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Verschärfte Sorge um Heilquellen

Stuttgart ist sehr stolz auf seine Heilquellen. Aber die Bauarbeiten für S21 gefährden sie. Der Geologe Martin Schaffer hat das auch schriftlich beklagt - und nie eine Antwort bekommen. Ein Interview.

Herr Schaffer, Sie haben am 26. Februar 2011 in einem Brief davor gewarnt, dass der Bau von Stuttgart 21 die staatlich anerkannten Stuttgarter Heilquellen gefährdet. Wer hat Ihnen geantwortet?
Niemand.

Ihr Brief ist auch an Kanzlerin Angela Merkel, Ministerpräsident Stefan Mappus und Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster adressiert. Und keiner hat reagiert?
Keiner. Bislang jedenfalls.

Ihre These ist, dass der geplante Eisenbahntunnel bei Stuttgart-Wangen - der mit zum S21-Projekt gehört - die Heilquellen beschädigen könnte. Warum?
Der Tunnel führt in bergmännischer Bauweise auf einer Länge von 1850 Meter unter dem Neckar durch. Durch dieses Gestein strömt, von Süden her, das Mineralwasser zu den Heilquellen. Er führt das mit sich, was diese Quellen auszeichnet: Mineralien, Salze, Kohlensäure und Wärme.

Was könnte passieren?
Durch das Bauvorhaben wird das Gestein rund um den Tunnel gelockert. Welchen Weg das Mineralwasser, das unter hohem Druck steht, dann nimmt, ist unklar. Es könnte sich einfach in den Neckar ergießen.

Das würde bedeuten, dass die drei Mineralbäder, auf die Stuttgart so stolz ist, und die öffentlichen Trinkwasserbrunnen dicht gemacht werden müssten?
Im schlimmsten Fall hätten die Heilquellen nur noch den südwestlichen Zustrom, der vom Nesenbach kommt. Dann würde ein Teil der Quellen versiegen. Die anderen würden Wasser in einer ganz anderen chemischen Zusammensetzung führen - mit drastisch reduziertem Salz- und Mineralgehalt.

Ließe sich dieser Zustand wieder ändern?
Nein. Das wäre irreparabel.

Und dieses Problem lässt sich beim Tunnelbau nicht berücksichtigen?
Beim Tunnelbau ist es vor der Hacke duster. Heißt: Man kann zwar eine Röhre planmäßig fertig stellen. Aber was bei der Bohrung mit dem Gestein und den Wasserströmen drum herum passiert, lässt sich nicht exakt vorausberechnen. Das ist der alles entscheidende Punkt.

Der Stuttgarter Oberbürgermeister Wolfgang Schuster hat gesagt, die Heilquellen seien zu 100 Prozent sicher. Sie würden durch den Tunnelbau nicht gefährdet.
Ich wundere mich sehr über diese Aussage. Nach den mir vorliegenden Erkenntnissen kann ich mit 100 Prozent Sicherheit sagen, dass diese 100 Prozent Sicherheit, von der er ausgeht, nicht gegeben sind.

Es gibt Gutachten von Wissenschaftlern, die Schusters Position stützen. Wieso misstrauen sie diesen Gutachten?
Ich will weder den hinzugezogenen Wissenschaftlern noch den Fachingenieuren unterstellen, dass sie ihr Handwerk nicht verstehen. Ich möchte auch nicht von Schönrednerei sprechen. Aber bei so großen Projekten wie bei Stuttgart 21 ist oft die Frage, wer die Verantwortung übernimmt, nicht klar beantwortet. Wenn was schief geht, heißt es: Das haben wir nicht vorhergesehen.

Würde auch der Tiefbahnhof in Stuttgart die Heilquellen schädigen?
Beim Tiefbahnhof gehen die Planer davon aus, dass sie auf einen Wasserstrom treffen könnten. Dann müssten sie diese offene Stelle wieder schließen - und dafür sorgen, dass das Wasser so weiter fließt wie bisher, also zu den Heilquellen. Eine solche Maßnahme würde allerdings sehr viel Geld verschlingen. Und beim Tunnelbau wäre ein solcher Wasserausbruch gar nicht in den Griff zu bekommen.

Soll das heißen, es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder Stuttgart 21 oder der Fortbestand der Heilwasserquellen?
Nein. Auf den Tunnel ließe sich ganz verzichten, die Strecke könnte auch oberirdisch geführt werden. Und bei allen anderen Planungen käme es darauf an, sich alle Risiken für die Heilquellen noch mal genau anzuschauen. Selbst wenn das Milliarden mehr kostet.

Sie sind ein Gegner von S21?
Überhaupt nicht. Ich halte das Bahnprojekt für im Prinzip richtig.

Aber die Planung nicht.
Wer die Quellen erhalten will, muss die Planung noch mal überarbeiten. Keine Frage.

Hans Peter Schütz, Mitarbeit: Lutz Kinkel
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