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22. April 2008, 11:12 Uhr

Geil auf Macht

Es war ein schwarzer Tag, als die SPD die Teilprivatisierung der Bahn absegnete. Die Entscheidung zeigt, um was es der Parteispitze wirklich geht: Nicht um die Bürger, sondern um Macht und darum, wer sich in der Kanzlerkandidatenfrage weiter nach vorne drängeln kann. Ein Kommentar von Arno Luik

Vor dem Willy-Brandt-Haus in Berlin protestiert eine Frau gegen die Privatisierung der Bahn - doch das Gemeinwohl der Bürger war der SPD eher zweitrangig© Wolfgang Kumm/DPA

Gestern war ein rabenschwarzer Tag für alle am Gemeinwohl interessierten Bürger.

Gestern war ein rabenschwarzer Tag für all jene Bürger, die auf die Bahn angewiesen sind.

Gestern war ein rabenschwarzer Tag aber auch für all jene, die hoffen, dass die soziale Marktwirtschaft noch sozial ist, und dass der Staat sich ernsthaft um seine Bürger kümmert, wenn es um Grundbedürfnisse geht.

Gestern hat also die SPD (konkret: der Parteirat der SPD) die Teilprivatisierung der Bahn abgenickt. Sie hat den von Parteichef Kurt Beck vorgestellten Plan, die Bahn in eine Holding aufzuteilen und 24,9 Prozent an Investoren zu veräußern, zugestimmt.

Becks Lösung, die nun von fast allen in der Partei als großer Befreiungsschlag bejubelt wird, ist ein alter Hut. Sie ist das Holdingmodell des Finanzministers Peer Steinbrück, also ein Modell, mit dem Privatisierungsfan Steinbrück, den Parteitagsbeschluss seiner SPD in Hamburg aushebeln wollte. Damals hatten die Genossen in erdrückender Mehrheit den Kompromiss "stimmrechtslose Volksaktie" durchgesetzt. SPD-Chef Beck hatte versprochen, "jedwedes andere Modell" müsse auf einem neuen Parteitag diskutiert werden.

Beck begeht Wortbruch und niemand begehrt auf

Davon ist heute keine Rede mehr. Beck begeht Wortbruch - doch niemand in dieser SPD muckt auf. Da wird die Basis, da wird die überwiegende Mehrheit der SPD-Mitglieder um ihren Willen betrogen, doch fast alle sind ruhig, oder schlimmer noch, sie fallen sich selbst ins Wort. Etwa Hermann Scheer, der Erfinder des "Volksaktienmodells". Plötzlich findet er gut, was er monatelang, ja jahrelang, heftig bekämpft hatte.

Mit netten Worten verkleistern nun alle, Kurt Beck, Hermann Scheer, Andrea Nahles, ihren Betrug am Parteivolk und betonen, dass der Verkauf von 24,9 Prozent der Vertrieb- und Logistiksparte verhindere, dass einzelne Investoren wirklich Einfluss auf die Bahn bekämen. Es weiß jeder, der sich ein bisschen mit Aktienrecht auskennt, dass diese Worte blanker Unsinn sind.

Es weiß jeder in Berlin, dass diese Reform der Einstieg in den weiteren Ausverkauf der Bahn ist. Dass dies der Anfang ist, wie ein Volksvermögen, das fünf Generationen gemeinsam erschaffen haben, nach und nach an Spekulanten verscherbelt werden wird. Mit den absehbaren Folgen, dass bald weniger Züge fahren, dass Zugfahren noch teuerer werden wird, dass der Bürger, obwohl er weniger von seiner Bahn haben wird, immer mehr dafür bezahlt.

Es ging nur um Macht

Was ist bloß mit dieser SPD los? Um das zu beantworten, muss man sagen: Gestern war auch ein rabenschwarzer Tag für all jene, die an innerparteiliche Demokratie glauben. Dass Politik tatsächlich etwas mit Inhalten und nicht bloß mit Machtspielchen zu tun hat.

Gestern ging es dieser SPD nicht mehr um die Bahn, es ging nicht um die 180.000 Bahnmitarbeiter, es ging nicht um die Millionen, die die Bahn täglich benützen, es ging schon gar nicht ums Gemeinwohl. Es ging um Macht. Es ging um die Frage, wer bei der nächsten Wahl als Kanzlerkandidat ran darf. Parteichef Beck? Außenminister Steinmeier? Sie alle spielten ihr Spielchen, eine kleine Clique, die Bahn war bloß ihre Verschiebemasse in diesem Poker.

Ein Kommentar von Arno Luik
 
 
KOMMENTARE (10 von 16)
 
heiner5362 (22.04.2008, 17:10 Uhr)
ich geh dann mal
zum auddoooohaus bestell mir einen teuren wagen zahle 24,9 %.
unterhalt wartung und reparaturen werden gestellt wie die übrigen leidigen kosten.
ich will ja nur fahren.
und weil es so günstig war, erhöhe ich mein portfolio nach einer schamfrist, aber nur an der gewinnbringenden(mittlerweile taxi) karosse.den rest besorgt mein händler meines vertrauens GRATIS.
eine vorhandene personenbeförderung kaufen, jaaa das macht sinn.
nur billigst muss es sein.
die infrastruktur und daran hängende horrende kosten, nö das muss ich nicht haben. das macht dann hein blöd vom steuerzahlerverbund der nervt schon lange.
was ist hier los ??? na beck wieviel haste kassiert du und deine 20-% partei.
ein schlag in die fresse eines jeden aufrechten sozialdemokraten.
prophezeihung für 2009 ob solcher mafiösen machenschaften :
Linke mindestens 35% spd in fdp-niveau.
das kann einfach nicht wahr sein.
jeder arbeiter auf dem bau hat mehr grips in der birne als ihr vollgeschlotzten volksverweser.
aber dank an den stern sich nicht vor die agit-propmaschine spannen zu lassen.
die ratten verlassen das sinkende schiff und erkaufen sich ihre rettung schon jetzt mit geschenken.
DAS IST DEMOKRATIE
seppmaier (22.04.2008, 16:22 Uhr)
keine bange
der stafantrag wegen hochverrats gegen unsere politikschwatzdrohnen ist bereita am 9.4.08 bie der bundesstaatnanwaltschaft eingegangen.
dass nicht ein bltt, nicht ein tv-sender es in seinen "nachrichten" erwähnte, zeigt nur, wie kontrolliert die medien wirklich sind.
wären die bürger bereit für echte demokratie, dann häten wir sie. nein, sie jammern lieben nur rum anstatt selbst verantwortung zu übernehmen.
bahnverkauf? gegen 67% des volkeswillens? demokratie? ein witz!
Amin42 (22.04.2008, 16:19 Uhr)
Lobbyismus in allen Ebenen....
Wen wunderts denn? Die Bundesregierung ist zum verländerten Arm von Lobbyisten verkommen, in dem sich Abgeordnete von Konzernen nette Gelder und Pöstchen versprechen lassen. Korrupt ist schon gar kein Ausdruck mehr für diese Pest, die glaubt uns regieren zu können. Egal ob Kranke, Alte, Arme, Kinder. der Bürger ist nur noch randgruppe, den es auszupressen gilt. Wenn die Rendite Konzernen nicht passt, werden Preise erhöht, wer nicht konsumiert wird per Gesetz dazu gezwungen ( siehe Umweltzonen in Städten ). Dazu wird der Bürger per digitaler Technik ausgespäht, überwacht und abgezockt. Und zwar von Firmen und auch und vor allem von einem Staat, der die Mehrheit seiner Bürger im festen Würgegriff hat. Tröstlich nur, dass es woanders auch nicht besser ist....
MRP66 (22.04.2008, 15:55 Uhr)
War doch eigentlich klar!
wer hat die Bahn verraten = Sozialdemokraten!
Irgendwann werden die sich wundern, wenn die SPD von der Linkspartei auf der rechten Spur überholt wird. Dann wird es wieder ein Gejammer werden, warum denn nur, wir hatten doch alles für das Volk getan, usw. Das Volk, liebe SPD (und auch liebe CDU), lässt sich nicht mehr so einfach auf den Arm nehmen.
tibopa (22.04.2008, 15:40 Uhr)
Noch ein Grund...
die SPD nicht mehr zu Wählen.
Rayssias (22.04.2008, 15:39 Uhr)
Volksver"TRETER"
Zunächst möchte auch Ich dem Stern Magazin ein Kompliment aussprechen bezüglich des schonungslosen Journalismus (bsp. Lidl), den andere vormals niveauvolle Leitmedien immer mehr vermissen lassen (bsp. Spiegel, Fokus, Zeit).
Diesem Artikel hier kann Ich nur voll zustimmen. Es ist empörend, wie gegen die Mehrheit der Bevölkerungsmeinung agiert wird. In diesem Sinne sind unsere Volksvertreter Volks"TRETER". Der Glaube an die heilige Hure des Kapitalismus zeigt im Falle der Bankenkrise doch sehr deutlich wohin das führen kann. Und weiters lässt sich bei der Rentendebatte beobachten, wie man nun Alt gegen Jung aufhetzt (=Volksverhetzung). Ich bin gespannt, wie viele Jahre es noch dauern wird, bis die deutsche Bundesbevölkerung ihr Widerstandsrecht nach Artikel 20 (4) Grundgesetz wahrnimmt.
Ich hoffe - als ehemaliger SPD-Anhänger -, dass der Bundes-SPD das gleiche Schicksal wie der Sachsen-SPD widerfährt: ein Wahlergebnis unter 10%. Eine A-SPD (=Asoziale Partei Deutschlands) hat niemand nötig. Leider sind aber die anderen Parteien gleichsam mülleimertauglich. Die Wohlvergrüner machen sich an Hungerkrisen mitschuldig, die Gelben predigen die Steuerruderversenkung, die CDU konserviert ihre Leichenstarre, die Linke predigt Rückschritt und die NPD ist Gottseidank tabu. Man sollte die Insel der Berlinale-Politiker in die Antarktis verfrachten. Eine Schande ist das.
equityshark (22.04.2008, 15:28 Uhr)
die Finanzwirtschaft freut sich
ein zutreffender Kommentar! Es gibt nur noch wenige Journalisten, die sich trauen, objektiv die Dinge beim Namen zu nennen. Neben den politischen Ränkespielern gibt es weitere Profiteure, die von der Machtbesessenheit der Politiker leben: die Finanzwirtschaft. Wer sich für diese Zusammenhänge interessiert, dem empfehle ich die Lektüre des Buches "Geld arbeitet nicht" von Hauke Fürstenwerth. Darin wird sauber analysiert, wer wie von dem Privatisierungswahn unserer Politiker profitiert. Sehr lesenswerte Lektüre!
arniston (22.04.2008, 15:02 Uhr)
brutal
aber der wähler wird es den politikern zeigen. westerwelle und co, die hier frisch gebügelt dem volk
mit tausenden von euro in der tasche diese voll labern.
was ist eigentlich hass ?
Joe67 (22.04.2008, 15:02 Uhr)
Klimaschutz?
Klimaschutz? Eine Bahn die mehr Züge fahren lassen will, wäre ein guter Weg zum Klimaschutz. Eine auf Rendite ausgerichtete Schrumpfbahn ist dies nicht.
Statt 10% Ethanol im Benzin lieber 10% des Autoverkehrs auf die Bahn verlagern! Das schützt die Umwelt, nimmt den Armen nicht die Lebensmittel weg und ist sozial verträglich.
Die Rede von dringend benötigtem Geld für neue Züge ist vorgeschoben - die Bahn hat in den letzten Jahren mächtig investiert - in LKW und Schiffe - nur nicht in den Bahnverkehr. Beschlossene Investitionen werden immer wieder geschoben und gestreckt. Das Streckennetz wird immer langsamer (z.B. auf der "Ausbaustrecke" Saarbrücken-Mannheim ist der ICE nach dem "Ausbau" genauso schnell wie der IR vor dem "Ausbau". In Frankreich dagegen ist der ICE/TGV nun doppelt so schnell wie früher der EC unterwegs.
crestflight (22.04.2008, 14:40 Uhr)
Quittung kommt 2009 Herr Beck!
Ich weiß nicht wer im kommenden Jahr Kanzler wird, Beck jedenfalls nicht.
Herr Lafontain lassen Sie schon mal die Dankschreiben für Ihren besten Wahlkämpfer, Herrn Beck drucken! Denn wer solche Gegner hat, kann nur Gewinnen! Ach ja, meine Stimme ist Ihnen nach dieser neuen Volksverarsche sicher!
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