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15. April 2008, 10:37 Uhr

Was die Bahn-Privatisierung bedeutet

Bahn-Reform

Die Deutsche Bahn wird privatisiert - allerdings nur zu einem Teil. Dennoch dürften Bahnkunden den Einstieg von Investoren zu spüren bekommen. Lesen Sie hier, worauf sich Bahnfahrer einstellen müssen. Von Björn Maatz und Ulf Brychcy

Besorgte Bürger protestieren gegen die Bahnprivatisierung vor dem Bahn-Tower in Berlin© Miguel Villagran/AP

Begeisterungsstürme hat der jüngste SPD-Beschluss zur Bahnreform bei der Bundesregierung nicht gerade entfacht. "Ein Modell, bei dem es zu einer Beteiligung von privatem Kapital kommt, ist in jedem Fall einträglicher als ein Modell, bei dem es zu gar keiner Beteiligung kommt", sagte ein Sprecher des Finanzministeriums in Berlin. Der Eindruck sei, dass das SPD-Modell eines sei, "das am Markt Interesse auslösen könnte - mehr als andere Modelle, die bisher diskutiert wurden".

Private Investoren sollen nach den Plänen der SPD an der geplanten Holding für Fahrbetrieb und Logistik höchstens 24,9 Prozent erwerben dürfen. Damit bleiben 75,1 Prozent des Personennah- und -fernverkehrs sowie der Gütersparte in staatlicher Hand. Das Schienennetz und die Bahnhöfe verbleiben wie geplant zu 100 Prozent in Bundesbesitz.

Experten kritisieren die Minireform als verlogen und unausgegoren. Zudem erwarten sie keinen Innovationsschub. Lesen Sie hier, wie die Positionen außerhalb der Politik sind: die drängendsten Fragen der Bahnkunden.

Wie bewerten Experten die Teilprivatisierung?

"Das ist eine drittklassige Form der Privatisierung - der Verkaufserlös wird enttäuschend ausfallen", sagt Michael Holzhey, Bahnexperte der Berliner Beratungsfirma KCW. Die Strategieberatung beschäftigt sich intensiv mit Privatisierungen von Verkehrsunternehmen und hat kürzlich mit einer Studie zur Auswirkung auf den Fernverkehr für Wirbel gesorgt. Holzhey zufolge wäre es ehrlicher, wenn der Bund als Eigentümer vorab der Öffentlichkeit klarmachte, dass er die Staatsmehrheit auf Dauer nicht halten könne.

Karl-Peter Naumann, Vorsitzender des Fahrgastverbandes Pro Bahn, hält die Teilprivatisierung für Murks: "Einen großen Innovationsschub wird es nicht geben." Die Bahn brauche den Einfluss von Investoren, die an einer effizienten Unternehmensführung interessiert seien. Der Luxuswagenhersteller Porsche habe dies mit seinem Einstieg bei Volkswagen vorgemacht.

Wer kommt als Investor in Frage?

Die DB ist Europas größte Eisenbahn und ein weltweit tätiger Logistikkonzern. Interessant könnte der Einstieg für institutionelle Investoren sein, die ein risikoarmes Papier suchen und den Infrastruktursektor attraktiv finden. Ein Beispiel für einen solchen Investor ist die australische Bank Macquarie, die weltweit an Infrastrukturprojekten beteiligt ist. Wer an der Bahn Anteile erwirbt, will KCW-Experte Holzhey zufolge mitreden und steuern: "Es gibt nicht den guten Investor, der sein Geld als 'reicher Onkel aus Übersee' anlegt, einmal im Jahr Dividende fordert und ansonsten schweigt." Bei der Deutschen Telekom allerdings hält der Finanzinvestor Blackstone seit Jahren einen Anteil von 4,4 Prozent, hat sich aber bislang zumindest öffentlich mit Kritik an der Unternehmensführung zurückgehalten.

Vor allem die profitable Logistiksparte ist für Investoren interessant, Regional- und Fernverkehr werden eher als notwendiges Übel betrachtet. "Die Deutsche Bahn ist nicht so gewinnträchtig, wie es formal den Anschein hat - der Fernverkehr krebst um die Nulllinie herum, und der Nahverkehr wird weitgehend von Steuergeldern getragen, die ohne Wettbewerb vergeben wurden", sagt Holzhey.

Werden Fahrkarten deutlich teurer?

Die Tickets werden auch unabhängig von einem Börsengang mehr kosten, da Lohnkosten und Energiepreise stetig steigen. Der KCW-Studie zufolge muss die Bahn die Preise jährlich um fünf bis sieben Prozent anheben, um überhaupt das heutige Ergebnis halten zu können.

Den KCW-Gutachtern zufolge werden die Preise auf nachfragestarken Rennstrecken wie Köln-Frankfurt und Hamburg-Berlin anziehen. Zudem müsse die Bahn die "betriebswirtschaftlich fragwürdige Bahn Card" überdenken.

Werden unrentable Strecken stillgelegt?

Beim Regionalverkehr entscheiden allein die Bundesländer, ob Strecken stillgelegt werden. Der Mechanismus: Die Bundesländer bestellen bei der Bahn und anderen Bahnbetreibern zumeist durch Ausschreibungen Strecken. Die Länder erhalten dafür jedes Jahr knapp 7 Mrd. Euro vom Bund. Erst wenn sich bei einer Ausschreibung kein Bahnunternehmen findet, das die Strecke befahren will, droht die Stilllegung.

Im Fernverkehr wird die DB künftig stärker als bisher auf Profitabilität achten. Es könnte also zu weniger IC- und ICE-Verbindungen (je nach Auslastung) kommen oder zu einem Austausch von Fern- in Regionalzüge. Der KCW-Studie zufolge werden schon heute viele IC-Verbindungen nicht wirtschaftlich betrieben. Die Auslastung des Fernverkehrs liegt seit Jahren nur bei rund 40 Prozent. Soll der Gewinn wie geplant von 110 Mio. auf 570 Mio. Euro innerhalb von fünf Jahren steigen, müssten "einschneidende Maßnahmen" ergriffen werden. Eine der wenigen Möglichkeiten ist die Stilllegung von Strecken: Die schleichende Angebotsausdünnung sei bereits seit Jahren bei jedem Fahrplanwechsel beobachtbar. Den KCW-Gutachtern zufolge werden in den kommenden Jahren 15 Städte "hochwahrscheinlich" vom Fernverkehr abgehängt. Dazu zählen Potsdam, Ludwigshafen, Trier, Cottbus und Konstanz.

Wie geht es weiter?

Bahnexperte Holzhey zufolge wird die Privatisierung scheibchenweise vollzogen: "Bei der nächsten Konjunkturdelle im Bundeshaushalt bekommen die Investoren 49,9 Prozent und dann mittelfristig die Mehrheit eingeräumt." Sperrminoritäten böten am Ende keinen Schutz. "Das ist die alte naive Staatsdenke von Leuten, die die Mechanismen des Kapitalmarktes nicht kennen", sagt Holzhey.

Jüngstes Beispiel ist TUI: Bei dem Touristik- und Schifffahrtskonzern hatte der norwegische Investor John Fredriksen mit seinem fünfprozentigen Anteil vehement eine Abspaltung der Schifffahrtssparte Hapag-Lloyd gefordert, die nun auch geprüft wird. Pro-Bahn-Chef Naumann wünscht sich dagegen, dass der Bund langfristig die "Generalaufsicht" hat.

KOMMENTARE (5 von 5)
 
powderC (16.04.2008, 12:40 Uhr)
Bahnreform?
Bei den sagenhaften Konditionen kommt nur ein Investor infrage: Die bundeseigene Kreditanstalt für Wiederaufbau. Denn für private Investoren (Fonds) sind die Risiken zu hoch und die Chancen zu gering. Man denke nur an die letzten Privatisierungen von Telekom und Post.
cologne237 (15.04.2008, 13:15 Uhr)
Bereits jetzt zu teuer
Dei DB ist bereits jetzt zu teuer.
Im Artikel steht, die Bahn müsste die betriebswitschaftliche bedenkliche Bahncard überprüfen.
Ohne BC kostet eine Fahrt Hamburg -Berlin und zurück 130.- €
Wir haben einen geschäftlichen Termin mit 3 Personen.
Ein Leihwagen ( Mittelklasse ) kostet 100.- € inkluse Versicherung zzgl. Sprit ( ca. 120.- € ) Mit der Bahn fallen ggf. noch Kosten für Taxi oder Nahverkehr an. Ich bin nicht flexibel usw. ...
Grundsätzlich bin ich für Verbesserungen bei der Bahn. Aber die Privatisierung wird ein Milliardengrab für den Steuerzahler. Hier sollte es so bleiben, wie es ist, womit nicht der Service, Komfort und die Pünktlichkeit
gemeint ist.


terrax (15.04.2008, 12:56 Uhr)
Die Bahn-Privatisierung bedeutet:
-Steigende Preise
-Schließung der IC-Strecken außerhalb der Metropolen..
-Sinkender Komfort
-Mehr Automatisierung
-Schlechte Wartung der Streckennetze
Wenn man große Strecken mit der Regionalbahn fahren soll, dann kann man auch genausogut mit dem Auto fahren!!!
susiwolf (15.04.2008, 12:36 Uhr)
erst NACH dem Knall.....
....kommt der Fall. VORSICHT: Diese Privatisierung birgt ein nicht unerhebliches Risiko in sich.
Die einhergehende Kostenminimierung, die jede Privatisierung mit sich bringt, geht in mittelfristiger Zukunft zu Lasten der Sicherheit. Vorgelebt haben uns das die Engländer.
Robbespierre (15.04.2008, 10:40 Uhr)
110 Millionen sind genug
Was ich nicht verstehe: Die Bahn macht 110 Millionen Euro Gewinn und soll auf über 500 Millionen gepuscht werden. Und warum? Wenn das nur durch Streckenstillegungen, Verkauf an Investoren, Ausdünnen der Verbindungen und Fahrpreiserhöhungen geht ist der Schaden für das Volk größer, als wenn der Gewinn bei 110 Millionen stehen bliebe. Man könnte glatt die eiskalte Wut bekommen, wenn man sich diese permanenten politischen Fehlentscheidungen reinziehen muß. Oder eine Initiative gründen: "110 Millionen sind genug":-)
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