Vor 10 Jahren konnte sich das auch keiner vorstellen, dass Rauchen heutzutage eher abfaellig betrachtet wird.
Klimakanzlerin und Autokanzlerin ist ja wohl so ziemlich das gleiche wie nen wohlduftender Furz.
hevosenkuva (10.12.2007, 22:20 Uhr)
wir sollten eine Arche bauen...
aber Frau Merkel, exacty38 und Wolfgang Schäuble dürfen nicht mit drauf.
IndianerJoe (10.12.2007, 18:43 Uhr)
Labern kostet nichts
Wenn Friede Springer oder die Auto-Bosse mit dem Finger schnipsen, funktioniert Merkel. Woanderst Forderungen nach mehr Umweltschutz zu stellen kostet sie nichts, aber bringt ihr beim dummen deutschen Michel auch noch einen Sympathiebonus. Tja, wenn die böse Realität nicht wäre...
clavicula (10.12.2007, 18:29 Uhr)
Weg vom Individualverkehr
Wie wäre es z.B. in Berlin zunächst innerhalb des Berliner S-Bahnringes den CO2-ausstoßenden Individualverkehr zu verbieten. Im gleichen Zug wird der öffentliche Nahverkehr gefördert. Das wäre ein Zeichen. Stattdessen sehe ich Touaregs & Co. mit grüner Umweltplakette – hirnverbrannter geht es einfach nicht mehr.
scotty55 (10.12.2007, 17:49 Uhr)
Die übliche grüne Auto-Volksverdummung
Wer öffentlich erzählt, ein Tempolimit würde irgendetwas substantielles zur CO2-Reduktion beitragen, belügt das Volk. Tempo-120, nicht 130, führt zu einer Reduktion von allenfalls 0.3% des deutschen CO2, so das Umweltbundesamt. Tempo-130 hat überhaupt keinen messbaren Einfluss.
Genauso ist es Volksverdummung, beim CO2 permanent auf den PKWs herumzureiten und als Aufmacher für Presseartikel einen Auspuff zu zeigen. Alle PKW zusammen erzeugen 12% des deutschen CO2, und die Vermeidung einer Tonne CO2 kostet im PKW das Zehnfache gegenüber der im Kraftwerk. Besonders bezeichnend ist in diesem Zusammenang, das die gleichen Gruppen, die am lautesten nach dem Tempolimit schreien, den Diesel bekämpfen, obwohl der das wirksamte Mittel zur Verbrauchsreduktion ist.
Anstatt hysterische Auto-Diskussionen zu schüren, die sich im Zeitalter der Benzinpreise von 1.50EUR sowieso erübrigten, sollte erheblich öfter über Kraftwerke und den Atomausstieg diskutiert werden. Da kommt sowohl von den Grünen als auch von der DUH
etc. aber nur Unsinn oder "bei uns kommt der Strom aus der Steckdose" rüber.
panzertom (10.12.2007, 17:47 Uhr)
Rechnen schwach
Merkwürdig: Wenn einer die 2,8 Milliarden Tonnen Kohlendioxid erwähnt, die unsere Atomkraftwerke weltweit jährlich einsparen, so ist das ein lächerlicher Beitrag, der zu vernachlässigen ist, sagt unser Ober-Schaumschläger Sigmar Gabriel. Aber die 2,5 Millionen Tonnen, die Tempo 130 einsparen würde (ein tausendstel davon!), die zählen dann plötzlich. Rechnen schwach.
Panzertom
H.P. (10.12.2007, 17:46 Uhr)
Das Gegenteil ist die Realität.
Wenn es nicht so traurig und ernst wäre, könnte man nur noch Lachen über all des politische Geschwätz über den Klimawandel. Liebe Kanzlerin, ihre Nase wird immer länger, kommt bestimmt vom vielen CO 2
Wir müssten den Ausstoß an Treibhausgasen weltweit ab sofort um 60 bis 70 Prozent verringern, sagt Lonnie Thompson, Glaziologe der Ohio State University in den USA.
Die Treibhausgase ab sofort um 60 bis 70 Prozent zu verringern wird nicht möglich sein. Die US-Amerikaner sparen keine Energie, der Verbrauch in Indien und China wächst gigantisch. Viele Einsparerfolge durch moderne Technik werden durch Wachstum zunichte gemacht. Immer mehr Menschen fahren heute Auto und fliegen. Immer mehr Menschen verbrauchen mehr Energie und wollen satt werden. Der Ausstoß von Methangas durch Viehzucht und Reisanbau zu reduzieren, würde das Hungerproblem weiter verschlimmern. Schon jetzt haben mehr als zwei Milliarden Menschen weltweit nicht genügend zu essen.
Und würden wir weniger Auto fahren und fliegen, würden weniger Autos und Flugzeuge gebaut und Arbeitsplätze gingen verloren, dem Staat fehlte die Mineralölsteuer usw. Unter diesen Voraussetzungen wird es nicht möglich sein den Ausstoß an Treibhausgasen weltweit zu verringern. Das Gegenteil ist die Realität.
First_Lady (10.12.2007, 17:35 Uhr)
Kanzlerin Merkel
Eins ist sicher: Frau Merkel ist die beste Bundeskanzlerin, die Deutschland je hatte.
Malt (10.12.2007, 17:00 Uhr)
Angela, die Schönwetter...
...kanzlerin. Sobald Innerpolitische Probleme auftauchen, entschwidet sie mal eben kurz über den großen Teich, um mit ihrem Kumpel Georgi auf dessen Farm in Texas ein wenig zu grillen. Für ein Grillfest mal eben nach USA und wieder zurück? Sehr umweltbewußt! Dafür bezahlen wir (die Steuerzahler) natürlich zu jedem Flug noch zusätzlich den sogenannten CO2 Ausgleichszuschlag (Wie, im übrigen, für die ganzen anderen Flüge unserer Politiker auch). Da kann man dann ja guten Gewissens mal eben zum Nordpol oder nach Afrika, China etc. jetten. Denn den Zuschlag bezahlt ja der Bundesbürger, und deshalb kannn man ja vor eben diesem fliehen, wenn die Lage zuhause mal wieder prikär wird. Logisch: Mit dem Geld, dass man da bezahlt, amotisiert sich der CO2 Ausstoß des Flugzeugs ja plötzlich wie von Zauberhand. Oder doch nicht? Hmmmmm.
Sie hat halt, wie im übrigen die anderen Nasen auch, lediglich erkannt, dass ein "bisschen" grün sein heutzutage en vouge ist.
Selbstverständlich vertritt sie nahezu ausschließlich die Interessen der Lobbiisten aus der Automobil und Energieindustrie. Ist für sie persönlich sicher auch rentabler... über kurz oder lang... siehe Gas-Gerd.
fx60 (10.12.2007, 16:52 Uhr)
Frau Merkel und ihre weltweite Mission für den Klimaschutz...
Es ist belustigend, daß eine Kanzlerin für den Klimaschutz Unmengen von Kerosin verbrennt...
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