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24. Juli 2008, 06:48 Uhr

Und die Taube, die hat Krallen

Berlin-Besucher Barack Obama ist ein Liebling der Deutschen, weil sie sich von einem US-Präsidenten Obama einen Stimmungsumschwung im Verhältnis zu den USA erhoffen. Unter diesem würde sich tatsächlich einiges ändern - aber keineswegs immer nach den Vorstellungen der Deutschen. Von Sebastian Christ

US-Präsidentschaftskandidat Barack Obama bei seinem Besuch in der jordanischen Hauptstadt Amman© REUTERS/Ali Jarekji

Am 20. Januar 2009 wird ein amerikanischer Politiker vor dem Kapitol in Washington seine Hand auf eine Bibel legen. Er wird Luft holen und seinen Amtseid sprechen: "Ich schwöre, dass ich das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten getreulich ausführen und die Verfassung der Vereinigten Staaten nach besten Kräften wahren, schützen und verteidigen werde." Wenn es nach dem Willen der meisten Deutschen geht, ist danach nichts mehr so, wie es einmal war. Denn sie wünschen sich, dass es Barack Obama sein wird, der Demokrat, der an jenem Tag den Eid schwört. Die Hoffnung: Mit ihm möge sich das Verhältnis zu den USA verbessern. Grundsätzlich.

Obama selbst hat erkannt, welche Hoffnungen weltweit in ihn gesetzt werden. Und er gibt sich als Versöhner. Nach Jahren der außenpolitischen Eiszeit zwischen Amerika und fast dem ganzen Rest der Welt will er einen Neuanfang in der Diplomatie wagen. In vielen Punkten liegt er dabei in Sachen Politikstil auf einer Wellenlänge mit den EU-Staaten. "Der Vereinigten Staaten sind die Hände gebunden durch die Weigerung von Bush und Cheney, mit nicht befreundeten Staaten zu reden", heißt es in seinem Wahlprogramm. "Nicht zu reden lässt uns keineswegs stark aussehen, sondern arrogant. Es nimmt uns Möglichkeiten und macht es schwerer für Amerika, internationale Unterstützung für unsere Führungsrolle zu erlangen." Obama möchte das Gefängnis in Guantanamo Bay schließen und den Krieg im Irak beenden. Außerdem plant er, eine Diplomatieoffensive zu starten, um den Nahen Osten zu stabilisieren.

Mehr Verantwortung

Kritiker werfen ihm vor, dass er sich bisher nur vage zum transatlantischen Verhältnis geäußert habe. Seine Rede in Berlin soll offenbar genau diese Lücke schließen.

Dass es ihm dabei aber neben der Entkrampfung im Verhältnis zu Europa auch um eine gemeinsame Verantwortung für den Anti-Terror-Kampf geht, ist seit langem bekannt. Der US-Politiker will, dass die Verbündeten der USA sich stärker an Auslandseinsätzen beteiligen: "Obama wird bei Nato-Mitgliedern darum werben, dass sie mehr Soldaten in gemeinsame Sicherheitsoperation mit einbringen und mehr in den Aufbau- und Stabilisierungsprozess investieren. Er wird die Entscheidungsprozesse flacher gestalten und den Nato-Kommandeuren vor Ort mehr Flexibilität zugestehen", so der entsprechende Passus in seinem Wahlprogramm.

SPD und CDU sind nicht begeistert

Obama fordert mehr Solidarität im Anti-Terror-Kampf. Da wirkt es fast schon überraschend, dass die sonst so Obama-begeisterte SPD abweisend und kühl reagiert. "Man hilft seinen Partnern nicht, indem man sie überfordert", sagt der verteidigungspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Rainer Arnold, stern.de. "Die Amerikaner müssen in Afghanistan die Hauptverantwortung tragen." Arnold verweist auf die 1000 zusätzlichen Soldaten, die Deutschland im Herbst in den Mittleren Osten schicken wird. "Wir sind damit drittstärkstes Entsenderland", so der SPD-Politiker. "Wir müssen in Deutschland aufpassen, dass wir uns nicht immer zuerst angesprochen fühlen." Gleichzeitig hofft Arnold jedoch auch, dass Obama einen neuen außenpolitischen Stil pflegen wird. "Es ist positiv zu bewerten, dass er internationaler denkt", so Arnold. "Wir sind überzeugt, dass Obama wieder mehr auf Verhandlungen setzt."

Auch die CDU hält sich bedeckt, was eine mögliche Obama-bedingte Aufstockung des Afghanistan-Kontingents angeht. "Wir dürfen nicht vergessen, dass die Bundeswehr bereits mit einer großen Zahl von Soldaten in ihren Auslandseinsätzen engagiert ist, besonders in Afghanistan", sagt Bernd Siebert, verteidigungspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion. "Wir werden weiterhin deutliches Engagement zeigen, aber das muss nicht zwangsläufig militärisch sein. In diesem Bereich leistet die Bundeswehr bereits jetzt Erhebliches. Man sollte Aussagen im amerikanischen Präsidentenwahlkampf auch nicht überbewerten."

Außenpolitisches Dilemma

Erst kürzlich hatte Obama vorgeschlagen, 10.000 amerikanische Soldaten aus dem Irak nach Afghanistan zu verlegen. Sein Signal: Auch die USA verstärken ihr Engagement. Obamas "Politik der vielen Schultern" bekommt damit immer plastischere Züge.

So droht die Frage der Nato-Auslandseinsätze zum Realitätstest für die deutsche Politik zu werden. Wenn Obama neue diplomatische Perspektiven mit bisher verfeindeten Staaten eröffnete und auch selbst bereit wäre, als amerikanischer Präsident einen höheren Einsatz zu erbringen, dann könnte man ihm schlecht aus Prinzip die Gefolgschaft verweigern, so wie einst George W. Bush. Ein moralisches Dilemma wäre die Folge, denn als politischer Totalverweigerer will schließlich niemand gelten. Gut möglich, dass Deutschland sehr bald wieder über den Einsatz in Afghanistan diskutieren muss.

Insgesamt jedoch steht die deutsche Politik Obama offen gegenüber. Die meisten Abgeordneten begrüßten, dass er seine Europa-Rede in Berlin halten will. Merkel sträubte sich zwar gegen seinen Plan, am Brandenburger Tor aufzutreten, empfängt ihn jetzt aber trotzdem in ihrem Amtssitz - Fototermin inklusive. Wahrscheinlich ist, dass es sich kaum ein deutscher Politiker derzeit leisten kann, offen gegen Obama zu opponieren. 61 Prozent der Deutschen wünschen sich ihn nach einer aktuellen stern-Umfrage zum Präsidenten.

Widerspruch aus der Bundesrepublik handelte sich Obama zuletzt bei einem innenpolitischen Thema ein. Als der Demokrat aus Illinois vor einigen Wochen die Einführung der Todesstrafe für Kinderschänder forderte, gab es einige Kritik. Die ehemalige Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) appellierte an den demokratischen Präsidentschaftskandidaten: "Herr Obama, die Todesstrafe gehört weltweit abgeschafft!" Grünen-Chefin Claudia Roth widersprach dem Amerikaner energisch, und der CSU-Vorsitzende Erwin Huber sagte: "Kinderschändung ist mit das abscheulichste Verbrechen. Aber das Verbot der Todesstrafe muss absolute Gültigkeit haben." Das Getöse war schon bald verklungen.

Der kleinste gemeinsame Nenner zwischen den Deutschen und Obama bleibt die Gegnerschaft zur Außenpolitik der Ära Bush. Und der sorgt momentan für die größtmögliche Euphorie. Ein Stimmungswechsel im Verhältnis zur USA, das wär's. Was auch immer danach kommen mag.

Obama-Extra

Obama-Extra Obamas Weltreise in einer nur einer Woche - lesen Sie alles über seine Tournee von Afghanistan bis London im stern.de-Extra "Obamas Auslandstour"
Im aktuellen stern: Barack Obama - Erlöser oder Verführer?

Von Sebastian Christ
 
 
KOMMENTARE (10 von 15)
 
ecomoc4u (24.07.2008, 14:00 Uhr)
obama ist fast heilig
das hat er alles bush jun. zu verdanken. kein schwein würde ihn anschauen, hätte sein vorgänger nicht die welt in brand gesteckt. da ist es leicht aus einem normalo, einen heiligen zu machen.
.
tagesordnung des vatikans. wenn mal wieder zu viel dummes zeug erzählt wird, einfach ein paar normalos als heilige ummünzen.
h-p-t (24.07.2008, 10:29 Uhr)
@amin
deine aussage: "Mal hören, was er zu sagen hat. Jo, der Steuerzahler zahlt für das Brimborium drumherum, aber es wurden Steuergelder schon sinnloser ausgegeben."
da hast du vollkommen recht, nämlich für g.w. bush / heiligendamm....
ich seh es mal so, schlimmer kann das verhältnis der vs zum rest gar nicht mehr werden und deshalb soll er ruhig kommen ( er ist ja schon da....) und reden. nicht zu vergessen es sind alles wahlkampf versprechen und umsetzen steht auf einem andren blatt.
mir persönlich wäre er lieber wie der andere herr :)
aber da wir in good old germany genug zu tun haben interessiert es mich auch nur am rande.
Ricky2008 (24.07.2008, 10:22 Uhr)
Nur kritik, wann sie wir nur einmal nicht frustriert
Danke Amin42, du hast es so gut gesagt.
Uns ist lieber Bush und später McCain. Er macht Krieg und Frau Merkel fliegt nach den USA und jubelt mit ihm. Obama will mit ihnen sprechen und kooperieren aber wir wollen nur arrogante Amis. Schade, nur wir sehen an ihm keine Chance für diese Welt. Wenn sie so frustriert sind, bleiben sie einfach zu Hause und schalten sie den Fernseher aus. Was für Gast Freundschaft!!! Brandenburger Tor, Steuergelder, Lärm... Wir freuen uns nicht wenn Frau Merkel in den VS in einer Schulkantine empfangen wird. Die Franzosen und Engländer wollen noch mehr bieten als unsere Symbole.
Amin42 (24.07.2008, 09:54 Uhr)
Etwas weniger Ignoranz...
wäre schon ein Meilenstein für amerikanische Aussenpolitik, und da traue ich einem möglichen Präsidenten Obama mehr zu als seinem Mitbewerber. Zum einen weil er ja kulturübergreifend aufgewachsen ist und zum anderen weil sein Kontrahent McCain gestern öffentlich über die Iranisch-Pakistanische Grenze philosphiert hat. Nur, dass es diese Grenze nicht gibt.
Das er zuerst amerikanische Interessen vertritt kann man ihm wohl nicht verübeln, schliesslich werfen wir unseren Kanzlern oft genug vor, die der Deutschen nicht zu vertreten, was ja auch oft zutrifft. Ob er der " bessere" Präsident wird, ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass keine andere Administration so viel Unheil und Hass und Misstrauen westlichen Werten gegenüber geschaffen hat wie die des Präs. G.W.Bush. Ich komme viel rum, meine Familie lebt über den Globus verteilt, im NahenOsten genauso wie in Eurpoa und den VS. Gerade im Nahen osten kann man als Westeuropäer kaum noch erhobenen Hauptes Werte wie Freiheit oder Demokratie auch nur in den Mund nehmen, ohne dass dort sofort auf Bush gezeigt wird und man mich fragt, wo dieser Mann denn bitteschön Freiheit und Demokratie hinbrachte. Nein, schlechter als Bush kann Obama nicht sein, und was seinen Auftrtitt in Berlin angeht: . Mal hören, was er zu sagen hat. Jo, der Steuerzahler zahlt für das Brimborium drumherum, aber es wurden Steuergelder schon sinnloser ausgegeben.
jac87 (24.07.2008, 09:53 Uhr)
Obama ist immer noch Anwärter der US-Präsidentschaft
Obama soll ja auch nicht für die deutsche Kanzlerschaft kanidieren, sondern für die amerikanische Präsidentschaft. Warum also sollte sein Wahlprogram 100% mit den Deutschen Wünschen übereinstimmen?
Ich bin froh, dass er immerhin einige Ansichten mit der Unseren teilt, dass sind weit mehr als bei Bush oder McCain.
Obama hat Visionen, aber er ist noch lange kein Heilsbringer. Das muss er aber auch gar nicht sein.
Meine Stimme hat er auf jeden Fall sicher. Und es wär gut wenn nicht immer alle so rumnörgeln würden über Dinge die noch gar nicht geschehen, geschweige denn beschlossen sind.
H.P. (24.07.2008, 09:35 Uhr)
ich höre mir keine Rede mehr an
Geredet wird in der Politik viel, umgesetzt wenig.
Gerne kann er reden, nur was bringt es der Menschheit?
Ich habe kein Vertrauen mehr in die heutige Politik. Erst ein neues Bewusstsein in der Erkenntnis unser selbst und der Welt würde uns heute weiterhelfen nur da wird bewusst verdrängt und verschwiegen. So werden wir weiterhin belogen und betrogen, ich höre mir keine Rede mehr an, tut mir Leid.
Asteriskina (24.07.2008, 09:31 Uhr)
@mupfeline
Erst einmal abwarten, ob sie überhaupt jubeln oder nicht doch etwa einfach nur interessiert zuhören, was ja völlig okay ist.
Ich könnte mir auch vorstellen, dass eventueller Jubel - so er denn doch kommt - eher ein Ventil für Frust im eigenen Land ist. Da gibt es ja für viele nicht allzuviel zu jubeln, so dass man einfach mal an anderer Stelle jubelt.
mupfeline (24.07.2008, 09:23 Uhr)
Der Mann wäre nicht da - wo er jetzt ist -
wenn er nicht und zuallererst die USA vertreten würde. Und das ist ja auch insoweit okay. Aber die Wirtschaft ist es (und hier die Waffenlobby) die ihm das Geld geben. Er musste sich mit diesen Leuten arrangieren. Und er vertritt die Werte der USA - Irak-Krieg, Todesstrafe, Guantanamo usw. - was also erwarten wir? Er wird immer und zuallererst und überall die Interessen der USA vertreten. Deshalb sind diese Jubelchöre nun weiss Gott nicht angebracht. Aber natürlich kann er sprechen wenn er möchte auch in Berlin. Das kann auch der Gegenkandidat. Warum nicht? Aber es gäbe für mich keinen Grund diesen Herren zuzujubeln, das mache ich ja ncht mal bei Fraum Merkel oder wie unsere Nasen alle heißen.
Asteriskina (24.07.2008, 09:19 Uhr)
qatlantex Übertragung
im Zweifel immer phönix!
atlantex (24.07.2008, 09:17 Uhr)
wird
die Rede auf irgend einem deutschen TV- oder Radiosender übertragen?
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